LOGINKAPITEL 3
Alberts Perspektive
„Fünfhundert Millionen“, wiederholte die ruhige Stimme und durchbrach die bedrückende Stille im Auktionssaal.
Der ganze Saal reagierte, noch bevor ich die Worte überhaupt verarbeiten konnte. Ein Raunen ging wie ein Lauffeuer durch die Reihen. Stühle schabten laut über den polierten Holzboden. Die Leute stellten sich auf die Zehenspitzen und beugten sich über die Brüstungen, nur um den Mann zu sehen, der gerade das Vermögen eines ganzen Königreichs in die Luft geworfen hatte.
„Hat er gerade fünfhundert Millionen gesagt?“, keuchte eine Adlige in meiner Nähe.
„Ist das … Lord Knight?“, flüsterte ein Kaufmann mit zitternder Stimme. „Warum ist er hier? Er nimmt doch nie an den Nebengeboten teil.“
Ich erkannte ihn sofort, nicht weil ich ihn schon einmal getroffen hatte, sondern allein an seiner Ausstrahlung. Kendall Knight trat aus dem hinteren Teil der VIP-Lounge hervor und schritt mit vollkommener Leichtigkeit die mit Teppich ausgelegten Stufen hinunter. Er war ein Mythos unter der Elite – ein Mann, der nicht auf Belanglosigkeiten bot, ein Mann, der kein Spiel verlor, und ein Mann, dessen Einfluss bis in die tiefsten Taschen des Reiches reichte.
Der Auktionator vergaß völlig, wie man spricht. Sein Mund stand offen, sein hölzerner Hammer erstarrte in der Luft. „L-Lord Knight … habe ich richtig gehört? Fünfhundert Millionen Goldstücke?“
Kendall schaute nicht einmal auf die Bühne. Er schaute den Auktionator nicht an. Er schaute mich direkt an. Sein Gesichtsausdruck war völlig unlesbar, seine Haltung entspannt, als hätte er den Preis bereits gewonnen, noch bevor er das Gebäude betreten hatte. Diese scharfen Augen fixierten meine durch die Glaswand hindurch und hielten mich gefangen, ohne dass eine einzige Kette mich fesselte.
Lord Radcliff schlug mit seinem silbernen Stock auf den Boden, sein Gesicht verzerrte sich zu einer hässlichen Maske der Wut. „Kendall! Was soll das bedeuten? Du sammelst doch gar keine Sicherheiten!“
Kendall unterbrach den Blickkontakt mit mir nicht. Er sah Radcliff nicht einmal an. „Heute Abend tue ich es“, antwortete er, seine Stimme ruhig und völlig unbeeindruckt von der Wut des älteren Mannes.
„Das ist eine Beleidigung!“, schrie Radcliff und wandte sich der Bühne zu. „Auktionator! Setzen Sie die Versteigerung fort!“
Der Auktionator wischte sich den Schweiß von seiner Glatze, seine Stimme brach durch das Megafon. „Ich … ich kann nicht, Lord Radcliff. Niemand kann fünfhundert Millionen überbieten. Zum ersten … zum zweiten …“
Niemand überbot das Gebot. Im Saal herrschte Totenstille.
*Krach!*
Der Hammer schlug hart auf den Holztisch. Der dumpfe Klang hallte in meiner Brust wider wie ein vollstrecktes Todesurteil. Ich würde nicht in Radcliffs Folterkammern landen, doch eine seltsame, eisige Angst durchströmte meine Adern. Das war keine Erleichterung. Ich geriet jetzt in viel tieferes Wasser. Warum sollte ein Mann wie Kendall Knight ein Vermögen für einen namenlosen Ersatz-Schuldsklaven bezahlen?
Innerhalb von Sekunden wurde die Glastür meiner Kabine aufgeschlossen. Zwei Auktionswächter packten meine Arme, lösten meine Handgelenke aus dem Bodenring, hielten aber die Eisenfesseln fest hinter meinem Rücken zusammengebunden. Sie zerrten mich aus der Kabine und zwangen mich auf die Bühne.
