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Kapitel 5

Author: Aurora Starling
Das Mittel ließ meine Muskeln erschlaffen.

Ich sackte gegen Calvins Brust. Meine Arme hingen schlaff herab, meine Beine gaben nach. Er hielt mich mit einem Arm um die Taille fest und drückte mir das Tuch weiter aufs Gesicht, bis die Konturen des Zimmers verschwammen.

Als er es endlich wegnahm, schnappte ich nach Luft. Über mir schien die Decke zu kippen.

„W-was …“ Meine Zunge fühlte sich schwer an. Die Worte kamen lallend heraus. „Was machst du?“

Calvin setzte mich auf einen Stuhl und schob den Riegel an der Tür vor. Er rastete mit einem scharfen Klicken ein. Dann zog er sich das Hemd über den Kopf, warf es auf den Boden und wandte sich wieder mir zu. Er hatte keine Eile. Er lächelte.

„Was glaubst du denn?“

„Sie werden es merken.“ Ich klammerte mich an die Armlehnen, die Nägel bohrten sich ins Holz. „Wenn du … wenn ich nicht mehr … Sie werden mich noch einmal untersuchen. Dann wissen sie es.“

„Und wer stirbt, wenn sie es herausfinden?“ Calvin ging vor mir in die Hocke und legte den Kopf langsam, fast spielerisch schief. „Die vom Wolf ausgewählte Leihmutter, von einem anderen Mann geschändet? Das ist Verrat, Lillian. Sie töten dich wie ein krankes Tier.“ Er schnalzte mit der Zunge. „Und ich gehe einfach zur Vordertür hinaus. Wem glauben sie wohl eher: der Tochter eines Gammas oder einem künftigen Alpha?“

Mir drehte sich der Magen um. Das Mittel brannte in meinen Adern, und eine heiße Welle nach der anderen durchströmte meinen Körper.

„Du hast Maren.“ Meine Stimme brach, und ich hasste es. „Du bist mich schon los. Warum tust du das?“

Calvin richtete sich auf. Sein Lächeln war verschwunden. Sein Blick verriet nur noch nackte, hässliche Gier.

„Weil ich es nicht ertrage, dass ich dich nie hatte.“

Er sagte es so beiläufig, wie man eine Vorliebe für Salz statt Zucker erwähnte.

„Drei Jahre, Lillian. Drei Jahre lang gehörtest du mir, und ich durfte dich nicht ein einziges Mal wirklich haben. Du hast mich geküsst und dich dann zurückgezogen. Ich durfte deine Hand halten, aber dann hast du mich wieder vertröstet.“ Er beugte sich zu mir hinunter, bis sein Gesicht dicht vor meinem war. Sein Atem war heiß, seine Pupillen geweitet. „Und jetzt wählt dich so ein Geisterwolf unter all den Kandidatinnen aus, und du hältst dich plötzlich für etwas Besonderes? Für eine Prinzessin?“

Calvin packte mein Kinn. Seine Finger drückten schmerzhaft gegen meinen Kiefer.

„Du bist keine Prinzessin.“ Er flüsterte, doch seine Stimme klang rau. „Du bist ein Werkzeug. Eine Gebärmaschine. Meine Gebärmaschine.“

Das Mittel vernebelte meine Gedanken. In meinem Kopf rauschte es, und die Hitze ließ mich kaum noch denken. Doch plötzlich wurde mir eines klar.

Wenn es Calvin um meinen Körper ging, hatte er drei Jahre Zeit gehabt, mich zu bedrängen. Er hatte es nie versucht. Nicht ein einziges Mal. Er war geduldig gewesen, berechnend und vorsichtig. Dann schickte er mich in den Palast und wartete, bis ich als Leihmutter des Prinzen ausgewählt war.

Er wollte nicht mich.

Er wollte das Kind, das ich austragen konnte.

Die Angst blieb. Doch unter ihr regte sich etwas noch Kälteres.

„Du willst dein Kind auf dem Thron sehen.“ Meine Stimme klang rau, und jedes Wort kostete mich Mühe. „Du willst mich schwängern und das Kind als Erben des Prinzen ausgeben.“

Calvins Hand erstarrte an meinem Kiefer. Kurz huschte Überraschung über sein Gesicht. Dann verriet sein Blick etwas noch Schlimmeres: Ich hatte recht. Er machte sich nicht einmal die Mühe, es zu leugnen.

„Du musst den Plan nicht verstehen“, sagte Calvin und richtete sich auf. „Du musst nur stillhalten.“

Er trat auf mich zu.

Ich riss den Arm zur Seite und fegte mit der Hand den eisernen Kerzenhalter vom Beistelltisch. Er krachte auf den Steinboden und sprang zweimal auf. Der Knall hallte wie ein Kanonenschuss von den Wänden wider; das Scheppern war bis in den Flur zu hören.

