Mag-log inDas Erste, was ich hörte, als ich die Augen öffnete, war eine schreiende Frau.
Ich schreckte hoch und schlug mit der Schulter gegen die Holzwand der Kutsche. Einige Sekunden lang wusste ich nicht, wo ich war. Meine Wange brannte noch vom Schlag des Wächters, und die Bewegung jagte einen weiteren dumpfen Schmerz durch meinen Kopf. Dann traf mich der Geruch. Schweiß, feuchte Wolle, Blut, Urin und altes Stroh erfüllten die enge Kutsche. Es waren zu viele Frauen darin. Manche saßen mit an die Brust gezogenen Knien da, andere lehnten an den Holzwänden, weil kaum genug Platz war, damit alle richtig sitzen konnten. Einige hatten die Augen geschlossen, aber ich konnte nicht sagen, ob sie schliefen oder nur versuchten, dem zu entfliehen, was um sie herum geschah. Dann bemerkte ich das Mädchen auf dem Boden. Sie rührte sich nicht. Ich starrte sie an, bis die junge Frau neben mir flüsterte: „Sie ist tot." Ich wandte mich ihr zu. Sie hatte verfilztes braunes Haar, eine geschwollene Wange und Dreck unter den Fingernägeln. Sie sah erschöpft aus, doch etwas Sanftes lag in ihrem Gesicht. „Wann ist sie gestorben?", fragte ich. „Letzte Nacht." „Was ist passiert?" „Sie war krank." Bevor ich weiterfragen konnte, öffneten sich die Türen der Kutsche. Zwei Soldaten stiegen ein, packten die tote Frau an Armen und Beinen und schleiften sie hinaus, als wäre sie ein lästiges Gepäckstück. Niemand hielt sie auf. Niemand fragte auch nur, wohin man sie brachte. Die Türen knallten zu, und die Kutsche setzte sich wieder in Bewegung. Ein Mädchen uns gegenüber begann zu weinen. Das braunhaarige Mädchen neben mir reichte ihr leise ein Stück Stoff. „Halt dir den Mund zu", flüsterte sie. „Sonst hören sie dich." Das Mädchen presste den Stoff auf die Lippen. Ich sah durch die schmale Öffnung der Kutsche hinaus. Die Straße zog sich endlos vor uns dahin. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich bewusstlos gewesen war, aber die Soldaten hatten uns gesagt, dass man uns in die Kaiserliche Hauptstadt brachte. Wie lange die Reise dauern würde, hatten sie nicht gesagt, und keine der Frauen schien zu wissen, was uns dort erwartete. Das Mädchen neben mir stellte sich schließlich als Liora vor. Sie stammte aus einem kleinen Dorf nahe den nördlichen Hügeln. Ihr Vater war im vergangenen Winter gestorben und hatte ihrer Familie eine Schuld hinterlassen, die sie nicht begleichen konnte. Ein Adliger hatte ihnen die Wahl gelassen: die Schuld bezahlen oder ihm Liora geben. Sie hatten nicht zahlen können. Also hatte man sie stattdessen genommen. „Und dein Bruder?", fragte ich eines Abends, als die Wagen hielten. Sie blickte in die Dunkelheit jenseits des Lagers. „Tomas ist zwölf." „Weiß er, wo du bist?" Sie schüttelte den Kopf. „Er glaubt, ich komme nach Hause." Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Liora rieb sich die Arme gegen die Kälte und versuchte zu lächeln. „Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm etwas aus der Hauptstadt mitbringe." „Vielleicht tust du das." Sie sah mich einen Moment lang an. „Glaubst du wirklich, dass sie mich nach Hause gehen lassen?" Ich wandte den Blick ab. Nach allem, was mir widerfahren war, hatte ich aufgehört, Versprechen zu geben, die ich nicht halten konnte. „Ich weiß es nicht." Sie schien die Ehrlichkeit zu schätzen. „Ich auch nicht." So begann unsere Freundschaft. Es war