LOGINDivina
Jedes einzelne Auge richtete sich auf mich. Meine Kehle zog sich zusammen. Bernard stand ein paar Meter entfernt. Er trug dunkle Kleidung, die ihn genauso aussehen ließ wie den zukünftigen Beta, den jeder bewunderte. Groß, stark, gutaussehend und respektiert. Ein Monster, eingehüllt in wunderschöne Haut. Sein Blick traf meinen, und für einen kurzen Moment erschien ein langsames Grinsen auf seinen Lippen, bevor es wieder verschwand. Dieser eine Blick ließ mein Blut gefrieren. „Sie hat versucht, mich zu verführen.“ Die Worte trafen mich mit solcher Wucht, dass ich vergaß zu atmen. Meine Finger lockerten sich um den Schalter des Mixers. Meine Augen weiteten sich. Ich schüttelte den Kopf und flehte ihn stumm an, mit diesen Lügen aufzuhören. Er hatte das nicht wirklich gesagt. Das konnte er nicht. „Sie kam in mein Zimmer“, fuhr Bernard fort, seine Stimme erfüllt von gespieltem Ekel. „Sie hat sich auf mich geworfen. Sie hat mich angefleht, sie zu berühren.“ Entsetzte Laute gingen durch die Küche. Mein Körper erstarrte. Ich konnte kaum begreifen, was ich da hörte. Die Dreistigkeit seiner Lüge. Das pure Böse, das dahintersteckte. Meine Stimme kam schwach heraus, ohne die Kraft, die ich gebraucht hätte, um mich zu verteidigen. „Nein …“ Er ignorierte mich vollkommen. „Als ich sie zurückwies, griff sie mich an.“ Sein Kiefer verspannte sich, als würde ihn allein die Erinnerung daran anekeln. „Sie hat mir sogar ins Gesicht geschlagen.“ Flüsternde Stimmen brachen wie ein Lauffeuer aus. „Was?“ „Das hat sie getan?“ „Bernard?“ „Diese Frechheit.“ Ich schüttelte den Kopf so heftig, dass meine Sicht verschwamm. „Nein!“, schrie ich und fand endlich meine Stimme wieder. „So ist es nicht passiert.“ Bernard sah mich mit einem verletzten, ungläubigen Ausdruck an, der so überzeugend wirkte, dass mir schlecht wurde. „Du lügst immer noch?“, fragte er leise. Lügen? Ich war nicht diejenige, die log. Meine Brust brannte. Er nannte mich eine Lügnerin. Trotz der Schmerzen in meinen Beinen trat ich einen Schritt nach vorn. „Du hast dich mir aufgezwungen!“ Meine Stimme brach. „Du hast die Tür abgeschlossen. Du … du wolltest mich vergewaltigen.“ Die Ohrfeige kam so schnell, dass ich sie nicht kommen sah. Mutter. Ihre Handfläche krachte mit solcher Wucht gegen mein Gesicht, dass ich zur Seite geschleudert wurde. Ein brennender Schmerz schoss durch meine Wange. Die Küche verstummte erneut. Langsam hob ich den Kopf und schmeckte Blut in meinem Mund. Mutter stand vor mir und zitterte vor Wut. In ihren Augen lag keine Wärme, keine Sanftheit, nicht einmal die kleinste Spur von Liebe. Nur Hass starrte mir entgegen. „Wie kannst du es wagen?“, zischte sie. Tränen brannten in meinen Augen, und es lag nicht an der Ohrfeige. Es war der Verrat. Sie hatte nicht einmal gezögert. Keine einzige Sekunde. Wenigstens der kleinste Teil von ihr hätte sich fragen müssen, ob Bernard vielleicht log. Oder sie hätte mich nach meiner Seite der Geschichte fragen können. Sie hatte mich sogar vorhin in diesem Zustand in meinem Zimmer gesehen. Schwach. Meine Kleidung zerrissen. War das nicht Grund genug gewesen, mir zu glauben? Sie hatte sich bereits entschieden, was sie glauben wollte. Genau wie immer. Bernard. Shea. Jeder außer mir. „Du schamlose Schlampe“, spuckte Mutter aus. „Ich hätte wissen müssen, dass du so etwas treibst, als du den ganzen Tag verschwunden warst.