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Geheimnisse

last update publish date: 2026-06-28 01:34:31

Die Tage vergingen, doch das seltsame Gefühl in Lilys Brust wurde immer stärker.

Maya hatte bemerkt, dass sie in der Schule abgelenkt war.

„Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“, fragte sie zum dritten Mal in dieser Woche, während sie sich in der Mittagspause im Schulhof neben Lily setzte.

Lily nickte.

„Ja, alles gut. Nur müde“, antwortete sie.

„Wovon denn? Du machst ja nicht die ganze Nacht durch für die Schule“, neckte Maya, doch ihre Augen verrieten Besorgnis. „Hör mal, ich weiß, es ist nicht einfach mit den Zwillingen, aber irgendetwas stimmt nicht. Du verhältst dich komisch.“

Lily seufzte und lehnte sich an den Baum, unter dem sie saßen.

„Es liegt nicht nur an ihnen“, gab sie zu. „Da ist … noch etwas anderes.“

Maya runzelte die Stirn.

„Was meinst du?“, fragte sie fast sofort.

Lily zögerte, unsicher, ob sie das Thema überhaupt ansprechen sollte.

Sie wollte nicht paranoid wirken, aber das Angstgefühl hatte sie schon seit Tagen nicht losgelassen. Schließlich beschloss sie, Maya von der Person zu erzählen, die sie vor ihrem Fenster gesehen hatte.

„Ich glaube, jemand beobachtet mich“, flüsterte Lily. „Vor ein paar Nächten sah ich jemanden draußen bei den Bäumen stehen. Er war einfach nur da und hat mich beobachtet. Und dann war er verschwunden.“

„Du hast jemanden gesehen? Wer? War es einer der Zwillinge?“, fragte Maya mit geweiteten Augen.

„Ich weiß es nicht. Es war zu dunkel, um sein Gesicht zu erkennen, aber es würde mich nicht wundern, wenn es Liam oder Lucas gewesen wäre. Vielleicht ist das ihre kranke Art, mich noch mehr zu erschrecken“, antwortete sie.

Mayas Gesicht wurde kreidebleich.

„Lily, das ist … echt unheimlich. Ich mache mir Sorgen um dich“, sagte sie. „Vielleicht solltest du es jemandem erzählen.“

„Wem soll ich es erzählen?“, fragte Lily mit schmerzverzerrter Stimme. „Niemand im Rudel kümmert sich um mich. Sie denken doch nur, ich erfinde das. Und selbst wenn sie mir glauben würden, warum sollten sie mir helfen?“

Maya wusste darauf keine Antwort. Beide wussten, dass das Rudel keinen Finger rühren würde, um Lily zu beschützen.

Sie war schon so lange eine Außenseiterin, wie sich irgendjemand erinnern konnte. Niemand kümmerte sich darum, ob sie Angst hatte oder in Gefahr war.

„Vielleicht war es keiner der Zwillinge“, schlug Maya vor. „Vielleicht war es einfach nur ein Fremder.“

Lily glaubte das keine Sekunde, aber sie wollte Maya nicht noch mehr beunruhigen.

„Ja, vielleicht“, sagte sie.

Dennoch ließ sie die Erinnerung an die Person nicht los. Und je näher ihr achtzehnter Geburtstag rückte, desto größer wurde ihre Angst.

Endlich war es soweit, und die Vorbereitungen für das Mondgöttinnenfest waren in vollem Gange.

Das ganze Rudel war voller Aufregung, besonders weil die Alpha-Zwillinge dieses Jahr volljährig werden würden.

Das Fest sollte den Moment markieren, in dem die Zwillinge offiziell zu den nächsten Anführern des Rudels ernannt wurden.

Der Gedanke daran machte Lily krank.

Sie saß in einer weiteren langweiligen Geschichtsstunde und starrte ausdruckslos auf die Tafel, während Mrs. Davis von einer alten Werwolf-Legende erzählte.

Sie hörte kaum zu, ihre Gedanken kreisten nur um ihre Flucht.

In ein paar Stunden würde sie weg sein. Sie musste nur das Fest unauffällig überstehen, dann konnte sie sich davonschleichen, während alle abgelenkt waren.

Gerade als sie sich in ihren Gedanken verlieren wollte, schwang die Klassenzimmertür auf.

Alle drehten sich um und sahen Lucas im Türrahmen stehen. Sein übliches selbstsicheres Grinsen war verschwunden. Stattdessen war sein Gesicht ausdruckslos, seine Augen undurchschaubar, während sie den Raum absuchten.

Mrs. Davis unterbrach den Unterricht und sah ihn sichtlich überrascht an.

„Mr. Lucas, brauchen Sie etwas?“, fragte sie.

Lucas' Blick ruhte auf Lily, und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Er beantwortete die Frage der Lehrerin nicht. Stattdessen betrat er das Klassenzimmer.