nichts Besonderes daran. Wir fingen einfach an, nacheinander Ausschau zu halten, sobald die Wagen hielten. Wenn eine von uns mehr Wasser bekam, teilten wir es. Wenn die Nächte zu kalt wurden, saßen wir dicht genug beieinander, um uns eine Decke zu teilen. Wenn jemand zu weinen begann, taten wir so, als bemerkten wir es nicht, denn manchmal war den Menschen Trost peinlicher als ihre Tränen. In der ersten Nacht gaben uns die Soldaten eine Decke für je drei Frauen. Am Morgen waren zwei Frauen an der Kälte gestorben. Die eine war alt genug, um jemandes Großmutter zu sein. Die andere konnte nicht älter als sechzehn gewesen sein. Ihre Mutter flehte die Soldaten an, sie bei ihr bleiben zu lassen. „Bitte. Sie ist meine Tochter." Der Kommandant drehte sich nicht einmal um. „Wir haben einen kaiserlichen Zeitplan." Die Frau fiel auf die Knie. „Ich begrabe sie selbst." „Ihr werdet mit dem Zug weiterziehen." Ein Soldat zerrte sie von der Leiche weg. Ich sah zu, bis der Wagen mir die Sicht versperrte. Liora setzte sich an diesem Morgen neben mich und teilte ihr Brot in zwei Hälften. Ich schob meinen Anteil zu ihr zurück. „Du brauchst es." „Du auch." „Du hast gestern kaum etwas gegessen." Sie warf mir einen müden Blick zu. „Du auch nicht." Ich nahm das Brot. „Danke." Sie lächelte. „Gern geschehen." Es war so eine kleine Sache, aber ich behielt sie in Erinnerung. Ich erinnerte mich danach an jede kleine Freundlichkeit. Vielleicht, weil es so wenige davon gab. Am dritten Tag war die Straße schlechter geworden. Regen verwandelte den Boden in Schlamm, und die Wagen sanken so tief ein, dass die Pferde Mühe hatten, sie voranzuziehen. Wir wurden drinnen gehalten, während die Soldaten arbeiteten, und die Frauen begannen sich zu beklagen, dass sie Hunger und Durst hatten. Eine Frau hatte eine Wunde am Knöchel, die sich schwer entzündet hatte. Als wir schließlich hielten, konnte sie nicht mehr stehen. Ein Soldat befahl ihr, sich zu bewegen. Sie versuchte es. Ihr Bein gab unter ihr nach. „Ich kann nicht." Er wiederholte den Befehl. Sie schüttelte den Kopf. Der Kommandant kam herüber, besah sich ihre Wunde und ordnete an, dass der Zug ohne sie weiterfahre. Sie klammerte sich an die Seite des Wagens, als er sich in Bewegung setzte. „Bitte!" Ihre Finger glitten vom Holz ab. Ich sah zu, wie sie hinter uns verschwand. Liora schwieg lange. Dann flüsterte sie: „Sie haben nicht einmal ihren Namen aufgeschrieben." Ich hatte keine Antwort. Am selben Abend versuchte eine andere Frau zu fliehen. Sie rannte los, während die Pferde gewechselt wurden, und erreichte die Bäume, bevor die Soldaten sie einholten. Sie schleiften sie zurück, Blut lief ihr aus dem Mund, und ein Knöchel war unter ihr verdreht. Der Kommandant befahl uns allen, die Wagen zu verlassen. Die Frau wurde gezwungen, vor uns niederzuknien. „Ich wollte doch nur nach Hause", schluchzte sie. Der Kommandant starrte sie ausdruckslos an. Dann gab er den Befehl. Der Schuss hallte durch die Bäume. Mehrere Frauen schrien. Ich nicht. Ich konnte den Blick nicht von der Leiche abwenden. Lioras Hand fand meine. Ihre Finger zitterten so heftig, dass ich es durch meine Haut spürte. In dieser Nacht weigerte sie sich zu schlafen. Irgendwann nach Mitternacht erwachte ich und fand sie in die Dunkelheit starrend. „Was ist los?", flüsterte ich. Sie zögerte, bevor sie antwortete. „Was, wenn sie mich