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Kapitel 2: Der Tribut

作者: RoguePumpkin
last update 公開日: 2026-10-18 00:46:56

„Wer hat meine Schicksalsgefährtin des Mordes beschuldigt?"

Seradyn hörte auf zu atmen.

Seine was?

Sie starrte den maskierten Mann an, der vor ihr stand, und fragte sich für eine verwirrte Sekunde, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Schicksalsgefährtin? Die Worte ergaben keinen Sinn. Sie hatte diesen Mann nie zuvor gesehen, kannte seinen Namen nicht und wusste nicht, warum der mächtigste Alpha der Werwolfgebiete plötzlich bei ihrem Prozess erschienen war. Vor allem aber begriff sie nicht, warum er sie seine Schicksalsgefährtin genannt hatte.

Doch bevor Seradyn fragen konnte, was er meinte, geschah etwas Seltsames.

Alle bewegten sich.

Nicht absichtlich und nicht auf Befehl. Sie begannen einfach, vor dem Kaiser zurückzuweichen. Die Krieger, die ihm am nächsten standen, wichen als Erste zurück, dann die anderen, während die Ältesten die Köpfe so hastig senkten, dass einige beinahe stolperten. Die Bediensteten drückten sich gegen die Wände, und selbst die Wachen, die Seradyn umringt hatten, zogen sich zurück, ihre Hände glitten von den Waffen.

Der Saal, der noch Augenblicke zuvor von Anschuldigungen erfüllt gewesen war, verfiel in eine unnatürliche Stille.

Seradyn sah sich verwirrt um und wandte sich dann Ältestem Vaerick zu. Der alte Richter war bereits aufgestanden, sein Gesicht war aschfahl, und er verbeugte sich so tief, dass seine Stirn fast den Boden berührte.

„Eure Kaiserliche Majestät."

Seradyns Augen weiteten sich.

Kaiserliche Majestät?

Sie blickte zurück zu dem Fremden. Also war das der Kaiser-Alpha, der Herrscher, dessen Name nur mit Vorsicht und nie beiläufig ausgesprochen wurde, der Mann, der über die Alphas gebot, die alle anderen regierten. Er zeigte sich fast nie persönlich, und obwohl sie die Geschichten kannte, die jeder kannte, hatte keine davon sie auf diesen Moment vorbereitet.

Sie hatte jemanden erwartet, der laut und prunkvoll war, vielleicht einen Mann, behängt mit Juwelen, der einen ganzen Saal brauchte, um seine Bedeutung zu verkünden.

Stattdessen sagte der Mann vor ihr nichts. Er stand einfach da, groß und breitschultrig, ganz in Schwarz gekleidet, und Silberstickerei zeichnete die Ränder seines langen Kaisermantels nach. Eine schwarze Maske verbarg den größten Teil seines Gesichts und ließ nur die untere Partie frei, doch selbst dieser kleine Ausschnitt zeigte einen scharfen Kiefer und einen so vollkommen beherrschten Ausdruck, dass es unmöglich war zu erraten, was er dachte.

Doch nicht sein Aussehen jagte allen Angst ein. Es war die Stille, die ihn umgab, die erdrückende Schwere seiner Gegenwart, die auf den ganzen Raum zu drücken schien. Auch Seradyn spürte sie, auch wenn sie es nicht recht Furcht nennen konnte. Es war eher ein Druck, als sei die Luft selbst plötzlich schwerer geworden und als erfordere das Atmen eine Anstrengung, die sie Augenblicke zuvor nicht gebraucht hatte.

Der Blick des Kaisers wanderte langsam durch den Saal. Er beachtete weder die knienden Ältesten noch Caelen oder Maevra. Nicht einmal Seradyn. Er sah sie nur einen nach dem anderen an, bis seine Augen schließlich auf Ältestem Vaerick ruhten.

Der alte Mann schluckte nervös.

„Eure Majestät, man hat uns nicht mitgeteilt, dass ..."

Der Kaiser hob eine Hand, und Ältester Vaerick verstummte sofort.