Er verhielt sich seltsam. Er war nicht er selbst, so hasserfüllt wie sonst.

Lilys Herz hämmerte. Was tat er nur? Er tauchte nie einfach so in irgendwelchen Unterrichtsstunden auf.

Lucas ging direkt zu ihrem Platz und ignorierte die neugierigen Blicke der anderen.

Er blieb vor ihr stehen und beugte sich über sie. Seine Anwesenheit war erdrückend, und Lily bekam Angst.

„Was willst du?“, fragte Lily kaum hörbar.

Lucas antwortete nicht sofort. Er starrte sie nur an, seine stechend blauen Augen suchten ihr Gesicht ab, als wollte er etwas herausfinden.

Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, sprach er.

„Du musst vorsichtig sein“, sagte er leise, so leise, dass nur sie es hören konnte.

Lily war verwirrt über seine Worte.

„Was meinst du?“, fragte sie.

„Pass einfach auf dich auf“, fügte Lucas ernst hinzu.

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ das Klassenzimmer. Alle, einschließlich Mrs. Davis, waren fassungslos und verstummten.

Lily starrte ihm nach, als er ging, ihre Gedanken rasten.

Was sollte das denn? Lucas hatte sie noch nie gewarnt. Normalerweise war er es, der ihr Probleme bereitete, nicht der sie davor warnte.

Maya beugte sich von ihrem Platz vor, ihre Augen weiteten sich vor Verwirrung.

„Was zum Teufel war das?“, fragte sie.

„Keine Ahnung“, murmelte Lily. Sie war genauso geschockt wie alle anderen.

Lucas’ seltsame Warnung hatte sie erschüttert.

Es war, als wüsste er etwas, was sie nicht wusste.

In der Schule konnte sich Lily nicht konzentrieren. Sie hörte ihren Lehrern nicht zu, weil ihr Kopf voller Fragen war.

Was hatte Lucas gemeint? Warum kümmerte es ihn, ob sie ihr nach hinten schaute? Spielte er etwa ein perverses Spiel mit ihr?

Während des Unterrichts dachte sie immer öfter an die Person, die sie beobachtet hatte.

Was, wenn Lucas etwas darüber wusste? Was, wenn er die Person gesehen hatte? Oder wusste er vielleicht, wer es war? Aber warum sagte er es ihr nicht einfach?

Frustriert und erschöpft stand Lily endlich auf und ging zur Toilette.

Sie wusch sich das Gesicht und versuchte verzweifelt, sich zu beruhigen und sich auf ihren Fluchtplan zu konzentrieren, anstatt an Lucas zu denken.

Plötzlich öffnete sich die Toilettentür, und Lexa kam mit ihrer großen Freundesclique herein.

Sie lachten über etwas, das Lexa gesagt hatte, doch sobald sie sie sahen, verstummte ihr Lachen.

Lilys Herz raste. Sie wollte diesen Mädchen nicht zu nahe kommen, denn sie waren genauso gemein zu ihr wie Lucas und Liam.

Sie versuchte zu gehen, aber die Mädchen versperrten ihr den Weg.

„Du hast aber Nerven“, begann Lexa. „Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was die Zwillinge an dir finden, dass sie sich überhaupt die Mühe machen, mit dir zu reden.“

„Das frage ich mich auch“, sagte Lily und versuchte, cool zu wirken, anstatt ihre Angst zu zeigen.

Lexa hob eine Augenbraue und verpasste Lily innerhalb von Sekunden eine Ohrfeige.

Lily hielt sich das Gesicht und starrte Lexa fassungslos an.

„Erstens bin ich nicht die Zwillinge, mit der du einfach so reden kannst“, sagte Lexa und trug Lippenstift auf. „Du stehst unter mir, und das heißt, du solltest mich nicht einmal ansehen. Nun, wenn die Mondgöttin mich heute Nacht zur Gefährtin der Zwillinge auserwählt, werde ich dafür sorgen, dass dein Leben hier die Hölle auf Erden wird.“

Lily wollte sich wehren, wusste aber, dass es alles nur noch schlimmer machen würde. Sie musste einfach alles ertragen, selbst wenn es bedeutete, auf der Mädchentoilette gedemütigt zu werden.

„Jetzt entschuldige dich, du Wolfsmüll!“, riefen Lexas Freundinnen und schubsten Lily von allen Seiten.

Lily wollte nicht, aber wenn sie ihnen nicht gehorchte, würde sie die Konsequenzen nicht tragen können.

„Es tut mir leid“, sagte sie und senkte den Kopf, um Lexa nicht direkt ansehen zu müssen.

Lexa lächelte zufrieden.

„Was soll’s, mir ist völlig egal, was aus deinem dreckigen Mund kommt.“

Sie schob Lily beiseite und ging hinaus.

Lily starrte sie wütend an, Tränen rannen ihr über die Wangen.

Sie hatte genug von dieser schrecklichen Behandlung.

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