LOGINCamila fährt schnell, beide Hände am Lenkrad. Alle paar Sekunden wirft sie Bimbo einen Blick zu, als würde sie überprüfen, ob sie überhaupt noch atmet.
„Sag etwas“, sagt Camila. „Du bist seit zehn Minuten still. Das ist nicht typisch für dich.“ „Ich denke nach.“ „Worüber?“ „Über den Vertrag.“ Bimbo starrt aus dem Fenster, während die Lichter der Stadt an ihnen vorbeiziehen. „Er hat sich diese Drohungen heute Abend nicht einfach ausgedacht. Alles steht darin. Jede Klausel. Ich habe ihn unterschrieben. Einmal gelesen und danach nie wieder angesehen.“ Camila wirft ihr einen Blick zu. „Du hast noch eine Kopie?“ „In meinem Schreibtisch. Ich habe sie nie angerührt. Ich wollte nicht.“ „Na dann.“ Camila biegt in Bimbos Straße ein. „Sieht so aus, als wäre heute Nacht der richtige Zeitpunkt.“ Sie halten vor Bimbos Gebäude. Camila parkt schief und macht sich nicht einmal die Mühe, es zu korrigieren. Sie stellt den Motor ab und folgt Bimbo hinein, ohne zu fragen, ob sie eingeladen ist. Drinnen geht Bimbo direkt zum Schreibtisch in der Ecke ihres Schlafzimmers, zieht die unterste Schublade auf und holt einen dicken Ordner heraus, auf dessen Vorderseite der Name einer Anwaltskanzlei steht. Ihre Hände zittern nicht mehr. Sie sind jetzt ruhig, kalt und ruhig, so wie immer, wenn sie weiß, dass sie stark sein muss. Sie breitet die Papiere auf dem Küchentisch aus. Camila macht Tee, den keine von ihnen trinkt, und setzt sich ihr gegenüber. „Okay“, sagt Camila. „Lies es mir vor. Was steht da wirklich?“ Bimbo blättert durch die Seiten und überfliegt sie schnell. Durch die jahrelange Arbeit mit Forschungsunterlagen versteht sie juristische Sprache leichter, als sie es eigentlich sollte. „Fünf Jahre Laufzeit“, liest sie. „Vor drei Jahren begonnen. Zwei Jahre übrig.“ Sie blättert zu einer anderen Seite. „Vorzeitige Beendigung durch eine der beiden Parteien führt zum vollständigen Verlust der Kostenübernahme durch das Calder Health Network für die genannten Angehörigen. Genannte Angehörige.“ Sie schaut auf. „Das ist mein Vater. Das ist die ganze Klausel. Eine Zeile, und sie entscheidet darüber, ob er weiterhin behandelt werden kann.“ „Das ist widerlich“, sagt Camila. „Es ist effizient.“ Bimbos Stimme klingt flacher, als sie beabsichtigt hat. „Das ist das Wort, das David benutzen würde. Effizient.“ Sie liest weiter. Camila beobachtet, wie sich ihr Gesicht mit jeder Zeile verändert. Ihr Kiefer wird angespannter, ihre Augen verengen sich, während etwas Härteres die Kontrolle übernimmt. „Da ist noch mehr“, sagt Bimbo. „Klausel über das öffentliche Verhalten. Keine der beiden Parteien darf während der Laufzeit ein Verhalten an den Tag legen, das dem öffentlichen Ansehen der anderen schadet.“ Sie lacht fast. „Er darf mit seiner Sekretärin in einem privaten Raum schlafen, und ich würde gegen den Vertrag verstoßen, wenn ich durch diese Tür gehen und darüber schreien würde.“ „Dann prangere die Doppelmoral an. Geh damit zu einem Anwalt.“ „Mit welchem Geld, Camila? Jedes Konto, das ich habe, hängt mit Konten zusammen, die er kontrolliert. Das war auch Teil der Vereinbarung. Ich habe meine getrennten Finanzen aufgegeben, als ich das unterschrieben habe. Es sollte die Ehe für den Vorstand echt aussehen lassen.“ Sie legt das Papier ab und drückt ihre Handflächen auf den Tisch. „Ich dachte nicht, dass es wichtig wäre. Ich dachte … ich weiß nicht, was ich dachte. Dass es nur Papierkram wäre. Dass wir irgendwann etwas Echtes darunter aufbauen würden.