LOGINBills Sicht
Kein Wunder, dass Calvin so schnell aus Moms Haus verschwinden wollte. Tante Claire und Doris sind hier.
Calvin war schon immer ein Einzelgänger. Mit Klatsch und Tratsch kann er nicht viel anfangen, besonders wenn es um Frauen geht. Ich hingegen komme damit deutlich besser zurecht als er.
Als ich hereinkomme, genießen die Frauen bereits einen üppigen Brunch. Der Tisch ist mit allerlei Köstlichkeiten gedeckt. An einem Ende steht eine sorgfältig arrangierte Platte mit verschiedenen Käsesorten, einer Auswahl an Wurst und Schinken sowie frischem Obst. Der eigentliche Blickfang ist jedoch eine mehrstöckige Meeresfrüchteplatte in der Mitte des Tisches. Darauf türmen sich Hummerschwänze, Riesengarnelen und Austern, deren Schalen im Licht glänzen.
Sobald Doris mich entdeckt, erhellt ein herzliches Lächeln ihr Gesicht.
Sie trägt eine stilvolle Designer-Jeansjacke über einem weißen T-Shirt, dazu eine Jeans.
Doris hat einfach ein Händchen dafür, selbst in legerer Kleidung elegant auszusehen. Sie bewegt sich mit einer solchen Anmut, dass man sie glatt für ein Laufstegmodel halten könnte, ganz egal, was sie trägt.
Ich begrüße Mom und Tante Claire, bevor ich mich Doris zuwende.
„Du siehst wie immer umwerfend aus, Doris“, sage ich mit einem breiten Lächeln. „Tut mir leid, dass ich gestern Abend so früh gehen musste. Ich musste nach Serena sehen.“
Mom verdreht die Augen, sobald ich Serenas Namen erwähne.
„Sie musste ja unbedingt eine Szene machen“, bemerkt sie unverhohlen missbilligend.
Bevor ich etwas erwidern kann, ergreift Doris das Wort.
„Es ist meine Schuld, Elena. Ich hätte besser aufpassen müssen.“
Doris senkt kurz den Blick, vermutlich um zu verbergen, was wirklich in ihr vorgeht. Ihre Hände nesteln unruhig in ihrem Schoß aneinander herum. Ein deutliches Zeichen dafür, wie unwohl sie sich fühlt.
Mom legt ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter.
„Du musst dir keine Schuld geben, Liebes. Das ist ganz allein die Schuld dieses Mädchens!“
„Ehrlich, Bill, ich verstehe nicht, was du jemals an ihr gefunden hast“, sagt Mom mit unverhohlener Verachtung.
„Verführen kann sie offenbar ziemlich gut, das muss man ihr lassen“, wirft Tante Claire ein. „Mich würde ihr Geheimnis interessieren. Vielleicht könnte ich die Methode auch mal bei meinem Mann ausprobieren.“
Mom und Tante Claire brechen in Gelächter aus, als hätten sie einen Insiderwitz geteilt.
„Meine Damen, seid nett“, mische ich mich mit einem lockeren Tonfall ein. „Ihr kennt Serena doch gar nicht richtig.“
„Respektlos ist sie, das ist sie!“, erwidert Mom, die ihren Groll noch lange nicht überwunden hat. „Sie hat dich nicht einmal deine eigene Mutter über eure Hochzeit informieren lassen. Kannst du dir das vorstellen?“
Ihre Worte zeigen, wie sehr es sie immer noch verletzt, dass sie von unserer Hochzeit ausgeschlossen wurde.
Doris und ich wechseln einen kurzen Blick. Unauffällig schüttle ich den Kopf, um ihr zu signalisieren, dass sie die Hochzeit in Las Vegas nicht erwähnen soll.
Sie nickt leicht.
Dieses Geheimnis kennen nur Serena, Doris und ich. Wenn Mom davon erfährt, wird sie Serena nur noch mehr hassen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie sie reagieren würde, wenn sie erfährt, dass ihr milliardenschwerer Sohn eine derart kitschige Hochzeit gefeiert hat.
