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Kapitel 2

Author: Tanja
Yuna war zurückgekommen, um ihre Sachen zu holen.

Kaum hatte sie die Tür aufgestoßen, drang ein schrilles Lachen an ihr Ohr.

Henrik, der sonst nie lachte, saß neben Chiara und erzählte ihr trockene Witze, um sie aufzuheitern.

„Hatschi…“

Chiara nieste lieblich.

„Frierst du?“, fragte Henrik sofort besorgt. Er zog seinen teuren Anzugmantel aus und legte ihn ihr behutsam um die Schultern.

In diesem Moment hob Chiara den Kopf. Ihre Blicke trafen sich – sie waren einander so nah, dass ihre Gesichter sich beinahe berührten.

Einen Augenblick lang war es totenstill.

Eine zähe, stillschweigende Vertraulichkeit lag zwischen ihnen.

Yuna stand im Eingangsbereich und verzog tonlos die Lippen.

Wie blind war sie all die Zeit gewesen. Henriks übertriebene Aufmerksamkeit für Chiara hatte sie für reine Pflichterfüllung gehalten – für die Verantwortung gegenüber der Frau seines verstorbenen Bruders.

Dabei hatten die beiden längst etwas miteinander.

„Yuna?“

Chiara erblickte sie und zuckte zusammen wie ein verschrecktes Reh. Ihr Gesicht spiegelte schlechtes Gewissen und Verlegenheit. „Das, das ist nicht, was du denkst. Henrik macht sich nur Sorgen, dass ich mich erkälte…“

Sorgen.

Yuna lachte innerlich auf, eiskalt.

In einem Raum mit voll aufgedrehter Heizung, ein einziges Niesen, und schon machte er solchen Aufstand. Letzte Nacht, als sie im dünnen Kleid im Schnee fast die Besinnung verloren hatte – wo war er da gewesen?

Egal. Es war alles ohne Bedeutung.

Sie hatte keine Lust mehr, dieses widerwärtige Paar weiter anzusehen. Schweigend ging sie durchs Wohnzimmer und stieg die Treppe hinauf.

Drei Jahre lang hatten sich Sachen angesammelt, doch Yuna packte nur einen einzigen Koffer.

Alles, was Henrik ihr im Lauf der Jahre geschenkt hatte – die Diamantkette zum Hochzeitstag, die limitierte Handtasche zum Geburtstag, die ewigen Rosen zum Valentinstag, sogar die Liebesbriefe und die Pfänder seiner Werbungszeit – warf sie in den Mülleimer.

Wenn schon der Mann beschmutzt war, warum sollte sie sich an seinen Geschenken festklammern?

Yuna legte die Eheurkunde in das Innenfach des Koffers und zog den Reißverschluss zu. Als sie sich aufrichten wollte, überfiel sie ein heftiger Schwindel.

Sie taumelte und musste sich am Koffergriff festhalten, um nicht zu fallen.

Sie war wirklich krank.

Der Schneesturm letzte Nacht war doch zu viel gewesen.

Bevor sie zu Adrian zog, musste sie wohl erst noch ins Krankenhaus.

Yuna kämpfte den Schwindel nieder, packte den Koffer und wollte gehen.

Doch kaum hatte sie die Tür erreicht, versperrte ihr Henriks große Gestalt den Weg.

Er sah auf den Koffer, und seine Miene verfinsterte sich. Sein Ton war vorwurfsvoll.

Eine Nacht draußen hätte reichen sollen, um zur Vernunft zu kommen.

Wie lächerlich.

Als wären all ihr Schmerz und ihre Demütigung mit einer Nacht „Bedenkzeit“ abgehakt. Als sollte sie danach schwanzwedelnd zu ihm zurückkriechen und weiter die brave, zuvorkommende Ehefrau spielen.

„Ja, ich bin zur Vernunft gekommen.“

Yuna lächelte kalt. „Ein Mann, der mich so betrogen hat, ist für mich nichts mehr wert als eine alte Socke – ab in den Müll. Ich wünsche dir und deiner Schwägerin alles Gute. Zeugt ruhig eine ganze Fußballmannschaft.“

„Yuna!“

Henrik fuhr sie scharf an, sein Gesicht versteinert. „Ich habe es dir gesagt – ich habe Chiara geschwängert aus Verantwortung, für diese Familie. Zwischen ihr und mir ist nichts. Da ist nichts von dem, was du dir einbildest.“

„Das Kind ist aus künstlicher Befruchtung.“

Er sagte es mit finsterer Miene, als würde diese Begründung die ganze Sache plötzlich rechtfertigen.

„Ach“, spottete Yuna. „Und wenn es da ist, wird es dich Onkel nennen oder … Papa?“

„Musst du wirklich so giftig sein? Ich habe es dir doch erklärt. Was willst du noch?“

„Erklärt? Macht deine Erklärung das Kind ungeschehen? Dreht sie die Zeit zurück? Was bildest du dir ein – dass ich dir bloß wegen einer Erklärung verzeihe?“

Yuna schob ihn beiseite und zog den Koffer hinter sich her zur Tür. „In dem Augenblick, in dem du dich entschieden hast, mit ihr ein Kind zu zeugen, war es zwischen uns aus.“

„Aus?“

Henrik riss sie zurück. Sein Arm legte sich um ihre Taille und zwang sie in seine Umarmung. „Du kannst dich austoben, mit mir streiten, dich ausschreien – alles. Aber das Wort ‚Aus‘ nimmst du nie wieder in den Mund. Yuna, merk dir das gut: Du bist mein Leben lang meine Frau.“

Frau?

