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Kapitel 7

Author: Tanja
Chiara starrte sie an. Selbst ihre gespielt verletzte Miene erstarrte mitten in der Bewegung. Die brennende Wange ließ sie für einen Moment alles vergessen.

Wie konnte Yuna es wagen, wirklich zuzuschlagen?

Henrik war einen Moment lang sprachlos. Dann brach seine Wut hervor.

„Yuna, hast du den Verstand verloren? Ich habe mich in dir geirrt. Heute zeigt sich endlich, wie eifersüchtig und boshaft du sein kannst. Schau dich an – du benimmst dich wie eine Furie.“

„Ach so.“

„Na und?“

Yuna ließ ihre Handgelenke kreisen, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihr eiskalter Blick traf beide. „Und? Beim nächsten Mal lasst mich in Ruhe. Wenn ihr mich noch einmal reizt, verpass ich euch beiden eine Ohrfeige.“

Der eisige Blick und der pochende Schmerz auf ihrer Wange ließen Chiara unwillkürlich zusammenzucken.

Chiara war eben nur mutig gegenüber Schwachen.

Yuna schnaubte verächtlich. Sie würdigte das Paar keines Blickes mehr, fischte ihren Laptop aus dem Mülleimer und ging hinaus.

„Yuna! Bleib stehen!“

Henrik kochte vor Wut. Seine Stimme war schneidend: „Wenn du jetzt gehst, brauchst du nie wiederzukommen. Auch bei der Vorstellung von ‚Herzensstimme‘ wirst du keinen Platz mehr haben!“

Seine Drohung verhallte ungehört.

Yuna ging weiter, ohne den Kopf zu wenden.

Krach!

Henrik schleuderte die Schmuckschachtel mit voller Wucht zu Boden.

Er hatte sich mit ihr versöhnen wollen. Wie war es bloß wieder so weit gekommen?

Mit zusammengebissenen Zähnen schleppte sich Yuna aus der Abteilung. Im Flur stützte sie sich zitternd an die Wand. Der stechende Schmerz in ihrer Hüfte war so heftig, dass sie kaum noch stehen konnte.

„Frau Sommer.“

Lena lief heran und stützte sie. In ihren Augen lag tiefe Anteilnahme. „Ich bringe Sie ins Krankenhaus.“

„Danke.“

…

Mit der verletzten Hüfte musste Yuna nach ihrer Rückkehr nach Wolkenstein im Bett bleiben.

Vor ihrem Zimmer, im Schatten des Korridors, stand Viktor leicht gebeugt und berichtete mit schwerer Stimme: „Herr Wolfhardt, ich habe die Lage geklärt. Frau Wolfhardt wurde im Wolfhardt-Konzern von Chiara schikaniert. Henrik war völlig verblendet und nahm Chiara obendrein in Schutz. Die Verletzung an ihrer Hüfte – Henrik hat sie verursacht, er hat sie gestoßen.“

„Der ist tot.“

Aus dem Dunkel kam eisige Mordlust. Der hochgewachsene Mann im Schatten wirkte in diesem Moment wie der Teufel persönlich.

„Wenn er seine Hände nicht im Griff hat, brecht ihm beide.“

Viktor holte scharf Luft. So feindselig Adrian und Henrik einander auch waren – einen so erbarmungslosen Befehl hatte er noch nie gegeben. Diesmal hatte Henrik wirklich an einen wunden Punkt gerührt.

Im Zimmer war erneut eine Duftkerze entzündet worden.

Yuna hatte vor Schmerzen nicht einschlafen können. Erst nachdem sich das Aroma im Raum verteilt hatte, fiel sie in einen tiefen Schlaf.

Im Dunkeln senkte sich die Matratze an ihrer Seite.

Eine schlanke Hand hob behutsam den Saum ihres Nachthemds.

Zentimeter für Zentimeter wurde milchige Haut sichtbar.

Der Atem des Mannes wurde schwer, seine Hand zitterte leicht über ihrem Körper.

Schließlich schloss er die Augen, atmete tief ein und trug die Salbe auf die Prellungen an ihrer Hüfte auf, so sanft, als wäre sie das kostbarste Kleinod der Welt.

Eine tiefe Stimme breitete sich leise im Dunkel aus.

„Er hat dich nicht verdient. Ich werde dich ihm nicht mehr zurückgeben.“

…

Im Konferenzraum des Wolfhardt-Konzerns lag Henriks Blick schwer auf dem leeren Stuhl links vor ihm. Dort hätte Yuna sitzen sollen.

