LOGIN„Wir müssen reden.“
Bimbo blickt von den Papieren auf, die über ihren Schreibtisch bei Duarte Biogenics verteilt liegen. Sie ist so überrascht, dass ihr Stift mitten während einer Unterschrift stehen bleibt. David steht in der Tür ihres Büros, seine Krawatte ist gelockert und seine Jacke hat er ausgezogen. Er sieht aus wie ein Mann, der seit dem Abendessen auf dem Anwesen der Calders kaum geschlafen hat. „Normalerweise klopfst du nicht“, sagt sie. „Oder hast du vergessen, wie Türen in meinem Büro funktionieren?“ „Ich habe geklopft. Du hast mich nicht gehört.“ „Ich war beschäftigt.“ „Das sehe ich.“ Sein Blick wandert zu den Papieren auf ihrem Schreibtisch. „Ist das die Änderung?“ „Die Änderung von deinem Anwalt, ja.“ Sie schiebt den Stapel zu ihm, ihr Gesichtsausdruck kalt. „Die neue Klausel zum öffentlichen Verhalten. Ich soll jede Zeile lesen und bis Freitag unterschreiben, oder du verhängst Strafen gegen die Behandlung meines Vaters. Habe ich das richtig verstanden?“ David verzieht leicht das Gesicht, als würden ihre Worte irgendwo treffen, wo er es nicht erwartet hat. „Deshalb bin ich nicht hier.“ „Warum bist du dann hier, David?“ Er betritt das Büro und schließt die Tür hinter sich. Bimbos Schultern spannen sich sofort an. Was auch immer das hier ist, er will nicht, dass jemand anderes es hört. „Kessler Pharmaceutical meldet nächste Woche ein Patent an“, sagt er. „Etwas, das dem Wirkstoff sehr ähnlich sieht, an dem das Team deines Vaters vor dem Datenbruch gearbeitet hat.“ Bimbos Magen zieht sich zusammen. „Woher weißt du das?“ „Weil ich seit über einem Jahr Leute habe, die Kessler beobachten.“ David setzt sich ihr gegenüber, ohne gefragt worden zu sein, und fährt sich mit einer Hand über den Kiefer. „Seit die Gerüchte über die Feindschaft zwischen meiner Familie und deiner wegen dieser Forschung aufgekommen sind, wollte ich Beweise dafür, dass wir es nicht waren. Ich habe dieser Geschichte auch nicht getraut, Bimbo. Von Anfang an nicht.“ Sie starrt ihn an und sucht in seinem Gesicht nach der Lüge, dem Trick, dem Hintergedanken, von dem sie sicher ist, dass er irgendwo unter seinen Worten verborgen sein muss. „Du willst mir sagen, dass du das untersucht hast. Ein Jahr lang?“ „Unauffällig. Ja.“ „Warum hast du nichts gesagt?“ „Weil ich nichts Handfestes hatte.“ Seine Stimme wird schärfer, und Frustration kommt durch. Er klingt ehrlicher, als sie ihn seit einer gefühlten Ewigkeit gehört hat. „Glaubst du, ich wollte zu meiner Frau gehen und sagen: ‚Hey, ich glaube, jemand versucht, meiner Familie die Zerstörung der Firma deines Vaters anzuhängen, aber ich kann es noch nicht beweisen. Also vertrau mir einfach‘? Du hältst mich ohnehin für fähig, noch Schlimmeres zu tun. Warum solltest du mir ohne Beweise glauben?“ „Weil das ein Ehemann tun sollte. Seiner Frau die Wahrheit anvertrauen, auch wenn sie kompliziert und unangenehm ist.“ „Wir haben keine solche Ehe.“ Die Worte kommen flach heraus, aber etwas darunter bricht. Etwas Rohes, das er normalerweise fest verschlossen hält. Für einen Moment wird es im Büro vollkommen still. Durch die Glaswand kann Bimbo Mitglieder ihres Forschungsteams sehen, die zwischen den Schreibtischen hin und her gehen, völlig ahnungslos, was hinter der geschlossenen Tür gerade besprochen wird. „Zeig es mir“, sagt sie schließlich. „Was auch immer du hast. Ich will es sehen.