LOGINOlivias SichtweiseDer Gesang kam immer näher.Alle im kleinen Saal erhoben sich. Cameron zog sein Schwert, betrachtete es dann und senkte es langsam wieder. Gegen einen Geist half Stahl nicht.„Bleib hinter mir“, sagte er zu Elara.„Es ist nur Nissa, Papa“, sagte Elara. Doch sie blieb trotzdem dicht an meinem Rock.Die Luft wurde kalt. Die Kerzenflammen neigten sich zur Seite, als wäre ein Windstoß durch den Raum gefahren, obwohl kein Fenster offen stand. Dann trat ein kleines Mädchen durch die Steinmauer – so mühelos, als würde es durch einen Vorhang schreiten.Sie war etwa sechs Jahre alt. Sie trug zwei lange Zöpfe und ein geflicktes Kleid. Sie leuchtete in einem sanften silbernen Licht, genau wie die anderen Geister.Doch irgendetwas stimmte nicht.Ihre Augen waren nicht silbern. Sie waren schwarz und glänzten wie nasse Tinte. Ein dünner Faden aus dunklem Wasser zog sich von ihren Händen herab und tropfte auf den Boden, doch kein Tropfen kam dort tatsächlich an.„Nissa“, flüsterte
Aus Camerons SichtHarlan rannte los.Ich kannte ihn mein ganzes Leben lang, doch noch nie hatte ich ihn so rennen sehen. Er stürmte mit weit ausgebreiteten Armen über den Hof, während seine Stiefel auf dem Kopfsteinpflaster rutschten. Zwei Wachen rissen das Nordtor auf, ohne auf meinen Befehl zu warten.Auf der Straße stand ein junger Mann.Er war so dünn wie ein Zaunpfahl. Seine Kleidung bestand aus Lumpen, und sein dunkles Haar hing ihm in die Augen. Bis zu den Knien war er mit Schlamm bedeckt. Er hatte aufgehört zu singen und schwankte wie ein Baum im Wind.„Brannoch?“, fragte Harlan mit brüchiger Stimme. „Bist du das wirklich?“„Hallo, Vater“, sagte der junge Mann. „Es tut mir leid, dass ich zu spät bin.“Harlan fing ihn auf, gerade bevor er zu Boden sank. Er umklammerte ihn so fest, dass ich fürchtete, er könnte ihm die Rippen brechen. Keiner von beiden sagte noch ein Wort. Harlan zitterte nur, und Brannoch hielt sich einfach an ihm fest.Ich wandte den Blick ab. Manche Augenbli
Olivias SichtweiseDie Menschen auf dem Hof schrien nicht. Sie rannten nicht. Sie drehten nur im selben Augenblick die Köpfe und sahen uns an.Ihre Augen waren leer. Ihre Handgelenke leuchteten rot.„Alle zurück!“, brüllte Cameron. „Bringt die Kinder ins Haus!“Mütter rissen ihre Kleinen an sich. Alte Männer eilten zu den Türen. In all dem Lärm machte mir eines am meisten Angst: Die Gezeichneten waren vollkommen still.„Mirelle“, sagte ich und packte sie am Arm. „Was werden sie tun?“„Ich weiß es nicht!“, rief sie. „Meine Mutter hat es mir nie gesagt. Ich weiß nur, dass sie ihr gehorchen müssen.“Die Bäckerin bewegte sich als Erste. Sie war eine rundliche, fröhliche Frau, die Elara ein Jahr lang jeden Morgen ein süßes Brötchen gegeben hatte. Nun kam sie mit langsamen, steifen Schritten auf uns zu und hob eine schwere Eisenpfanne vom Boden auf.„Bessa“, sagte ich sanft. „Bessa, ich bin’s, Olivia. Bitte hör auf.“Sie blinzelte nicht einmal. Sie hob die Pfanne.Cameron bewegte sich sch
Aus Camerons SichtIch rannte die Treppe hinauf – immer zwei Stufen auf einmal – und stürmte hinaus in den Hof.Es war mitten in der Nacht, doch das gesamte Rudel war wach. Wölfe standen im Hof, die Köpfe in den Nacken gelegt, die Mäuler geöffnet. Mütter hielten ihre Jungen fest an sich gedrückt. Niemand sprach ein Wort.Ich blickte nach oben, und mir rutschte das Herz in die Hose.Der Mond war noch nicht voll. Eigentlich hätte er nur als schmale, weiße Sichel am Himmel stehen sollen. Doch er leuchtete in einem kränklichen, fahlen Grün, und ein riesiger schwarzer Ring umschloss ihn – wie ein Auge ohne Gesicht.„Was ist das?“, flüsterte Olivia, die mit Elara auf dem Arm neben mich trat.„Ich weiß es nicht.“„Sieh dir die Sterne an“, sagte Elara.Ich sah hin. Rings um den Mond erloschen die Sterne. Sie fielen nicht herab, und sie verblassten auch nicht. Sie erloschen einfach – einer nach dem anderen, wie Kerzen, deren Flamme man mit den Fingern ausknipst. Dort, wo sie zuvor gestanden ha
Olivias SichtweiseHarlan stand oben an der Treppe, die Hände an den Seiten herabfallend.Er rannte nicht. Er zog nicht sein Schwert. Er stand nur da – groß, grauhaarig und müde – und blickte auf uns herab wie ein Mann, der darauf wartete, dass der Boden ihn verschlänge.„Harlan?“, sagte Cameron. Seine Stimme klang dünn. „Sag etwas.“„Ich kann nicht“, sagte Harlan. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“Niemand sprach. Eine Kerze knisterte und zischte.Ich sah zu Cameron hinüber. Sein Gesicht war bleich, und ich spürte, wie der Schmerz wie eine Welle durch unsere Verbindung brandete. Harlan hatte ihm beigebracht, ein Schwert zu führen, als er neun Jahre alt war. Harlan hatte ihn nach Hause getragen, als sein Vater gestorben war. Harlan hatte an unserer Seite gekämpft – in der Arena, an der Schlucht, überall.„Komm herunter“, sagte Cameron schließlich. „Ganz langsam.“Harlan stieg die Treppe hinab, Stufe für Stufe. Unten angekommen, kniete er auf dem Steinboden nieder und senkte das H
Aus Camerons SichtWir fanden die Tür noch vor Mitternacht.Es brauchte Maera, Rylan, sechs Krieger und drei Stunden, in denen wir gegen alte Mauern drückten. Am Ende war es Elara, die sie entdeckte. Sie ging zum hinteren Teil der Burg, presste ihre silberne Handfläche gegen einen schlichten Stein und sagte: „Hier.“Der Stein glitt mit einem leisen Ächzen zur Seite.Dahinter befand sich eine schmale Treppe, die hinabführte – immer tiefer und tiefer. Kalte Luft strömte herauf. Es roch nach feuchtem Gestein und etwas sehr Altem.„Ich habe mein ganzes Leben in diesem Haus verbracht“, sagte ich. „Mein Vater hat hier gelebt. Mein Großvater hat hier gelebt. Niemand hat mir je davon erzählt.“„Vielleicht wusste es niemand“, sagte Olivia.„Oder vielleicht wusste es jemand und hat es sehr gut versteckt.“ Maera hielt ihre Laterne über die Treppe. „Deine Vorfahren haben dieses Rudelhaus mit Absicht gebaut. Sie haben es direkt über der Tür errichtet, um sie zu bewachen.“„Vor was bewachen?“, frag







