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Kapitel 2

Autor: Vesper Shaw
Am Samstag fuhren wir zum Anwesen meiner Eltern, um an dem Familientreffen teilzunehmen.

In dem Moment, als wir das Esszimmer betraten, ging meine Mutter sofort auf Hazel zu.

„Da ist sie ja! Mein kluges Mädchen.“ Sie nahm Hazels Gesicht in beide Hände und küsste sie auf beide Wangen, während mein Vater danebenstand und vor Stolz strahlte.

Ich stand im Türrahmen, Alessios Hand auf meinem unteren Rücken, und wartete darauf, dass jemand bemerkte, dass ich angekommen war, aber meine Eltern schenkten mir keinerlei Beachtung. Alessio räusperte sich.

„Alessio, Ivy“, begrüßte uns mein Vater endlich, sein Tonfall lässig. „Ihr seid da.“

Als das Abendessen serviert wurde, nahmen alle am Tisch Platz. Auf dem Tisch reihten sich Hazels Lieblingsgerichte: Trüffelrisotto, gebratene Jakobsmuscheln, eine feine Spargeltarte und ein Schokoladensoufflé.

Ich ließ meinen Blick über die Speisen schweifen, suchte nach einem einzigen Gericht, das ich mochte, und fand nichts.

Meine Mutter eröffnete das Gespräch, noch bevor die Vorspeisen abgeräumt waren. „Wir konnten es kaum erwarten, es euch zu erzählen – Hazels Schmuckkollektion hat den Galleria-Preis gewonnen. Könnt ihr es glauben? Wir sind so stolz auf sie.“

Hazel senkte den Kopf mit geübter Bescheidenheit. „Mama, jetzt machst du mich ganz verlegen.“

„Unsinn. Das ist ein monumentaler Erfolg.“ Mein Vater hob sein Glas in Hazels Richtung, seine Augen glänzten vor etwas, das ich mein ganzes Leben lang vergeblich zu verdienen versucht hatte. „Auf unsere Tochter, die preisgekrönte Designerin.“

Meine Mutter wandte sich nun mir zu. „Und was ist mit dir, Ivy? Tüftelst du immer noch in deinem kleinen Atelier herum?“

„Es ist kein kleines Atelier“, sagte ich leise. „Es ist mein Geschäft.“

„Ein Geschäft, das in zwei Jahren keinen Gewinn gemacht hat.“ Sie winkte abwehrend ab. „Hazel hat echte Kunden. Echte Auszeichnungen. Vielleicht solltest du deine Schwester um Rat fragen.“

Bevor ich antworten konnte, setzte Alessio seine Gabel mit einem leisen, bewussten Klirren ab. „Ivys Arbeit besitzt eine Eigenständigkeit, für die der Markt noch nicht bereit ist. Ihre Entwürfe haben eine klare Handschrift. Diese Art von Talent bleibt nicht für immer unbemerkt.“

Mein Vater schnaubte skeptisch und zog sein Handy hervor. „Apropos Handschrift – hast du Hazels Siegerstück gesehen? Lass es mich dir zeigen.“ Er wischte durch seine Fotos und hielt Alessio das Display hin. „Sieh dir das an. Genial, oder?“

Ich warf einen Blick darauf, und mein Herz setzte einen Schlag aus.

Auf dem Bildschirm war ein Paar Ringe zu sehen. Ich hatte den Entwurf vor drei Monaten gezeichnet, in der Hoffnung, Alessio den Ring zu schenken.

Meine Finger wurden taub. Der Entwurf hatte mein Atelier nie verlassen, und ich hatte ihn nie jemandem gezeigt.

„Es ist exquisit“, sagte Alessio, und seine Worte trafen mich wie ein Schlag. „Herzlichen Glückwunsch, Hazel.“

„Danke, Alessio.“ Hazels Stimme klang zuckersüß.

Ich öffnete den Mund und wollte gerade sagen: „Das ist mein Entwurf. Wie bist du daran gekommen?“

Im nächsten Moment erhob sich Hazel von ihrem Stuhl, ein Glas Sprudelwasser in der Hand. Sie tippte mit einem Löffel sanft gegen das Kristallglas, und alle wandten sich ihr zu.

„Ich habe eine Neuigkeit“, verkündete sie mit geröteten Wangen. „Eine wunderbare Neuigkeit.“

Meine Mutter faltete die Hände. „Oh, erzähl, Liebling.“

Hazels Augen fanden meine. Ein langsamer, bewusster Blickkontakt. Dann verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln, und sie sagte: „Ich bin schwanger.“

Im Raum brach Jubel aus. Meine Mutter rang nach Luft, sprang von ihrem Stuhl auf und schloss Hazel zitternd in die Arme. Mein Vater lachte.

„Wer ist der Vater?“, fragte meine Mutter drängend. „Kennen wir ihn?“

Hazel legte eine schützende Hand auf ihren Bauch. „Die Identität des Vaters ist ... kompliziert. Ich werde dieses Kind allein großziehen.“

Als sie diese Worte sagte, ließ sie mich keine Sekunde aus den Augen.

Der Gesichtsausdruck meiner Mutter veränderte sich nur für einen Moment, dann fasste sie sich wieder. „Na gut, wenn du das so möchtest, werden wir dich voll und ganz unterstützen. Dieses Baby wird so geliebt werden.“

Ich hörte den Rest nicht mehr. Ein Rauschen hatte in meinen Ohren eingesetzt, das jeden Glückwunsch und jeden Ausruf übertönte. Meine Finger lockerten sich. Das Weinglas entglitt mir.

