MasukJoris starrte Yuna an. Mit seinem angebrochenen linken Bein war er ihr kaum noch von Nutzen. Für sie konnte es sich doch gar nicht lohnen, ihn zu retten. Trotzdem hatte Yuna ohne Zögern auf das Eis eingeschlagen, um ihn zu befreien. Selbst ihre Forderung nach einer Gegenleistung verstand Joris nur als Versuch, seinen Überlebenswillen zu wecken.Joris war so tief bewegt, dass es beinahe schmerzte. Noch nie war ihm ein Mensch wie Yuna begegnet.Liane oder seine Eltern hätten in ihm nur noch eine Last gesehen, ihn als nutzlos beschimpft und ohne Zögern zum Sterben zurückgelassen. Joris kannte nichts anderes. Im Haus Hohenfels waren Männer Werkzeuge, die den Frauen dienten. Wurde ein Werkzeug unbrauchbar, warf man es fort. Das war die Ordnung, nach der sie lebten.Yuna war wirklich dumm, dachte Joris und senkte den Blick.Ein stechender Schmerz im Bein riss Joris aus seinen Gedanken. Yuna hockte neben ihm, riss sein Hosenbein auf und begann, die Wunde zu versorgen. Sie verteilte ohne Zöger
Yuna rief aus voller Kehle, doch nur das Echo ihrer eigenen Stimme kam zurück. Sonst herrschte Totenstille in der schmalen Eisspalte. Sie schien der einzige Mensch zu sein, der hier unten noch lebte.Yuna musste ruhig bleiben. Sie holte tief Luft, um die aufsteigende Angst zu bändigen. Wenn sie jetzt in Panik geriet, war sie nur umso schneller tot.Mit zitternden Händen holte Yuna Salbe und Verbandsmull aus ihrer Tasche. Nachdem sie ihre blutenden Wunden notdürftig versorgt hatte, hielt sie den aufgerissenen Anzug fest zusammen und humpelte nach links.Die Spalte war lang und schmal. Yuna hoffte, dass es an ihrem Ende einen Hang gab, über den sie hinaufklettern konnte. Vielleicht fand sie auch einen ihrer Begleiter oder wenigstens Schlafsäcke und Lebensmittel aus den Fahrzeugen. Jede noch so kleine Hilfe war ihr recht.Nach zehn Minuten war Yuna am Ende angelangt. Eine steile Eiswand versperrte den Weg; hier ging es nicht weiter. Yuna gab nicht auf, sondern kehrte entschlossen um und
Als Joris aufstand, um sich nützlich zu machen, drückte Jonas Behrens ihm kurzerhand eine Schale dampfender Suppe in die Hand. „Yuna hat extra Fleisch in die Suppe geben lassen, damit Sie sich schneller erholen. Sie hat gesagt, Sie sollen ruhig noch mehr davon trinken.“Die Schale war so heiß, dass Joris kurz zusammenzuckte. Als er aufsah, entdeckte er nicht weit entfernt Yuna. Trotz ihres Thermoanzugs murmelte sie etwas über die Kälte und eilte mit ihrer eigenen Suppenschale in das gerade fertiggestellte Iglu.Joris fand sie wirklich zimperlich.„Herr Hohenfels … glauben Sie, Yuna kann uns wirklich an einen Ort bringen, wo es das ganze Jahr über angenehm warm ist?“ Jonas klang voller Sehnsucht und stieß Joris leicht mit dem Ellbogen an. „Wollen Sie … auch dorthin?“Die Frage traf Joris unvorbereitet. Für einen flüchtigen Moment regte sich auch in ihm die Hoffnung auf ein anderes Leben, ehe er sich dessen recht bewusst wurde. Doch er unterdrückte sie sofort.Das abgeschiedene Leben auf
In den Kurzvideos aus dem internen Netz sahen sie Fondue, Grillgerichte, Milchkaffee und Desserts, dazu Sonnenuntergänge am Meer, weite Blumenfelder, Vergnügungsparks. Selbst überfüllte U-Bahnen oder hell erleuchtete Bürogebäude, für andere ganz alltäglich, blieben für sie unerreichbare Träume.Seit tausend Jahren hielten die Familienregeln die Hohenfels hier fest. Ihr ganzes Leben spielte sich im Eis ab.Nun versprach Yuna ihnen, dass sie diese abgeschiedene Welt verlassen konnten. Ihr neues Zuhause sollte außerhalb der Arktis liegen, in einer Gegend, in der es das ganze Jahr mild war und überall Blumen blühten.„Frau Sommer … dürfen wir die Arktis wirklich verlassen? Unsere Vorfahren haben bestimmt, dass wir für immer im Verborgenen leben müssen. Wir dürfen nicht nach draußen …“, fragte einer der jungen Männer mit zitternder Stimme. Angst und Hoffnung klangen darin mit.„Vor tausend Jahren haben unsere Vorfahren sich zurückgezogen, um die Familie vor den damaligen Kriegswirren zu sch
