ANMELDENRaphaël schafft es mittlerweile, die Treppe ohne fremde Hilfe hinabzusteigen.Er hält die Hand leicht am Geländer, mehr um Élodie zu beruhigen als aus tatsächlicher Notwendigkeit. Sie wartet bereits unten auf ihn, in einem nachtblauen Kleid, das ihre Schultern frei lässt.Sein Blick bleibt an ihr hängen.— Geneviève wird glauben, du hast dich extra für ihr Abendessen so in Schale geworfen.— Das ist es ja, was sie hofft.Raphaël nimmt die letzte Stufe.Sein Sakko kaschiert die Narben und die leichte Steifheit, die ihm bei zu abrupten Drehungen noch immer in den Gliedern sitzt. Nur die dunklen Schatten um seine Augen verraten manchmal, wie nah sie dem Verlust waren.Élodie rückt ihm die Krawatte zurecht.— Wenn du Schmerzen hast, fahren wir sofort zurück.— Mir geht es gut.— Dasselbe hast du auch gesagt, als du eine Kugel im Bauch hattest.— Da war ich nun mal beschäftigt.Sie wirft ihm einen kurzen Blick zu, bevor sie den Kragen seines Hemdes glättet.— Versuche einfach, dich während
Als Raphaël die Intensivstation endlich verlassen darf, fällt es ihm noch immer schwer, länger als ein paar Minuten aufrecht zu sitzen.Zwei Pfleger schieben sein Bett in ein ruhiges Einzelzimmer. Élodie folgt ihnen mit seiner Tasche und legt seine Uhr und sein Telefon eigenhändig in die Schublade des Nachttischs.Raphaël beobachtet sie schweigend aus den Kissen.Sie erscheint jeden Morgen vor der Visite des Arztes und bleibt, bis er am Abend erschöpft einschläft. Mittlerweile kennt sie die genauen Uhrzeiten seiner Medikamentengabe, weiß genau, in welchem Winkel das Kopfteil stehen muss, damit er besser atmet, und zählt im Kopf die Schritte mit, die er im Flur zurücklegen kann, bevor ihn die Schmerzen zum Anhalten zwingen.Bei seinem ersten echten Gehversuch lehnt er die Hilfe des Pflegers strikt ab.Doch nach dem vierten Schritt weicht jede Farbe aus seinem Gesicht.Élodie ist im selben Bruchteil an seiner Seite. Er stützt sich mit seinem gesamten Gewicht auf ihre Schulter, den Atem
Der Tag bricht hinter den Fenstern des Wartesaals an.Élodie hat ihren Stuhl nicht einmal verlassen. Jedes Mal, wenn sich im Stationsflur eine Tür öffnet, hebt sie den Kopf – selbst dann, wenn es nur ein Pfleger oder ein Medikamentenwagen ist.Geneviève schläft auf der gegenüberliegenden Bank unruhig in Etappen. Kurz nach sieben Uhr kehrt Marc mit frischer Kleidung, Kaffee und mehreren geschäftlichen Anrufen zurück, die er gedämpft im Korridor erledigt.Élodie zieht sich in der Toilette um. Die weite Hose kaschiert den Verband an ihrem Knöchel, doch die dunklen Male an ihren Handgelenken bleiben sichtbar. Sie trinkt ein paar Schlucke Kaffee, bevor sie ihre Eltern anruft.Catherine meldet sich fast augenblicklich.— Élodie?Schon das bloße Hören ihrer Stimme lässt sämtliche Dämme brechen. Ihre Mutter versucht im ersten Moment, normal zu sprechen, doch die Worte ersticken in einem erstickten Schluchzen.Élodie schließt die Augen.— Mama, mir geht es gut. Ich bin im Krankenhaus, aber nic
Die Krankenschwester kehrt wenige Minuten später mit einem Rollstuhl zurück.— Ein Arzt muss Sie untersuchen.Élodie blickt starr zu den geschlossenen Türen des Operationssaals.— Hier.— Das Behandlungszimmer befindet sich am Ende des Flurs. Sie werden sofort benachrichtigt, sobald der Chirurg herauskommt.Ihr verletzter Knöchel würde sie ohnehin nicht weit tragen. Sie setzt sich und lässt sich in einen kleinen, angrenzenden Raum bringen.Unter dem grellen Neonlicht wirken die Spuren der Nacht noch deutlicher. Ihre Handgelenke weisen tiefe Schnittwunden von den Fesseln auf, ihre Schulter hat sich nach dem Unfall leicht geschwollen, und am Knöchel ist die Haut wieder aufgerissen. Nichts davon erfordert einen längeren Krankenhausaufenthalt.Eine Pflegehelferin bringt ihr frische Kleidung und begleitet sie zum Waschbecken.Das Wasser verfärbt sich sofort rosa, als Élodie die Hände darunter hält.Sie reibt ihre Handflächen, ihre Handgelenke, dann fängt sie von vorn an. Das Blut ist unter