„Er gehört jetzt Lord Knight“, verkündete der Auktionator und unterschrieb ein Lederdokument. „Bringt das Brandeisen und das Erkennungshalsband.“
Ich wappnete mich. Ich erwartete Schmerzen. Ich erwartete Demütigung, und ich erwartete, wie ein preisgekrönter Hund über die Bühne geführt zu werden, damit Kendall seinen Reichtum vor dem ganzen Saal zur Schau stellen konnte. So gingen diese Monster vor.
Stattdessen trat Kendall auf die Bühne und gab seinen Leibwächtern einen einzigen, leisen Befehl. „Schützt ihn. Bindet seine Füße gerade so weit auf, dass er gehen kann. Wir brechen sofort auf.“
„Aber, mein Herr, die Eigentumszeremonie …“, begann der Auktionsmeister.
„Ich sagte, wir brechen auf“, unterbrach Kendall ihn, wobei seine Stimme eine Oktave tiefer wurde und eine furchterregende Schwere in sich trug, die keinen Widerspruch duldete.
Ein schwerer Samtumhang wurde mir über die entblößten Schultern geworfen und verbarg meine nackte Brust und meine silbernen Ketten vor den neugierigen Blicken der Menge. Einer von Kendalls Wachen schloss schnell die einengenden Fußfesseln auf und verschaffte meinen Knöcheln gerade genug Spielraum, um volle Schritte machen zu können. Sie begleiteten mich die Hintertreppe der Bühne hinunter, bewegten sich dabei mit rasender Geschwindigkeit und ohne auch nur einen Hauch des üblichen Spektakels.
Als wir zum Seiteneingang der Halle eilten, wagte ich einen einzigen Blick über meine Schulter zurück.
Lord Radcliff stand neben seinem Samtsessel, seine Knöchel waren weiß, als er seinen Stock umklammerte. Er starrte Kendall mit offenem, mörderischem Hass an, seine Zähne entblößt in einem stillen Versprechen der Rache. Kendall bemerkte es nicht, oder eher, es war ihm egal.
Wir stürmten durch die Ausgangstüren und traten in die kalte Nachtluft der Hintergasse hinaus. Eine massive, mit Eisen verstärkte schwarze Kutsche wartete auf uns, umgeben von vier bewaffneten Reitern. Die Wachen schoben mich vorwärts und öffneten die schwere Holztür des Fahrzeugs.
„Steig ein“, murmelte der Wachmann und schob mich in den dunklen Innenraum.
Ich stolperte in den gepolsterten Sitz, der Samtumhang rutschte mir von den Schultern, als ich versuchte, mit meinen immer noch hinter dem Rücken gefesselten Händen das Gleichgewicht zu halten. Die Kutsche war völlig dunkel und roch nach Leder und teurem Tabak.
Kendall stieg direkt hinter mir ein und schloss die schwere Tür mit einem satten Klicken, das uns von der Außenwelt abschottete. Die Kutsche schoss sofort los, die Räder klapperten über das Kopfsteinpflaster, während wir vom Auktionshaus davonbrausten.
Ich saß in der Dunkelheit, meine Muskeln angespannt, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Ich hielt den Mund und wartete darauf, dass er Antworten verlangte, darauf, dass er mir sagte, was er von einer Ersatzsicherheit wollte.
Kendall saß mir direkt gegenüber, sein Gesicht wurde kurz von den vorbeiziehenden Straßenlaternen vor dem kleinen Fenster beleuchtet. Er lehnte sich gegen die Lederpolster zurück und sah mich mit einem erschreckend ruhigen Gesichtsausdruck an.
„Du kannst jetzt aufhören, so zu tun, als wärst du am Boden zerstört, Albert“, sagte Kendall leise.
Mein Atem stockte völlig. Mein Kiefer versteifte sich. Ich hatte kein einziges Wort gesagt, seit sie mich geschnappt hatten. Ich hatte niemandem meinen Namen verraten.
