LOGINRamon's Sicht Die erste, herbstliche Morgensonne stieg wie eine glühende, goldene Sichel hinter den schützenden, uralten Mauern unseres Schlosses empor und vertrieb mit ihren sanften Strahlen die kühle, feuchte Nacht. Das gesamte, in den letzten Monaten so mühsam erweiterte Territorium lag friedlich und still im ersten Licht da, doch für mich hatte diese Nacht keinerlei Schlaf gebracht. Ich stand am großen Bogenfenster unseres Schlafzimmers, die Arme fest vor der Brust verschränkt. Ich spürte das unruhige, fast vibrierende Prickeln der unbändigen Aufregung, das durch das offene Rudel Band direkt aus dem Schlosshof zu mir herauf drang. Das Rudel erwachte. Heute war ein ganz besonderer Tag. Ein doppelter, geschichts trächtiger Meilenstein. Es war der zehnte Geburtstag unserer kleinen, tapferen Paige und gleichzeitig der allererste Geburtstag unseres Sohnes Amoon. Ich blickte wehmütig hinüber zum großen Bett, in dem Larena noch für wenige Minuten die Augen geschlossen hielt u
Ramon's Sicht Der warme Sommerwind strich sanft durch die dichten, saftig grünen Blätter der uralten Eichen, die den großen, weiten Schlosshof säumten. Überall auf dem Gelände herrschte geschäftiges Treiben, das rhythmische Klopfen von Hämmern und das scharfe Kreischen von Sägen halten durch die Luft wieder. Die neuen, stabilen Wohnhäuser für die frisch fusionierte Rudel von Silver, meines Schwiegervaters Dark und meines Vaters Friedrichs Rudel nahmen mit jedem verstrichenen Tag immer mehr Gestalt an. Es war eine Zeit des sichtbaren Wiederaufbaus. Miss Miller und ihre Familie waren vor einer geraumen Weile dankbar in ihre gemütliche Pension zurückgekehrt, und auch die Professoren waren unermüdlich dabei, die zerstörte Universität Stein für Stein wieder zu errichten. Mit Hilfe der Bauarbeiter Wölfe aus der Menschen Stadt und schweren Maschinen. Es war eine Epoche des äußeren, greifbaren Friedens. Doch im tiefsten Inneren des Rudels brodelte es nach wie vor unaufhörlich. Ich
Paige's Sicht Drei unendlich lange, qualvolle Tage lang war Mörlie spurlos verschwunden. Drei Tage, in denen unsere Mama Larena von Stunde zu Stunde unruhiger, nervöser und trauriger wurde. Sie ging unaufhörlich durch das gesamte, weitläufige Schloss, rief mit brüchiger Stimme nach ihrem Namen und suchte mit tränen nassen Augen jeden einzelnen Winkel des Schlosshofs ab. Mörlie war nicht einfach nur ein Haustier für sie gewesen. Sie war ihr emotionaler Anker, ein lebendiges Stück Heimat aus den alten, unbeschwerten Tagen vor dem großen Krieg. Am vierten Tag hielt Mama den unerträglichen Schmerz der Ungewissheit nicht mehr aus."Ramon, ich muss in den Wald“, hörte ich sie am frühen Morgen mit erstickter Stimme zu Papa sagen, als ich im Korridor stand. " Ich spüre sie. Ganz schwach. Irgend etwas stimmt nicht mit ihr. Irgend etwas Grausames ist passiert.“ Papa Ramon zögerte keine Sekunde. Er begleitete sie sofort, besorgt, aufmerksam und schützend wie eh und je. Und Amoon
Amoon's Sicht Die Qualen hörten einfach nicht auf. Sie wurden schlimmer, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Je älter und physisch größer ich in den folgenden Monaten wurde, desto wütender, unbarmherziger und unberechenbarer wurden Kael und seine Freunde. Mein rasanter Körper wuchs war für sie kein Wunder, sondern ein ständiger Beweis für meine angebliche Abscheulichkeit. Sie lauerten Paige und mir überall auf, in den dunklen Ecken hinter den alten Scheunen, in den feuchten Kellern des Nordtrakts, überall dort, wo die Ohren der Erwachsenen uns niemals hören konnten. Sie beschimpften mich als Ausgeburt der Hölle, als Dämonenbrut. Sie knebelten mich mit dreckigen, öligen Tüchern, die sie mir tief in den Mund stopften, damit ich nicht schreien und die Wachen rufen konnte. Und dann traten sie mich. Sie traten mit ihren schweren Stiefeln auf mich ein, bis mir der Atem wegblieb und ich mich winselnd im Staub krümmte. Ich wehrte mich nie. Nicht ein einziges Mal. Ich schlug nicht z
Paige's Sicht Die Welt da draußen dachte, ich sei endlich wieder in absoluter Sicherheit. Wenn mein Papa Ramon oder meine Mama Larena mich ansahen, legte sich immer ein tief erleichtertes, warmes Lächeln auf ihre Gesichter. Sie glaubten aus tiefstem Herzen, dass der schlimmste Horror nun hinter uns lag und der Frieden im Schloss eingekehrt war. Aber sie irrten sich so gewaltig. Sie sahen nicht die Risse in meiner Fassade. Meine tiefe, einst so unerschütterliche Verbindung zur Mondgöttin war nach den letzten, verheerenden Kämpfen fast vollständig blockiert. Meine Magie, die einst wie ein helles Feuer gebrannt hatte, war nur noch ein flackerndes, langsam sterbendes Licht in einer unendlichen Dunkelheit. Ich fühlte mich innerlich oft so unendlich leer, so schrecklich schwach und ausgebrannt. Und für die finsteren Schatten, die sich unbemerkt in den dunklen Ecken des riesigen Schloss geländes zusammen zogen, sobald die Erwachsenen uns den Rücken kehrten, reichte meine schwache, v
Ramons Sicht Ich saß am wuchtigen, tief dunklen Eichentisch des Alfarats und starrte blind auf die aus gebreiteten Baupläne für die neuen Wohnhäuser. Eigentlich sollte ich mich auf die zwingend notwendige Vergrößerung unserer Jagd grenzen konzentrieren, doch die zahllosen, giftigen Stimmen im Schloss machten mich im Inneren schier wahnsinnig. Sie waren überall. Sie krochen durch die Ritzen der Türen, halten in den Gängen wider und raubten mir den Schlaf. Seit nun mehr drei langen Monaten lebte das geschundene Volk von Damion in unserem Nordtrakt. Drei Monate, in denen das schleichende Gift des Misstrauens unser gesamtes, einst so stolzes Rudel infiziert hatte wie eine unheilbare Seuche. "Du bist nicht bei der Sache, Ramon“, stellte mein Vater Friedrich mit gewohnt sachlicher, aber merklich gedämpfter Stimme fest. Er saß mir direkt gegenüber. Seine Arme lagen auf der Tischplatte, und seine bernsteinfarbenen Augen musterten mich mit einer tiefen, väterlichen Sorge, die ich im