Er stürzt sich auf Keller, noch bevor dieser ihn umgehen kann.Die zweite Kugel schlägt in die Autotür ein. Raphaël packt seinen Arm und drückt ihn gegen die Dachkante. Keller versetzt ihm einen Schlag in den Magen. Der Schmerz entlockt Raphaël ein heiseres Keuchen und sein Bein gibt nach, aber er lässt den bewaffneten Handgelenk nicht los.Keller schlägt erneut zu.Raphaëls Blut läuft an seiner Hose herunter und tropft auf den Asphalt. Dennoch nutzt er das Gewicht seines Gegners, um ihn herumzudrehen, schleudert ihn gegen die offene Tür und reißt ihn zu Boden.Keller versucht, die Waffe zu sich heranzuziehen.Raphaël blockiert seinen Ellbogen und drückt seine Hand auf die Fahrbahn. Die Finger leisten Widerstand. Er wiederholt es, heftiger.Endlich fällt die Waffe.Élodie kommt aus ihrem Versteck, schnappt sich die Waffe und schiebt sie unter das Fahrzeug, außer Reichweite.Keller nutzt die Bewegung, um sich umzudrehen. Seine Faust trifft Raphaëls Kiefer. Dieser steckt es ein, legt se
Das dritte Werftgelände taucht am Ende einer Straße auf, die von verriegelten Lagerhallen gesäumt wird.Das Eingangstor steht noch sperrangelweit offen. Drinneren werfen die Scheinwerfer eines Transporters grelles Licht auf die Fassade des Hauptgebäudes, während mehrere Männer hastig Holzkisten einladen.Raphaël erspäht Élodie in dem Moment, als man sie durch eine seitliche Tür ins Freie zerrt.Ihre Handgelenke sind gefesselt. Ihre Kleidung trägt die deutlichen Spuren der verlorenen Nacht in dem feuchten Schuppen, und sie kann sich nur mühsam auf den Beinen halten, flankiert von zwei stämmigen Bewachern. Keller folgt ihr dicht auf den Fersen, eine Waffe in der Hand.— Das ist sie.Der Fahrer tritt das Gaspedal durch.Die Entführer bemerken sie fast im selben Augenblick. Einer von ihnen lässt eine Kiste fallen, springt in eine Limousine, die nahe dem Tor bereitsteht, und rast direkt auf die Einfahrt zu. Er feuert durch das heruntergerissene Seitenfenster.Die erste Kugel schlägt krache
Der Wecker hatte noch nicht geklingelt, als die Dunkelheit des Zimmers bereits bleischwer auf Élodie lastete. Sie lag reglos da, den Blick an die unsichtbare Decke geheftet, während jeder Muskel in ihrem Rücken gegen die Erschöpfung rebellierte. Die Nacht war intensiv gewesen – eine seelenlose Umkl
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Élodie.“Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, ein zerbrechliches Zittern, das sofort von der eisigen Stille des Wohnzimmers verschluckt wurde. Vor ihr flackerte die einsame Kerze auf einem winzigen Cupcake und warf unruhige Schatten auf den weißen Marm
Zweiundsiebzig Stunden. Drei Tage absolute Leere.Seit dem frühen Nachmittag hatte Raphaël sich nicht mehr gesetzt. In der kathedralenartigen Stille seines Büros verriet nur das leise Rascheln seines Hemdes aus ägyptischer Baumwolle seine Bewegungen. Er fixierte die Lichter von La Défense, reglos,
Die Stille im Chefbüro der Dubois-Gruppe war mittlerweile beklemmend. Raphaël stand vor der gewaltigen Fensterfront und beobachtete, wie die Hauptadern von Paris in der Dämmerung zu leuchten begannen. Er rückte seine Manschettenknöpfe aus Onyx zurecht – eine mechanische Geste, die eine innere Anspa







