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KAPITEL 4

Author: Joss Austen
last update publish date: 2026-10-06 01:36:10

NIKOLAI VOLKOV

IM MORGENGRAUEN…

Das Bewusstsein kehrte wie ein Schlag zurück, brutal und plötzlich. Mein Kopf hämmerte, während die Welt um mich herum sich drehte.

Meine Augen öffneten sich in einem unbekannten Zimmer. Und dann spürte ich es – die Wärme eines weichen Körpers gegen meinen. Das Gewicht eines fremden Arms auf dem Laken.

Was ich sah, ließ mein Blut augenblicklich gefrieren. Eine Frau. Sie lag mit dem Rücken zu mir und war völlig nackt, ihre Schultern waren schmal, und die Haut zart und blass. Das dunkle Haar breitete sich auf dem Kissen aus.

Mein Instinkt, noch benebelt von der Droge, schlug Alarm. "Wer zum Teufel war das?" Als ob sie das Gewicht meines Blickes spürte, bewegte sie sich. Ein Seufzen, ein Zittern. Und dann drehte sie sich um.

In diesem Moment schien meine Welt stillzustehen – in ihrem Gesicht, eine enorme Narbe.

Eine gewaltsame Linie, die von der Schläfe bis zum Mund verlief, eine Spur der Brutalität, verewigt in zarten Zügen. Es war eine junge Frau. Und ich kannte sie nicht. Ich hatte keine Ahnung, wer sie war.

Unsere Augen trafen sich. Ihre, grün, weiteten sich vor Entsetzen. Sie öffnete den Mund, um zu schreien.

— Schweigen Sie, Verdammte! — knurrte ich, meine Stimme ein raues Brüllen, das durch das stille Zimmer hallte.

Der Schreck ließ sie verstummen, aber nicht ruhiger werden. Sie kauerte sich zusammen, zog die Laken, um ihren nackten Körper zu bedecken, ein unkontrollierbares Zittern durchlief sie.

— Wer sind Sie? — flüsterte sie, die Stimme ein Faden des Entsetzens. — Was machen Sie in meinem Bett? Nackt?

Bevor ich antworten konnte, wurde die Tür mit Gewalt aufgerissen.

Und da waren sie. Victoria vorne, mit einem rachsüchtigen Lächeln. Dahinter die Harringtons – Richard mit seinem Blick falscher Enttäuschung, Elizabeth mit der Hand auf der Brust, Schock vortäuschend.

— Mein Gott! — rief Elizabeth aus, ihre Stimme reines Theater — Nikolai… du… du hast meine Tochter entehrt! Und meine arme Tochter Angeline wurde… in einem Internat erzogen!

Der alte Richard trat vor, sein Stahlblick durchbohrte mich. — Du hast ihre Reinheit unter meinem Dach korrumpiert! In unserer Tradition kennst du den Preis. Du wirst sie zur Frau nehmen und sie heiraten. Ein Mann deines Standes muss ein Beispiel geben!

Und dann Victoria. Ihre blauen Augen leuchteten vor triumphierendem Hass, während sie die Szene überblickten: ich, noch benommen im Bett, und die Schwester, die "Entstellte", zitternd wie ein Blatt.

Sie lachte, ein eisiges Geräusch. — Wer hätte das gedacht, Nikolai? Du hast mir widerstanden, weil du so… eigenartige Vorlieben hast. Du magst also den Horrorzirkus, ja? — Ihre Augen wandten sich zur Schwester. — Und du, Schwesterchen? Als Heilige erzogen, und am Ende… bist du eine Schlampe.

— Nein! — schrie das Mädchen verzweifelt. — Das ist nicht wahr! Ich habe nie mit ihm geschlafen, ich kenne ihn nicht einmal! Warum ist er in meinem Zimmer?

Sie weinte, zitterte, schien am Rand eines Anfalls. Und ich… ich wäre fast auf diese Schauspielerei hereingefallen. Fast.

Aber so dumm war ich nicht. Das Offensichtliche lag direkt vor meinen Augen. Das letzte Stück dieser verdammten Falle war genau das – die falsche Unschuld, die choreografierte Verzweiflung. Sie war im Spiel, genau wie alle Harringtons. Sie waren Komplizen, um mich an dieses… Ding zu binden.

Es war kein Fehler. Es war eine Falle, perfekt und sadistisch.

Das Brüllen des Limousinenmotors beim Abstellen reißt mich aus der Vergangenheit. Ich bin zurück. Vor meinem neuen Gefängnis. Mit der Frau, die das Instrument meines Falls war.

Ich schaue zu Angeline, noch immer zusammengekauert in ihrer Ecke. Der Schleier ist ein Symbol für all das: eine Abdeckung für eine widerliche Wahrheit. Und ich war der Narr, der auf ihr verrottetes Märchen hereingefallen ist.

Kaum hatte ich die Schwelle des Hauptsaals der Villa überschritten, Angeline wie eine Last an meiner Seite ziehend, als ich auf diese groteske Szene stieß. Mein Vater, Ivan Volkov, und die anderen Herren des Clans, ebenso wie die Harringtons, erwarteten uns bereits.

Als ich Victorias triumphierendes Gesicht und das ihrer Eltern sah, kochte mein Blut, aber ich beherrschte mich.

Der eisige Blick meines Vaters erinnerte mich noch an die verdammte Schande, die ich spürte, als ich später, als ich in der Volkov-Villa ankam, meinem Vater in seinem Büro alles erzählen musste.

— Es war eine Falle, Vater — erklärte ich, meine Stimme beladen mit unterdrückter Wut. — Sie haben mich betäubt. Sie haben diese Frau in mein Bett gelegt.

Ivan Volkov, der alte Bär, sah mich an, sein Gesicht von Falten und Misstrauen gezeichnet. Sein Schweigen war beängstigender als jedes Geschrei.

— Und du bist hineingetappt, Sohn — sagte er schließlich, seine Stimme ein leises Knurren. — Hineingetappt wie ein Neuling. Jetzt bist du an diese verdammte Familie gebunden, an die… Harringtons.

— Ich bin an nichts gebunden — erwiderte ich, meine Augen fest auf seine gerichtet. — Die Ehe ist nur ein Stück Papier. Und sie wird die perfekte Ausrede sein, um sie zu vernichten.

Er studierte mein Gesicht einen langen Moment, die Enttäuschung in seinen Augen wich langsam einem Schimmer düsterer Resignation.

— Ich hoffe, du weißt, was du tust, Nikolai — murmelte er und wandte sich zum Fenster. — Du bist jetzt der Pakhan. Deine Entscheidungen betreffen uns alle.

— Ich weiß sehr wohl, was ich tue, Vater — antwortete ich, das Bild von Victorias Lächeln brannte in meinem Kopf. — Ich weiß es vollkommen.

Und ich wusste es. Ich hatte diese idiotische Hochzeit selbst organisiert. Für sie war es meine Kapitulation. Für mich war es der erste Spatenstich, der ihr Grab aushob. Niemand spielt mit Nikolai Volkov.

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