“ David greift in seine Jacke und holt einen Ordner heraus. Er schiebt ihn über den Schreibtisch. Finanzunterlagen. Sicherheitsprotokolle. Zeitstempel, die bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt sind. Bimbo blättert schnell durch die Seiten. Ihre durch die Forschungsarbeit geschulten Augen erkennen das Muster, noch bevor ihr Herz vollständig begreift, was es bedeutet. „Das zeigt, dass Calder Pharma überhaupt keinen Zugriff auf die gestohlenen Dateien hatte“, sagt sie langsam. „Nicht einmal einen markierten Anmeldeversuch.“ „Das versuche ich zu beweisen.“ David beugt sich vor und stützt die Ellbogen auf seine Knie. „Jemand wollte, dass es nach uns aussieht. Das Timing, die alte Rivalität zwischen mir und Kesslers CEO, alles. Es ist zu perfekt. Zu passend.“ „Wenn es nicht deine Familie war—“ Bimbo bricht ab. Ihre Kehle fühlt sich plötzlich eng an. Sie will den Satz nicht beenden. Sie will nicht darüber nachdenken, wohin er führt, wenn die Calders unschuldig sind. „Dann ist es jemand aus deiner Welt“, beendet David den Satz für sie. Seine Stimme ist sanfter, als sie erwartet. „Ich weiß, dass du das nicht hören willst.“ „Nein.“ Ihre Stimme klingt klein. „Will ich nicht.“ Einen Moment lang sitzen sie schweigend da. Der geöffnete Ordner liegt zwischen ihnen wie etwas Zerbrechliches, das keiner von beiden zu schnell berühren will. „Warum bringst du mir das jetzt?“, fragt Bimbo. „Du hättest weiter heimlich ermitteln können. Mich noch ein bisschen länger im Dunkeln lassen.“ „Weil Kessler das Patent in einer Woche anmeldet und sobald es öffentlich ist, werden alle davon ausgehen, dass meine Familie das Ganze inszeniert hat.“ David sieht ihr ruhig und müde in die Augen. „Ich will, dass du die Wahrheit kennst, bevor das passiert. Selbst wenn du den Rest nicht glaubst. Selbst wenn du mich immer noch hasst.“ „Ich—“ Bimbo hält wieder inne, frustriert. „Ich weiß gerade nicht, was ich für dich empfinde, David. Das ist die ehrliche Antwort.“ „Das ist fair.“ Fast lächelt er. Es ist ein kleines, müdes Lächeln. „Ehrlicher als alles, was wir uns seit Jahren gesagt haben.“ Ihr Handy vibriert auf dem Schreibtisch. Eine Nachricht von Camila. Mittagessen? Muss mich über meinen Chef auslassen. Bimbo wirft einen Blick darauf und sieht dann wieder zu David. Er steht bereits auf und richtet seine Jacke, während die Mauern um ihn herum Stück für Stück wieder hochgezogen werden. „Die Änderung“, sagt er und deutet auf den Ordner, den sie beiseitegelegt hat. „Unterschreib sie bis Freitag. Ich weiß, dass es sich nach dem, was ich dir gerade erzählt habe, nach nichts anfühlt, aber sie schützt die Behandlung deines Vaters so oder so, unabhängig davon, was über den Datenbruch tatsächlich stimmt.“ „Ich lese sie heute Abend.“ Er hält an der Tür inne, eine Hand am Türrahmen. Er sieht noch einmal zu ihr zurück, als wolle er etwas anderes sagen, aber nicht ganz die richtigen Worte findet. „Falls es irgendetwas wert ist“, sagt er schließlich, „es tut mir leid. Wegen Renata. Wegen allem. Allein das Timing war unverzeihlich.“ Bimbo antwortet nicht sofort. Sie beobachtet ihn, wie er dort steht – den Mann, den sie vor drei Jahren auf dem Papier geheiratet hat, den Mann, der ihr gerade Beweise gegeben hat, die vielleicht ihre eigene Familie auseinanderreißen könnten und nicht seine. „Danke, dass du mir das gezeigt hast“, sagt sie stattdessen, weil das im Moment das Einzige ist, was sie ehrlich sagen kann. „Auch wenn ich noch nicht weiß, was ich damit anfangen soll.