MasukÉlianor
Die zwei Wochen, die folgen, sind ein Traum im Wachen, ein goldener und unwirklicher Traum, aus dem ich jeden Moment zu erwachen fürchte. Raphaël begnügt sich nicht mit seinem Versprechen. Er verkörpert es.
Er ist überall.
Am Tag nach unserer Begegnung im Park gehe ich mit flauem Magen zur Schule und erwarte eine neue Qual. Aber an meinem Spind steckt eine wilde Blume, eine Kornblume, im Schlitz. Kein Wort. Nur dieser lebhafte Farbfleck auf dem grauen Metall. Mein Herz macht einen Satz.
Auf dem Flur geht er neben mir. Er nimmt mich nicht am Arm, drückt nicht meine Hand, allein seine Anwesenheit ist eine Erklärung. Er spricht, seine ruhige Stimme übertönt das Geflüster.
— Hast du das Buch fertig gelesen, von dem ich dir erzählt habe, Élianor?
Die Blicke sind anders. Weniger Verachtung, mehr Fassungslosigkeit. Neugier. Sogar Eifersucht, in den Augen mancher Mädchen.
Die Tage vergehen. Die Kornblume wird durch ein Gänseblümchen ersetzt, dann durch einen kleinen Fliederzweig. Jeden Morgen wartet eine stille Überraschung auf mich. Er vereitelt alle meine Pläne, allein zu essen, setzt sich mir in der Kantine mit seinem Tablett gegenüber. Er scheint die schiefen Blicke, das unterdrückte Lachen, das allmählich nachlässt, nicht einmal zu bemerken.
— Erzähl mir, sagt er. Erzähl mir, was du über dieses Gedicht denkst.
Er hört mir zu. Wirklich. Seine grünen Augen sind auf meine gerichtet, er nickt, er lächelt über meine Gedanken. Er behandelt mich wie eine Intellektuelle, wie eine Gleichgestellte. Er spricht von meinen "Augen voller Stürme" und der "Sanftheit" meiner Stimme. Seine Komplimente sind Rettungsringe, an die ich mich klammere, die mich über der Oberfläche eines Ozeans aus Zweifeln halten.
Unsere heimlichen Treffen an der alten Mühle werden zur Gewohnheit. An den Abenden, an denen ich mich davonstehlen kann, treffen wir uns dort, sitzen auf dem kalten Stein und sehen dem Fluss beim Fließen zu. Er kommt näher. Eines Abends streift seine Schulter meine. Ein Schauer durchläuft mich. Ein anderes Abend streicht er mir eine Strähne aus dem Gesicht, seine Finger berühren meine Wange. Ich halte den Atem an.
— Du bist so anders als sie, Élianor. So viel... echter.
Seine Worte sind Balsam auf den Narben, die die "Wale" und "Fettsäcke" hinterlassen haben. Unter seinem Blick beginne ich, schüchtern, zu existieren. Ich ertappe mich dabei, wie ich lächele. Sogar lache, ein vergessener Laut, fremd in meinen eigenen Ohren. Ich ertappe mich dabei, wie ich für Momente das Gewicht meines Körpers vergesse. Er erwähnt es nie. Es ist, als ob diese Hülle für ihn nicht existierte. Er sieht nur das Innere, die Seele, die er angeblich entdeckt.
Es ist eine beharrliche, geduldige, bezaubernde Werbung. Er baut um mich einen gläsernen Palast aus Aufmerksamkeit und sanften Worten. Ich lasse mich darin nieder, fühle mich sicher, beschützt. Geliebt? Die Hoffnung, verboten und verrückt, keimt in meinem verletzten Herzen. Was, wenn es wahr wäre? Was, wenn er, Raphaël, das sähe, was sonst niemand je gesehen hat?
Eines Nachts, im Mondlicht, während das Zirpen der Grillen unser Schweigen begleitet, dreht er sich zu mir. Sein Gesicht ist so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüren kann.
— Élianor, flüstert er.
Er sagt nichts weiter. Er braucht keine Worte. Er beugt sich vor und berührt meine Lippen mit seinen. Ein Kuss. Leicht wie eine Feder, kurz wie ein Flügelschlag. Der erste. Ein Funke purer Magie in meiner Nacht.