„Wie auch immer, ich möchte mich im Namen von Serena entschuldigen“, sage ich und versuche, die Wogen zu glätten. „Sie hätte sich nicht so verhalten dürfen. Ich glaube, sie steht einfach unter ziemlich großem Stress.“
„Stress?“, wiederholt Mom überrascht. „Warum sollte sie denn Stress haben? Mit deinem ganzen Geld hat sie es doch mehr als bequem.“
Ganz unrecht hat Mom damit nicht.
Ich frage mich inzwischen selbst, was Serena eigentlich so sehr belastet. Was verschweigt sie mir?
Langsam komme ich zu dem Schluss, dass ihr Wunsch nach einer Scheidung vielleicht doch mehr ist als nur ein kindischer Wutanfall.
„Bill?“
Doris' Stimme reißt mich aus meinen Gedanken.
„Ist alles in Ordnung?“
Ich zwinge mich zu einem Lächeln und versuche, gelassen zu wirken.
„Äh, ja. Ich war nur gerade mit den Gedanken bei dem Meeting mit Johnson and Haines später. Eigentlich hatte ich überlegt, dich mitzunehmen. Hättest du Lust, dabei zu sein?“
Doris strahlt übers ganze Gesicht.
Wenn ich sie kenne, ist sie mit den Einzelheiten des Angebots wahrscheinlich längst vertraut. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mich dabei unterstützen kann, diesen riesigen Deal unter Dach und Fach zu bringen.
„Das klingt spannend. Ich bin dabei“, sagt Doris.
Während wir essen, klingelt plötzlich mein Handy.
Serena.
Was ist denn jetzt schon wieder?
Ich schiebe meinen Stuhl zurück und stehe auf.
„Entschuldigt mich bitte kurz. Ich muss rangehen.“
Damit trete ich vom Tisch weg und nehme den Anruf entgegen.
„Bill, wir müssen reden“, kommt Serena sofort zur Sache. Nicht einmal Hallo hat sie gesagt. „Ich meine es ernst mit der Scheidung. Ich will so schnell wie möglich mit einem Anwalt sprechen, damit die Scheidungspapiere aufgesetzt werden können.“
Oh nein. Nicht schon wieder.
„Ich bin gerade bei Mom. Können wir später darüber reden?“, frage ich und bemühe mich, ruhig zu bleiben.
Ich reibe mir die Schläfe, weil sich langsam Kopfschmerzen bemerkbar machen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Mom und Doris mich beobachten.
„Das kann nicht warten. Ich habe es einfach satt, dass du mich immer an letzte Stelle setzt“, beharrt Serena.
Ihre Stimme zittert.
Ich atme tief durch und spüre, wie mir die Hitze ins Gesicht steigt.
„Du kannst mich doch nicht einfach so damit überfallen! Was wäre, wenn ich gerade in einem Meeting wäre?“, sage ich, etwas lauter als beabsichtigt.
Meine Stimme wird immer schärfer. Aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass Mom inzwischen begriffen hat, mit wem ich telefoniere.
„Belästigt sie dich, Bill?“, fragt Mom.
Dabei hebt sie absichtlich die Stimme, damit Serena am anderen Ende der Leitung jedes Wort hören kann.
„Diese Frau besitzt wirklich keinerlei Anstand. Unverschämtheit kennt sie offenbar überhaupt nicht“, fügt sie lautstark hinzu und sorgt dafür, dass Serena kein Wort entgeht.
Am anderen Ende der Leitung herrscht einen Moment lang Stille.
Ich kann förmlich spüren, wie Moms Worte Serena treffen. Sie müssen sie tief verletzt haben, als hätte jemand ihr ein Messer ins Herz gestoßen.
„Serena?“, rufe ich.
Ein kurzes Piepen ertönt, dann wird die Verbindung abrupt unterbrochen.
Wow. Hat sie mir gerade tatsächlich aufgelegt?
Ich schließe die Augen und atme tief durch.
Das ist das erste Mal, dass sie einfach auflegt, während ich mit ihr telefoniere.