weit weg schicken?" Ich dachte an die Frau, die man am Straßenrand zurückgelassen hatte, und an das Mädchen, das eben erschossen worden war. „Und wenn?" Lioras Augen füllten sich mit Tränen. „Ich will nicht, dass mein Bruder denkt, ich hätte ihn im Stich gelassen." „Das hast du nicht." „Das weißt du nicht." „Nein." Sie sah auf unsere verschränkten Hände hinunter. „Dann versprich mir, dass du mich nicht vergessen wirst." Ich drückte ihre Finger fester. „Das werde ich nicht." Sie lächelte. Es war der letzte friedliche Moment, den wir gemeinsam hatten. Am fünften Morgen war der Zug deutlich kleiner geworden. Manche Frauen waren an Krankheit oder Kälte gestorben. Andere hatte man aus dem Hauptzug genommen und in gesonderte Wagen gesteckt. Man sagte uns nie, wohin diese Frauen gebracht wurden, nur dass sich ihre Zuweisung geändert habe. Dann, irgendwann nach Mittag, tauchte die Kaiserliche Hauptstadt jenseits der Hügel auf. Eine Stadt wie diese hatte ich noch nie gesehen. Gewaltige schwarze Mauern umgaben die Hauptstadt, silberne Türme ragten über ihnen auf, und kaiserliche Banner hingen an jedem Tor. Händler drängten sich auf den Straßen, Kutschen fuhren unter riesigen Steinbögen hindurch, und an jedem wichtigen Eingang standen Soldaten. Im Zentrum der Stadt erhob sich das Kaiserliche Haus. Das Kaiserliche Haus Draeven. Es wirkte weniger wie ein Palast als wie eine Festung, erbaut, um eine ganze Welt zu beherrschen. Schwarze Steintürme stiegen hinter silbernen Mauern auf, und goldene Dächer glänzten über den inneren Höfen. Einen Moment lang konnte ich nur starren. Dann erinnerte ich mich, warum wir hier waren. Die Wagen passierten die äußeren Tore. Soldaten umringten uns sofort. „Raus!" Ich kletterte hinunter, und meine Beine gaben beinahe unter mir nach. Liora fing meinen Arm auf, bevor ich fiel. „Vorsicht." Ich nickte. Bevor wir uns zusammen bewegen konnten, hallte ein weiterer Befehl über den Hof. „In Reihen aufstellen!" Hunderte Frauen hatten sich dort bereits versammelt. Manche waren aus Gebieten gekommen, von denen ich noch nie gehört hatte, andere warteten wohl schon seit Tagen. Eine Beamtin in einem dunkelblauen Gewand stieg mit einem großen Register in den Händen auf eine erhöhte Plattform. „Ihr steht nun unter der Autorität des Kaiserlichen Haushalts", verkündete sie. „Eure Territorien haben euch im Rahmen ihrer kaiserlichen Verpflichtung geliefert. Ihr werdet nach den Bedürfnissen des Reiches beurteilt und zugewiesen." Bei dem Wort geliefert zog sich mein Magen zusammen. Die Beamten hinter ihr begannen, den übrigen Tribut zu verzeichnen. Gold. Silber. Seide. Juwelen. Seltene Gewürze. Waffen. Dann kehrte der Blick der Frau zu uns zurück. „Und der menschliche Tribut wird ebenfalls verzeichnet." Ein Mädchen neben mir flüsterte: „Wir sind Menschen." Die Beamtin sah sie direkt an. „Das ändert nichts an eurem Status." Das Mädchen senkte den Kopf. Die Einteilung begann. „Palastdienerinnen." Eine Gruppe Frauen wurde zum westlichen Hof geführt. „Küchen und Wäscherei." Eine weitere Gruppe wurde abgesondert. „Lizenzierte Vergnügungshäuser." Mehrere Frauen begannen sofort zu weinen. Eine fiel auf die Knie und flehte, man möge sie irgendwohin sonst schicken. „Meine Mutter ist krank. Bitte." Ein Soldat zerrte sie weg. Dann verkündete die Beamtin die Gruppe, vor der sich alle am meisten fürchteten. „Anwärterinnen