“ Ich starrte sie an. Meine Brust schmerzte, körperlich und emotional. Sie fuhr fort. „Du hast deinen Vater getötet und Unglück über diese Familie gebracht. Und jetzt willst du deine Dreckigkeit auch noch auf meinen Sohn übertragen?“ Mein Sohn. Ihre Wortwahl stach tiefer, als sie vermutlich ahnte. Oder vielleicht wusste sie genau, wie perfekt sie damit traf. Shea trat nun vor und verschränkte die Arme, als wäre sie eine unschuldige Zuschauerin, die gezwungen wurde, eine solche Schande mitanzusehen. Ekel zeichnete sich auf ihrem schönen Gesicht ab. „Divina“, sagte sie und schüttelte enttäuscht den Kopf. „Ich wusste, dass du erbärmlich bist, aber das?“ Sie musterte mich von oben bis unten. „Versuchst du, Bernard zu verführen? Bist du wirklich so verzweifelt geworden?“ Lachen dröhnte in meinen Ohren. Sie alle lachten abwechselnd, und schon bald erfüllten Flüstereien den Raum. Flüstereien, die so grausam und scharf waren, dass sie meine Haut hätten aufschneiden können. „Sie ist widerlich.“ „Kein Wunder, dass kein Wolf sie will.“ „Sie hat nicht einmal einen Wolf.“ „Warte, wer würde sich überhaupt mit so einem Müll paaren?“ Wieder ertönte Gelächter. Müll. Wertlos. Eine Schande. Die Worte verschmolzen zu einem einzigen vertrauten Albtraum. Ich hatte sie monatelang gehört. Seit Vaters Tod hatten alle beschlossen, dass ich verflucht war, und nicht lange danach wurde ich zum einfachsten Ziel im gesamten Rudel. Aber heute Nacht … Tat es anders weh. Denn Bernard hatte etwas Heiliges genommen – meine Wahrheit – und sie so verdreht, dass sogar ich mich schmutzig fühlte. Ich sah mich in der Küche um. Kein einziges Gesicht zeigte Mitgefühl. Selbst die Dienstboten, die manchmal Mitleid mit mir hatten, senkten ihre Blicke. Niemand wollte sich gegen Bernard stellen. Warum auch? Er war der zukünftige Beta. Und ich war niemand. Bernard ging langsam auf mich zu. Wie ein Raubtier. Und ich war seine Beute. Genau das war es. Er beugte sich so weit zu mir, dass nur ich ihn hören konnte. „Das passiert, wenn du Nein zu mir sagst.“ Mein ganzer Körper zitterte. Dann trat er zurück und erhob seine Stimme. „Diese Angelegenheit sollte vor Alpha Darius und den Rest des Rudels gebracht werden. Wenn wir das durchgehen lassen, werden andere Dienstbotinnen sich von dieser Omega inspirieren lassen und versuchen, noch Schlimmeres zu tun, nur um unschuldige Adlige hereinzulegen, die nichts mit ihnen zu tun haben wollen.“ Mutter nickte sofort, gefolgt von den anderen. „Ja“, stimmten sie gemeinsam zu. Sie packte brutal meinen Arm. Schmerz schoss durch mich hindurch. Shea packte meinen anderen Arm. Ich versuchte, mich zu wehren. „Lasst mich los! Bitte.“ Doch Mutters Nägel bohrten sich nur noch tiefer in meine Haut. „Du wirst dich heute Nacht vor dem Alpha verantworten.“ Schmerz explodierte in mir. Nein. Bitte, nicht dort. Nicht vor allen während der Vollmondfeier, zu der Wölfe aus verschiedenen Rudeln auf der ganzen Welt gekommen sein mussten. „Bitte!