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Blut und Maschinen

Author: David Wealth
last update publish date: 2026-10-18 02:47:48

Bimbo schläft kaum. Um sechs Uhr morgens ist sie bereits auf, angezogen, die Schlüssel in der Hand, und fährt zum Krankenhaus, noch bevor die Sonne richtig aufgegangen ist.

Die Dialysestation befindet sich im vierten Stock. Inzwischen kennt sie den Aufbau auswendig – das leise Piepen der Maschinen, die Reihen von Liegesesseln, der Geruch nach Desinfektionsmittel, der nach jedem Besuch irgendwie an ihrer Kleidung hängen bleibt. Ihr Vater sitzt wie immer auf seinem Platz am Fenster, ein Schlauch führt von seinem Arm zu der Maschine neben ihm. Seine Haut ist blass, und seine Knöchel sind unter der Krankenhausdecke angeschwollen.

„Da ist ja mein Mädchen“, sagt Rafael, als er sie sieht, und sein Lächeln ist echt, auch wenn seine Stimme müde klingt. „Du siehst gut aus.“

„Danke, Dad.“

„Ich meine das liebevoll.“

Bimbo zieht einen Stuhl näher heran und setzt sich, während sie vorsichtig seine Hand nimmt, ohne die Infusionsleitung zu berühren. Sein Griff ist schwächer als noch vor einem Monat. Sie hasst es, diesen Unterschied zu sehen.

„Harte Nacht?“, fragt er.

„Das könnte man so sagen.“

„David?“

Sie erstarrt. „Woher hast du—“

„Du hast dann einen bestimmten Blick.“ Rafaels Augen sind müde, aber ihnen entgeht immer noch nichts. „Den hast du, seit du ihn geheiratet hast. Letzte Nacht war er schlimmer. Was ist passiert?“

Bimbo zögert. Ihr Vater hängt an einer Maschine und durchläuft gerade eine weitere Dialyse, während er auf eine Transplantation wartet, die noch ein oder zwei Jahre entfernt sein könnte, wenn sich kein lebender Spender findet. Er braucht ihre Probleme nicht noch zusätzlich zu allem anderen.

„Nichts, worüber du dir Sorgen machen musst“, sagt sie. „Wie fühlst du dich? Hat der Arzt etwas Neues gesagt?“

„Bimbo.“

„Dad.“

„Du machst gerade wieder das, bei dem du das Thema wechselst.“ Er drückt ihre Hand, schwach, aber stur. „Ich habe dich großgezogen. Ich kenne dieses Spiel.“

Bevor sie antworten kann, wird der Vorhang um den Behandlungsbereich zurückgezogen und Mateo kommt herein, mit einem Kaffee in jeder Hand. Selbst um sieben Uhr morgens ist er schick angezogen, so wie immer.

„Da ist sie ja.“ Er stellt einen Kaffee auf den kleinen Tisch neben Rafaels Stuhl und reicht den anderen Bimbo, ohne zu fragen, ob sie einen möchte. „Ich dachte mir, dass du früh hier sein würdest. Nach einer schlechten Nacht bist du das immer.“

„Woher weißt du, dass es eine schlechte Nacht war?“

„Sagen wir einfach, ich habe meine Quellen. Und außerdem siehst du gestresst aus.“ Mateo tippt unter sein eigenes Auge. „Genau wie Dad gerade, nur ohne die Schwellung.“

Rafael stößt etwas aus, das beinahe wie ein Lachen klingt. „Vorsicht.“

„Ich liebe dich, alter Mann.“ Mateo beugt sich hinunter und küsst ihren Vater oben auf den Kopf, locker und vertraut. „Irgendjemand muss die Dinge aussprechen, die du zu höflich bist zu sagen.“

Bimbo beobachtet die beiden zusammen und spürt, wie ein Teil der Anspannung von letzter Nacht nachlässt. So sollte sich Familie anfühlen. Das hier zumindest ist echt.

„Also“, sagt Mateo und lässt sich auf den Stuhl auf der anderen Seite ihres Vaters fallen, „was hat der goldene Junge diesmal angestellt?“

„Mateo.“

„Was denn? Ich frage doch nur.“ Er sieht Bimbo an, die Augenbrauen hochgezogen, und wartet.

Bimbo schaut zu Rafael, der sie mit demselben geduldigen, wissenden Blick ansieht, den er ihr schon ihr ganzes Leben lang zuwirft. Dieser Blick sagt, dass er längst weiß, dass etwas nicht stimmt, und nicht aufhören wird zu fragen, bis sie es ihm erzählt.

„Okay“, sagt sie. „Ich habe ihn letzte Nacht erwischt. Mit seiner Sekretärin. Renata.“

Rafaels Gesicht wird regungslos. „Ich habe dich gefragt, wobei du ihn genau erwischt hast?“

„Dad.“

„Bimbo.“

„Sie ist schwanger“, sagt Bimbo leise.

