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Ein Hoffnungsschimmer

last update publish date: 2026-06-28 01:31:31

Die Tage bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag schienen endlos zu vergehen, jeder einzelne schleppte sie durch dieselbe höllische Schulroutine.

Jeden Morgen zählte Lily die Stunden herunter und redete sich ein, dass bald alles vorbei sein würde. Die Freiheit war so nah, sie konnte sie fast schmecken.

Sie hatte lange über ihre Flucht nachgedacht, und nun waren es nur noch wenige Tage. Doch je näher ihr Geburtstag rückte, desto mehr beschlich sie ein Gefühl der Unruhe.

„Lily, bist du dir sicher?“, fragte ihre beste Freundin Maya, als sie in der Mittagspause unter einem großen Baum am Rande des Schulhofs saßen.

Es war der einzige Ort, an dem sie nicht mit Essen beworfen wurde, anders als in der Cafeteria, wo sie ständig beschimpft und mit allerlei Dingen beworfen wurde.

Wenigstens war sie bei Maya, der einzigen Person in der ganzen Clique, die sie mit Freundlichkeit behandelte. Sie war schon seit ihrer Kindheit für Lily da gewesen und hatte ihr beigestanden, selbst als das Mobbing unerträglich wurde.

Lily betrachtete ihr Sandwich. Ihr Entschluss zu fliehen wuchs.

„Ich habe keine Wahl, Maya. Ich kann nicht länger hierbleiben. Nicht mit ihnen.“ Sie blickte einen Moment lang zum Schulgebäude, wo Lucas und Liam vermutlich gerade ihre nächste Runde Beleidigungen planten.

„Ich verstehe dich, wirklich“, sagte Maya mit sanfter, verständnisvoller Stimme. „Aber weglaufen? Das ist gefährlich. Du hättest dann nicht mehr den Schutz des Rudels. Was, wenn dir etwas zustößt?“

Lily seufzte. Sie wusste, dass Mayas Sorge berechtigt war, aber sie wusste auch, dass Bleiben keine Option war.

„Das Rudel kümmert sich schon lange nicht mehr um mich“, erwiderte sie.

Das Rudel hatte sie nie beschützt, weder als ihr Vater verbannt wurde, noch als die Alpha-Zwillinge ihr Leben zur Hölle machten.

„Es ist der einzige Weg“, sagte Lily. „Außerdem habe ich gespart. Ich komme eine Weile damit zurecht. Ich werde schon einen Weg finden.“

Maya war noch nicht überzeugt. Ihr lag das Wohl ihrer besten Freundin sehr am Herzen.

„Und wohin gehst du?“, fragte sie.

„Ich weiß es noch nicht. Vielleicht in eine kleine, ruhige Stadt, weit weg von hier. Dort fange ich neu an und vergesse diesen Ort komplett.“ Lily versuchte, selbstbewusst zu klingen, aber in Wahrheit hatte sie keine Ahnung, wie das Leben außerhalb des Rudels aussehen würde.

Sie kannte nur diese Welt, aber sie wollte lieber das Risiko eingehen, als hier zu bleiben und zu leiden.

Maya wollte nicht, dass sie ging, aber sie hatte gesehen, wie sehr Lily jahrelang gelitten hatte. Es war das Beste, was sie tun konnte.

„Versprich mir einfach, dass du vorsichtig bist und mich immer anrufst“, sagte Maya.

„Versprochen“, sagte Lily und lächelte, während sie Maya umarmte. Sie war die Einzige, die sie vermissen würde.

Die Schulglocke klingelte und die Mittagspause war vorbei. Lily stand auf und nahm ihren Rucksack über die Schulter.

„Mir geht es gut, Maya. Ich muss nur die nächsten Tage durchhalten, und dann bin ich weg“, sagte sie und versuchte, stark zu wirken, damit Maya sich keine Sorgen machte.

Maya schenkte ihr ein schwaches Lächeln.

„Mach bloß nichts Verrücktes, okay?“, riet sie ihr.

„Mach ich nicht“, sagte Lily und umarmte sie noch einmal.

Als Lily zurück zum Unterricht ging, fühlte sich ihr Herz schwerer an als sonst.

Maya war ihre einzige Freundin, die Einzige, die jemals zu ihr gehalten hatte. Sie zurückzulassen, war einer der schwersten Teile ihres Plans, aber sie konnte für niemanden bleiben.

Das Rudel hatte ihr das Gefühl gegeben, klein zu sein, Freundschaft, Liebe oder auch nur grundlegenden Respekt nicht wert. Sie musste gehen, um ihrer selbst willen.

Lily saß den Rest des Nachmittagsunterrichts da und schenkte dem Unterricht kaum Aufmerksamkeit, hauptsächlich weil Lucas und Liam sie ständig mit Papieren bewarfen.

Als die Schulglocke klingelte, packte sie ihre Sachen und ging zum Haupteingang. Sie war schon halb den Flur entlang, als eine Stimme sie aufhielt.