“ Doch meine Bitten bedeuteten nichts. Sie zerrten mich aus der Küche, durch die Korridore und hinaus in die Nacht. Barfuß. Gebrochen. Gedemütigt. Jeder Schritt jagte Schmerzen durch meinen Körper, doch sie verlangsamten sich kein einziges Mal. Als wir das Festgelände erreichten, erfüllte Musik die Luft. Der Vollmond hing hoch über mir. Groß. Silbern. Wunderschön. Und grausam. Rudelmitglieder tanzten um riesige Lagerfeuer, während sie darauf warteten, dass der Mond rot wurde. Kinder rannten lachend umher. Paare standen eng beieinander. Unverpaarte Wölfe warteten auf ihr Schicksal. Diese Nacht sollte heilig sein. Es sollte die Nacht sein, in der Gefährten einander fanden und das Schicksal sich offenbarte. Sie sollte voller Glück sein. Stattdessen wurde ich wie eine Verbrecherin hineingezerrt. In dem Moment, in dem die Menschen uns bemerkten, begann die Feier zu verstummen. Musik und Gespräche verstummten. Köpfe drehten sich. Und Stille kehrte ein. Sie hielt jedoch nicht lange an. Schon bald erfüllten Flüstereien die Luft um mich herum. Hunderte Augen richteten sich auf mich. Sie starrten mich an. Ich wollte, dass die Erde sich auftat und mich verschluckte. Vorne saß Alpha Darius auf einem erhöhten Sitz und strahlte Macht und Autorität aus. Neben ihm stand sein Sohn, Rowan Blackwood, der zukünftige Alpha. Er war groß, breitschultrig und auf eine Weise einschüchternd, die man sich kaum vorstellen konnte. Allein seine Anwesenheit verlangte Aufmerksamkeit. Seit ich ihn kannte, hatten Frauen ihn immer begehrt. Vor allem Shea. Männer respektierten ihn oder versuchten zumindest, es zu tun. Einige flüsterten hinter seinem Rücken darüber, wie töricht und verschwenderisch er sei. Sie sagten, er sei in jeder Hinsicht sogar schlimmer als sein Vater. Ich hatte jahrelang darauf geachtet, ihn niemals zu lange anzusehen, denn Männer wie Rowan sahen Mädchen wie mich nicht. Nicht, dass ich gewollt hätte, dass er mich ansah. Mutter stieß mich nach vorne. Ich fiel auf die Knie, und ein brennender Schmerz explodierte in meinen Beinen. Alpha Darius runzelte die Stirn. „Was soll das?“ Bernard trat vor. Seine Stimme war ruhig und kontrolliert, als wäre er bereit, seine perfekt einstudierten Worte vorzutragen. „Mein Alpha … diese Omega hat heute Morgen versucht, sich mir aufzuzwingen.“ Entsetzte Rufe erfüllten die Menge. Ich schloss die Augen. Das geschah wirklich. Dieser Albtraum war real. Ich blieb auf den Knien, meine Handflächen gegen die kalte Erde gedrückt, während Hunderte Augen sich in mich bohrten. Es fühlte sich an, als würde das gesamte Rudel durch meine Haut sehen, jede einzelne Schicht von mir abtragen, bis nichts außer Scham übrig blieb. Ich wollte verschwinden. Oder aus diesem schrecklichen Albtraum erwachen. Doch der Schmerz in meinem zerschundenen Körper war viel zu real. Die Erde unter meinen Fingern fühlte sich real an. Die Flüstereien ebenfalls. Alpha Darius saß aufrecht auf seinem thronähnlichen Sitz, sein scharfer Blick voller sichtbaren Ekels auf mich gerichtet. Das Alter hatte nichts daran geändert, wie einschüchternd er war. Selbst im Sitzen strahlte er Autorität aus. Alpha Darius’ Stimme durchschnitt die Stille. „Ist das wahr?“ Die Frage richtete sich nicht nur an Bernard. Sie richtete sich auch an mich. Meine Kehle zog sich zusammen. Ich zwang mich zu sprechen. „Nein, Alpha.“ Die Worte kamen heiser, leise und erbärmlich heraus. Ich schluckte und versuchte es erneut, diesmal lauter. „Er lügt, mein Alpha.“ Sofort ging ein Murmeln durch die Menge. Bernard stieß ein freudloses Lachen aus und schüttelte enttäuscht den Kopf. Dann wandte er sich der Menge zu. „Sie leugnet es immer noch.