Kendall beugte sich vor, seine Stimme ein dunkles Flüstern in dem geschlossenen Raum. „Ich weiß genau, wer du bist, Albert Crone.“
Kapitel: Die VerteilungAus Alberts PerspektiveIch schlief nicht. Ich lag in meiner Koje und lauschte den Klängen der Feierlichkeiten, die allmählich verstummten und dann in das leise Schnarchen erschöpfter Revolutionäre übergingen, die ihren Sieg ausschliefen. Meine Gedanken kreisten immer wieder um diese Kisten, die Siegel der Adelshäuser, die Luxusgüter, die unter Decken versteckt waren, die eigentlich für frierende Dorfbewohner bestimmt waren.Als endlich die Morgendämmerung anbrach, gab ich den Versuch, mich auszuruhen, gänzlich auf.Auf dem Gelände war es stiller als sonst; die Leute schliefen nach den Feierlichkeiten lange aus. Ich fand den Hof übersät mit leeren Bechern und den Überresten des Feuers von gestern Abend, das im grauen Morgenlicht noch schwach rauchte.Die Wagen, die wir gestohlen hatten, standen in der Nähe der Lagergebäude und wurden bereits von einer früh aufgestandenen Mannschaft entladen. Ich beobachtete aus der Ferne, wie sie arbeiteten, und bemerkte, wie s
Kapitel 110: Die OperationAus Alberts SichtDie Reise zum Millbrook-Pass dauerte fast den ganzen Tag. Wir reisten in kleinen Gruppen und kamen getrennt an, um keinen Verdacht zu erregen. Der Pass selbst war genau so, wie beschrieben: ein schmaler Straßenabschnitt, der zwischen felsigen Hügeln hindurchgeführt war – perfekt für einen Hinterhalt.Als die Sonne unterging, nahmen wir unsere Positionen ein, versteckt zwischen den Felsen und den vereinzelten Bäumen. Elena hockte sich neben mich, ihre Bewegungen waren sparsam und präzise.„Der Konvoi sollte innerhalb einer Stunde hier sein“, flüsterte sie. „Denk daran: Warte auf Miriams Signal. Beweg dich vorher nicht.“Das Warten war schlimmer als das Training, schlimmer als die Angst. Meine Beine verkrampften sich, weil ich so still sitzen musste. Jedes Geräusch ließ mein Herz rasen. Die Armbrust in meinen Händen fühlte sich an, als würde sie hundert Pfund wiegen.Dann hörte ich es: das Rumpeln der Wagenräder, das gleichmäßige Klappern der
Kapitel 108: Erstes BlutAus Alberts PerspektiveDer Besprechungsraum roch nach altem Holz und Lampenöl. Als ich ankam,hatte ich in der Nacht zuvor kein Auge zugetan, und mein Magen war bereits wie zugeschnürt. Ich fand dort nur drei andere vor: Elena, die mit methodischer Präzision ein Messer schärfte, und zwei Männer, die ich schon öfter gesehen, mit denen ich aber noch nie gesprochen hatte.Ich lächelte Elena an, die mir zunickte und sich wieder ihrer Tätigkeit zuwandte. Im Laufe der Zeit tröpfelten immer mehr Leute herein. Ich schaute immer wieder zur Tür hinüber und wartete.Die Letzten, die hereinkamen, waren Miriam und Reese, womit wir insgesamt zwölf Personen waren. Von ihm fehlte immer noch jede Spur.Die Tür schloss sich. „Also“, sagte Miriam und breitete die erste Karte auf dem Tisch aus. „Fangen wir an.“Ich starrte auf die Tür. Er hatte gesagt, er würde an meiner Seite sein.„Aston wurde versetzt“, sagte Miriam, ohne mich anzusehen. „Es ist ein Notfall eingetreten.“Etw
Kapitel 108: Die Ermittlungen vertiefen sichKendalls PerspektiveSieben Tage.Sieben Tage, in denen ich kaum geschlafen habe, in denen ich Spuren verfolgt habe, die sich wie Rauch in Luft aufgelöst haben, in denen ich gespürt habe, wie sich die Schlinge mit jeder verstreichenden Stunde enger zog.Ich stand in meinem Arbeitszimmer, dessen Wände mittlerweile mit Karten, Dokumenten und gekritzelten Notizen bedeckt waren, die Namen und Orte miteinander verbanden. Morrison hatte mir heute Morgen einen weiteren Stapel Berichte gebracht. Ich hatte sie bereits zweimal durchgelesen, auf der Suche nach dem Muster, von dem ich wusste, dass es da sein musste.„Sie müssen etwas essen, Mylord“, sagte Morrison von der Tür aus.„Später.“„Das haben Sie gestern auch gesagt. Und vorgestern.“Ich ignorierte ihn und zog auf der Karte eine Linie zwischen drei Versorgungsdepots, die angegriffen worden waren. Das Timing war zu präzise. Die Sicherheitslücken wurden zu gezielt ausgenutzt. Das war weder Glück
