LOGINNIKOLAI VOLKOV
GEGENWART… "Idiot." Jetzt wusste ich, dass kein Harrington eine Beleidigung vergisst. Und Victoria, mit ihrer falschen ätherischen Schönheit und ihrem kranken Stolz, war die Schlimmste von allen. Das war kein einfaches "Nein". Für sie war es eine Kriegserklärung. Und heute, da ich gezwungen werde, die Schwester zu heiraten, die sie verachtet, sehe ich mit absoluter Klarheit: Das ist ihre Rache. Sie konnte mich nicht haben, also bindet sie mich an eine "Entstellte", um mich zu bestrafen. Sie macht mich zum Ehemann der Frau, die ein Symbol für alles ist, was sie als minderwertig betrachtet, nur um mich jeden Tag daran zu erinnern, dass am Ende ich derjenige war, der von ihr zurückgewiesen wurde. Der bittere Geschmack der Demütigung brennt in meiner Kehle, während ich den Innenhof überquere, und jeder Blick der Bediensteten, die sich abwenden, scheint zu bestätigen, was ich bereits weiß: Ich bin das Ziel eines grausamen Scherzes, den die ganze Stadt genießen wird. "Verdammt." Das Wort hallt jetzt in meinem Kopf wider, als ich die Halle der Villa betrete. Die Kristallleuchter werfen verzerrte Schatten auf den polierten Marmor, und jeder meiner Schritte hallt wie eine Vorahnung wider. Ich balle die Fäuste, bis die Knöchel weiß werden, und spüre, wie die Nägel in die Haut schneiden. Dann ersetzt die Erinnerung an das, was letzte Nacht geschah, die Sicht auf die Tore. DIE PARTY ZU VICTORIAS 23. GEBURTSTAG… Die Einladung war eine so offensichtliche Falle, dass selbst ein grüner Rekrut der Bratva misstrauisch geworden wäre. Aber meine Arroganz – dieselbe, die mich glauben ließ, ein "Nein" würde ausreichen – war größer. Ich nahm an. Jetzt weiß ich, dass alles ein Plan war, ein Plan der gesellschaftlichen Vernichtung, ersonnen mit einer Grausamkeit, die selbst ich an meinen schlimmsten Tagen bewundern würde. Die Harringtons hatten zwei Probleme zu lösen. Das erste war Victorias kranke Besessenheit nach Rache. Das zweite war die "Last", die die älteste Tochter war, Angeline – die junge Frau mit dem gezeichneten Gesicht, die das "perfekte" Image befleckte, das sie so sorgfältig pflegten. Eine Schande, die sie in den dunkelsten Ecken der Villa versteckten, fern von den Augen der High Society, der sie so sehr schmeichelten. Für sie war sie ein Fehler, der korrigiert werden musste, ein Fleck in der makellosen Blutlinie, die sie mit Geld und Fassaden aufgebaut hatten. Eine Tochter, die niemals hätte geboren werden dürfen, im Verborgenen gehalten wie ein schmutziges Geheimnis. Ihr Ehrgeiz war doppelt und genial in seiner Perversität: sich von Angeline zu befreien, indem sie sie mit einem einflussreichen Mann verheirateten, der, einmal durch das Blut einer Ehe an sie gebunden, seine Macht in den Clan einbringen würde. Und gleichzeitig Victoria und ihren Eltern die perfekte sadistische Rache zu geben: Nikolai Volkov mit einer "Entstellten" zu zwangsverheiraten, die sie selbst zur Welt gebracht und wie eine Null links großgezogen hatten. Ich wäre die Trophäe und die Strafe, alles in einem Schlag. Und im Zentrum von allem würde die zurückgewiesene Tochter als Bauer benutzt, ohne dass jemand fragte, was sie wollte. Auf der Party begrüßte mich Victoria mit einem Lächeln süß wie Gift, ihre eisblauen Augen. Sie bot mir ein Glas an und bat um einen Toast – einen Gruß an unsere "dauerhafte Freundschaft", sagte sie mit