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Kapitel 4

Author: lvy
Beim Abendessen fuhr Bella groß auf.

Sie stand in einer zarten Schürze am Tisch, auf den Lippen ein makelloses Lächeln, und präsentierte ein aufwendiges Festmahl aus Meeresfrüchten.

Dann sah sie Alexander und mich an und sagte süß: „Seht es als kleines Dankeschön für eure Gastfreundschaft.“

Der Tisch bog sich unter Hummer, Krabben und Abalone.

In der Mitte dampfte ein Topf mit aromatischer Meeresfrüchtesuppe.

Bella nahm sich selbst die Kelle und füllte Leo eine besonders große Schale.

„Leo, Schatz, komm. Probier mal, was Tante extra für dich gekocht hat.“

Leo warf nur einen einzigen Blick hinein und schüttelte sofort den Kopf.

Sein kleines Gesicht verschloss sich augenblicklich.

Bellas Lächeln gefror.

Für einen Wimpernschlag blitzte nackter Ärger in ihren Augen auf. Im nächsten Moment setzte sie schon wieder ihre verletzliche Miene auf.

Ihre Stimme bebte leicht.

„Ich stand seit zwei Uhr in der Küche...“

Lucas ließ sich natürlich nicht zweimal bitten, noch Öl ins Feuer zu gießen.

Seine Stimme war schrill und spitz.

„Wollen Tante Sophia und Leo uns etwa nicht hierhaben? Deshalb essen sie Mamas Essen nicht, oder?“

Alexanders Gesicht verdunkelte sich schlagartig.

In seinen Augen benahm sein eigener Sohn sich respektlos. Leo ließ Bella und Lucas spüren, dass sie unerwünscht waren.

„Leo!“, fuhr er ihn an. „Du trinkst die Suppe. Sofort.“

Dann kam der Tonfall, den er nur benutzte, wenn er Befehle gab.

„Als Erbe der Familie Moretti solltest du wenigstens grundlegende Manieren haben. Gäste beleidigt man nicht.“

Ich hob den Blick.

Meine Stimme war kalt wie Stahl.

„Leo ist allergisch gegen Meeresfrüchte. Schwere Anaphylaxie. Eine einzige Schale kann ihn töten.“

Alexander erstarrte.

Sein Löffel blieb mitten in der Bewegung stehen.

Für einen kurzen Moment huschte Schuld über sein Gesicht. Da begriff er wohl, dass er selbst das längst vergessen hatte. Den Zustand seines eigenen Sohnes. Eine Gefahr, die tödlich enden konnte.

Aber Lucas war noch nicht fertig.

Mit gespielter Unschuld hob er seine Schale an.

„Das ist unmöglich. Mamas Suppe ist total lecker. Ich habe gestern ganz viel davon gegessen!“

Er hielt Leo die Schale hin.

„Leo, probier doch nur einen Schluck!“

Leo schob sie instinktiv weg.

Im Gerangel ließ Lucas die Schale absichtlich los.

Die brühend heiße Suppe spritzte über beide Kinder.

Leos linker Arm bekam fast alles ab.

Seine Haut lief sofort rot an. Dann bildeten sich Blasen.

Lucas bekam nur ein paar Tropfen auf den Handrücken.

Trotzdem fing er augenblicklich an zu heulen.

Laut. Schrill. Durchdringend.

„Warum hat Leo mich geschubst? Es brennt! Es tut weh!“

Alexanders Gesicht verfärbte sich vor Wut.

Er sah nur Lucas.

Nur den weinenden Jungen in Bellas Nähe.

Die schlimmen Verbrühungen an Leos Arm bemerkte er nicht einmal.

„Leo! Man schubst niemanden. Egal, was passiert ist!“

Seine Stimme krachte durch den Raum wie ein Schuss.

„Entschuldige dich bei Lucas. Sofort!“

Er wartete keine Erklärung ab.

Er hob den schluchzenden Lucas auf den Arm und zog ihn an sich.

„Schon gut. Onkel hat Salbe.“

Bella spielte die besorgte Mutter.

„Wie konntest du nur so unvorsichtig sein?“

Doch das feine, höhnische Glitzern in ihren Augen verriet sie.

Ich ging vor Leo in die Hocke und trug ihm schweigend Brandsalbe auf den Arm auf.

Leo sagte nichts.

Er sah nur zu, wie Alexander, Bella und Lucas weggingen.

Der Schmerz in seinen Augen veränderte sich langsam.

Erst war da Kränkung.

Dann Enttäuschung.

Und schließlich etwas viel Schlimmeres.

Gleichgültigkeit.

„Mama. Es tut weh“, flüsterte er.

Aber er weinte nicht.

„Ich weiß, mein Schatz.“

Ich blies ganz vorsichtig auf seinen Arm.

Leo hob die Hand und zog die Platinkette von seinem Hals.

Sie war das Zeichen des Moretti Erben.

Alexander hatte sie ihm an seinem dritten Geburtstag umgelegt. Es war der einzige Geburtstag gewesen, an dem er überhaupt bei ihm gewesen war.

Leo hatte diese Kette geliebt.

Er nahm sie nie ab. Nicht einmal beim Duschen.

Jetzt legte er sie ganz behutsam auf den Esstisch.

Seine Stimme war die eines Kindes.

Und doch klang darin eine Entschlossenheit, die mir das Herz zerriss.

„Mama, lass uns gehen.“

Er schluckte kurz.

„Ich will das alles nicht mehr.“

Dann sah er mich an.

Und obwohl er selbst verletzt war, versuchte er noch immer, mich zu trösten.

„Mama, sei ihretwegen nicht mehr traurig. Ab jetzt beschütze ich dich.“

Ein fünfjähriges Kind.

Und doch klang es in diesem Augenblick, als spräche ein erwachsener Mann.

Ich sah meinem Sohn in die Augen und erkannte seinen Entschluss.

Etwas in ihm war an diesem Abend endgültig zerbrochen.

Trotz meines gebrochenen Herzens lächelte ich.

Ein stilles, bitteres Lächeln.

„Okay“, sagte ich. „Wir gehen.“

Marcos gepanzerter Wagen wartete bereits vor dem Tor.

Ich nahm Leo auf den Arm, griff nach dem Gepäck, das ich schon am Nachmittag vorbereitet hatte, und ging ohne einen Blick zurück hinaus.

In meinen Armen flüsterte Leo:

„Mama, wir kommen nie wieder zurück, oder?“

Ich drückte ihn fester an mich.

„Nein“, sagte ich leise. „Nie wieder.“

Draußen heulte der Motor des schwarzen, gepanzerten Mercedes auf.

Im nächsten Augenblick verschlang die regnerische Nacht jede Spur von uns.
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