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Kapitel 3: Das Gift der Lilie

Author: Déesse
last update publish date: 2026-02-06 00:58:27

Élianor

Ich renne, blind vor Tränen. Das Gelächter der Kantine verfolgt mich, vermischt sich mit dem panischen Schlagen meines Herzens und dem Geräusch meiner schweren Schritte auf dem Bürgersteig. Ich weiß nicht, wohin ich gehe. Weg. Einfach weg von diesen fratzenhaften Gesichtern, dieser institutionalisierten Grausamkeit. Schließlich flüchte ich in den kleinen öffentlichen Park am Rande der Stadt, einen Ort, der zu dieser Unterrichtszeit verlassen ist. Ich kauere mich auf eine Bank, ganz hinten, versteckt hinter einem Rhododendronbusch. Mein Körper wird von stillem Schluchzen geschüttelt, von Schluckaufen, die mir die Brust zerreißen. Die Scham ist eine Säure, die alles Innere zerfrisst.

— Élianor?

Die Stimme ist sanft, männlich. Ich hebe erschrocken den Kopf und erwarte eine neue Gemeinheit. Aber es ist kein Peiniger. Es ist Raphaël.

Raphaël de Saint-Clair. Der Junge, dessen bloßes Vorbeigehen auf dem Flur alle Herzen höherschlagen lässt, auch meines, heimlich, mit der schmerzhaften Gewissheit seiner Unmöglichkeit. Er steht da, sein kastanienbraunes Haar vom Wind zerzaust, seine verstörend grünen Augen mit einer Besorgnis auf mich gerichtet, die aufrichtig scheint. Aus der Nähe ist er noch schöner, von einer Schönheit, die wehtut.

— Ich… ich habe dich weggehen sehen. Was sie getan haben… das war monströs.

Seine Stimme ist Samt, eine Berührung auf meinen offenen Wunden. Er setzt sich neben mich, ohne mich zu berühren, respektiert die Aura der Verzweiflung, die mich umgibt. Sein dezenter, holziger Duft dringt zu mir.

— Ich weiß nicht, was ich sagen soll, murmelt er und schüttelt den Kopf. Liora und die anderen… sie überschreiten jede Grenze. Das hast du nicht verdient.

Niemand hatte mir das je gesagt. Niemand. Die Tränen fließen stärker, aber dieses Mal ist es anders. Es ist eine Mischung aus Schmerz und einer verrückten, naiven Hoffnung, die es wagt, sich zu regen.

— Warum… warum bist du hier? stammle ich mit rauer Stimme.

— Weil es ungerecht ist, antwortet er einfach. Weil ich Feigheit nicht ertrage.

Er hält mir ein weißes Papiertaschentuch hin, makellos. Eine Geste von unendlicher Zartheit in meiner Welt der Brutalität. Mit zitternder Hand nehme ich es, wische mir die nassen Wangen ab.

— Sie sind alle Idioten, Élianor. Sie sehen es nicht.

— Was sehen sie nicht? sage ich mit bitterem Lachen. Sie sehen sehr gut.

Er dreht sich zu mir, sein Blick intensiv, durchdringend.

— Sie sehen nicht, dass du die schönsten Augen hast, die ich je gesehen habe. Von einem silbergrau, wie ein Winterhimmel. Sie sind voller Dinge, weißt du. Traurigkeit, ja, aber auch Stärke. Eine Kraft, die nur darauf wartet, erblühen.

Seine Worte durchbohren mich. Es ist das schönste Kompliment, das man mir je gemacht hat. Das einzige. Ein Hauch frischer Luft in meinem Gefängnis. Ich sehe ihn an, unfähig, den Blick abzuwenden, hypnotisiert. Ist das ein Traum? Eine Falle? Aber sein Blick ist so offen, so sanft.

— Solltest du nicht bei ihnen sein? Bei den Beliebten?

— Die "Beliebten"? macht er mit einer kleinen verächtlichen Miene. Sie langweilen mich. Ihre Welt ist klein, engstirnig. Du… ich spüre, dass deine Welt im Inneren riesig ist.

Er legt seine Hand auf meine, auf der Bank. Seine Haut ist warm. Die Wärme breitet sich an meinem Arm aus, überflutet meine eiskalte Brust. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ein Junge, dass ein Mensch mich mit solcher Zärtlichkeit berührt. Ich schmelze dahin. Alles Misstrauen, jede Hülle aus Scham bricht unter der Sonne seiner Aufmerksamkeit.

— Du bist so viel mehr als das, was sie sagen, Élianor. So viel mehr als dieser Körper, den du hasst. In dir steckt eine Königin. Warte nur, bis man ihr erlaubt zu regieren.

Er spricht, und seine Worte sind Balsam, Zauber. Er sieht mich. Er, Raphaël, der Prinz dieser Schule, er sieht mich. Und er sieht kein Monster. Er sieht eine Königin.

Wir bleiben lange dort, manchmal schweigend, manchmal reden wir über anderes. Er erzählt mir von Malerei, von Büchern, die sonst niemand liest, von seinem Wunsch, diese erstickende Stadt zu verlassen. Er fragt nach meiner Meinung. Er hört meine Antwort. Es ist berauschend. Es ist gefährlich.

Als die Glocke in der Ferne läutet, das Ende des Unterrichts ankündigt, erhebt er sich widerstrebend.

— Wir müssen gehen. Aber… ich will dich wiedersehen. Allein. Heute Abend. An der alten Mühle am Fluss. Kommst du?

Sein Blick ist ein Versprechen. Ein Gebet.

Mein aufgeregtes Herz schreit "Ja". Mein Instinkt, kaum hörbar, flüstert "sei vorsichtig". Aber wie kann man einem Leuchtturm widerstehen, wenn man sein ganzes Leben in der Dunkelheit gesegelt ist?

— Ich… ich werde es versuchen, flüstere ich.

Er lächelt, ein Lächeln, das die Pole zum Schmelzen bringen könnte.

— Perfekt. Bis heute Abend dann.

Er geht, und ich bleibe auf der Bank sitzen, das zerknüllte Taschentuch in der Hand, sein Duft in der Luft, seine Worte im Echo in meinem Kopf. "Eine Königin in dir." Die Scham von vorhin ist immer noch da, aber sie ist überzogen mit einer goldenen, glänzenden und trügerischen Schicht. Raphaël. Er hat mich ausgewählt. Gegen alle anderen.

Ich stehe auf, die Beine zittern, aber zum ersten Mal an diesem Tag hebe ich den Kopf. Die Hoffnung ist ein bittersüßes Gift. Und ich bin bereit, mich zu berauschen, ohne zu wissen, dass der Kater am nächsten Tag von unvorstellbarer Gewalt sein wird. Der Sturz war nur das Vorspiel. Der wahre Verrat, der herzzerreißendste, hat gerade erst begonnen.

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