“ „Bimbo.“ „Ich weiß, wie sich das anhört.“ „Es klingt nicht dumm. Es klingt, als hättest du auf etwas Normales in einer Vereinbarung gehofft, die nie normal war.“ Camila greift über den Tisch und nimmt ihre Hand. „Das ist nicht deine Schuld.“ Bimbo antwortet nicht sofort. Sie starrt auf den Vertrag, auf Davids Unterschrift am Ende der letzten Seite. Scharfe schwarze Linien. Selbstbewusst. Wie ein Mann, der nie daran gezweifelt hatte, dass er in dieser Ehe alle Karten in der Hand halten würde. Ihr Handy leuchtet zwischen ihnen auf dem Tisch. Davids Name steht auf dem Bildschirm. Camilas Augen werden groß. „Soll ich rangehen?“ „Nein.“ Bimbo nimmt es selbst. Sie holt tief Luft und geht ran. „Was.“ „Wir müssen über die Bedingungen sprechen“, sagt David. Seine Stimme klingt genau wie in dem privaten Raum vor einer Stunde. Ruhig. Geschäftsmäßig. Als wäre nichts passiert. „Ich lese die Bedingungen gerade.“ Am anderen Ende herrscht kurz Stille. „Gut. Dann weißt du bereits, wie das funktioniert.“ „Ich weiß, dass du wegen eines Stücks Papier über das Leben meines Vaters bestimmst. Das weiß ich.“ „So würde ich das nicht formulieren.“ „Es ist mir egal, wie du es formulieren würdest.“ Ihre Stimme bricht ein wenig, und sie hasst es. Sie hasst es, dass er das immer noch mit ihr machen kann. „Du hattest vor etwa einer Stunde eine Frau gegen eine Wand gedrückt. Schwanger. An unserem Jahrestag. Und du rufst mich an, um über Bedingungen zu sprechen.“ Stille. So lange, dass sie fast glaubt, er hätte aufgelegt. „Mein Anwalt wird morgen eine Änderung schicken“, sagt David schließlich. „Aktualisierte Bedingungen zum öffentlichen Verhalten. Angesichts dessen, was heute Abend passiert ist.“ „Eine Änderung.“ Bimbo lacht kurz und bitter. „Du betrügst mich und schickst mir Papierkram.“ „Was würdest du lieber von mir bekommen?“ „Nichts von dir. Nie wieder, wenn ich die Wahl hätte.“ „Die hast du nicht.“ Seine Stimme bleibt ruhig, aber irgendetwas darunter verändert sich. „Ich lasse dir die Unterlagen morgen früh zukommen. Gute Nacht, Bimbo.“ Er legt auf, bevor sie antworten kann. Sie legt das Handy ab, als hätte es sie verbrannt. Camila starrt sie an, den Mund leicht geöffnet. „Eine Änderung. Er schickt eine Änderung.“ „Offenbar verarbeitet mein Ehemann Betrug und Klagen mit genau derselben Geschwindigkeit.“ Bimbo fährt sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Gott, Camila. Worauf habe ich mich da eingelassen?“ „Auf einen Käfig mit guter Beleuchtung“, murmelt Camila, und trotz allem muss Bimbo kurz und überrascht wirklich lachen. „Genau das ist es.“ Camila drückt wieder ihre Hand, diesmal fester. „Okay. Neuer Plan. Heute Nacht schläfst du, weil du aussiehst, als würdest du gleich umfallen. Morgen lesen wir jede einzelne Zeile dieses Vertrags mit einem Anwalt, der tatsächlich für dich und nur für dich arbeitet. Dann finden wir heraus, wie wir die Behandlung deines Vaters schützen können, ohne dich weiter an einen Mann zu binden, der so mit dir umgeht.“ „Dafür gibt es keine Klausel.“ „Dann schreiben wir eine.“ Camilas Blick ist ruhig und entschlossen, genau derselbe Blick, den sie schon hatte, als sie neunzehn waren und Camila beschlossen hatte, jeden zu bekämpfen, der Bimbo etwas antun wollte. „Du machst das nicht allein. Nicht den Vertrag, nicht deinen Vater, gar nichts davon.