“ Er machte einen Schritt nach vorn und drehte sich wieder zum Alpha. Seine Stimme wurde glatt und überzeugend. „Sie kam in den frühen Morgenstunden in mein Zimmer, während alle damit beschäftigt waren, sich auf die Vollmondfeier vorzubereiten. Sie warf sich auf mich und flehte mich an, sie zu nehmen.“ Die Menge reagierte mit empörten Rufen, doch nichts davon konnte verhindern, dass sich meine Brust bei den Lügen, die Bernard von sich gab, immer weiter zusammenzog. „Als ich sie zurückwies“, fuhr er fort, seine Stimme nun voller gespielter Empörung, „wurde sie aggressiv. Sie schlug mich und drohte damit, mich wegen sexueller Belästigung anzuklagen, mein Alpha.“ Er wandte sich der Menge zu, sein Kiefer angespannt. „Warum sollte ich mit einer wertlosen Person wie ihr lügen, wenn ich meinem Gefährten treu sein sollte?“ Die Menschen stimmten ihm zu und schüttelten den Kopf. Einige beschimpften mich grausam. Jemand rief aus der hintersten Reihe: „Was kann eine wolfslose Omega schon beitragen, außer eine Last zu sein, besonders im Krieg? Du bist weder für unseren zukünftigen Beta noch für irgendjemanden geeignet!“ Menschen traten vor und spuckten mich an, als wäre ich eine Abscheulichkeit. Die Verachtung in ihren Augen ließ Tränen vor Schmerz und Verzweiflung aus meinen Augen strömen. Doch wer hätte gedacht, dass dies erst der kleinste Teil meines Leidens und meiner Demütigung in dieser Nacht sein würde? Das Schlimmste stand mir noch bevor. Die Nacht war noch jung. Eine weitere Stimme ertönte. „Sie sollte dankbar sein, wenn er sie überhaupt eines Blickes würdigt!“ „Das Schlimmste daran ist, dass sie Geschwister sind“, warf jemand anderes ein. „Also wollte sie verbotenen Geschlechtsverkehr mit ihrem eigenen Bruder?“ Mein Atem ging flach. Niemand glaubte meiner Seite der Geschichte. Nicht eine einzige Person. Verzweifelt sah ich zu Mutter und Shea. In ihren Augen lag nichts außer Verachtung, Hass und Ekel. Mutter trat dramatisch nach vorne. Ein paar Tränen liefen über ihre Wangen. Sie senkte den Kopf vor Alpha Darius, bevor sie mich und anschließend die Menge ansah. „Ich habe mein Bestes getan, um dieses Mädchen richtig zu erziehen, aber trotz allem, was ich getan habe …“ Sie schniefte und rieb sich über die Nase, als wollte sie Mitleid erregen. Und zu meinem Unglück funktionierte es. Das gesamte Rudel schüttelte den Kopf, flüsterte sein Mitgefühl und schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Trotz allem, was ich getan habe, will sie den Namen unserer Familie noch immer in den Schmutz ziehen. Ich habe ihre Existenz toleriert, nachdem sie meinen Ehemann getötet hat.“ Ihre Worte trafen mich wie Messer mitten ins Herz. Selbst nach all den Jahren hatte diese Anschuldigung nie aufgehört. Mutters Stimme zitterte. Nicht vor gespieltem Schmerz. Sondern vor Wut. „Sie hat uns schon immer Schande gebracht.“ Sie wischte sich die Tränen energisch weg, als würde sie eine schwere Entscheidung treffen. „Heute Nacht hat meine Tochter die Grenze überschritten.“ Sie drehte sich zu mir um, ihre Augen brannten vor Wut. „Ich hätte wissen müssen, dass sie irgendwann ihre Dreckigkeit verbreiten würde. Mein Alpha, du kannst mit ihr tun, was du für richtig hältst.