Als er sich zurückzieht, bin ich wie versteinert, atemlos, die Lippen brennen. Er lächelt, ein Lächeln, das zugleich traurig und sanft ist.
— Ich muss gehen. Bis morgen.
Er geht, lässt mich allein zurück, zitternd, das Herz pocht wie wild. Ich führe meine Finger an meine Lippen. Sein Geschmack ist noch da. Der Geschmack der Lüge auch, aber ich bin zu berauscht, um ihn zu erkennen.
Ich gehe an diesem Abend wie auf Wolken nach Hause. Meine Schwester Liora wirft mir einen verstohlenen Blick zu, verächtlich, aber auch neugierig.
— Du siehst komisch aus. Hast du wieder eine Tüte Chips gefunden, um sie zu verschlingen?
Ich antworte nicht. Ich gehe in mein Zimmer, sehe in den Spiegel. Mein Spiegelbild ist das gleiche. Die unförmige Masse, das runde Gesicht. Aber zum ersten Mal glaube ich, in meinen grauen Augen einen Schimmer zu sehen. Einen Schimmer, den Raphaël darin entzündet hat.
Ich lege mich hin, vergrabe das Gesicht im Kissen, erlebe diesen Kuss immer und immer wieder. Es ist die schönste Nacht meiner siebzehn Jahre. Die süßeste. Die grausamste.
Ich weiß noch nicht, dass ich auf einem Drahtseil tanze, über einem Abgrund. Ich weiß nicht, dass jeder zärtliche Blick, jede Blume, jedes sanfte Wort ein Meißelschlag ist, der das Eis unter meinen Füßen ein wenig mehr brüchig macht. Raphaël ist nicht mein Retter.
Er ist der Architekt meines endgültigen Falls. Und in zwei Wochen, Tag genau, wird er selbst die Falltür öffnen.
MARCUSDer Kaffee rinnt mir die Kehle hinunter, heiß, bitter. Ein Bollwerk gegen die Schlaflosigkeit und die Erinnerungen, die noch hinter meinen Augenlidern tanzen. Ich sitze auf der Terrasse des Gästehauses, im Schutz der Blicke, und beobachte, wie das große Haus erwacht. Die frische Morgenluft schafft es nicht, die zurückbleibende Wärme des Traums abzuwaschen.Dann sehe ich sie.Auf der sonnigen Veranda des Haupthauses, zwei kleine Gestalten. Ein Junge und ein Mädchen. Sie müssen fünf Jahre alt sein. Der Junge spricht mit seiner Schwester, lebhaft, und zeigt mit dem Finger in den Garten.Und mein Herz bleibt stehen.Der Junge… es ist, als würde ich auf ein vergilbtes Foto von mir selbst in diesem Alter blicken. Dieselben unordentlichen kastanienbraunen Haare. Dieselbe eigensinnige Kinnpartie. Dieselbe Art, sich hinzustellen, leicht trotzig, selbst in der Entspannung.Das
MARCUSDie Nacht im Gästehaus ist dicht, porös. Sie lässt Erinnerungen durchsickern, aber das Wesentliche fließt hindurch: die Empfindung. Es ist nicht ein Bild, das zuerst kommt, es ist eine Stimmung. Die schwüle Hitze einer Sommernacht. Leise Musik, von irgendwoher. Das scharfe, berauschende Gefühl des Verbotenen.Vor sechs Jahren. Ein anonymes Hotel. Ich, dort gestrandet, ausgelaugt von der Müdigkeit. Sie…Im Traum hat sie kein Gesicht. Nur eine Präsenz. Die Rundung einer Hüfte unter Seide. Ein dargebotener Nacken. Ein ersticktes Lachen an meiner Schulter. Eine Fremde. Eine Flucht. Mein Verlangen und meine Einsamkeit, die sich in einem anderen Körper zu vernichten suchen.Ich sehe, wie ich sie an mich ziehe. Mund auf Mund, im Fahrstuhl mit seinen endlosen Spiegeln. Der Geschmack eines süßen Cocktails auf ihren Lippen. Die Dringlichkeit. Dieses viszerale Bedürfnis, m
