LOGINAls der oberste Älteste den Unterrichtsraum betrat, las Yuna in den Büchern, die Dietmar ihr geschenkt hatte.Mit der geöffneten Tür drang ein Schwall kalter Luft herein. Sie sah auf.In der Tür stand ein Mann um die sechzig. Er trug einen langen dunkelgrauen Mantel, sein graumeliertes Haar war makellos gekämmt. Das Gesicht war schmal, die Wangenknochen hoch. Seine dünnen Lippen waren fest zusammengepresst. Eine tiefe senkrechte Falte zwischen den Brauen deutete auf jahrelanges Stirnrunzeln hin.Reglos ließ er den Blick über Yunas Gesicht gleiten.„Du bist Yuna Sommer?“Sie stand auf. „Ja. Guten Tag.“Der Älteste trat ein und stellte sich ans Pult. In der Hand hielt er ein Buch. Ohne es aufzuschlagen, begann er zu sprechen.„Ich habe gehört, du sollst in sieben Tagen die fünfte Stufe erreichen.“Yuna nickte. „Das hat die Matriarchin angeordnet.“Er sah sie an. Sein Blick war weder freundlich noch feindselig, nur sachlich und distanziert.„Gut. Dann unterrichte ich dich in dem entsprech
Yuna betrat den Unterrichtsraum und legte die Bücher auf den Tisch.Sie wandte sich an die besorgte Beate. Mit einem Lächeln fragte sie: „Haben Sie vielleicht einen falschen Eindruck von mir, Frau Werner? Der Junge tut mir leid. Aber anstelle des Ältesten hätte ich ihn auch nicht gerettet.“Ein Mittel, das einen Menschen dem Tod entreißen konnte, bekam man vermutlich nur einmal im Leben. Die Pille war praktisch eine zweite Chance aufs Leben. Die gab man nicht einfach für seinen Neffen auf. Selbst bei einem eigenen Kind musste man darüber nachdenken.Beate stutzte, dann lächelte sie.„Sie sind wirklich ehrlich, Frau Sommer. Aber so etwas sagen Sie lieber nur mir. Andere dürfen das nicht hören. Es liegt zwar in der Natur des Menschen, aber viele wollen davon nichts wissen.“Sie lachte spöttisch auf. „Zumal wir hier auch noch unsere … selbstlose Heilige zum Vergleich haben.“Gestern hatte Liane ihre Regenerationspille hervorgeholt, das Kind vor aller Augen gerettet. Dabei stand ihr der Ju
Die Lehranstalt war innen viel größer, als sie von außen wirkte.Beate führte Yuna durch mehrere überdachte Gänge zu einer Tür mit dem Schild „Leitung“.Im Zimmer saß ein junger Mann, den Yuna auf Ende zwanzig schätzte. Er trug einen langen Mantel in einem sehr hellen Blau, dazu eine goldgeränderte Brille. Er hatte fein geschnittene Züge und die kultivierte Ausstrahlung eines Gelehrten.Als er Yuna bemerkte, sah er sie freundlich, zugleich prüfend an. Aufdringlich wirkte sein Blick dabei nicht.Beate stellte ihn lächelnd vor: „Das ist Dietmar Hohenfels, Frau Sommer. Er leitet unsere Lehranstalt und hat in unserer Heilkunst die achte Stufe erreicht. Außerdem ist er Ihr Onkel, der jüngere Bruder Ihres Vaters.“Yuna stutzte. Deshalb kam er ihr bekannt vor. Um die Augen ähnelte er Anselm tatsächlich ein wenig. Doch während ihr Vater kühle Autorität ausstrahlte, wirkte sein Bruder sanft und kultiviert.Dietmar nahm einen Stapel Bücher vom Schreibtisch, kam zu ihr und reichte ihn ihr.„Ein W
Bereits als Schülerin hatte Yuna in medizinischen Büchern geblättert. Als sie sich nach dem Abitur für ein Studienfach entscheiden musste, nahm sie einige einfache Einführungen zur Hand, legte sie aber nach wenigen Seiten wieder weg.Heilkräuter, ihre Wirkungen, unzulässige Kombinationen – all das bereitete ihr schon beim Lesen Kopfzerbrechen. Programmcode interessierte sie viel mehr.Dieses Buch wirkte noch älter, noch komplizierter. Die Lektüre versprach anstrengend zu werden. Trotzdem nahm Yuna es höflich entgegen und schlug es auf.Wie erwartet ging es um schwierige Fragen der Arzneikunde: um süßlich schmeckende, wärmende Arzneien, ihre Zuordnung zu bestimmten Organen, ihre aufsteigende oder absinkende, nach außen oder innen gerichtete Wirkung. Es ging um die Rollen der Hauptwirkstoffe, der unterstützenden, ausgleichenden oder lenkenden Bestandteile einer Arznei. Das Buch beschrieb außerdem die sieben Arten, Arzneien einzeln oder in Kombination einzusetzen. Die dicht gedrängten Zei