Yuna sah kurz auf Joris’ Hand, die bis auf den Knochen aufgerissen war. Sie sagte nichts dazu, sondern befahl laut: „Schneller! Halten Sie ihn nicht länger hin, sondern vergrößern Sie sofort den Abstand!“Die Motoren heulten auf. Nun hielten die drei Fahrzeuge ihren Verfolger nicht mehr hin, sondern rasten mit voller Geschwindigkeit davon. Schon nach einer halben Stunde lag der Beschuss weit hinter ihnen.„Anhalten. Wir machen eine Pause“, sagte Yuna.Joris runzelte die Stirn. „Der Vorsprung reicht kaum für ein paar Minuten Pause. Jetzt anzuhalten bringt nichts“, erwiderte er schroff.„Ein paar Minuten reichen“, beharrte sie.Als Familienoberhaupt hatte sie das letzte Wort. Widerwillig trat Joris auf die Bremse.Kaum stand der Wagen, stieg er mit finsterer Miene aus. Ganz selbstverständlich griff er nach dem Werkzeug, ohne seine Verletzung zu beachten. Er hatte hastig Gaze um die Hand gewickelt, die Wunde aber nicht behandelt. Bei jeder Bewegung sickerte Blut durch den Verband und färb
Unwillkürlich öffnete Joris die geballten Hände. Er war erleichtert, doch genau das machte ihn wütend. Mit eisiger Miene sah er Nils an. „Du hast das Iglu doch auch überprüft“, entgegnete er schneidend.Darauf wusste Nils nichts zu erwidern. Er hatte sich selbst davon überzeugt, dass der Eisblock lose saß. Wie Yuna lebend herauskommen konnte, war ihm ein Rätsel.Verlegen rieb er sich über die Nase. Trotzdem setzte er Joris weiter unter Druck. „Diesmal hat sie Glück gehabt. Es gibt noch genug Gelegenheiten. Enttäuschen Sie Liane nicht!“Joris’ Miene verdüsterte sich noch mehr. Der innere Zwiespalt und die quälende Unruhe waren kaum noch auszuhalten.Die Pause war vorbei. Aus der Ferne drang bereits leises Motorengeräusch zu ihnen herüber. Henrik und seine Leute kamen wieder näher.„Weiter!“, befahl Yuna.Die drei Schneefahrzeuge setzten sich in Bewegung und rasten über das Eis. Absichtlich hielten sie gerade so viel Abstand, dass Henrik ihnen zwar folgen, sie aber nicht einholen konnte.
Chiara starrte sie an. Selbst ihre gespielt verletzte Miene erstarrte mitten in der Bewegung. Die brennende Wange ließ sie für einen Moment alles vergessen.Wie konnte Yuna es wagen, wirklich zuzuschlagen?Henrik war einen Moment lang sprachlos. Dann brach seine Wut hervor.„Yuna, hast du den Versta
„Frau Wolfhardt, die Angelegenheit ist diesmal außerordentlich heikel! Ich fürchte, vor einem halben Monat kommt er nicht zurück.“Yuna verstummte einen Moment.Ein persönliches Gespräch fiel damit aus.Eine Nachricht im Chat war zwar nicht ganz so höflich – aber ihr blieb nichts anderes übrig.Yuna
Yuna war zurückgekommen, um ihre Sachen zu holen.Kaum hatte sie die Tür aufgestoßen, drang ein schrilles Lachen an ihr Ohr.Henrik, der sonst nie lachte, saß neben Chiara und erzählte ihr trockene Witze, um sie aufzuheitern.„Hatschi…“Chiara nieste lieblich.„Frierst du?“, fragte Henrik sofort bes
„Henrik, das Kind in ihrem Bauch – ist es deins?“Yuna war kreidebleich. Sie traute ihren eigenen Ohren nicht.Vor sieben Monaten war Henriks älterer Bruder Erwin Wolfhardt bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Aus Mitleid mit Chiara Jensen, der jungen Witwe, die zudem schwanger war, hatte Yuna s