Sonst hatten sie sich nach einem Streit nie länger als drei Tage gemieden. Diesmal war eine ganze Woche vergangen…

Aber das machte nichts. Morgen würde sie zurück sein.

Er glaubte nicht, dass sie das KI-Projekt „Herzensstimme“, in das sie über Jahre ihre ganze Kraft gesteckt hatte, einfach aufgeben würde.

Erst recht nicht … dass sie ihn verlassen würde.

Henrik wandte den Blick ab. Sein Gesicht wurde wieder gefasst. „Die Produktvorstellung morgen muss perfekt laufen. Die Kooperation mit der Nachtfeuer AG darf um keinen Preis scheitern.“

Nur mit der Nachtfeuer AG an seiner Seite konnte der Konzern den Engpass durchbrechen und eine Stufe höher steigen. Nur dann hätte er das Kapital, sich seinem Cousin Adrian – der ihn seit jeher überragte – auf Augenhöhe zu stellen.

Sie waren doch beide vom Schicksal begünstigt – warum sollte er ein Leben lang in Adrians Schatten stehen?

Selbst nach all den Jahren im Ausland war Adrian sofort nach seiner Rückkehr wieder der aussichtsreichste Erbe der Wolfhardts.

Henrik wollte sich nicht geschlagen geben.

Die Kooperation mit der Nachtfeuer AG war die Frucht von drei Jahren harter Arbeit. Diesmal musste er gewinnen.

„Henrik, mach dir keine Sorgen.“ Chiara lehnte sich an seine Seite, ihr Blick war weich, ihre Stimme klang voller Zuversicht. „Alles ist in trockenen Tüchern. Die Kooperation mit der Nachtfeuer AG wird uns nicht entgehen.“

…

Yunas Handy klingelte. Auf dem Display blinkte ein internationaler Anruf. Sie tippte auf Annehmen.

„Frau Sommer, am 18. findet in Südstadt der Branchengipfel statt. Können Sie persönlich teilnehmen? Die Nachtfeuer AG plant, dort den finalen Partner aus den infrage kommenden Unternehmen auszuwählen. Als neue Forschungsleiterin liegt diese Entscheidung selbstverständlich in Ihrer Hand. Da Sie sich ohnehin in Südstadt befinden, würde der Vorstand es begrüßen, wenn Sie persönlich vor Ort die Auswahl überprüfen würden.“

Branchengipfel … Dort sollte auch der Wolfhardt-Konzern seine emotionale KI-Interaktionssoftware „Herzensstimme“ vorstellen.

Damals hatte sie all ihre Kraft in dieses Projekt gesteckt – einzig und allein, um Henrik die Tür zur Nachtfeuer AG zu öffnen.

Jetzt…

Ausgerechnet sie würde diejenige sein, die die Zügel in der Hand hielt.

Was für eine Ironie.

Yunas Mundwinkel hoben sich zu einem kalten Lächeln. „Gut. Ich komme.“

…

Am Morgen des 18. ging Yuna auf das Hochhaus zu, in dem der Branchengipfel stattfand. Mit ruhigen Schritten trat sie in die Lobby und steuerte auf die Aufzüge zu.

Gerade als sie die Taste berühren wollte, schob sich von hinten eine Hand vor ihr Gesicht. Ein weißes Tuch presste sich fest auf Mund und Nase. Bevor sie einen Hilferuf herausbringen konnte, wurde sie mit Gewalt in den dunklen Notausgang nebenan gezerrt.

Im Hauptsaal des Gipfels sah Henrik zur selben Zeit zum fünfzehnten Mal auf seine Armbanduhr. In seinem maßgeschneiderten Anzug stand er angespannt da. Die Vorstellung würde in wenigen Minuten beginnen. Yunas Platz war immer noch leer.

Er runzelte die Stirn immer tiefer. Mit mühsam unterdrücktem Zorn fragte er: „Yuna ist immer noch nicht da?“

Wenn sie noch länger ausblieb, würde sie nicht einmal die letzte Vorbereitung schaffen.

Chiara seufzte leise, ihre Stimme klang resigniert und nachsichtig: „Es sind nur noch wenige Minuten bis zum Start… Wahrscheinlich will sie auf den letzten Drücker kommen, damit es so wirkt, als wäre sie unverzichtbar. Ach, Yuna kann manchmal wirklich…“

Sie ließ den Satz offen, aber das Wort „eigensinnig“ hing klar in der Luft.