für den inneren Haushalt." Der Hof brach in Aufruhr aus. Frauen protestierten, weinten und klammerten sich aneinander. Manche behaupteten, adliger Herkunft zu sein, in der Hoffnung, ihre Familiennamen würden sie schützen. Andere flehten die Soldaten einfach an, sie nicht mitzunehmen. Nichts davon spielte eine Rolle. Ich blieb stumm. Ich hatte bereits gelernt, dass Furcht Mächtige nicht freundlicher machte. Dann hörte ich eine weitere Kategorie. „Nördliche Zuweisungen." Mehrere junge Frauen wurden gesondert markiert. Die ältere Frau neben mir senkte den Kopf. „Was bedeutet das?", fragte ich leise. Sie sah mich an. „Zuchtgebiete." Mir wurde übel. „Sie schicken Frauen in Territorien, die Erben brauchen", flüsterte sie. „Manche werden dort jahrelang festgehalten. Manche kehren nie zurück." Bevor ich weiterfragen konnte, trat ein Soldat mit einer Liste an unsere Gruppe heran. Er begann, Namen aufzurufen. Eine nach der anderen traten Frauen vor. Manche wurden zum Palast gebracht. Andere zu den Dienstbotenquartieren geschickt. Einige wurden auf Wagen verladen, die nahe dem östlichen Tor warteten. Dann rief er den Namen auf, bei dem mein Herz stehen blieb. „Liora." Sie sah mich an. Der Soldat prüfte das Zeichen neben ihrem Namen. „Nördliche Zuweisung." Liora wurde bleich. „Nein." Der Soldat packte ihren Arm. Sie riss sich los. „Bitte." Ich trat vor. „Wartet." Der Soldat wandte sich mir zu. „Bleib, wo du bist." „Sie gehört zu mir." Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, lachte er. „Sie gehört dem Reich." Liora begann zu weinen. Der Soldat zog sie zum östlichen Tor. Ich griff nach ihr. Unsere Hände trafen sich. Einen Moment lang ließ keine von uns los. „Ich hatte es versprochen", flüsterte sie. Meine Kehle schnürte sich zu. „Ich weiß." „Ich habe meiner Mutter versprochen, dass ich nach Hause komme." „Ich weiß." „Tomas wartet." Ich konnte ihr nicht sagen, dass er vielleicht ewig warten würde. Der Soldat zog fester. Ich hielt fest, bis ein anderer Soldat mit der flachen Seite seiner Waffe auf meinen Handrücken schlug. Schmerz schoss durch meine Finger, und mein Griff löste sich. Liora schrie meinen Namen. Ich versuchte, ihr zu folgen, aber ein Soldat trat direkt vor mich. „Zurück." Hilflos sah ich zu, wie sie zu den wartenden Wagen gebracht wurde. Sie drehte sich mehrmals um. Jedes Mal sah ich die Angst in ihrem Gesicht. Ich wollte ihr sagen, dass sie überleben würde. Ich wollte ihr sagen, dass sie Tomas wiedersehen würde. Aber ich hatte gelernt, die Menschen, die mir etwas bedeuteten, nicht zu belügen. Also sagte ich nichts. Die Wagentüren schlossen sich. Die Pferde setzten sich in Bewegung. Ich stand da, bis der Wagen durch das östliche Tor verschwand. Erst dann sah ich auf meine Hand hinunter. Ein dünner Schnitt zog sich über den Handrücken. Blut war bis zu meinem Handgelenk gelaufen. Ich presste die Finger zusammen und dachte an das Versprechen, das ich in der Dunkelheit gegeben hatte. Ich würde sie nicht vergessen. Ich wusste nicht, ob Liora die Reise in den Norden überleben würde. Ich wusste nicht, ob sie ihren Bruder je wiedersehen würde, oder ob ihr Name in irgendeinem fernen Territorium verschwinden würde, wo in diesem Palast niemand je an sie denken würde. Aber ich würde mich erinnern. Eine Stimme unterbrach meine Gedanken. „Du hast jemanden verloren." Ich blickte auf. Eine junge Frau stand