LOGINAmoon's Sicht Die Zeit an der Universität verging wie im Flug, getragen von einem fast atemlosen Rhythmus aus Entdeckungen und Pflichten. Die Wochen des intensiven Lernens, das stundenlange Studieren der vergilbten, nach Kräutern duftenden Schriften über Naturheilkunde und das gemeinsame Sezieren und akribische Kräuter sammeln mit Paige und Tantchen Verena hatten unseren Verstand bis aufs Äußerste gefordert. Doch so faszinierend die große, efeu bewachsene Universität mit ihren ehrwürdigen Hallen auch war und so sehr ich es genoss, endlich im hellen, unbeschwerten Tageslicht durch die Hallen des Wissens zu wandeln, absolut nichts kam gegen das überwältigende Gefühl an, das uns überkam, als die ersten Winterferien vor der Tür standen. Egal wie weit unsere Pfade uns in die Welt hinausführten, egal welche Wege die einzelnen Mitglieder unserer Familie einschlugen, zu den großen Festen des Jahres zog es uns alle wie an einem unsichtbaren, unzerreißbaren magischen Band zurück zum S
Amoon's Sicht Die Wochen an der Universität hatten einen eigenen, unerbittlichen Rhythmus angenommen. Die Tage waren kalt geworden, und der graue Spätherbst Wind peitschte unablässig gegen die hohen, efeu bewachsenen Steinmauern unseres Wohnheims. Paige und ich verbrachten fast jede freie Minute in der stickigen, nach getrockneten Kräutern und altem Pergament duftenden Bibliothek, und den Kräuter Küchen um die anspruchsvollen Rezepturen von Tantchen Verena zu verinnerlichen. Manchmal, wenn die Müdigkeit mir die Augenlider schwer machte und die Buchstaben der alten Schriften vor meinem Blick verschwammen, fühlte ich mich unendlich weit weg von allem, was mir vertraut war. Die Sehnsucht nach dem weiten Territorium, dem schützenden Wald und der Wärme unserer Familie war ein ständiger, leiser Schmerz in meiner Brust. An einem besonders stürmischen Nachmittag, als der erste Vorbote des Winters in Form von eisigem Graupel gegen die Fensterscheiben schlug, klopfte es an unserer
Amoon's Sicht Der Tag der großen, unaufhaltsamen Abreise war endlich gekommen, und mit ihm legte sich eine bittersüße Schwere über das gesamte Territorium. Schon in den frühen Morgenstunden war der weitläufige Schlosshof erfüllt vom tiefen, vertrauten Summen der startenden Motoren. Abgase stiegen wie kleine Nebelschwaden in die kühle Herbstluft, während die schweren Geländewagen ein allerletztes Mal mit unseren letzten Koffern, Kisten und den vielen sorgsam verpackten Habseligkeiten beladen wurden. Papa Ramon und Mama Larena ließen es sich unter keinen Umständen nehmen, uns und Tantchen Verena persönlich zu den Toren der Universität zu fahren. Es war ihre letzte große, heilige Aufgabe als Eltern im alltäglichen Sinne, bevor sie im direkten Anschluss den endgültigen Schlussstrich unter ihr Schlossleben ziehen und fest auf ihren neuen, wunderschönen Bauernhof ziehen würden. Für uns alle ging eine Epoche zu Ende. Ich stand am Heck des Wagens, die Hände tief in den Tasche
Amoon's Sicht Der Tag nach dem berauschenden Erntefest erwachte mit einer sanften, fast andächtigen Stille. Die ausgelassenen Lieder und der wirbelnde Tanz im Runenkreis waren verklungen, doch die Magie des gestrigen Abends lag noch immer wie ein wärmender Schleier über dem Wald. Die Sonne stand tief und schickte schräge, goldene Strahlen durch das dichte Kronendach der uralten Eichen und Buchen. Es war der Tag der großen Gemeinschafts aufgabe. Das gesamte Rudel war ausgeschwärmt, um vor dem ersten, unbarmherzigen Frost die Früchte des Waldes zu bergen. Der herbe Duft von feuchtem Laub, reifem Moos und knackigen Kastanien-Schalen erfüllte die kühle, klare Luft bei jedem Atemzug. Paige und ich hatten uns ein etwas abgelegenes Stück der dichten Bewaldung ausgesucht, nahe der Hütte von Oma Helga. Wir trugen grobe, geflochtene Weidenkörbe an den Armen, die sich langsam mit dem glänzenden, tief braunen Gold des Waldes füllten. Um uns herum war das gedämpfte Knacken von Unterhol
Amoon's Sicht Der nächste Morgen erwachte in ein weiches, goldenes Licht getaucht, als hätte die Natur selbst gewusst, dass dieser Tag ein historischer Wendepunkt für unser gesamtes Volk werden würde. Die Luft schmeckte bereits nach dem nahenden, unbarmherzigen Winter klar, scharf und rein, getragen von einem sanften Wind, der den herben Duft von reifem Korn und feuchtem Waldboden über das Land wirbelte. Am heutigen Tag feierten wir das Erntefest. Es war ein Fest, das es seit unzähligen Jahren, ja seit vielen Generationen, zum aller ersten Mal wieder in unserem Rudelgebiet gab. In den dunklen Zeiten der Tyrannei, des blutigen Hasses und der ständigen Flucht war dieser Brauch vollkommen in Vergessenheit geraten, verdrängt von der nackten Angst ums Überleben. Doch heute erweckten wir ihn wieder zum Leben, nicht als starre Kopie der Vergangenheit, sondern als moderne, lebendige Tradition, die wir mit unendlich viel Liebe und neuen Überraschungen füllten. Uroma Helga hatte dies
Amoon's Sicht Als Paige und ich schließlich die schweren, geschichtsträchtigen Stufen des Schlosses hinaufstiegen, um unsere Koffer für die bevorstehende, endgültige Abreise zu holen, hielt ich für einen Moment inne. Das dumpfe Echo unserer Schritte auf dem kalten Stein schien die Geister der Vergangenheit zu wecken, und mein Blick glitt unwillkürlich zurück über den weiten Hof. In diesem Moment dachte ich an die beiden Wölfe, denen wir absolut alles zu verdanken hatten, unsere Eltern, Larena und Ramon. Sie waren das unerschütterliche Fundament unserer Existenz. Jahrelang, jeden einzelnen, unbarmherzigen Tag, hatten sie ihr Leben, ihre schwindende Kraft und ihre gesamte, gepeinigte Seele für uns, für das Überleben des Rudels und für die Rettung der gesamten magischen Welt geopfert. Plötzlich bildete sich ein schwerer, bitterer Kloß in meinem Hals, als die Erinnerungen mich überfluteten. Ich dachte an die dunkelste Stunde am Moonsee zurück, an jenen Moment, als Mama damals