Die Stille danach fühlt sich schwer an. Rafaels Kiefer spannt sich an, und für einen Moment sieht sie den Mann, der ein Unternehmen aus dem Nichts aufgebaut hat. Den Mann, der selbst in einem Dialysestuhl mit einer Nadel im Arm vor keinem Kampf zurückschreckt.

„Dieser Feigling“, murmelt Rafael.

„Dad, dein Blutdruck—“

„Mein Blutdruck hält es aus, wütend auf den Mann zu sein, der meine Tochter demütigt.“ Er bewegt sich in seinem Stuhl und verzieht leicht das Gesicht. „Hast du die Scheidung eingereicht?“

„Ich will. Er hat Nein gesagt.“

„Er kann nicht Nein sagen. Das ist nicht seine Entscheidung.“

Bimbo öffnet den Mund, schließt ihn aber wieder. Ihr Blick fällt auf die Maschine neben dem Stuhl ihres Vaters, auf die langsame Bewegung der Dialyseleitung, auf den Grund, warum Davids Drohung überhaupt Macht über sie hat.

„Er hat gesagt, wenn ich die Scheidung einreiche, wird er deine Behandlung aus dem Calder Health Network streichen“, sagt sie schließlich. „Deine Ärzte. Deine Medikamente. Dein Platz auf der Transplantationsliste läuft über deren System, Dad. Er weiß das. Er hat es gegen mich benutzt.“

Rafael wird ganz still. Mateos Gesicht verdunkelt sich, sein Kiefer ist angespannt, seine Hände ballen sich zu Fäusten auf den Armlehnen seines Stuhls.

„Das würde er nicht tun“, sagt Rafael, obwohl seine Stimme nicht überzeugt klingt.

„Doch.“ Bimbos Stimme bricht. „Er hat es mir direkt ins Gesicht gesagt, als wäre es nichts.“

„Dieser Sohn einer—“ Mateo hält sich zurück und wirft ihrem Vater einen Blick zu, bevor er seine Stimme senkt. „Sorry. Aber das ist selbst für einen Calder unter aller Sau.“

„Ich habe noch zwei Jahre im Vertrag“, sagt Bimbo. „Ich habe ihn letzte Nacht durchgesehen. Jede Klausel. Es gibt keinen Ausweg, bei dem Dads Behandlung nicht gefährdet wäre.“

Rafael greift wieder nach ihrer Hand und hält sie trotz des an seinem Arm befestigten Schlauchs fest. „Wage es nicht, wegen mir in dieser Ehe zu bleiben.“

„Dad—“

„Ich meine es ernst. Ich habe dich nicht großgezogen, damit du dein ganzes Leben für meines opferst.“

„Und ich werde dich nicht verlieren, nur weil ich zu schnell gegangen bin.“ Ihre Stimme klingt entschlossen, viel sicherer, als sie sich tatsächlich fühlt. „Ich werde eine Lösung finden. Das tue ich immer.“

Mateo beobachtet die beiden schweigend. Für einen Moment liegt etwas Unergründliches in seinen Augen, bevor seine übliche Wärme zurückkehrt. „Weißt du“, sagt er und beugt sich vor, „vielleicht ist das sogar ein guter Zeitpunkt. Wenn David bereit ist, so schmutzig zu spielen, sollten wir vielleicht genauer bei den Calders nachsehen. Bei allen.“

„Was meinst du?“

„Ich meine, wer sagt, dass der Einbruch im Büro letzte Nacht nicht auch von ihnen war? Kessler schnüffelt seit Jahren in unserer Forschung herum, und jeder weiß, dass David seit dem Studium Probleme mit ihrem CEO hat.“ Mateo zuckt mit den Schultern. „Das ist schon ein verdammt großer Zufall, oder? Eine Ehebruch-Affäre in derselben Nacht wie ein Einbruch?“

Bimbo hatte diese beiden Dinge noch nicht laut miteinander verbunden, aber als Mateo es ausspricht, erkennt sie den Zusammenhang sofort. „Du glaubst, Davids Familie steckt hinter der Sabotage.“

„Ich glaube, es wäre dumm, nicht genauer hinzusehen.“ Mateo schaut zu ihrem Vater. „Ich habe ein paar Kontakte. Leute, die mir noch Gefallen schulden. Ich kann auf unserer Seite unauffällig anfangen, Nachforschungen anzustellen, wenn du willst.“

„Bitte“, sagt Bimbo. „Alles, was uns Antworten bringt.“

„Betrachte es als erledigt.“ Mateo drückt ihr auf dem Weg zu seinem Essen die Schulter. „Familie passt auf Familie auf. Das ist das Einzige, was sich hier nie geändert hat.“

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