MARCUSDie Nacht im Gästehaus ist dicht, porös. Sie lässt Erinnerungen durchsickern, aber das Wesentliche fließt hindurch: die Empfindung. Es ist nicht ein Bild, das zuerst kommt, es ist eine Stimmung. Die schwüle Hitze einer Sommernacht. Leise Musik, von irgendwoher. Das scharfe, berauschende Gefühl des Verbotenen.Vor sechs Jahren. Ein anonymes Hotel. Ich, dort gestrandet, ausgelaugt von der Müdigkeit. Sie…Im Traum hat sie kein Gesicht. Nur eine Präsenz. Die Rundung einer Hüfte unter Seide. Ein dargebotener Nacken. Ein ersticktes Lachen an meiner Schulter. Eine Fremde. Eine Flucht. Mein Verlangen und meine Einsamkeit, die sich in einem anderen Körper zu vernichten suchen.Ich sehe, wie ich sie an mich ziehe. Mund auf Mund, im Fahrstuhl mit seinen endlosen Spiegeln. Der Geschmack eines süßen Cocktails auf ihren Lippen. Die Dringlichkeit. Dieses viszerale Bedürfnis, m
ÉLIANORSie errötet leicht, verraten. Wir wissen beide, dass »verwirrt« ein schwaches Wort ist, um die elektrisierende Wirkung zu beschreiben, die zwischen ihnen im Garten hin- und hergefahren ist.— Und wenn du erwischt wirst?— Ich werde nicht erwischt. Das ist unser Haus. Unser Garten. Ich bin eine harmlose alte Dame, die nachschaut, ob für ihren Mieter alles in Ordnung ist.— Martha…— Es ist entschieden, Élianor. Ich bitte nicht um deine Zustimmung. Ich bitte dich, nichts zu sagen. Tu, als ob nichts wäre. Beobachte ihn. Ich kümmere mich um den Beweis.Sie schüttelt den Kopf, erschöpft, besiegt von der Entschlossenheit, die in meinen Augen leuchten muss.— Ich will es nicht wissen. Ich will nichts vom Ergebnis wissen, hörst du? Wenn du das tust… tu es für dich. Nicht für mich.Sie dreht sich um un
ÉLIANORDas Kinderzimmer ist ein Heiligtum der Sanftheit und des Friedens, das mich zerreißt. Léon, mein Engel mit den dunklen Locken, schläft bereits, eine Hand unter die Wange gelegt. Lilou, sein Zwilling, etwas zurückhaltender, atmet sanft, ihr Kuscheltier fest ans Herz gedrückt. Zwei Gesichter, so ähnlich, so verschieden. Zwei Wunder, geboren aus dem Vergessen.Ich beuge mich über jedes von ihnen, hinterlasse einen so leichten Kuss auf ihrer Stirn, als könnte ein stärkerer Druck sie in eine zu brutale Welt wecken. Mein Herz zieht sich zusammen. An sie denke ich. Immer an sie. Der Rest – die Angst, die Verwirrung, diese zerreißende Anziehung zu dem Fremden im Garten – ist nur Lärm. Gefährlicher Lärm.Ich verlasse das Zimmer auf Zehenspitzen, schließe die Tür mit der Stille einer Diebin. Der Flur ist dunkel. Das Haus, zu still. Jeder Schritt zum Bad
MARTHADas Schweigen dauert eine Ewigkeit. Ich sehe die Gedanken in den Augen meiner Tochter wirbeln, ich sehe die stumme Wiedererkennung, den Schock, die schreckliche Anziehung, die zwischen ihnen hin- und herfährt wie ein Funke in trockenem Pulver. Ich muss eingreifen. Jetzt.— Élianor, mein Schatz, sage ich mit erzwungener, falsch klingender Normalität. Das ist Mr. Thorne. Marcus Thorne. Er… er wird das Gästehaus für einige Zeit mieten.Ich halte das Geld leicht hoch, wie einen Beweis, eine armselige Rechtfertigung.Élianor blinzelt, durch meine Stimme zurück an die Oberfläche geholt. Sie wendet endlich ihren Blick von Marcus ab und richtet ihn auf mich. Er ist voller stummer Fragen, Vorwürfe, Verwirrung.— Das Gästehaus? wiederholt sie mit erloschener Stimme.Dann, bevor ich etwas hinzufügen kann, dreht sie sich zu mir um, und ihre Stimme, plö