„Schon wieder weg, Wolfsmüll?“

Lily drehte sich um und sah Liam an. Sie sah, dass seine Hand um seine Freundin Lexa lag, die lachte, als sie sah, wie er sie verspottete.

Lily ging weiter und wollte ihm nicht die Genugtuung einer Reaktion gönnen.

„Ach komm schon, Lily“, rief Liam ihr nach, seine Stimme voller gespielter Süße. „Ignorier mich nicht. Ich dachte, wir wären Freunde.“

Lily ballte die Fäuste, ging aber weiter zur Tür. Sie würde sich heute nicht von ihm beeinflussen lassen. Nicht jetzt, wo sie kurz davor stand, all das hinter sich zu lassen.

Bevor sie hinausgehen konnte, packte sie eine kräftige Hand am Arm und hielt sie auf. Sie drehte sich um und sah Lucas vor sich stehen, seine eisblauen Augen fixierten sie.

Sein Griff um ihren Arm tat nicht mehr so ​​weh, sie war es gewohnt, aber er war fest genug, um ihr Herz rasen zu lassen.

„Du glaubst, du kannst einfach so gehen?“, fragte er mit tiefer, bedrohlicher Stimme.

Lily sah ihn wütend an und versuchte, ihren Arm aus seinem Griff zu befreien, doch er war zu stark.

„Was willst du, Lucas?“, fragte sie, während sie versuchte, den Schmerz zu ertragen, den er ihr zufügte.

Lucas antwortete nicht sofort. Er starrte sie nur an, als suche er etwas in ihrem Gesicht.

Seine Augen, sonst so kalt und grausam, verrieten etwas anderes, etwas, das Lily nicht recht deuten konnte.

Einen Moment lang dachte sie, er würde vielleicht etwas anderes sagen, etwas, das keine Beleidigung oder ein Spott war. Doch dann tauchte Liam neben ihm auf, sein typisches Grinsen auf dem Gesicht.

„Komm schon, Lucas“, sagte Liam und legte seinem Zwillingsbruder den Arm um die Schultern. „Sie ist es nicht wert.“

Lucas’ Kiefer verkrampfte sich, aber er sagte nichts. Er sah Liam an, dann wieder Lily, sein Gesichtsausdruck war undurchschaubar.

„Ja, bin ich nicht“, murmelte Lily, löste sich von ihnen, wandte sich ab und ging zur Tür.

Sie hatte genug von ihren Spielchen.

An diesem Abend, als Lily in ihrem Zimmer saß, ging sie ihren Plan ein letztes Mal durch.

Sie hatte fast alles gepackt, nur das Nötigste: Kleidung, etwas zu essen und das wenige Geld, das sie über die Jahre angespart hatte.

Sie hatte nicht viel, aber es würde reichen, um aus dem Gebiet des Rudels zu fliehen. Das war alles, was sie brauchte.

Ihr Herz hämmerte, als sie daran dachte. In wenigen Tagen würde sie weg sein. Keine Schule mehr, kein Mobbing mehr, keine Alpha-Zwillinge mehr. Endlich wäre sie frei.

Ihr Handy vibrierte auf dem Tisch, und sie nahm es in die Hand. Es war eine Nachricht von Maya.

„Alles okay? Ich hab gehört, was die beiden Monster angestellt haben“, fragte sie.

Lily antwortete schnell und versicherte ihrer Freundin, dass alles in Ordnung sei. Doch in Wahrheit war es das nicht. Sie spürte, wie ein Sturm aufzog, und wusste nicht, wie sie ihn aufhalten sollte.

Während sie sich auf ihr Bett zurücklehnte und an die Decke starrte, dachte sie über Lucas’ seltsames Verhalten von heute Morgen nach.

Er hatte sie anders angesehen, fast so, als wollte er ihr etwas sagen. Aber was? Bekam er etwa Schuldgefühle wegen seines Verhaltens ihr gegenüber?

Lily schüttelte den Kopf. Es spielte keine Rolle. Bald würde sie fort sein, und was auch immer mit den Zwillingen los war, würde sie nicht mehr betreffen.

Dennoch ließ sie das Gefühl der Angst nicht los.

Später am Abend ging Lily in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Als sie am Fenster stand und in die Nacht hinausblickte, fiel ihr etwas auf.

Jemand stand auf der Straße und starrte ihr Haus an. Es war zu dunkel, um genau zu sehen, aber sie konnte die Gestalt einer Person erkennen, die sie beobachtete.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken.

Ihr Glas fiel ihr aus der Hand, und als sie wieder hinaussah, war die Person verschwunden.

Ihr Herz raste, als sie vom Fenster zurücktrat. Wer hatte sie beobachtet? Und warum?

Auf dem Weg zurück in ihr Zimmer versuchte sie, sich zu beruhigen, obwohl sie panische Angst hatte. Irgendetwas stimmte ganz bestimmt nicht.

Und zum ersten Mal fragte sich Lily, ob sie ihren achtzehnten Geburtstag wirklich erleben würde.

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