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Kapitel 6: Das Echo der Vergangenheit

last update Last Updated: 2026-02-10 14:55:31

Aus Shirleys Sicht

Ich hätte nie gedacht, dass sich unsere Wege noch einmal so kreuzen würden.

William und ich… wir waren mehr als nur Konkurrenten. Es war ein unerbittlicher Krieg, den wir an der Universität geführt hatten. Ein Kampf um den ersten Platz, in allem. Ich erinnere mich an die endlosen Nächte über den Büchern, an die knisternde Spannung in der Luft, wenn die Ergebnisse verkündet wurden. Jedes Mal lief es auf uns beide hinaus. Entweder er oder ich. Niemand sonst zählte.

Damals war das ganze Leben ein Wettkampf. Die Abschlussprüfungen, die Programmierwettbewerbe, die Debatten im Seminar – bei allem ging es darum, der Bessere zu sein. Und William war immer da. Eine ständige Herausforderung, mit diesem überheblichen Lächeln im Gesicht, das zu sagen schien: Ich gewinne sowieso, egal was du versuchst.

Ich kann seine Stimme noch immer hören, damals, bei diesem Programmier-Marathon. „Du bist gut, Shirley“, hatte er gesagt, und in seinen Augen blitzte dieses wettkampflustige Feuer. „Aber ich bin besser.“ Und das Spiel war eröffnet.

Mitten in der finalen Aufgabe zitterten meine Hände, die Uhr tickte erbarmungslos. William hingegen war die Ruhe selbst. Seine Finger flogen über die Tastatur, als wäre er dafür geboren. Ich erinnere mich, wie ich für den Bruchteil einer Sekunde zu ihm hinüberblickte – sein Gesicht im bläulichen Schein des Monitors – und dachte: Diesmal schlägst du ihn. Du musst.

Aber ich tat es nicht.

Er gewann an diesem Tag. Obwohl ich Nächte durchgearbeitet hatte, war es nicht genug. William war als Erster fertig. Sein selbstgefälliges Grinsen wurde breiter, als der Moderator seinen Namen aufrief. „Der erste Platz geht an William.“

Ich war Zweite. Aber in diesem Moment fühlte sich der zweite Platz nicht wie ein Erfolg an. Er fühlte sich an wie eine Niederlage. Wie eine andere Welt, meilenweit vom Sieg entfernt.

Jahre sind vergangen. Und jetzt stehe ich hier. Ab und zu höre ich von William. Wie sein Tech-Imperium wächst, wie er zu einem der einflussreichsten Männer der Branche geworden ist. Er ist ein Erfolg. Brillant. Er hat alles im Griff.

Und ich? Ich bin hier gelandet. In diesem Leben.

Verheiratet. Mutter. Hausfrau.

Hätte mir das vor Jahren jemand prophezeit, ich hätte ihm ins Gesicht gelacht.

Heute, als ich ihn ansehe – ruhig, selbstbewusst, mit demselben scharfen Blick, der mich früher herausgefordert hat –, spüre ich die Kluft zwischen uns wie einen physischen Schmerz.

Er hat alles erreicht. Und ich? Ich habe so viel verloren.

Ich erinnere mich, wie wir früher waren. Wie wir uns über Kleinigkeiten stritten, nur um uns gegenseitig zu übertrumpfen. Wir waren beide unaufhaltsam. Voller Träume, Ambitionen, voller Feuer.

Und jetzt?

Jetzt stehe ich hier, in den Trümmern eines Lebens, das ich kaum wiedererkenne. Ich habe Steven geheiratet, im Glauben, das Leben meiner Träume aufzubauen. Familie, Sicherheit, Glück. Ein einziger Verrat hat genügt, um alles zu erschüttern. Und nun bin ich eine Frau, gefangen in ihrem eigenen goldenen Käfig, die verzweifelt versucht, die Scherben zusammenzuhalten.

Und dann ist da William, der so tut, als wäre nichts geschehen. Als wären wir immer noch dieselben. Hat er in all den Jahren auch nur einen einzigen Gedanken an mich verschwendet? Oder bin ich für ihn, wie für alle anderen auch, einfach aus seinem Leben verschwunden?

Hat er mich wirklich vergessen?

Das Schlimmste aber, der Stachel, der am tiefsten sitzt, ist die Erkenntnis, wie viel Zeit ich verschwendet habe. All die Jahre in dieser Ehe, in der ich versucht habe, mich davon zu überzeugen, dass es genug ist. Ich habe mein Leben um Steven herum gebaut, um dieses Haus, um die Illusion einer perfekten Familie. Und jetzt fühlt sich alles so bedeutungslos an.

Wenn ich nur weitergekämpft hätte, für meine eigenen Träume, für die Frau, die ich einmal war... Wäre dann alles anders gekommen?

Ich sehe wieder zu William, und zum ersten Mal seit Jahren spüre ich wieder dieses Feuer – das Feuer, das einst in mir brannte. Das mich antrieb, die Beste sein zu wollen. Und plötzlich bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es richtig war, all das aufzugeben.

Das Gefühl, zu viel aus der Hand gegeben zu haben, ist überwältigend.

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