unter einem der überdachten Wandelgänge. Sie war schön, doch an ihrer Schönheit war nichts Unschuldiges. Ihr teures Kleid und ihr sorgfältig frisiertes Haar wiesen sie als jemanden aus, der zur Hauptstadt gehörte und nicht zu den Tributfrauen, und die Art, wie sie den Hof beobachtete, deutete darauf hin, dass sie schon lange gelernt hatte, Menschen zu studieren, bevor sie entschied, ob sie ihr Vertrauen wert waren. Ich sagte nichts. Ihr Blick wanderte zu dem Blut an meiner Hand. Dann sah sie zum östlichen Tor. „Deine Freundin?" Ich nickte. „Wie heißt du?" „Seradyn." „Seradyn was?" „Veyra." Ihr Ausdruck veränderte sich, als sie meinen Familiennamen hörte. Sie warf einen Blick auf das Register der Beamtin, bevor sie mich wieder ansah. „Du siehst nicht aus wie die anderen." Ich schwieg weiter. Sie lächelte leicht. „Vielleicht habe ich dich deshalb bemerkt." Ein Diener trat zu ihr. „Meine Dame, wir sollten gehen." Sie wandte sich ab, doch bevor sie unter dem Wandelgang verschwand, blickte sie noch einmal zu mir zurück. Ich wusste nicht, wer sie war. Ich wusste nicht, warum sie mich bemerkt hatte. In diesem Augenblick war es mir gleichgültig. Ich wollte nur Liora zurück. Stattdessen rief eine andere Beamtin meinen Namen. „Hey, du." Ich drehte mich um. „Komm mit uns." Ich sah noch einmal zurück, zu der Route, auf der der Wagen gefahren war, zu den Toren, durch die ich Liora nie wiedersehen würde. Eine der Frauen in Blau reichte mir meine Uniform. Sie schlug ihr Buch auf und nahm von einer anderen eine Feder entgegen. Ich sah der Sonne zu, wie sie am Horizont versank, und versprach mir eines. Ich werde versuchen, die Geschichte neu zu schreiben. Ich wischte mir mit der gesunden Hand die Seite meines Gesichts ab. „Seradyn. Seradyn Veyra."Das Erste, was ich hörte, als ich die Augen öffnete, war eine schreiende Frau.Ich schreckte hoch und schlug mit der Schulter gegen die Holzwand der Kutsche. Einige Sekunden lang wusste ich nicht, wo ich war. Meine Wange brannte noch vom Schlag des Wächters, und die Bewegung jagte einen weiteren dumpfen Schmerz durch meinen Kopf.Dann traf mich der Geruch.Schweiß, feuchte Wolle, Blut, Urin und altes Stroh erfüllten die enge Kutsche.Es waren zu viele Frauen darin. Manche saßen mit an die Brust gezogenen Knien da, andere lehnten an den Holzwänden, weil kaum genug Platz war, damit alle richtig sitzen konnten. Einige hatten die Augen geschlossen, aber ich konnte nicht sagen, ob sie schliefen oder nur versuchten, dem zu entfliehen, was um sie herum geschah.Dann bemerkte ich das Mädchen auf dem Boden.Sie rührte sich nicht.Ich starrte sie an, bis die junge Frau neben mir flüsterte: „Sie ist tot."Ich wandte mich ihr zu.Sie hatte verfilztes braunes Haar, eine geschwollene Wange und Drec
Elyssara wartete nicht, bis ihre Tante ein weiteres Wort sagte. Kaum war der Diener zur Seite getreten, raffte sie die Röcke ihres Kleides und eilte durch die Tür. „Eure Majestät!", rief ihr eine der Mägde nach. Elyssara blieb nicht stehen. Sie konnte nicht, nicht jetzt. Ihr Herz hämmerte so heftig, dass sie die Diener, die über den Hof rannten, kaum hörte. Kaum war sie ins Freie getreten, kam ein junger Palastdiener auf sie zugeeilt. „Eure Majestät, hier entlang." „Wohin?" „Eure Kutsche steht bereit." Elyssara stellte keine Fragen. Sie hob ihr Kleid und stieg in die wartende Kutsche. Die hölzernen Räder drehten sich schon, ehe sie richtig saß. Die Vorhänge flatterten, als die Kutsche durch die Tore des Anwesens jagte. Erst da fiel Elyssara auf, dass etwas nicht stimmte. Sie sah zu dem Diener, der draußen auf dem Kutschbock saß. „Warum verlassen wir das Anwesen über die Weststraße?" Keine Antwort. Der Diener hielt den Blick stur nach vorn gerichtet. Elyssaras Verdacht wuchs