“ Meine Lippen öffneten sich. Ich konnte nicht einmal sprechen. Der Schmerz in meiner Brust war unerträglich geworden. Es waren nicht Bernards Lügen, die mich zerbrochen hatten. Es waren nicht die Beleidigungen des Rudels. Es war das hier. Meine Mutter. Die Frau, die ich mein ganzes Leben gekannt hatte. Sie stand vor dem gesamten Rudel und verurteilte mich ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Etwas in mir zerbrach. Shea trat neben sie, wunderschön wie immer in ihrem silbernen Festkleid. Sie seufzte dramatisch. „Ehrlich gesagt glaube ich, dass Vater daran schuld war. Er hat meine Schwester so sehr verwöhnt, dass weder Mutter noch irgendjemand anderes etwas gegen das verwöhnte, freche Wesen unternehmen konnte, das sie dadurch entwickelt hat.“ Ihre Stimme war wie Gift, eingehüllt in Honig. „Bis heute glaubt meine Schwester immer noch, dass sie mehr verdient, als ihr tatsächlich zusteht.“ Sie sah auf mich herab und lächelte mitleidig. „Aber das hier? Ich weiß nicht, wie ich dich verteidigen soll, Schwester.“ Ich konnte den versteckten Spott in ihren Augen sehen, während sie ihre Worte sorgfältig wählte. Die Menge begann zu murmeln. „Die Omega hat so eine wunderbare Familie und entscheidet sich trotzdem dafür, Dreck zu sein?“ Ich senkte den Kopf. Hass begann in meinen Augen zu wachsen. Jahrelang hatte ich es ertragen. Geweint. Im Stillen darum gebettelt, dass sie mir wenigstens ein wenig Freundlichkeit zeigen würden. Und wohin hatte es mich gebracht? Hierher. Auf meine Knie. Von Menschen verurteilt, die sich nie um mich gekümmert hatten. Alpha Darius ergriff schließlich das Wort. Seine Stimme trug absolute Autorität. „Eine wolfslose Omega, die es wagt, sich dem zukünftigen Beta an den Hals zu werfen, hat weder Respekt vor Rang noch Würde.“ Sein Blick verhärtete sich. „Du bist zu einer Schande für das Rudel geworden, Omega.“ Die Worte trafen härter als erwartet. Seine Stimme wurde kälter. „Die Minen brauchen Arbeiter.“ Mein Kopf schnellte nach oben. Mein Herz blieb stehen. „Nein“, flehte ich. „Alpha, alles, nur nicht die Minen.“ Die Minen des Rudels waren die Hölle. Jeder wusste das. Tief unter den Bergen arbeiteten Wölfe, bis ihre Körper versagten. Kälte. Dunkelheit. Hunger. Tod. Niemand kam von dort zurück, ohne verändert worden zu sein. Manche kamen überhaupt nie zurück. Panik stieg in mir auf. Ich kroch nach vorne. „Mein Alpha, bitte—“ Seine Hand hob sich und brachte mich zum Schweigen. „Ich habe genug gehört. Du wirst bei Tagesanbruch in die Minen geschickt.“ Mein Blut gefror. Alles um mich herum schien zu verschwimmen. Ich konnte hören, wie die Menge in Gelächter und Jubel ausbrach, doch es klang weit entfernt. Ich fühlte mich, als würde ich im tiefsten Teil des Pazifischen Ozeans ertrinken. Das konnte nicht passieren. Nicht so. Nicht wegen einer Lüge, die jemand über mich erzählt hatte. Während ich noch über das bevorstehende Leid nachdachte, geschah etwas. Ein Duft traf mich. Und plötzlich blieb alles stehen. Mein Körper. Meine Lungen. Alles. Die Luft um mich herum veränderte sich. Es war ein Duft, den ich noch nie zuvor gerochen hatte. Wilder Regen. Kiefer. Rauch. Etwas gefährlich Männliches. Doch ich hatte keinen Wolf. Wie konnte ich also etwas so deutlich riechen? Es war berauschend. Der Duft traf mich mit brutaler Wucht und ließ Wärme in meiner Brust explodieren. Mein Herzschlag wurde