Die Geste enthielt keinen Zorn, keine Drohung, keine theatralische Zurschaustellung von Autorität. Es war nur eine kleine Bewegung, und doch gehorchte der Richter ohne ein weiteres Wort.

Seradyn starrte die beiden verwirrt an.

Was geht hier vor?

Schließlich sprach der Kaiser.

„Wo ist er?"

Seine Stimme war tief und ruhig, fast gleichgültig.

Ältester Vaerick blinzelte. „Eure Majestät?"

„Der Tribut."

Stille legte sich über den Saal.

Die Augen des Kaisers wurden ein wenig härter.

„Mein Tribut."

Niemand antwortete, also wanderte sein Blick zu dem Alpha am Kopfende des Saals. Caelen war bereits aufgestanden und verbeugte sich ehrerbietig.

„Eure Majestät, Moonveil ..."

„Drei Monate."

Caelen verstummte.

Der Kaiser machte einen langsamen Schritt nach vorn.

„Ihr habt es versäumt, mir meinen Tribut drei Monate in Folge zu senden."

Caelens Miene spannte sich an. „Eure Majestät, es gab Umstände, die außerhalb unserer Kontrolle lagen."

„Ich habe nicht nach Euren Umständen gefragt."

Die Worte waren leise, doch sie schnitten mit solcher Wucht durch den Saal, dass jedes Flüstern erstarb.

In der Mitte des Raumes blieb der Kaiser stehen und fixierte Caelen mit unbeirrbarem Blick.

„Ich habe gefragt, wo mein Tribut ist."

Caelen senkte den Kopf. „Er wird vorbereitet."

„Vorbereitet?" Der Kaiser lächelte schwach, beinahe spöttisch. „Nach drei Monaten?"

Niemand wagte, sich zu rühren.

Seine Aufmerksamkeit wandte sich den Bediensteten zu, die an den Wänden standen.

„Bringt mir die Aufzeichnungen."

Zwei Diener eilten sofort davon und ließen Seradyn dort zurück, wo sie stand, offenbar von allen im Raum vergessen.

Oder so glaubte sie.

Ihr Verstand mühte sich noch immer, zu begreifen, was geschehen war. Schicksalsgefährtin. Warum hatte der Kaiser sie so genannt? Warum hatte er sie angesehen, als hätten die Worte eine wichtige Bedeutung, und warum reagierte niemand darauf?

War sie die Einzige, die ihn gehört hatte?

Der Kaiser wandte den Kopf, und seine Augen trafen ihre.

Seradyn stockte der Atem.

Etwas Seltsames lag in seinem Blick, etwas, das sie nicht recht verstehen konnte. Es war keine Zuneigung, und auch nicht jene Art des Erkennens, die sie hätte deuten können. Was auch immer hinter diesen Augen lag, war weit beherrschter, verborgen unter Schichten der Zurückhaltung, die sie nicht zu durchdringen vermochte.

Sie konnte ihn nicht lesen.

Nach einem Moment sah er weg.

„Verdreifacht ihn."

Der Raum fiel in tödliche Stille.

Ältester Vaerick hob den Kopf, seine Lippen öffneten sich ungläubig.

„E-Eure Majestät ..."

„Der Tribut, den Ihr drei Monate lang nicht geliefert habt, wird verdreifacht."

„Selbstverständlich, Eure Majestät."

„Und ich will die übliche Gabe."

Ältester Vaerick verbeugte sich erneut. „Jawohl, Eure Majestät."

„Siebzig Frauen."

Seradyns Magen verkrampfte sich.

Der Kaiser fuhr fort, als spräche er über Getreidesäcke und nicht über Menschenleben.

„Gold, Seide, Edelsteine und alle Schätze, die Moonveil in den Monaten angehäuft hat, in denen es seine Pflicht vernachlässigte."

Caelens Fäuste ballten sich an seinen Seiten. Maevra stand starr neben ihm, und beide schluckten nervös, ihre Furcht vor dem Kaiser stand ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Eure Majestät, siebzig Frauen sind ...", begann Caelen.