DRAEVORISCHES REICH Hauptstadt: Dunkelspitze Lady Elyssara beschwerte sich nun schon seit fast einer Stunde. Ihre Tante hatte vor zwanzig Minuten aufgehört zu antworten. Sie saß am geöffneten Gitterfenster und schenkte gelassen Tee in ihre Tasse, während Elyssara im privaten Salon des väterlichen Anwesens auf und ab lief. „Ich kann das nicht mehr." Die Tante seufzte. „Das hast du gestern auch gesagt." „Und gestern habe ich es ernst gemeint." „Vorgestern auch." „Da auch." Endlich sah die Tante auf. Elyssara ließ sich theatralisch aufs Sofa fallen. „Ich bin mit dem unmöglichsten Mann der Welt verheiratet." Die Mundwinkel der Tante zuckten. „Du bist mit dem Kaiser verheiratet." „Genau das ist das Problem." „Elyssara." „Was?" „Weißt du, wie viele Frauen alles dafür geben würden, an deiner Stelle zu sitzen?" Elyssara verdrehte die Augen. „Sollen sie ihn haben." Die Tante starrte sie an. „Das meinst du nicht ernst." „Doch." Sie griff nach einem Kissen und drückte es an die
„Wer hat meine Schicksalsgefährtin des Mordes beschuldigt?"Seradyn hörte auf zu atmen.Seine was?Sie starrte den maskierten Mann an, der vor ihr stand, und fragte sich für eine verwirrte Sekunde, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Schicksalsgefährtin? Die Worte ergaben keinen Sinn. Sie hatte diesen Mann nie zuvor gesehen, kannte seinen Namen nicht und wusste nicht, warum der mächtigste Alpha der Werwolfgebiete plötzlich bei ihrem Prozess erschienen war. Vor allem aber begriff sie nicht, warum er sie seine Schicksalsgefährtin genannt hatte.Doch bevor Seradyn fragen konnte, was er meinte, geschah etwas Seltsames.Alle bewegten sich.Nicht absichtlich und nicht auf Befehl. Sie begannen einfach, vor dem Kaiser zurückzuweichen. Die Krieger, die ihm am nächsten standen, wichen als Erste zurück, dann die anderen, während die Ältesten die Köpfe so hastig senkten, dass einige beinahe stolperten. Die Bediensteten drückten sich gegen die Wände, und selbst die Wachen, die Seradyn umringt hat
Die Ohrfeige kam vor der Anschuldigung.Mein Kopf flog zur Seite, und meine Wange brannte, während der gesamte Hof von Moonveil verstummte. Ich fasste mir nicht ins Gesicht; ich starrte nur die Frau an, die vor mir stand.Maevra Sorell ließ ihre zitternde Hand sinken, die Augen bereits voller Tränen.„Vergib mir, Seradyn."Beinahe hätte ich gelacht. Ihr vergeben? Dafür, dass sie mich vor dem gesamten Rudel geschlagen hatte?„Was genau soll ich dir vergeben?"Maevras Lippen bebten. „Dass du versucht hast, mich zu töten."Das Murmeln setzte sofort ein, und mein Magen sackte ab.„Was?"Quer durch den Zeremoniensaal tauschten die Ältesten finstere Blicke, während Krieger näher an ihre Familien rückten. Selbst die Bediensteten hörten auf, so zu tun, als lauschten sie nicht.Am anderen Ende des Saals, unter dem geschnitzten Wappen der Wölfe von Moonveil, saß Alpha Caelen Veyra vollkommen reglos. Mein Verlobter. Der Mann, der mir vor nur drei Wochen versprochen hatte, vor unserem gesamten Ru