unregelmäßig und raste schmerzhaft schnell. Meine Haut kribbelte, als würde Elektrizität durch meine Adern schießen. War es mein Wolf? Nein. So kamen Wölfe nicht zum Vorschein. Warum fühlte es sich dann an, als wäre etwas in mir erwacht? Etwas, das sich wie ein Band anfühlte, das plötzlich seinen Platz gefunden hatte. Langsam hob ich den Kopf. Mein Blick fiel auf den zukünftigen Alpha. Und er starrte mich direkt an. Über ihm färbte sich der Mond, der zuvor silbern gewesen war, rot. Die Wölfe um uns herum begannen, an sich selbst zu schnuppern. Das Gefährtenband begann sich zu bilden. Und ich— Rowans Augen weiteten sich. Schock. Unglaube. Dann brüllte er— „Gefährtin.“Divina„AAAHHHH! GÖTTIN, BITTE! AAAAHGGH!“*Der Schrei riss durch die dicken Steinmauern der Kammer wie ein gewaltsamer Donnerschlag.Ich schreckte auf der Kante der Matratze hoch, jeder Nervenende in meinem Körper spannte sich vollkommen an. Mein Herz schlug gegen meinen Brustkorb, ein hektischer, rascher Trommelschlag reiner Panik. Ich krabbelte vom Bett runter, meine nackten Füße klatschen gegen die kalten Bodenfliesen, als ich zu dem hohen Rundbogenfenster eilte, das den Blick auf die unteren Innenhöfe freigab.Die Stimme ... Mondgöttin, diese Stimme.Es war ein qualvolles, schrilles Kreischen reinen, unverfälschten Schmerzes – eine Stimme, die ich Tausende Male zuvor gehört hatte, aber normalerweise war sie diejenige, die die Qual verursachte, nicht die sie erlitt. Das Geräusch hallte wild durch die weitläufige Festung, vibrierte an den Steinklippen und blutete in den Himmel.Ich konnte nicht sehen, was da draußen geschah. Aus diesem Winkel bot das Fenst
MarcellousMeine Aura explodierte.Eine Welle von reinem, gottgleichem Alpha-Druck detonierte aus meiner Gestalt wie eine physische Schockwelle. Die Luft selbst zersplitterte.Jeder einzelne der hundert Black-Moon-Krieger brach augenblicklich auf dem gefrorenen Boden zusammen, ihre Knie schlugen hart auf den Steinfliesen auf. Das Geräusch von Knochen, die unter dem immensen Gewicht krachten, hallte durch die Lichtung. Mehrere rangniedere Wölfe übergaben sich heftig.Bernard stürzte mit dem Gesicht voran auf den kalten Dreck, seine Nase zersplitterte an den Steinen, während ein schriller Schmerzesschrei aus seiner Kehle riss.Nur Alpha Darius schaffte es, aufrecht zu bleiben; sein gesamter Körper zitterte unkontrolliert, seine Stiefel sanken zwei Zoll tief in den Dreck, als er seine Wirbelsäule zwang, unter dem unerträglichen Druck standzuhalten.Ich überstürzte nichts. Ich ging mit langsamen, bedachten Schritten auf Bernard zu, meine Stiefel knirschten geschmeidig auf dem frostigen Bo
Marcellous„Mein König ... das Black Moon Rudel wird ungeduldig.“Ich riss meinen Kopf in Richtung der Türöffnung, mein Kiefer spannte sich so hart an, dass meine Backenzähne unter dem Druck ächzten.Dort stand, leicht zitternd und mit gesenktem Kopf, ein junger, grün hinter den Ohren gebliebener Wächter. Der unerfahrene Kerl, der vorhin vor Divinas medizinischer Suite stationiert gewesen war.Eine dunkle, tödliche Stille hüllte die große Kammer ein. Immer noch tropfte Wasser von meinem Haar auf meine nackten Schultern, während die Wärme des frisch eingelassenen Bades rasch in die kalte Luft entwich.Ich war gerade erst aus dem Wasser gestiegen – meine erste echte Wäsche, nachdem ich fünf qualvolle Tage lang an das Bett meiner Gefährtin gefesselt gewesen war und zugesehen hatte, wie sie um ihr Leben kämpfte. Und dieser unverschämte Narr hielt es für klug, in meine privaten Gemächer zu platzen, um mir ihren Zeitplan mitzuteilen?Hätte Nate vorhin nicht erwähnt, dass der Junge ein bluti