Yuna hörte sich diese Posse an wie einen schlechten Witz und höhnte: „Verzeihung, haben wir denn überhaupt eine Heiratsurkunde?“

Henrik stutzte. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass sie nie standesamtlich geheiratet hatten.

Doch im nächsten Moment glaubte er, es zu verstehen, und lachte leise. „Du willst die Heiratsurkunde als Wiedergutmachung?“

„Gut. Den Wunsch erfülle ich dir.“

„Chiara ist schwanger. Meine Mutter hat keinen Grund mehr, sich dagegenzustellen. Ich fahre sofort mit dir aufs Standesamt.“

Er nahm Yuna bei der Hand und sagte sanft: „Aber, Yuna, wenn wir das Papier haben, dann bist du brav und führst ein anständiges Leben. Du kümmerst dich um die Familie und vor allem um Chiara.“

Yuna wurde übel wie nie zuvor.

So weit waren die Dinge gediehen, und er glaubte allen Ernstes, ein Stück Papier könne alles begraben? Er erwartete tatsächlich, dass sie sich weiter um Chiara und ihren Bastard kümmerte?

Ihre Stimme klang eisig: „Henrik, schläfst du eigentlich noch immer? Dann wach endlich auf. Ich sage es dir gerade heraus: Ich habe schon einen anderen geheiratet.“

„Henrik!“

Im selben Augenblick lehnte sich Chiara am Türrahmen an, schmerzverzerrtes Gesicht, die Hand auf dem Bauch. „Mein Bauch tut so weh … kannst du mich ins Krankenhaus bringen?“

Henriks Aufmerksamkeit galt sofort nur noch Chiara. Er ließ Yuna hastig los, eilte mit großen Schritten zu Chiara und fing sie auf.

Mit besorgter Miene beruhigte er sie: „Keine Angst, ich bringe dich sofort ins Krankenhaus.“

„Yuna, das mit der Heiratsurkunde besprechen wir, wenn ich zurück bin.“

Chiara lehnte sich kraftlos an ihn. „Ich habe gar keine Kraft mehr … Henrik …“

Henrik zögerte keine Sekunde, hob sie auf den Arm und trug sie mit eiligen, sicheren Schritten die Treppe hinunter.

Chiara schmiegte sich an seine Brust. Über seine Schulter hinweg richtete sie ihren Blick starr auf Yuna, die wie angewurzelt stehen blieb.

In ihren triumphierenden Augen lag eine unverhohlene Provokation.

Yuna lachte. Vor ihr machte sich Chiara nicht einmal mehr die Mühe zu schauspielern.

Sie sah den beiden nach, bis sie im Aufzug verschwanden. Dann schluckte sie den stechenden Schmerz hinunter, packte ihren Koffer und verließ entschlossen das Haus der Wolfhardts.

…

Im Krankenhaus.

Yuna hatte alle Untersuchungen hinter sich. Ihr Fieber war erschreckend hoch, ihr Körper fühlte sich bleischwer an und ihr Bewusstsein kämpfte am Rande der Dämmerung.

„Frau Sommer, Ihre Infusion enthält ein Beruhigungsmittel. Sie werden in einen tiefen Schlaf fallen. Es muss jemand aus Ihrer Familie bei Ihnen sein. Wo sind Ihre Angehörigen?“

Angehörige.

Yuna verzog die rissigen Lippen zu einem schwachen Lächeln und entriegelte gedankenverloren das Handy.

Der Bildschirm leuchtete auf. Vor ihren Augen erschien ein Beitrag, den Chiara gerade erst auf Instagram gepostet hatte.

Auf dem Foto: ein Krankenhausbett, Chiara, an die Schulter eines Mannes geschmiegt, ihr Gesicht voller Geborgenheit und Glück.

Bildunterschrift: „War doch wirklich nur ein klitzekleines bisschen Unwohlsein … aber jemand musste daraus gleich ein Riesendrama machen, hat mich einweisen lassen, sogar das große Firmenmeeting abgesagt – und weicht jetzt keinen Schritt von meiner Seite. Hach.

Ist auch nicht leicht, so umsorgt zu werden.“

Auch wenn der Mann nur als unscharfer Umriss zu erkennen war, erkannte sie ihn.

Es war Henrik.

Yuna wurden die Hände eiskalt. Sie konnte das Handy kaum noch halten, ihr Körper zitterte unkontrolliert.

Sie starrte das Foto an. Lange. Sehr lange.

Bis ihre Finger nicht mehr zitterten und der letzte Funke Wärme in ihren Augen erloschen war.

„Entschuldigung, könnten Sie mir bitte … eine Pflegerin vermitteln?“

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