Calvin erstarrte.

Ich hörte hastige Schritte und aufgeregte Stimmen im Flur. Jemand klopfte. „Luna-Prinzessin? Ist alles in Ordnung?“

Calvin biss die Zähne so fest zusammen, dass ein Muskel in seiner Wange zuckte. Er griff nach seinem Hemd auf dem Boden und zog es sich hastig über den Kopf. Als der Bedienstete die Tür einen Spalt öffnete, stand Calvin etwa einen Meter von mir entfernt. Er hatte die Hände in den Taschen und machte eine freundliche, leicht besorgte Miene.

„Sie ist gestolpert“, erklärte Calvin. „Dabei hat sie den Kerzenhalter umgestoßen. Sie wissen ja, wie ungeschickt sie ist.“

Der Bedienstete sah mich an. Ich zitterte, mein Gesicht glühte, und mir liefen Tränen über die Wangen. Wahrscheinlich sah ich aus wie ein ungeschicktes Mädchen, das sich selbst einen Schrecken eingejagt hatte.

„Mir geht es gut“, brachte ich hervor. „Ich möchte in mein Zimmer zurück.“

Man führte mich zur Tür. Calvin ging neben mir her und umfasste meinen Oberarm, beiläufig und besitzergreifend. Sein Griff war eisern.

„Sag auch nur ein Wort über heute Nacht“, flüsterte Calvin dicht neben mir, so leise, dass nur ich ihn hören konnte, „und ich zerstöre deine Familie. Deinen Vater habe ich längst in der Hand. Aber dein Bruder? Ronan ist zwölf und träumt noch davon, einmal Beta zu werden, oder?“ Seine Stimme wurde noch leiser. „Ein Wort von mir, und dieser Traum ist vorbei. Alles andere gleich mit.“

Meine Hand fuhr zum Medaillon. Instinktiv klammerte ich mich an das letzte Andenken meiner Mutter. In meiner Angst suchte ich darin Schutz für Ronan.

Schlagartig wich mir das Blut aus dem Gesicht. Der Flur schien vor meinen Augen zu kippen.

„Sei brav, Lillian.“ Calvin ließ meinen Arm los und klopfte mir leicht auf die Schulter. „Dann bleibt dein Bruder am Leben.“

Er lächelte dem Bediensteten zu, nickte höflich und ging pfeifend den Flur hinunter.

…

Auf dem Weg zurück zum Zimmer des Prinzen verschwammen die Steinwände und das Kerzenlicht vor meinen Augen. Mein Herzschlag dröhnte mir in den Ohren.

Ronan. Mein kleiner Bruder. Calvin hatte ihn in der Hand oder konnte an ihn herankommen. Mehr musste ich nicht wissen. Ganz gleich, was Calvin schon getan hatte oder wozu er bereit war: Ich durfte nicht riskieren, herauszufinden, ob er bluffte.

Ich bekam kaum Luft und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Aber ich musste nachdenken. Ronans Leben hing davon ab.

Die Wirkung des Mittels wurde stärker statt schwächer. Hitzewellen jagten durch meinen Körper, meine Haut brannte. Ich hatte das Gefühl, etwas Lebendiges verschluckt zu haben, das sich durch meine Poren nach draußen krallen wollte. Meine Wölfin tobte hinter den Mauern meiner Mutter, panisch und verzweifelt. Die Mauern bekamen Risse.

Ich stolperte durch die Tür ins dunkle Zimmer. Der Prinz lag reglos im Bett, genau dort, wo ich ihn zurückgelassen hatte. Neben ihm schimmerte schwach das blaue Licht seines Wolfs.

Meine Beine trugen mich zum Bett, ohne dass ich mich dazu entschieden hatte. Es lag nicht am Mittel. Jedenfalls nicht nur. Schon vorher hatte mich etwas zu ihm hingezogen. Sein warmer, kräftiger Körper war das Einzige in diesem ganzen Palast, das mir Sicherheit gab. Meine brennende Haut schrie nach Berührung.

Ich kroch auf die Matratze. Seit Calvin mir das Tuch aufs Gesicht gepresst hatte, war mir kein tiefer Atemzug mehr gelungen. Jetzt atmete ich endlich tief ein.

Ich schmiegte mich an die Seite des Prinzen und vergrub das Gesicht an seiner Schulter. Ich atmete seinen frischen Duft ein: Winterluft und Zedernholz, darunter der Geruch seiner warmen Haut. Meine Wölfin jaulte hinter ihren Mauern, verzweifelt und gequält.

Ich krallte die Finger in sein Hemd und rieb die Wange an seiner Brust. Ein Wimmern entwich mir, das ich nicht unterdrücken konnte.

„Bitte“, flüsterte ich in die Dunkelheit.

Eine Hand schloss sich um mein Handgelenk. „Wie kannst du es wagen?“

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