„Siebzig."

Dieses eine Wort beendete den Einwand.

Caelen senkte den Kopf. „Jawohl, Eure Majestät."

Seradyn starrte ihn ungläubig an. Nie zuvor hatte sie Caelen so klein gesehen, so völlig machtlos. Es war derselbe Mann, der nur Minuten zuvor vor ihr gestanden und sie des Mordes beschuldigt hatte, derselbe Mann, der versprochen hatte, sie zu beschützen, und geschworen hatte, nie zuzulassen, dass ihr jemand wehtat.

Jetzt konnte er in Gegenwart des Kaisers kaum den Kopf heben.

Dann trafen seine Augen ihre, und etwas in seinem Ausdruck veränderte sich.

Seradyn spürte es sofort.

„Nein", flüsterte sie, das Wort entwich ihren Lippen, noch bevor sie verstand, warum sie es sagte.

Caelen sah weg.

Der Kaiser bemerkte den Blickwechsel.

„Gibt es noch etwas?"

Caelen zögerte, und Ältester Vaerick sah ihn unbehaglich an.

„Alpha Caelen."

Caelen schluckte, bevor er vortrat.

„Es gibt noch eine weitere Gabe."

Seradyn spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.

„Caelen."

Er sah sie nicht an.

Sie schüttelte den Kopf, ihre Augen flehten ihn an, aufzuhören.

„Tu es nicht."

Der Kaiser wartete geduldig.

Caelens Stimme sank, bis sie kaum mehr als ein Flüstern war.

„Seradyn Veyra."

Einen Moment lang schien die ganze Welt stillzustehen.

Seradyn starrte ihn an, unfähig zu glauben, was sie gerade gehört hatte.

„Du ..."

Ihre Stimme brach, während sie nach Worten rang.

„Das kann nicht dein Ernst sein."

Caelen wandte sich schließlich zu ihr um, und für einen flüchtigen Moment sah sie Schuld in seinen Augen. Doch sie verschwand fast ebenso schnell, wie sie aufgetaucht war, verschluckt vom Instinkt, sich selbst zu retten.

„Sie wird den Tribut begleiten."

Ein kurzes, gebrochenes Lachen entwich Seradyns Lippen. Sie konnte nicht anders. Der Verrat war so grausam, so unbegreiflich, dass Lachen der einzige Laut war, zu dem sie fähig war.

„Du hast es mir versprochen."

Caelen schwieg.

„Du hast mir versprochen, mich zu heiraten."

Wieder blieb er stumm.

„Du hast mir gesagt, ich sei deine zukünftige Luna."

Der Kaiser beobachtete, ohne zu sprechen.

Verzweifelt wandte sich Seradyn ihm zu, in der Hoffnung, dass irgendjemand das Unrecht erkennen würde, das ihr geschah.

„Eure Majestät, bitte. Ich gehöre nicht zum Tribut."

Der Blick des Kaisers ruhte auf ihr, doch seine Miene blieb undurchschaubar.

„Ich habe nichts Unrechtes getan", flehte sie.

Er gab keine Antwort.

„Sie lügt!", rief Maevra plötzlich.

Seradyn fuhr zu ihr herum.

„Du!"

Maevra rückte näher an Caelen heran, ihr Ausdruck wurde härter, während sie ihre Anschuldigung fortsetzte.

„Sie hat mich angegriffen. Sie hat versucht, mein Kind zu töten."

„Dein Kind?"

Seradyns Augen brannten vor Tränen.

„Du hast mir meinen Verlobten gestohlen, und jetzt stiehlst du mir mein Leben!"

Maevras Miene wurde kälter, doch Caelen sah nur weg.

Da begriff Seradyn endlich.

Er hatte seine Entscheidung längst getroffen. Er hatte ihr Leben gegen seine eigene Bequemlichkeit und sein Überleben abgewogen, und sie war das Einfachste gewesen, was er opfern konnte.

Ihre Knie gaben nach.