Ich gehe zurück zum Tisch. Alle sehen mich erwartungsvoll an und warten darauf, dass ich etwas sage.
„Ich muss los. Ich muss mich auf das Meeting vorbereiten.“
Doris sieht besorgt aus.
„Oh, soll ich mitkommen?“
„Nein, du kannst später nachkommen. Wir sehen uns dann im Büro“, antworte ich.
Es ist nicht so, dass ich sie nicht dabeihaben möchte. Aber im Moment könnte ich die Fahrt allein ganz gut gebrauchen, um meine Gedanken zu ordnen.
Was für ein Spiel spielt Serena eigentlich?
Sie weiß genau, wie viel heute auf dem Spiel steht. Und trotzdem lenkt sie mich mit diesem ganzen Unsinn über Scheidungspapiere ab.
Was zum Teufel soll das eigentlich?
Bills SichtIch könnte vor Wut fast mit einer einzigen Bewegung alles von meinem Schreibtisch fegen. Serena hat sich seit der Scheidung wirklich verändert. Sie ist jetzt viel mutiger als früher.Sie geht nicht an mein Telefon, was für sie völlig untypisch ist. Ich versuche es erneut, doch diesmal ist die Leitung besetzt. Spricht sie etwa schon mit einem anderen Mann?Wenn ich mir Serenas Verhalten in letzter Zeit so ansehe, könnte Doris tatsächlich recht gehabt haben. Es ist schon ärgerlich genug, dass Calvin ein Auge auf sie geworfen hat. Aber jetzt scheint sie auch noch auf der Suche nach reichen Männern zu sein.Ich balle die Hand zur Faust. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass sie so schnell über mich hinweg ist. Unsere drei Ehejahre scheinen ihr nichts mehr zu bedeuten, als hätte sie sie mühelos einfach hinter sich gelassen.Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte ich insgeheim gehofft, Serena zu Hause anzutreffen. Ich dachte, sie würde bereit sein, die Scheidung z
Serenas SichtIch starre ein paar Minuten lang auf mein Handy und frage mich, warum zum Teufel Bill mich ausgerechnet jetzt anruft.Als Mom meinen verwirrten Gesichtsausdruck bemerkt, beugt sie sich besorgt zu mir. „Was ist los, Schatz? Wer ruft denn an?“„Ach, nur meine Freundin Stevie. Sie will wahrscheinlich wissen, ob ich gut angekommen bin“, lüge ich, in der Hoffnung, damit weitere Fragen zu Bill zu vermeiden. Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, ist, dass Dad wieder in Rage gerät.Nachdem ich aufgegessen habe, stehe ich auf und wende mich an meine Eltern. „Mom, Dad, die Reise war ziemlich anstrengend. Wäre es okay, wenn ich mich eine Weile in meinem alten Zimmer ausruhe?“„Natürlich, Schatz“, antwortet Dad und nickt.Ich lächle die beiden an. „Danke. Und Mom, danke noch mal für mein Lieblingsessen. Es war köstlich.“Als ich die Treppe hinaufgehe, klingelt mein Handy schon wieder. Ich murmele vor mich hin: „Im Ernst? Was will er denn jetzt? Vielleicht geht es um die Scheidun
Serenas SichtStevie wartet vor der Toilettenkabine, während ich mir die Seele aus dem Leib kotze.Ich höre ein sanftes Klopfen an der Tür. „Brauchst du Hilfe? Ich kann dir die Haare zurückhalten, wenn du möchtest“, bietet Stevie an.„Nein, schon gut“, antworte ich. „Ich schaffe das. Ich hab schließlich genug Übung.“Als ich fertig bin, wische ich mir den Mund ab und atme tief durch. Ich hatte befürchtet, Stevie würde mir übel nehmen, dass ich ihr nichts von dem Baby erzählt hatte.Doch da lag ich falsch.Kaum komme ich aus der Kabine, schließt Stevie mich fest in die Arme.„Stevie, weinst du etwa?“, frage ich, als ich die Tränen in ihren Augen bemerke.Sie löst sich ein Stück von mir und lächelt. „Natürlich weine ich, du Dummchen! Ich werde Tante!“„Oder du wirst die Patentante meines Babys. Ich weiß, dass du dich um mein Kind kümmern würdest, falls mir etwas zustoßen sollte“, sage ich.Stevie lächelt und erwidert: „Das wäre wundervoll! Ich meine, die Patentante deines Babys zu sein,
