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Kapitel 4

Author: Aurora Starling
Aufgeregtes Gemurmel erfüllte den Raum.

Die übrigen Kandidatinnen standen an die Wände gedrängt und starrten mich mit offenen Mündern an. Bedienstete tauschten Blicke. Selbst der König verlor kurz die Fassung. Die Königin beugte sich zu ihm und flüsterte etwas. Er nickte knapp.

Ich stand wie erstarrt da. Meine Handfläche lag noch immer flach an der durchscheinenden Schnauze des Wolfs. Seine Kraft pulsierte gegen meine Haut, in abwechselnd kalten und warmen Wellen. Er schloss die Augen und atmete aus. Das blaue Licht um ihn herum wurde sanfter. Er wirkte beinahe friedlich.

Meine Hand zitterte. Ich wusste nicht, ob vor Angst oder aus einem anderen Grund. Die leitende Omega trat vor. An ihrem Kiefer zuckte ein Muskel, doch ihre Stimme blieb fest und schneidend.

„Die Kandidatin aus Schattenbach hat die Prüfung bestanden. Sie wird die Leihmutter des Prinzen und erhält den Titel Luna-Prinzessin.“

…

Noch in derselben Stunde erfuhr ich, was mein neues Leben mit sich brachte. Bei den Erklärungen drehte sich mir der Magen um, und mein Gesicht glühte.

Die leitende Omega brachte mich in ein separates Zimmer. Dort saß mir eine medizinische Fachkraft gegenüber, eine ältere Frau mit einer Lesebrille auf der Nase und einem Klemmbrett auf dem Schoß. Sie schien mich gar nicht als Menschen wahrzunehmen. Sie erklärte mir, wie ich von einem bewusstlosen Gefährten schwanger werden konnte, so sachlich wie den Zusammenbau eines Schranks.

Hormonzyklen. Fruchtbare Tage. Wie man den Körper des Prinzen auch im Koma so stimulieren konnte, dass er das für die Zeugung Nötige produzierte. Welche Stellung ich einnehmen sollte und für wie lange. Wie wichtig es war, danach still liegen zu bleiben, um die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen.

„Unwillkürliche körperliche Reaktionen sind normal“, sagte sie so beiläufig wie bei einem Gespräch übers Wetter. „Der Körper funktioniert auch ohne Bewusstsein. Erschrecken Sie nicht, wenn der Prinz reagiert.“

Ich starrte auf den Tisch und wäre am liebsten im Boden versunken. Mein Gesicht brannte. Ich wunderte mich, dass meine Haare nicht längst Feuer gefangen hatten.

„Noch Fragen?“

Ich schüttelte den Kopf. Mir hatte es schon drei Sätze zuvor die Sprache verschlagen.

Meine nächste Aufgabe war einfacher, aber genauso peinlich. Die leitende Omega erklärte mir, dass ich dem Prinzen von nun an die Kleidung wechseln musste. Bisher hatte die Königin das selbst übernommen.

Sie ließ mich mit einem Stapel frischer Kleidung und dem bewusstlosen Lykanerprinzen allein.

Ich trat ans Bett und sah auf ihn hinab. Ohne das Leuchten des Wolfs und den Lärm der anderen lenkte mich nichts mehr von seinem Anblick ab. Er war schön. Unverschämt schön. Er hatte markante Wangenknochen und einen Kiefer wie aus Granit gemeißelt. Dunkle Wimpern lagen auf heller Haut, breite Schultern zeichneten sich unter dem seidenen Schlafhemd ab. Selbst reglos und stumm beherrschte er den Raum.

Mit zitternden Händen knöpfte ich sein Hemd auf.

Seine Haut war warm. Wärmer, als ich erwartet hatte. Aus der Nähe roch er nach Zedernholz und etwas Frischem, Klarem. Vielleicht nach Frost. Der Duft von Winterluft haftete seiner Haut an. Ich zog ihm das Hemd von den Schultern und legte seine kräftige Brust und die ausgeprägten Bauchmuskeln frei. Die Magie, die ihn am Leben hielt, hatte ihm auch den Körper eines Kriegers erhalten. Meine Wölfin stemmte sich gegen die Gitter ihres Käfigs. Tief in meinem Bauch kribbelte es. Das hatte nichts mit Nervosität zu tun.

Zugegeben, meine Finger verweilten einen Augenblick zu lange an seinem Kragen.

Dann sah ich hastig wieder auf die Knöpfe. Bleib professionell.

Gerade zog ich ihm das frische Hemd über die Arme, als sich eine Falte zwischen seinen Brauen bildete. Sein Kiefer spannte sich an. Gleich darauf war alles wieder vorbei. Hatte er meine Berührung gespürt und sich daran gestört?

Mir stockte der Atem. Doch sein Gesicht entspannte sich wieder. Ich redete mir ein, dass ich es mir nur eingebildet hatte. Ich hatte mir schon früher Dinge eingebildet. Darin war ich gut.

