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Kapitel 4

Author: Shim
last update publish date: 2026-06-05 21:13:15

KAPITEL 4

Alberts Perspektive

„Hast du vor, auf meinen Ledersitzen zu verbluten, oder fängst du jetzt an zu reden?“

Kendalls Stimme durchbrach die Stille in der fahrenden Kutsche. Ich hielt den Kopf gesenkt und starrte auf die polierten Spitzen seiner Lederstiefel. Meine Hände waren immer noch hinter meinem Rücken gefesselt, die eisernen Handschellen schnitten tief ein, als die Kutsche über eine Unebenheit in der Straße fuhr.

„Ich habe dir nichts zu sagen“, murmelte ich mit völlig ausdrucksloser Stimme.

Kendall rührte sich nicht. Er beugte sich nicht vor, um mich zu schlagen, er griff nicht nach dem zerrissenen weißen Hemd, um es mir über die Schultern zu ziehen, und er sprach keine einzige Drohung aus. Er saß einfach nur da und beobachtete mich durch die Schatten des Wagens, während die Räder weiterklapperten.

„Ein königlicher Thronfolger ohne Zunge“, murmelte Kendall, und ein Hauch von Belustigung schwang in seiner Stimme mit. „Das ist eine tragische Kombination, Albert.“

„Was willst du von mir?“, verlangte ich zu wissen und wandte mein Gesicht dem kleinen, vergitterten Fenster zu. „Wenn du mich hierhergebracht hast, um mich wegen des Verrats meines Onkels hinzurichten, dann tu es jetzt einfach. Hör auf mit den Spielchen.“

„Du denkst, alles ist ein Spiel“, antwortete er leise.

Die Stille kehrte zurück, diesmal noch bedrückender. Die gesamte Fahrt zu seinem Anwesen verlief ohne ein weiteres Wort. Kendall erklärte weder, warum er fünfhundert Millionen Goldstücke für einen versteckten Prinzen ausgegeben hatte, noch legte er seinen großen Plan dar. Diese Untätigkeit verunsicherte mich mehr, als es direkte Gewalt getan hätte. Ich wusste, wie man mit Schlägen umgeht. Ich wusste, wie man eine Zelle überlebt. Aber diese ruhige Zurückhaltung war eine ganz andere Art von Käfig.

Die Kutsche kam schließlich quietschend zum Stehen. Die schweren Eisentore seines Anwesens ächzten auf, und die Wachen zogen mich schnell hinaus in die kühle Nachtluft.

Ich erwartete, in einen feuchten Keller hinabgezerrt oder vielleicht in einen überfüllten Bedienstetenblock geworfen zu werden, wo die anderen Arbeiter den neuen Preis des Auktionators anstarren könnten. Stattdessen führten mich zwei gepanzerte Wachen eine geschwungene Wendeltreppe hinauf, einen breiten, mit Teppich ausgelegten Flur entlang und rissen eine schwere Eichentür auf.

„Rein mit dir“, brummte der erste Wachmann und stieß mich kräftig an.

Ich stolperte in den Raum, meine Stiefel versanken in einem teuren roten Teppich. Die Tür schlug sofort hinter mir zu, das Geräusch eines schweren Messingschlüssels, der sich im Schloss drehte, hallte durch das Holz.

„Nehmt ihm die Handschellen ab“, befahl Kendalls Stimme direkt hinter mir.

Der Wachmann schloss schnell meine silbernen Handschellen auf, sodass meine Arme an den Seiten herabhingen. Meine Schultern schmerzten heftig von den Stunden der Gefangenschaft, doch ich zwang mich, aufrecht zu stehen, als ich mich umdrehte, um meinem Entführer gegenüberzutreten.

„Das ist jetzt dein Raum“, sagte Kendall und ging zur Mitte des Zimmers. Er blickte nicht zurück, als er auf das massive Bett, den Mahagoni-Kleiderschrank und die mit Fensterläden versehenen Fenster an der Wand deutete. „Lass uns sofort die Regeln festlegen, damit es keine Missverständnisse gibt.“

„Regeln?“, spottete ich und rieb mir meine aufgeschürften Handgelenke. „Du meinst die Bedingungen meiner Gefangenschaft.“

„Nenn es, wie du willst“, sagte Kendall und richtete seinen scharfen Blick auf mich. „Regel Nummer eins: Du wirst dieses Anwesen nicht verlassen. Regel Nummer zwei: Du wirst nicht versuchen zu fliehen. Regel Nummer drei: Du wirst mit allem versorgt, was du an Nahrung, Kleidung und medizinischer Versorgung benötigst. Hast du verstanden?“

„Warum hast du mich gekauft?“, fragte ich herausfordernd, trat näher an ihn heran und ignorierte den Wächter, der nach seinem Schwertgriff griff. „Ein Mann gibt nicht buchstäblich die Schatzkammer eines Königreichs für einen Ersatz-Schuldsklaven aus, es sei denn, er will etwas Bestimmtes. Was ist es?“

Kendall wich meinem Blick aus und rückte den Ärmelbund seiner dunklen Jacke zurecht. „Besitz bedarf keiner Rechtfertigung, Albert. Du standest auf einer Bühne. Ich hatte die Münze. So einfach ist das.“

„Lüg mich nicht an!“, drängte ich ihn, und meine Stimme wurde lauter, als die Wut endlich meine kühle Fassade durchbrach. „Du kanntest meine Mutter. Du kanntest meinen Namen, noch bevor ich ihn überhaupt ausgesprochen hatte. Was willst du mit dem Thron von Valovrik?“

Kendalls Tonfall wurde zum ersten Mal schärfer, seine entspannte Haltung verschwand augenblicklich. Er machte einen Schritt auf mich zu, sein hochgewachsener Körper warf einen riesigen Schatten auf mein Gesicht.