Es traf den Rand meines Tellers und zerschellte. Scherben verstreuten sich über das weiße Tischtuch. Alle Gesichter drehten sich zu mir.

„Ivy!“, sagte meine Mutter scharf und gereizt. „Kannst du nicht vorsichtiger sein? Du ruinierst die ganze Stimmung.“

Ich griff nach unten und sammelte die Scherben in meiner Handfläche.

Ein scharfer Stich riss mich aus meiner Benommenheit. Ich sah nach unten und erblickte einen dünnen roten Strich, der sich auf meinem Zeigefinger bildete. Das Blut trat in kleinen Perlen hervor und tropfte auf die weißen Scherben.

„Ivy, hör auf.“ Alessio war sofort an meiner Seite, seine Hände schlossen sich um meine Handgelenke. „Lass los. Das soll das Dienstmädchen machen. Du blutest.“

Er zog ein Einstecktuch aus seiner Brusttasche und drückte es fest gegen meine Handfläche. „Du hebst niemals zerbrochenes Glas auf. Niemals. Verstehst du mich?“

Kurz darauf erschien ein Dienstmädchen mit Kehrschaufel und feuchtem Tuch. Die Scherben waren verschwunden.

„Entschuldigt mich“, sagte ich mit kaum hörbarer Stimme. „Ich muss auf die Toilette.“

Im Gästebad war es still. Ich hielt meine unverletzte Hand unter kaltes Wasser.

Als ich hinausging, wartete Hazel auf mich.

Sie lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und wirkte vollkommen entspannt, als hätte sie bereits gewonnen.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte ich, meine Stimme klang flach. „Du musst überglücklich sein.“

„Das bin ich.“ Sie neigte den Kopf und musterte mich mit demselben Blick, den sie schon als Kind gehabt hatte, wenn sie mir meine Lieblingspuppe gestohlen hatte. „Du siehst blass aus, Ivy. Geht es dir nicht gut?“

„Die Ringe.“ Die Worte rutschten mir heraus, bevor ich sie zurückhalten konnte. „Das war mein Entwurf. Wie bist du daran gekommen?“

Hazel lächelte. „Ich weiß nicht, wovon du redest. Das war mein eigener Entwurf. Eine ganz besondere Person in meinem Leben hat mir die Inspiration gegeben. Jede Linie dieses Entwurfs stammt von ihm.“

Der Boden schien unter mir zu schwanken. Sie wollte mir damit sagen, dass Alessio ihr meinen Entwurf gegeben hatte – den Entwurf, in den ich meine ganze Seele gesteckt hatte –, und dass sie ihn unter ihrem eigenen Namen zu ihrem Erfolg gemacht hatte.

Mir brach das Herz.

Hazel hatte die Zuneigung unserer Eltern schon gewonnen, bevor ich überhaupt sprechen konnte. Jeder Freund, den ich in der Highschool mit nach Hause gebracht hatte, hatte innerhalb eines Monats bei ihr angerufen.

Und jetzt hatte sie auch den Entwurf an sich gerissen, den ich nie jemandem gezeigt hatte, und mir den Mann genommen, den ich geheiratet hatte. Sie hatte mir alles genommen.

„Du hast schon immer alles haben wollen, was ich hatte“, flüsterte ich. „Hast du jemals genug?“

Hazel löste sich von der Wand und ging an mir vorbei. „Nein. Niemals.“

Dann ging sie. Ich stand im Flur, während meine verletzte Hand unter Alessios Einstecktuch pochte, und spürte, wie der letzte Funke Hoffnung in mir erlosch.

Ich kehrte nicht an den Tisch zurück. Ich ging zur Eingangstür und trat hinaus in die kühle Nachtluft. Wenige Minuten später kam Alessio nach.

„Ich habe ihnen gesagt, dass du dich nicht wohlfühlst“, sagte er und führte mich zum Auto. „Fahren wir nach Hause.“

Wir fuhren eine lange Strecke schweigend. Ich presste meine Stirn gegen das kalte Glas und versuchte zu atmen.

Alessios Stimme durchbrach die Stille. „Ivy. Ich weiß, wie schwer das für dich war. Deine Eltern waren wieder einmal so, wie sie immer sind, und dann noch Hazels Ankündigung. Es tut mir leid, dass du das alles über dich ergehen lassen musstest.“

Ich betrachtete sein Profil und die markante Linie seines Kiefers. Er klang so aufrichtig – aber er hatte mich betrogen.

„Mir geht es gut“, log ich. „Es ist nur viel auf einmal.“

Er schwieg einen Moment. Dann griff er hinüber und verschränkte seine Finger mit meinen. „Ich habe eine Idee. Lass uns abhauen. Nur wir beide.“

„Wohin denn?“, fragte ich stirnrunzelnd.

„Ich habe eine kleine Insel, die mir mein Großvater hinterlassen hat. Dort steht ein Haus direkt am Ufer, und der Sonnenaufgang dort ist das Schönste, was ich je gesehen habe.“ Er drückte meine Hand. „Wir können die Sonne aufgehen sehen und für eine Weile alle anderen vergessen. Was hältst du davon?“

Ich wollte ablehnen, aber ein törichter, sturer Teil von mir wollte noch einen letzten Sonnenaufgang mit ihm erleben.

„Gut“, sagte ich. „Lass uns den Sonnenaufgang erleben.“

Nur noch einen Sonnenaufgang. Dann würde ich für immer aus seiner Welt verschwinden.

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