Henriks Gesicht verfinsterte sich weiter, der Ärger war jetzt mit Abscheu durchsetzt.

Seine Stimme war eiskalt. „Alle Abläufe sind vorbereitet. Sobald sie auftaucht, wird sie umgezogen und auf die Bühne geschickt. Keine Sekunde verloren.“

„In Ordnung.“

Chiara nickte folgsam, aber in ihren Augen huschte triumphierende Tücke vorbei.

Sie senkte rasch den Kopf und tippte hastig eine Nachricht: Erledigt?

Antwort in Sekundenschnelle: Keine Sorge, Schätzchen, ich habe sie. Auf die Bühne kommt sie garantiert nicht.

Ein triumphierendes Lächeln spielte um Chiaras Mundwinkel. Die Zeit war um. Yuna würde fehlen.

Der Ruhm auf der Bühne, der Titel der Entwicklerin von „Herzensstimme“ – alles würde in ihre Hände fallen.

Yuna, womit willst du es noch mit mir aufnehmen?

Von heute an gehörte Yunas gesamte Welt – Karriere, Ruhm, der Mann – ihr.

„Herr Wolfhardt, Frau Jensen, die Zeit ist um! Frau Sommer ist immer noch nicht da. Was sollen wir tun?“ Eine Mitarbeiterin kam atemlos angerannt. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn.

Henriks Gesicht verdunkelte sich schlagartig. Niemals hätte er gedacht, dass Yuna so eigensinnig sein konnte – drei Jahre Arbeit einfach wegzuwerfen.

Unfassbar.

„Ach, Yuna ist wirklich … Bei einer so wichtigen Sache, wie kann sie nur so verantwortungslos sein?“

Chiara stampfte mit gespieltem Ärger mit dem Fuß auf. Dann, als hätte sie einen großen Entschluss gefasst, wandte sie sich entschlossen Henrik zu: „Henrik, wir können nicht länger warten. Ich gehe als Plan B rein und übernehme die Vorstellung für sie.“

Ihr Blick brannte voller Hingabe. „Auch wenn Yuna nicht da ist – für dich gebe ich alles. Die Chance auf die Nachtfeuer AG darf uns nicht entgleiten.“

Henriks Gereiztheit wuchs noch, aber ihm blieb keine Wahl.

Er drückte sich erschöpft die Nasenwurzel. Mit tiefer Stimme sagte er: „Danke, dass du das auf dich nimmst.“

Chiara unterdrückte ihren Triumph. Sie strich das eigens für heute angefertigte teure Kleid glatt, umklammerte die längst auswendig gelernten Karteikarten und schritt voller Aufregung zur Bühne.

Die Scheinwerfer richteten sich auf sie.

Chiara lächelte zuckersüß und führte mit ruhiger Stimme durch die Präsentation, trug die „Kernidee“ und die „technischen Glanzpunkte“ von „Herzensstimme“ souverän vor.

Als sie endete, herrschte volle zwei Minuten lang Totenstille im Saal. Dann brach donnernder Applaus los.

„Atemberaubend! Frau Jensen, Sie sind ein Genie!“

„Mein Gott! Emotionale KI-Interaktion ist tatsächlich Wirklichkeit geworden? Das ist ein epochaler Durchbruch! ‚Herzensstimme‘ wird den globalen KI-Markt aufmischen!“

„Es ist aus… Mit Chiaras ‚Herzensstimme‘ beim Wolfhardt-Konzern haben wir keine Chance mehr auf eine Kooperation mit der Nachtfeuer AG.“

„Wir müssen uns wohl damit abfinden. Wir haben eben nicht Henriks Glück, eine so brillante Mitarbeiterin wie Chiara zu haben.“

…

Der Ruhm, der eigentlich Yuna gehört hätte, war hier und jetzt zu Chiaras grenzenloser Glanzstunde geworden.

Sie stand im Rampenlicht und badete im Beifall der Menge.

Henrik betrachtete die „strahlende“ Chiara auf der Bühne. Die Vorstellung war ein voller Erfolg, eigentlich sollte er sich freuen. Aber eine namenlose Beklemmung lastete schwer auf seiner Brust.

Wie konnte Yuna drei Jahre harte Arbeit so einfach wegwerfen?

Konnte es sein, dass sie wirklich…

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