Divina„Du hast ihm Angst gemacht.“Alicias ruhige, melodische Stimme zerschmetterte meinen dunklen Gedankengang.Ich blinzelte, riss mich aus dem gewaltsamen Abgrund in meinem Verstand und blickte zu ihr auf.„Was?“Sie sah nicht wütend aus. Sie wickelte vorsichtig die saubere, weiße Bandage um mein Handgelenk, während ihr silbernes Haar weich über ihre Schultern fiel.„Ich arbeite seit Jahren für diese Familie“, sagte sie leise, die Augen auf ihre Arbeit konzentriert. „Ich habe ihn noch nie lächeln sehen.“Ein kleiner Moment der Stille verstrich.„Ich habe ihn noch nie neben einem Bett bleiben sehen“, fuhr sie leise fort. „Ich habe ihn ganz sicher noch nie vergessen sehen zu essen.“Ich starrte sie an, mein Magen verkrampfe sich zu einem engen, unbehaglichen Knoten. Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ich wollte nicht darüber nachdenken, dass der Supreme Alpha King tagelang auf einem Stuhl saß, sich selbst aushungerte, während er mir beim Schlafen zusah.Es ergab keinen Sinn. E
DivinaSicher.Für eine flüchtige, unmögliche Sekunde, eingehüllt in die erstickende Wärme von Marcellous’ schweren Armen, fühlte ich mich sicher.Seine breite Brust war eine unerschütterliche Wand hinter mir, sein Duft nach Regen und dunkler Zeder umhüllte meine Sinne wie eine dicke Decke. Doch das Gefühl wurde augenblicklich von einer Spitze eisigen, lähmenden Terrors verschlungen.Das Black Moon Rudel war an den Toren.Mein gesamter Körper begann heftig zu zittern, meine Knie drohten genau dort auf den kalten Fliesen einzuknicken.Sie sind wegen mir hier.Sie hatten mich wie ein streunendes Tier aufgespürt. Ich hatte kaum den Bruchteil einer Sekunde Freiheit fernab dieses Höllenlochs geschmeckt, und selbst diese „Freiheit“ war ein furchterregendes Rätsel, das ich nicht begreifen konnte.Aber eine Sache wusste ich mit absoluter, absoluter Gewissheit: Ich würde mir eher mit meinen bloßen Nägeln selbst die Kehle aufreißen, als mich von irgendjemandem in dieses Territorium zurückzerren
MarcellousDer beschämte Gesichtsausdruck meiner Gefährtin war so verdammt süß.Ich sah, wie die Farbe in Divinas blasse Wangen stieg, während ihre dunklen, weiten Augen in einem völlig sprachlosen, atemlosen Staunen blinzelten. Ihre Lippen öffneten sich leicht, aber kein einziger Laut entkam ihrer Kehle.Das feurige, furchterregende kleine Glühwürmchen, das gerade noch gedroht hatte, mein gesamtes Königreich bis auf den Grund niederzubrennen, hatte sich vollständig verflüchtigt. An ihrer Stelle stand ein verwirrtes, verunsichertes Mädchen, dessen Gehirn in dem Moment, als ich erwähnte, dass Kira meine Schwester ist, offensichtlich einen Kurzschluss erlitten hatte.Es kostete mich alles, mir ein leises Glucksen zu verkneifen.Zum ersten Mal in meinen dreißig Jahren auf dieser Erde stahl sich ein echtes, unwillkürliches Lächeln auf mein Gesicht.Es fühlte sich fremd auf meinen Lippen an – eine Wärme, die durch das ewige Eis brach, das meine Seele umhüllt hatte, seit ich denken konnte.