Kapitel: Die ListeAus Alberts PerspektiveIch wachte auf, und Astons Jacke lag wie eine Decke über meinen Schultern. Sonnenlicht strömte durch das Fenster, und ich lag allein auf dem Boden, neben mir lag ein gefalteter Zettel.*Ich musste mich zur Morgenpatrouille melden. Du sahst so friedlich aus, ich wollte dich nicht wecken. Wir sehen uns beim Training. …A*Ich faltete den Zettel sorgfältig zusammen und steckte ihn in meine Schublade, dann spritzte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht und versuchte, nicht an die letzte Nacht zu denken. An den Kuss. An Kendalls Brief, der immer noch zerknüllt in meiner gestrigen Hose steckte. Daran, wie Aston trotzdem geblieben war, nichts verlangt und alles gegeben hatte.Heute, so beschloss ich, würde alles anders sein. Heute würde ich beweisen … vor allem mir selbst … dass ich vorankam.Auf dem Übungsplatz herrschte bereits reges Treiben, als ich ankam. Reese stand mit verschränkten Armen in der Nähe des Waffenständers und beobachtete zwei Rekruten
Kapitel: Der BriefAus Alberts PerspektiveAls ich fertig war, war der Trainingsplatz leer. Meine Muskeln schmerzten auf angenehme Weise – jene Art von Erschöpfung, die entsteht, wenn man sich gerade so weit bis an seine Grenzen treibt. Reese hatte mich drei Stunden lang ununterbrochen durch fortgeschrittene Verteidigungsmanöver geführt, und ich hatte mich dabei nur zweimal blamiert. Ein Fortschritt.Ich hatte den Hof schon zur Hälfte durchquert, als mich ein junger Bote abfing … ein Junge, nicht älter als fünfzehn, mit nervösem Blick.„Prinz Albert“, sagte er – ein Titel, der mir aus dem Mund eines anderen immer noch seltsam vorkam. „Das ist für Sie angekommen. Über einen unserer Kontakte in der Hauptstadt.“Er drückte mir einen versiegelten Umschlag in die Hand und verschwand, bevor ich Fragen stellen konnte. Oben drauf stand ein anonymer Vermerk, doch es war das Wachssiegel, das mir einen Kloß im Magen verursachte.Eine Thorne-Rose.Meine Hände zitterten, als ich den Rest des Weges
KAPITEL SIEBENAlberts PerspektiveIch habe kein Auge zugetan.Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich, wie der Wachmann das Zeichen gab. Ich sah, wie die Schattengestalt das gefaltete Papier nahm und in der Dunkelheit verschwand. Jemand auf diesem Anwesen war damit beschäftigt, zwielichtige
KAPITEL 6: DIE STRAFEAlberts PerspektiveSchmerz pochte in meinem Schädel.Ich versuchte, meine Hand zu bewegen, um meinen Kopf zu berühren, doch etwas hielt mich davon ab. Metall klirrte gegen Metall und schränkte meine Bewegungen ein.Meine Augen flogen auf.Ich war wieder in meinem Zimmer. Diese
KAPITEL 5Alberts Perspektive„Essen Sie die Suppe, Eure Hoheit, sonst muss ich Lord Knight berichten, dass Sie seine Gastfreundschaft ablehnen.“Die junge Magd stand am Bettrand, ihre Hände zitterten, als sie mir ein Silbertablett hinhielt. Ich hob den Blick nicht von meinem Schoß und ließ meinen
KAPITEL 4Alberts Perspektive„Hast du vor, auf meinen Ledersitzen zu verbluten, oder fängst du jetzt an zu reden?“Kendalls Stimme durchbrach die Stille in der fahrenden Kutsche. Ich hielt den Kopf gesenkt und starrte auf die polierten Spitzen seiner Lederstiefel. Meine Hände waren immer noch hint