Als ich den Saum über seine Taille zog, rutschte meine Hand ab.

Meine Fingerknöchel streiften seinen Hüftknochen. Dann rutschte meine Hand tiefer, und meine Finger strichen vorn über seine Schlafhose. Ich spürte, wie sich seine Erektion gegen den Stoff drückte, hart und unmissverständlich.

Ich zog die Hand so hastig zurück, dass ich den Stapel Kleidung vom Nachttisch stieß.

Mein Gesicht glühte. Eben hatte die Fachkraft noch alles in nüchternen Worten erklärt. Jetzt reagierte der Körper des schlafenden Prinzen tatsächlich auf meine zufällige Berührung. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Genau dafür war ich hier. Das erwarteten sie von mir.

Ich zog ihm die Decke bis zur Brust und trat zurück.

Heute nicht. Auf keinen Fall heute.

Ein Klopfen an der Tür ließ mich fast an die Decke springen.

„Luna-Prinzessin?“ Ein Bediensteter verbeugte sich. „Sie haben Besuch.“

Ich strich mein Kleid glatt, wischte mir mit dem Handrücken übers Gesicht und ging in den Empfangsraum. Jeder Vorwand war mir recht, um diesem Zimmer und dem warmen, unwirklich schönen Körper darin zu entkommen.

Calvin lehnte an der gegenüberliegenden Wand.

Mir wurde flau. Ich machte auf dem Absatz kehrt.

„Lily, warte.“ Seine Stimme klang weich und vorsichtig. So sprach er, wenn er etwas wollte. „Bitte.“

Ich ging weiter, aber er war schneller. Mit zwei großen Schritten versperrte er mir den Weg zur Tür. Den Bediensteten auf dem Flur nickte er zu. „Lasst uns einen Augenblick allein. Es geht um Angelegenheiten des künftigen Alphas.“

Sie zögerten, blickten erst mich, dann Calvin an und zogen sich schließlich mit einer Verbeugung zurück.

Auch hier hatte er Autorität. Sein Vater war der Alpha von Schattenbach, einer der dreizehn Rudelführer des Königs. Natürlich konnte Calvin einen Raum für sich räumen lassen. Ich hätte damit rechnen müssen. Wie dumm von mir.

„Was bei Maren im Zimmer passiert ist –“ Er trat näher. Seine Züge wurden weich. Er wirkte reumütig und aufrichtig. Diesem Gesicht hatte ich drei Jahre lang vertraut. „Es war nicht so, wie es aussah.“

„Es war ziemlich eindeutig.“

„Sie hat sich an mich rangemacht.“ Calvin fuhr sich durchs Haar. Diese Geste hatte ich tausendmal gesehen. Früher war mir dabei warm ums Herz geworden. Jetzt lief mir ein unangenehmer Schauer über den Rücken. „Du kennst Maren. Sie ist mir seit Monaten hinterhergelaufen. Ich war schwach. Es tut mir leid, Lily. Wirklich.“

Calvin kam noch näher. Ich roch sein Parfüm, Zedernholz mit einer scharfen Note.

„Seit du weg bist, denke ich ununterbrochen an dich. Ich bin extra hierhergekommen, weil du eines wissen musst: Ich liebe dich immer noch.“

Er streckte die Hand nach meinem Gesicht aus. Seine Fingerspitzen streiften meine Wange.

Ich schlug seine Hand hart weg. Das Klatschen hallte von den Steinwänden wider. Meine Handfläche brannte.

„Fass mich nicht an.“

Alle Sanftheit wich aus seinem Gesicht. Sein Kiefer spannte sich an. Sein Blick wurde ausdruckslos.

„Du hast Maren erzählt, ich bin dumm“, sagte ich. Zu meiner eigenen Überraschung klang meine Stimme jetzt fest. „Du hast gesagt, ich komme verkrüppelt zurück. Ihr habt darüber gelacht.“

„Das war nur gespielt –“

„Du hast dich mit meinem Vater abgesprochen. Du hast mich verkauft.“

Calvin starrte mich an. Seine Maske verrutschte noch ein Stück. Darunter kam etwas zum Vorschein, das ich noch nie an ihm gesehen hatte: keine Liebe, nicht einmal Verletztheit, nur kaltes Kalkül. Er betrachtete mich wie eine Schachfigur, die auf das falsche Feld geraten war.

Ich wandte mich zur Tür. Blitzschnell schloss sich Calvins Arm von hinten fest um meine Taille. Noch während ich Luft holte, presste sich etwas Kaltes und Feuchtes auf Mund und Nase. Die Konturen des Zimmers zerflossen vor meinen Augen. Tief in meiner Brust schrie meine Wölfin auf.

Calvins Lippen lagen warm an meinem Ohr.

„Du musst es einem auch immer schwer machen“, flüsterte er.

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