“ Bimbo nickt, ihre Kehle ist zu eng, um richtig zu antworten. Sie legt die Papiere vorsichtig zurück in den Ordner. Draußen vor ihrem Fenster bewegt sich die Stadt weiter. Lichter und Lärm und tausend Leben, die nichts mit ihrem zu tun haben. Irgendwo auf der anderen Seite der Stadt schläft David wahrscheinlich bereits. Sein Vertrag ist erledigt und sein Gewissen offenbar rein genug, um die Augen zu schließen. Bimbo schläft lange nicht. Sie liegt wach und starrt an die Decke, geht jede Klausel durch, an die sie sich erinnern kann, und sucht nach einer Schwachstelle, einem Schlupfloch, nach irgendetwas. In dieser Nacht findet sie nichts. Sie weiß noch nicht, dass die Schwachstelle, die sie braucht, überhaupt nicht im Vertrag liegt. Sie ist viel näher an ihrem Zuhause.Der Anruf kommt am nächsten Morgen, während Bimbo an der Küchentheke steht. Ihr Kaffee wird in ihrer Hand langsam kalt, während sie ins Leere starrt. Beinahe nimmt sie den Anruf nicht an. Die Nummer ist ihr unbekannt, eine Festnetznummer.„Bimbo.“ Julians Stimme klingt wärmer als gewöhnlich, ganz anders als der steife Ton, den sie in den letzten drei Jahren von ihm gewohnt war. „Ich hoffe, ich störe nicht zu früh.“„Mr. Calder.“ Sie stellt ihre Tasse ab und ist überrascht, von ihm zu hören. „Ist alles in Ordnung?“„Alles bestens. Ich habe mich gefragt, ob du heute Morgen mit mir Kaffee trinken möchtest. Nur wir beide.“ Er macht eine kurze Pause. „Es gibt Dinge, die ich dir sagen möchte, aber nicht bei einem Familienessen besprechen will.“Sie ist kurz davor, abzulehnen. Nach der vergangenen Nacht und Davids Geständnis ist ein weiteres schwieriges Gespräch mit einem Calder das Letzte, was sie gebrauchen kann. Doch irgendetwas an Julians Stimme lässt sie zögern.„In Ordnung. Um wie viel
Davids Penthouse liegt dreißig Stockwerke über der Straße, und selbst jetzt, wo zwischen ihnen alles auseinanderzubrechen droht, hat Bimbo sich noch immer nicht an die Stille hier oben gewöhnt. Kein Verkehrslärm. Keine Stimmen aus den umliegenden Gebäuden. Nur Glas, Stahl und das leise Summen der Stadt weit unter ihnen.Als David sie hereinlässt, steht sie bereits am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie macht sich nicht einmal die Mühe, ihren Mantel auszuziehen. Wenn dieses Gespräch so verläuft, wie sie es erwartet, wird sie ohnehin nicht lange bleiben.„Du wolltest reden“, sagt sie. „Also, rede.“David schließt die Tür hinter ihr. Er hat sein Sakko gegen einen dunklen Pullover getauscht, dessen Ärmel er bis zu den Unterarmen hochgeschoben hat. Für einen Moment sieht er beinahe wie ein anderer Mann aus. Jemand Sanfteres. Jemand, der nicht seit drei Jahren so tut, als wäre ihre Ehe nichts weiter als eine geschäftliche Vereinbarung.Der Gedanke verschwindet so schnell, wie e
„Warte.“Camilas Hand erstarrt am Schalthebel. Das Auto steht noch immer vor dem Café, der Motor läuft. Einen Moment lang starrt sie durch die Windschutzscheibe, als würde sie versuchen, etwas zusammenzusetzen.„Warte, was?“ Bimbo legt den Sicherheitsgurt an. Die letzten zehn Minuten hatten sie völlig aufgewühlt, und Renatas blasses Gesicht war ihr noch immer deutlich vor Augen.„Die Schwangerschaft.“ Camila dreht sich zu ihr um. Ihr Blick ist plötzlich scharf. „Wenn die Affäre inszeniert war. Eine einzige Nacht. Ein geplanter Moment, in dem du die beiden zusammen erwischen solltest. Wie kann sie dann bereits schwanger sein?“Bimbo blinzelt. „Was?“„Bimbo, eine Schwangerschaft entsteht nicht über Nacht und wird erst Wochen später bestätigt. Wenn sie schon so weit ist, dass sie anderen davon erzählt, auch dir, dann muss die Schwangerschaft bereits vor jener Nacht begonnen haben. Das bedeutet …“„Das bedeutet, dass es nicht nur diese eine Nacht war.“ Bimbos Magen zieht sich zusammen. „Oh