Serenas SichtMir war nie bewusst, wie weit ich mich durch meine Ehe mit Bill von meinem früheren Leben entfernt hatte, bis ich Stevie zwischen den Müsliregalen und dem Kaffee im Supermarkt über den Weg lief.Ich war gerade auf dem Weg zum Kaffee, als ich sie entdeckte. Stevie. Sie sah noch genauso aus wie damals zu unserer Collegezeit. Gerade schaute sie auf ihr Handy und lachte.Einen Moment lang zögerte ich, dann beschloss ich, auf sie zuzugehen.„Stevie?“, rief ich. „Lange nicht gesehen.“Sie drehte sich um und schien überrascht, mich zu sehen. Für einen Augenblick schwiegen wir beide, dann rief sie: „Serena! Ich glaub's ja nicht! Was machst du denn hier?“Sie nahm mich in die Arme und freute sich sichtlich, mich wiederzusehen. Doch das brachte mich erst recht aus dem Konzept.„Bist du denn gar nicht sauer auf mich?“, platzte ich heraus, ohne meine Verwirrung verbergen zu können. Schließlich hatten wir seit meiner Hochzeit mit Bill keinen Kontakt mehr gehabt.Stevie schüttelte läc
Serenas SichtAuf halbem Weg aus dem Krankenhaus fällt mir ein, dass Calvins Geschenk noch in Bills Zimmer liegt. Aber ich kann unmöglich zurückgehen. Nicht nach all den Demütigungen, die Bill mir an den Kopf geworfen hat.Ich kann mir schon vorstellen, was passieren würde. Wenn ich wegen des Geschenks zurückgehe, wird Bill mir wahrscheinlich gleich wieder vorwerfen, dass ich es auf seinen Onkel abgesehen habe. Dabei hat er mir nicht einmal die Gelegenheit gegeben, ihm zu erklären, dass ich das Geschenk von Anfang an gar nicht annehmen wollte.Ich will wirklich nichts mit Calvin zu tun haben. Nach all dem Ärger, den ich in den letzten drei Jahren mit seiner Familie hatte, warum sollte ich weiterhin irgendeinen Kontakt zu ihnen pflegen? Und wenn ich mich mit Calvin einlasse, muss ich mir nur wieder die gehässigen Bemerkungen von Elena und Claire anhören.Aber jetzt, da ich von Bill geschieden bin, muss ich ihnen zum Glück nie wieder begegnen. Vielleicht kann ich endlich wieder zur Ruhe
Serenas Sicht„Du bist so ein Arschloch, Bill“, sage ich mit unbewegter Miene.Ich spüre, wie mir das Gesicht heiß wird, doch ich lasse mir nichts anmerken. Er benimmt sich wieder wie früher und versucht, mich mit seinen Worten zu provozieren. Aber wenn er dieses Spiel spielen will, kann ich das genauso gut.Verächtlich schnaube ich. „Na und, wenn ich einen Sugardaddy habe? Was geht dich das an? Wir sind schließlich geschieden.“Bills Kiefermuskeln spannen sich an, und seine Augen verengen sich leicht. „Jetzt verstehe ich. Du hast also schon dein nächstes Opfer im Visier.“„Was soll das heißen?“, frage ich und fordere ihn auf, sich zu erklären.„Du ziehst also durch die Gegend und machst reiche Männer an“, fährt Bill mich an. „Tja, weißt du was? Ich habe mehr Geld als all diese Idioten zusammen!“Woher kommt das plötzlich? Noch nie hat Bill mir vorgeworfen, ihn betrogen zu haben. Und jetzt stellt er mich auch noch als geldgierige Schlampe hin.„Denkst du wirklich so von mir?“, frage ic