„Neugier kann für einen toten Prinzen eine sehr gefährliche Eigenschaft sein, Albert“, warnte er, wobei seine Stimme zu einem gefährlichen, tiefen Knurren sank, das den Raum unglaublich klein wirken ließ. „Du lebst nur noch, weil du hinter diesen Mauern bist. Bring mich nicht dazu, es zu bereuen, dass ich dich am Leben lasse.“

„Ist das eine Drohung?“, flüsterte ich und ballte meine Fäuste.

„Es ist eine Tatsache“, antwortete Kendall kalt.

Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zum Ausgang. „Besorgt ihm ein sauberes Hemd und verschließt die Türen“, befahl er dem Wächter.

Die schwere Tür schlug zu, und das Schloss rastete erneut ein.

Ich stand allein in der Mitte des Raumes, meine Brust hob und senkte sich schnell. Ich wartete ein paar Minuten, bis das Geräusch von Kendalls Stiefeln im Flur verhallte. Sobald die Dielen still waren, begann ich sofort, jeden einzelnen Zentimeter meines neuen Käfigs zu untersuchen.

Ich ging zu dem schweren Mahagoni-Kleiderschrank hinüber und zog die Türen auf. Im Inneren waren keine Ketten versteckt. Ich schaute unter die Samtmatratze des Bettes. Es gab keine offensichtlichen Kontrollinstrumente, keine Peitschen und keine Brandeisen. Es gab absolut nichts als Luxus. Es war ein wunderschönes Zimmer, doch das völlige Fehlen offensichtlicher Grausamkeit verstärkte nur die Anspannung, die sich in meinem Magen zusammenzog. Er behandelte mich wie einen Gast, doch ich war eine Gefangene.

Ich ging zu den großen Balkontüren im hinteren Teil des Zimmers und presste meine Handflächen gegen das Glas. Ich griff nach dem Messinggriff und zog daran.

Nichts geschah. Der Griff gab nicht einmal nach. Ich schaute genauer durch das Glas und sah ein schweres eisernes Vorhängeschloss, das den Außenriegel sicherte. Die Fenster waren von außen vollständig mit Fensterläden verschlossen, sodass kein Mondlicht hereinfiel.

Ich presste mein Ohr gegen die dicke Eichentür.

„Du nimmst den linken Flur“, murmelte die Stimme eines Wächters aus dem Flur. „Der Herr will, dass bis zum Sonnenaufgang zwei Männer an dieser Tür stehen. Keine Ausnahmen.“

„Verstanden“, antwortete eine andere Stimme. „Niemand geht rein, niemand kommt raus.“

Ich zog mich in die Schatten des Zimmers zurück und saß auf der Bettkante, während die Stunden vergingen. An Schlaf war nicht zu denken. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich Radcliffs verzerrtes Lächeln und hörte den hallenden Schlag des Auktionsmeisters mit dem Hammer. Ich musste hier raus. Ich musste einen Weg zurück in die südlichen Stadtteile finden, bevor Kendall herausfand, was er mit einem königlichen Gefangenen anzufangen hatte.

Gegen Mitternacht lenkte ein leises Geräusch meine Aufmerksamkeit auf das östliche Fenster.

Die hölzernen Fensterläden draußen knarrten leicht, als der Wind auffrischte. Ich stand lautlos auf und schlich über den Teppich, bis ich den Fensterrahmen erreichte. Ich presste mein Gesicht gegen das Holz und spähte durch einen winzigen Spalt in den Fensterladenpaneelen.

Unten flackerten die Lampen im Innenhof in der Dunkelheit.

„Hey, Vance ruft zur Mitternachtsablösung“, rief ein Wachmann vom Kiesweg her. „Kommt runter und wechselt die Wache.“

„Wurde auch Zeit“, murrte der Wachmann direkt unter meinem Fenster, während seine schweren Stiefel auf den Steinen klackerten, als er in Richtung der Hauptkaserne davonlief.

Ich drückte gegen die Fensterscheibe. Zu meinem absoluten Erstaunen hatte dieser spezielle Riegel kein Vorhängeschloss. Er quietschte langsam auf und öffnete sich gerade so weit, dass ich meinen Oberkörper durch die Lücke zwängen konnte. Ich blickte hinunter auf den Steinvorsprung.

Der Wachmann war weg, die nächste Schicht war noch nicht eingetroffen, und die Entfernung zur Gartenmauer war gerade kurz genug für einen gut kalkulierten Sprung.

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