„Die letzte Chance, dass ich mit dir hineinkomme.“Camilas Wagen steht vor einem kleinen Café am Stadtrand. Der Motor läuft noch. Sie sieht Bimbo an, als wäre diese im Begriff, direkt auf eine belebte Straße zu laufen.„Die Frau hat um Privatsphäre gebeten, Camila.“„Sie hat auch mit deinem Mann geschlafen. Privatsphäre hat sie sich nicht verdient.“„Ich weiß.“ Bimbo betrachtet ihr Spiegelbild im Seitenspiegel, streicht sich die Haare zurück und atmet langsam ein. „Aber wenn sie dich am Nebentisch sitzen sieht, sagt sie vielleicht kein einziges Wort. Ich muss sie zum Reden bringen.“„Na schön.“ Camila stößt einen langen Seufzer aus. „Schreib mir alle zehn Minuten eine Nachricht, sonst komme ich trotzdem rein.“„Abgemacht.“Bimbo steigt aus und betritt allein das Café. Es ist klein und ruhig, genau die Art von Ort, an dem niemand Wichtiges auf die Idee kommen würde, nach jemandem zu suchen. Wahrscheinlich hat Renata ihn deshalb ausgewählt.Bimbo entdeckt sie in einer Sitznische ganz hi
„Du hast einen Ermittler gerufen, ohne mir Bescheid zu sagen?“ Camila lässt sich mit einem Kaffee in der Hand auf den Stuhl gegenüber Bimbos Schreibtisch fallen und zieht die Augenbrauen hoch. „Ich sage es dir doch jetzt.“ „Das ist nicht dasselbe, wie es mir zu sagen, bevor er bereits im Gebäude ist.“ Camila wirft einen Blick zur Glaswand des Konferenzraums, wo ein Mann in einer schlichten grauen Jacke gerade einen Laptop auf den Tisch stellt. „Wer ist er?“ „Diego Salinas. Privatdetektiv. Eigentlich hat Davids Anwalt ihn empfohlen, was sich immer noch seltsam anhört, wenn ich es laut sage.“ „David hilft dir jetzt dabei, einen Privatdetektiv zu engagieren?“ Camilas Augenbrauen wandern noch höher. „Okay. Seit ich das letzte vollständige Update bekommen habe, ist offenbar einiges passiert.“ „Einiges“, stimmt Bimbo zu, steht auf und streicht ihren Blazer glatt. „Komm. Das solltest du auch hören.“ Sie gehen gemeinsam in den Konferenzraum. Diego blickt auf und nickt ihnen ku
„Wir müssen reden.“ Bimbo blickt von den Papieren auf, die über ihren Schreibtisch bei Duarte Biogenics verteilt liegen. Sie ist so überrascht, dass ihr Stift mitten während einer Unterschrift stehen bleibt. David steht in der Tür ihres Büros, seine Krawatte ist gelockert und seine Jacke hat er ausgezogen. Er sieht aus wie ein Mann, der seit dem Abendessen auf dem Anwesen der Calders kaum geschlafen hat. „Normalerweise klopfst du nicht“, sagt sie. „Oder hast du vergessen, wie Türen in meinem Büro funktionieren?“ „Ich habe geklopft. Du hast mich nicht gehört.“ „Ich war beschäftigt.“ „Das sehe ich.“ Sein Blick wandert zu den Papieren auf ihrem Schreibtisch. „Ist das die Änderung?“ „Die Änderung von deinem Anwalt, ja.“ Sie schiebt den Stapel zu ihm, ihr Gesichtsausdruck kalt. „Die neue Klausel zum öffentlichen Verhalten. Ich soll jede Zeile lesen und bis Freitag unterschreiben, oder du verhängst Strafen gegen die Behandlung meines Vaters. Habe ich das richtig verstanden?“