honigsüßer Stimme. Den ich, Idiot, trank. Ich spürte die kalte Flüssigkeit meine Kehle hinunterrinnen, und für einen Moment dachte ich noch, ich könnte diese Nacht unversehrt überstehen. Die Droge war stark, farblos, geruchlos. Es dauerte nicht lange, bis die Welt sich zu drehen begann, die Lichter in verschwommene Flecken zerflossen. Ich spürte, wie der Boden unter meinen Füßen nachgab. — Du siehst nicht gut aus, Nikolai — hörte ich Victorias Stimme, die Besorgnis vortäuschte. — Lass mich dich in ein Zimmer bringen, damit du dich ausruhen kannst. Meine Sicht verdunkelte sich bereits. Ich spürte ihre Arme, die mich umfingen, mich führten. Der letzte zusammenhängende Gedanke, den ich hatte, war reine Verachtung für meine eigene Schwäche. Danach nur Dunkelheit…ANGELINE HARRINGTONWährend ich die Details von Angelos Tod erzählte, blieb er stehen und beobachtete mich, während ich mein Gesicht mit dem Leinentaschentuch abwischte, das er mir gegeben hatte. Der Stoff war fein und weich, ein absurder Kontrast zur Brutalität seiner Hände. Der Zweifel verzehrte mich innerlich, eine stille Panik. Glaubte er es? Sein Blick war noch immer kalt, eisig. Ich konnte keine Reue oder Verständnis darin lesen. Nur eine intensive Analyse, als wäre ich ein Problem, das gelöst werden musste.Er näherte sich und setzte sich in den Sessel neben meinem. Ich kauerte mich zusammen und wich instinktiv zurück. Die bloße Wärme seines Körpers, so nah, verursachte mir schon physischen Ekel, ein Echo der Gewalt, die noch immer in mir schmerzte. Er bemerkte meinen Rückzug. Ein Muskel pulste in seiner Kiefer, aber er kommentierte es nicht. Stattdessen stellte er die Frage, die zählte:— Erzähl mir. Was wirklich in der Nacht zuvor geschah. Bevor du in jenem Zimmer neben mir a
NIKOLAI VOLKOVUnd dann, zwischen Schluchzen und von Emotionen zerschnittenen Worten, ging die Geschichte weiter. Angelo war der einzige Sohn und auch der Liebling seiner Eltern.Dann erzählte sie die Details, die ihr am meisten schmerzten. Als Angelo sich über sie warf, um sie zu schützen, absorbierte er den gesamten Aufprall und starb sofort mit gebrochenen Knochen, während sie mit der Narbe im Gesicht davonkam. Die Trauer der Mutter, verwandelt in Hass. Das Exil im Kloster mit neun Jahren, die kindliche Hoffnung, Nonne zu werden, ein Opfer, um das Leben zu sühnen, das sie "gestohlen" hatte. Und dann, mit achtzehn, die stille Vertreibung zurück in ein Haus, das kein Zuhause war, in ein Leben des Dienens und der Unsichtbarkeit, zwei Jahre damit verbracht, der eigenen Familie als nichts weiter als eine Dienstmagd zu dienen.Ihre Worte schufen klare und schreckliche Bilder in meinem Kopf.Sie fuhr fort, die Stimme ein Faden des Schmerzes:— Sobald die Narbe verheilt war, schickten sie
NIKOLAI VOLKOVSie zitterte, ich wusste, dass sie Angst vor mir hatte, und genau das wünschte ich mir von dieser entstellten Kreatur. Doch etwas in ihren Augen veränderte sich. Die Angst wich einer so tiefen und echten Verzweiflung, dass sie für einen Moment die Panik aufzulösen schien.— Warum? — die Frage kam wieder, aber diesmal war es kein Flüstern. Es war ein gedämpfter Schrei, beladen mit einem Schmerz, der weit über die Angst vor mir hinausging. — Warum hassen Sie mich so sehr?— Weil du akzeptiert hast! — schrie ich zurück und verlor für einen Moment die Kontrolle. — Du warst ein Teil ihres Plans! Es steht dir ins Gesicht geschrieben!Da explodierte sie. Nicht mit Gewalt, sondern mit einem Strom zitternder und verzweifelter Worte, als wäre ein jahrelanger Damm auf einmal gebrochen.— Ich habe Ihnen schon gesagt, dass es nicht wahr ist und…— Glaubst du wirklich, ich falle auf dein Gerede herein — fragte ich und unterbrach sie sarkastisch.— Ist es so unmöglich für den allmächt