Die Matriarchin erkannte offenbar, was Yuna beschäftigte. Langsam antwortete sie: „Für andere gilt das. Für dich nicht.“Sie hob ihre dürre Hand und umfasste Yunas Handgelenk.„Mit deinem besonderen Blut bist du zur Heilerin geboren. Dieses Wissen schlummert längst in deiner Seele. Du musst es nicht von Grund auf erlernen, sondern nur wieder wachrufen.“Kaum hatte sie das gesagt, spürte Yuna einen stechenden Schmerz in der Handfläche.Sie sah hinab. Ohne dass sie es bemerkt hatte, waren ihre Handfläche und die der Matriarchin aufgeschnitten worden. Blut quoll hervor und vermischte sich. Es war nicht mehr zu erkennen, was von wem stammte.Unwillkürlich wollte Yuna die Hand zurückziehen. Die Matriarchin hielt sie fest. In ihren knochigen Fingern steckte erstaunlich viel Kraft.„Hab keine Angst, mein Kind. Die Kraft unseres Blutes lässt sich ähnlich wie ein Virus übertragen. Es genügt, dass sich unser Blut vermischt.“Yuna betrachtete das Blut. Sie wusste nicht recht, was sie dabei empfan
Die Stimme der Matriarchin war kaum mehr als ein Seufzen. „Es gibt noch viele unglaubliche Dinge. Wenn du die Führung übernimmst, wirst du immer mehr davon kennenlernen.“Sie sah Yuna an. Plötzlich lag großer Ernst in ihrem Blick.„Als Oberhaupt der Hohenfels musst du mit deinem Blut unsere Heilpflanzen nähren, Yuna. Bist du bereit, diese Verantwortung zu tragen?“Yuna betrachtete ihre Handfläche. Ihre Hände waren schmal, die Haut hell. Nur an den Fingerkuppen zeigten sich leichte Schwielen vom vielen Tippen. Andere Spuren körperlicher Arbeit gab es nicht.Schon die Vorstellung, sich jeden Tag die Haut aufzuschneiden und Blut abzugeben, tat ihr weh.Sie sah wieder auf. Nach längerem Zögern fragte sie: „Wie oft muss ich Blut abgeben? Und wie viel? Wenn das zu häufig ist, zu schmerzhaft … Es tut mir leid, aber zu solchen Opfern bin ich vermutlich nicht bereit.“Die Matriarchin stutzte. Dann lächelte sie. Auf ihrem ausgemergelten Gesicht wirkte das etwas unheimlich, doch ihr Blick wurde s
Yuna war zurückgekommen, um ihre Sachen zu holen.Kaum hatte sie die Tür aufgestoßen, drang ein schrilles Lachen an ihr Ohr.Henrik, der sonst nie lachte, saß neben Chiara und erzählte ihr trockene Witze, um sie aufzuheitern.„Hatschi…“Chiara nieste lieblich.„Frierst du?“, fragte Henrik sofort bes
„Henrik, das Kind in ihrem Bauch – ist es deins?“Yuna war kreidebleich. Sie traute ihren eigenen Ohren nicht.Vor sieben Monaten war Henriks älterer Bruder Erwin Wolfhardt bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Aus Mitleid mit Chiara Jensen, der jungen Witwe, die zudem schwanger war, hatte Yuna s
Chiara starrte sie an. Selbst ihre gespielt verletzte Miene erstarrte mitten in der Bewegung. Die brennende Wange ließ sie für einen Moment alles vergessen.Wie konnte Yuna es wagen, wirklich zuzuschlagen?Henrik war einen Moment lang sprachlos. Dann brach seine Wut hervor.„Yuna, hast du den Versta
„Frau Wolfhardt, die Angelegenheit ist diesmal außerordentlich heikel! Ich fürchte, vor einem halben Monat kommt er nicht zurück.“Yuna verstummte einen Moment.Ein persönliches Gespräch fiel damit aus.Eine Nachricht im Chat war zwar nicht ganz so höflich – aber ihr blieb nichts anderes übrig.Yuna