“ David nickt einmal und geht. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss. Bimbo sitzt allein in ihrem Büro, der Ordner liegt geöffnet auf ihrem Schreibtisch. Kesslers Zeitplan und die sauberen Unterlagen von Calder Pharma starren sie an wie ein Rätsel, dessen Lösung sie plötzlich fürchtet. Denn wenn David die Wahrheit sagt, ist die Person, die die Firma ihres Vaters zerstört hat, kein Fremder auf der anderen Seite einer Rivalität. Es ist jemand, der vor zwei Tagen neben ihr im Krankenhaus saß, Kaffee einschenkte und versprach, zu helfen. Sie nimmt ihr Handy und starrt lange auf Mateos Kontaktbild, bevor sie es mit dem Display nach unten auf den Schreibtisch legt, weil sie es nicht länger ansehen kann. Sie weiß noch nicht, wie recht sie damit hat, Angst vor dem zu haben, was als Nächstes kommt.Der Anruf kommt am nächsten Morgen, während Bimbo an der Küchentheke steht. Ihr Kaffee wird in ihrer Hand langsam kalt, während sie ins Leere starrt. Beinahe nimmt sie den Anruf nicht an. Die Nummer ist ihr unbekannt, eine Festnetznummer.„Bimbo.“ Julians Stimme klingt wärmer als gewöhnlich, ganz anders als der steife Ton, den sie in den letzten drei Jahren von ihm gewohnt war. „Ich hoffe, ich störe nicht zu früh.“„Mr. Calder.“ Sie stellt ihre Tasse ab und ist überrascht, von ihm zu hören. „Ist alles in Ordnung?“„Alles bestens. Ich habe mich gefragt, ob du heute Morgen mit mir Kaffee trinken möchtest. Nur wir beide.“ Er macht eine kurze Pause. „Es gibt Dinge, die ich dir sagen möchte, aber nicht bei einem Familienessen besprechen will.“Sie ist kurz davor, abzulehnen. Nach der vergangenen Nacht und Davids Geständnis ist ein weiteres schwieriges Gespräch mit einem Calder das Letzte, was sie gebrauchen kann. Doch irgendetwas an Julians Stimme lässt sie zögern.„In Ordnung. Um wie viel
Davids Penthouse liegt dreißig Stockwerke über der Straße, und selbst jetzt, wo zwischen ihnen alles auseinanderzubrechen droht, hat Bimbo sich noch immer nicht an die Stille hier oben gewöhnt. Kein Verkehrslärm. Keine Stimmen aus den umliegenden Gebäuden. Nur Glas, Stahl und das leise Summen der Stadt weit unter ihnen.Als David sie hereinlässt, steht sie bereits am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie macht sich nicht einmal die Mühe, ihren Mantel auszuziehen. Wenn dieses Gespräch so verläuft, wie sie es erwartet, wird sie ohnehin nicht lange bleiben.„Du wolltest reden“, sagt sie. „Also, rede.“David schließt die Tür hinter ihr. Er hat sein Sakko gegen einen dunklen Pullover getauscht, dessen Ärmel er bis zu den Unterarmen hochgeschoben hat. Für einen Moment sieht er beinahe wie ein anderer Mann aus. Jemand Sanfteres. Jemand, der nicht seit drei Jahren so tut, als wäre ihre Ehe nichts weiter als eine geschäftliche Vereinbarung.Der Gedanke verschwindet so schnell, wie e
„Warte.“Camilas Hand erstarrt am Schalthebel. Das Auto steht noch immer vor dem Café, der Motor läuft. Einen Moment lang starrt sie durch die Windschutzscheibe, als würde sie versuchen, etwas zusammenzusetzen.„Warte, was?“ Bimbo legt den Sicherheitsgurt an. Die letzten zehn Minuten hatten sie völlig aufgewühlt, und Renatas blasses Gesicht war ihr noch immer deutlich vor Augen.„Die Schwangerschaft.“ Camila dreht sich zu ihr um. Ihr Blick ist plötzlich scharf. „Wenn die Affäre inszeniert war. Eine einzige Nacht. Ein geplanter Moment, in dem du die beiden zusammen erwischen solltest. Wie kann sie dann bereits schwanger sein?“Bimbo blinzelt. „Was?“„Bimbo, eine Schwangerschaft entsteht nicht über Nacht und wird erst Wochen später bestätigt. Wenn sie schon so weit ist, dass sie anderen davon erzählt, auch dir, dann muss die Schwangerschaft bereits vor jener Nacht begonnen haben. Das bedeutet …“„Das bedeutet, dass es nicht nur diese eine Nacht war.“ Bimbos Magen zieht sich zusammen. „Oh