Sie wandte sich ihm noch einmal zu und versuchte es ein letztes Mal.

„Caelen."

Er antwortete nicht.

„Bitte."

Nichts.

„Tu mir das nicht an." Ihre Stimme zitterte, als sie einen verzweifelten Schritt auf ihn zumachte. „Du kennst mich."

Caelens Kiefer spannte sich an, doch er weigerte sich weiterhin zu sprechen.

„Ich habe dir alles erzählt", fuhr Seradyn fort und suchte in seinem Gesicht nach der kleinsten Spur des Mannes, den sie geliebt hatte.

Das ließ ihn schließlich aufsehen.

Für einen kurzen Moment sah sie Zögern in seinen Augen, gefolgt von Schuld. Doch anstatt die Wahrheit einzugestehen oder sie zu verteidigen, entschied er sich, das letzte bisschen Vertrauen zu zerstören, das ihr geblieben war.

„Dann sollte der Kaiser vielleicht erfahren", sagte Caelen leise, „was du mir erzählt hast."

Seradyns Gesicht wurde leer.

„Caelen ..."

Er wandte sich dem Kaiser zu.

„Sie hat ein Geheimnis, das ihre Abstammung betrifft."

Seradyn schüttelte heftig den Kopf.

„Nein."

Caelen sprach weiter, als hätte er sie nicht gehört.

„Ihre Mutter war nicht vollständig von Moonveil-Blut."

„Hör auf!"

Seradyn stürzte vor, Panik durchflutete sie, während das Geheimnis, das sie ihm anvertraut hatte, das wenige zu zerstören drohte, was von ihrem Leben noch übrig war.

„Du hast geschworen, es niemals jemandem zu erzählen!"

Caelen erwiderte ihren Blick.

„Es tut mir leid."

„Nein!"

Sie wandte sich dem Kaiser zu, und die Verzweiflung überwältigte ihren Stolz, als sie vor ihm auf die Knie fiel.

„Eure Majestät, bitte. Ich habe der falschen Person vertraut. Das ist alles. Ich wollte Euch nie etwas verheimlichen."

Der Kaiser blickte auf sie hinab, sein Ausdruck so ruhig und undurchschaubar wie zuvor.

Seradyns Tränen fielen auf den Boden.

„Bitte nehmt mich nicht mit."

Er sagte nichts.

„Ich habe sonst nirgendwo hin."

Wieder keine Antwort.

„Ich habe nichts Unrechtes getan."

Der Kaiser sah sie weiter an, und für einen qualvollen Moment glaubte Seradyn, er würde endlich zu ihrer Verteidigung sprechen.

Stattdessen gab er einen leisen Befehl.

„Führt sie ab."

Zwei Wachen traten sofort vor.

Seradyn schrie, als sie ihre Arme packten.

„Nein!"

Sie wehrte sich gegen ihren Griff und wand sich verzweifelt, um sich zu befreien.

„Caelen!"

Er rührte sich nicht.

„Caelen, bitte!"

Endlich sah er sie an, und für einen Herzschlag sah Seradyn den Mann, den sie geliebt hatte, den Mann, der sie einst festgehalten und ihr eine gemeinsame Zukunft versprochen hatte.

Dann wandte er sich ab.

Ihr Herz zerbrach.

„Du hast gesagt, dass du mich liebst!"

Die Wachen zerrten sie rückwärts, immer weiter weg von dem Mann, der ihr alles versprochen hatte und nun zuließ, dass sie alles verlor.

„Bitte!", schrie sie und wandte sich verzweifelt dem Kaiser zu. „Eure Majestät, bitte!"

Er blieb, wo er war, und sah zu, ohne sich zu bewegen oder zu sprechen, als sei ihr Leid nichts weiter als eine unbedeutende Unterbrechung der Geschäfte des Hofes.

Einer der Wächter hob plötzlich die Hand.

Der Handrücken traf Seradyn quer über das Gesicht.

Schmerz explodierte in ihrer Wange, riss ihren Kopf zur Seite, und ihr Blick verschwamm.

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