NIKOLAI VOLKOV Die Festung in Moskau war still, aber das Echo der Ratssitzung summte noch immer in meinen Ohren, lauter als jedes Geräusch. An meinem Schreibtisch sitzend, überprüfte ich keine Berichte über Schmuggel oder Truppenbewegungen. Ich las die Updates aus Dunyavin. Trockene Berichte, geschrieben von Agnessas fester und sparsamer Hand: "Tag 14. Die Herrin hat alles gegessen. Verbrachte den Nachmittag in der Bibliothek. Bat um mehr Papier." "Tag 16. Herrin las bis spät. Schlief gut. Zündete den Kamin selbst an." "Tag 18. Frau Volkov isst gut, mag die Bibliothek, liest viel. Schreibt gern auf, was sie lernt, in das Notizbuch, um das sie mich bat. Hat nie versucht zu fliehen." Die letzte Zeile schien von der Seite zu springen. "Hat nie versucht zu fliehen." Nicht aus Loyalität, natürlich. Weil sie nirgendwohin konnte. Die Logik war klar, aber ein Teil von mir bestand darauf, es als Akzeptanz zu sehen, eine Kapitulation, die ich nicht erobert hatte. Ich drückte einen Knopf a
NIKOLAI VOLKOV Fast drei Wochen. Drei Wochen der Jagd, des kalten Blutes und der unerbittlichen Strategie. Jetzt, in meinem Büro, betrachtete ich den Abschlussbericht. Die gesamte Waffenlieferung war zurück in meinem Herrschaftsbereich. Ich konnte fast die ohnmächtige Wut von Ivan Tschernov auf der anderen Seite der Stadt spüren, und der Gedanke erfüllte mich mit einem sadistischen, tiefen und stillen Vergnügen. Die Anspannung der letzten Tage war jedoch noch immer in meinen Muskeln eingegraben, ein toxischer Rückstand, der ausgeräumt werden musste. Ich beschloss zu feiern. Nicht in einem schicken Restaurant, sondern im Klyk Zimy, meinem privaten Club. Ein Keller aus Sichtziegeln, blaues und rotes Neon, dichter Rauch und der schwere Rhythmus industrialer Musik. Es war ein Ort für Männer meiner Welt, um Dampf abzulassen. Starker Drink, Zigaretten und die devochki — die Mädchen —, die die ungeschriebenen Regeln eines BDSM-Clubs verstanden. Brutalität war dort eine offene Sprache, und
ANGELINE HARRINGTON Als ich das bemerkte, spürte ich eine andere Kälte meinen Rücken hinunterlaufen. Er definierte die Grenzen meines Gefängnisses, und es war ein größerer Käfig, als ich mir vorgestellt hatte. Ein Käfig mit Bibliothek. — Danke, Agnessa — sagte ich und versuchte, die Stimme ruhig zu halten. Ich nahm einen Stapel Bücher. — Kann ich dich um noch etwas bitten? — Ja, Herrin. Ich bin hier, um Befehle zu empfangen. — Der Satz klang so seltsam in ihrem Mund. Befehle. Für sie war ich keine Gefangene, die Befehle gab; ich war ein Kanal, ein Übermittler von Nikolais Wünschen. — Könntest du mir ein Notizbuch besorgen? Und einen Stift? Sie runzelte leicht die Stirn. Notizbuch und Stift. Es waren keine Kleider, kein Essen. Es waren Werkzeuge. Werkzeuge zum Denken, zum Erinnern, vielleicht um mich mental ein wenig aus jener Hölle zu befreien. Sie verstand es nicht vollständig, aber sie nickte und akzeptierte. — So werde ich es tun. Wir gingen schweigend zu meinem Zimmer zurück