„Die letzte Chance, dass ich mit dir hineinkomme.“Camilas Wagen steht vor einem kleinen Café am Stadtrand. Der Motor läuft noch. Sie sieht Bimbo an, als wäre diese im Begriff, direkt auf eine belebte Straße zu laufen.„Die Frau hat um Privatsphäre gebeten, Camila.“„Sie hat auch mit deinem Mann geschlafen. Privatsphäre hat sie sich nicht verdient.“„Ich weiß.“ Bimbo betrachtet ihr Spiegelbild im Seitenspiegel, streicht sich die Haare zurück und atmet langsam ein. „Aber wenn sie dich am Nebentisch sitzen sieht, sagt sie vielleicht kein einziges Wort. Ich muss sie zum Reden bringen.“„Na schön.“ Camila stößt einen langen Seufzer aus. „Schreib mir alle zehn Minuten eine Nachricht, sonst komme ich trotzdem rein.“„Abgemacht.“Bimbo steigt aus und betritt allein das Café. Es ist klein und ruhig, genau die Art von Ort, an dem niemand Wichtiges auf die Idee kommen würde, nach jemandem zu suchen. Wahrscheinlich hat Renata ihn deshalb ausgewählt.Bimbo entdeckt sie in einer Sitznische ganz hi
„Du hast einen Ermittler gerufen, ohne mir Bescheid zu sagen?“ Camila lässt sich mit einem Kaffee in der Hand auf den Stuhl gegenüber Bimbos Schreibtisch fallen und zieht die Augenbrauen hoch. „Ich sage es dir doch jetzt.“ „Das ist nicht dasselbe, wie es mir zu sagen, bevor er bereits im Gebäude ist.“ Camila wirft einen Blick zur Glaswand des Konferenzraums, wo ein Mann in einer schlichten grauen Jacke gerade einen Laptop auf den Tisch stellt. „Wer ist er?“ „Diego Salinas. Privatdetektiv. Eigentlich hat Davids Anwalt ihn empfohlen, was sich immer noch seltsam anhört, wenn ich es laut sage.“ „David hilft dir jetzt dabei, einen Privatdetektiv zu engagieren?“ Camilas Augenbrauen wandern noch höher. „Okay. Seit ich das letzte vollständige Update bekommen habe, ist offenbar einiges passiert.“ „Einiges“, stimmt Bimbo zu, steht auf und streicht ihren Blazer glatt. „Komm. Das solltest du auch hören.“ Sie gehen gemeinsam in den Konferenzraum. Diego blickt auf und nickt ihnen ku
„Wir müssen reden.“ Bimbo blickt von den Papieren auf, die über ihren Schreibtisch bei Duarte Biogenics verteilt liegen. Sie ist so überrascht, dass ihr Stift mitten während einer Unterschrift stehen bleibt. David steht in der Tür ihres Büros, seine Krawatte ist gelockert und seine Jacke hat er ausgezogen. Er sieht aus wie ein Mann, der seit dem Abendessen auf dem Anwesen der Calders kaum geschlafen hat. „Normalerweise klopfst du nicht“, sagt sie. „Oder hast du vergessen, wie Türen in meinem Büro funktionieren?“ „Ich habe geklopft. Du hast mich nicht gehört.“ „Ich war beschäftigt.“ „Das sehe ich.“ Sein Blick wandert zu den Papieren auf ihrem Schreibtisch. „Ist das die Änderung?“ „Die Änderung von deinem Anwalt, ja.“ Sie schiebt den Stapel zu ihm, ihr Gesichtsausdruck kalt. „Die neue Klausel zum öffentlichen Verhalten. Ich soll jede Zeile lesen und bis Freitag unterschreiben, oder du verhängst Strafen gegen die Behandlung meines Vaters. Habe ich das richtig verstanden?“







