LOGINSeine Hand hebt sich. Ich sehe sie nicht kommen. Ich sehe nichts. Das Licht ist zu grell, die Musik ist zu laut, mein Herz schlägt zu schnell. Die Ohrfeige trifft mich mitten ins Gesicht, lässt meinen Kopf nach hinten schnellen, entreißt mir einen Schmerzensschrei. Der Schmerz explodiert auf meiner Wange, in meinem Kiefer, in meinen Zähnen. Der Geschmack von Blut in meinem Mund, warm, metallisch, vertraut. Ich hebe die Hand an meine Wange. Die Haut ist heiß, geschwollen, gezeichnet von seinen Fingern. Ich sehe ihn an. Seine Augen sind wahnsinnig, blutunterlaufen, geweitet von Wut. Sein Mund ist verzerrt, seine Lippen zittern, seine Zähne sind zusammengebissen. Seine Fäuste sind geballt, seine Arme sind angespannt, sein ganzer Körper ist eine Waffe. „Lüg mich nicht mehr an", sagt er. Seine Stimme ist leise, rau, gefährlich. „Versteck nichts mehr vor mir. Ich bin dein Herr, Sasha. Du gehörst mir. Du tust, was ich sage, du sagst,
Sasha Am nächsten Tag ist Dimitri wieder im Club. Er sitzt an der Bar, seinen Wodka in der Hand, eine Zigarette im Mundwinkel. Er redet. Er redet laut, laut genug, dass es jeder hören kann, laut genug, dass seine Stimme bis in die Umkleideräume trägt, bis zur Bühne, bis ans Ende des Saales. Er redet über mich. „Kennt ihr Sasha? Das ist meine Frau. Wir haben vor fünf Jahren geheiratet. Sie war schön, damals. Bevor sie verrückt geworden ist." Die Mädchen kommen näher. Sie sind fasziniert, wie Fliegen, die von einer offenen Wunde angezogen werden. Sie setzen sich um ihn herum, bestellen Getränke, hören zu. Ihre Augen leuchten, ihre Lippen öffnen sich leicht, ihre Finger zittern vor Aufregung. „Sie ist vor ein paar Monaten weggelaufen", fährt Dimitri fort. „Mitten in der Nacht, ohne ein Wort, ohne einen Blick. Sie hat mein Geld genommen, meinen Schmuck, mein Leben. Sie hat mich allein gelassen, in
„Natascha", sagt Irina. Ihre Stimme ist hart, eisig. „Das war Natascha. Sie muss ihn kontaktiert haben. Sie muss ihm gesagt haben, wo er dich findet. Sie will dich zerstören, Sasha. Sie will, dass du verschwindest." „Ich weiß." „Wir müssen Andrej warnen. Sofort. Wir müssen ihm sagen, dass Dimitri da ist, dass er lügt, dass er gefährlich ist. Wir müssen..." „Andrej wird mir nicht glauben." Meine Stimme ist flach, leblos, wie die einer Toten. „Er glaubt, dass ich lüge, dass ich eine Verräterin bin. Er wird glauben, dass Dimitri die Wahrheit sagt. Er wird glauben, dass ich eine Lügnerin bin, eine Diebin, eine Hure. Er wird mich fortjagen. Er wird mich ihm überlassen." „Sasha..." „Lass mich, Irina. Lass mich nachdenken. Lass mich allein." Sie zögert. Ihre Hände ziehen sich langsam zurück, ihre Finger gleiten über meine Haut, als fiele ihr das Loslassen schwer. Sie tritt einen Schritt zur
Sasha An diesem Abend tanze ich wie jeden Abend. Die Arme schwer, die Beine weich, das Herz leer. Die Musik trägt mich fort, ohne dass ich denken muss. Mein Körper kann tanzen. Selbst wenn meine Seele tot ist, mein Körper kann es. Er hat für Dimitri getanzt, für Fremde, für Männer, die ihn bezahlten. Er wird immer tanzen. Das ist alles, was er kann. Ich drehe mich, gleite, erhebe mich. Die Lichter umhüllen mich, die Menge ist verschwommen, die Gesichter sind Flecken. Ich sehe niemanden. Ich will niemanden sehen. Ich will allein sein, unsichtbar, nicht existent. Ich will in der Musik verschwinden, im Licht, in der Bewegung. Dann sehe ich ihn. An der Bar. Eine Silhouette, die ich nur zu gut kenne. Breite Schultern, ein geschorener Schädel, ein Gesicht, gezeichnet von Schlägen und Alkohol. Eine Hand auf der Theke, die andere hält ein Glas. Eine Art dazustehen, die Beine gespreizt, das Kinn erhobe
Er nimmt einen langen Schluck. Der Wodka läuft über sein Kinn, tropft auf sein Hemd. Es kümmert ihn nicht. „Sie ist labil", sagt er. „Sie hat Probleme, sie braucht Hilfe. Ich bin gekommen, um sie zu holen, um ihr zu helfen. Um sie zu heilen. Um sie nach Hause zu bringen. Sie braucht mich. Sie hat mich immer gebraucht. Ohne mich ist sie nichts. Ohne mich zerstört sie sich selbst. Ohne mich stirbt sie." Er sieht mich an. Seine Augen sind kalt, aber da ist etwas darin, das ich wiedererkenne. Wut. Besitzanspruch. Hass. Derselbe Hass, der mich verzehrt, wenn ich an Sasha denke. Dieselbe Wut, die mich zerfrisst, wenn ich sie tanzen, lächeln, geliebt werden sehe. „Willst du mir helfen?", fragt er. „Ich will, dass sie verschwindet. Ich will, dass sie den Club verlässt, die Stadt verlässt, Andrej verlässt. Ich will, dass sie weg ist. Und du willst sie zurückholen. Also werden wir uns einig."
Er legt seine Lippen auf meine. Ein sanfter, fast schüchterner Kuss. Nicht wie die, die er Sasha gab, diese Besitzerküsse, diese Erobererküsse, diese Küsse, die nehmen, ohne zu fragen. Ein Kuss eines verlorenen Mannes, der einen Hafen sucht. Ein Kuss eines Kindes, das Angst vor der Dunkelheit hat. Ein Kuss eines Flehenden. Ich lasse mich küssen. Ich lasse mich halten. Ich lasse mich lieben. Meine Hände streicheln seinen Nacken, seine Schultern, seinen Rücken. Meine Lippen antworten auf seine, sanft, geduldig, ewig. Während er mich küsst, während er mich hält, während er glaubt, Trost in meinen Armen zu finden, lächle ich. Er sieht mein Lächeln nicht. Er hat die Augen geschlossen. Er ist verloren in meinem Duft, in meiner Wärme, in meiner Haut. Er gehört mir. Aber ich lächle. Denn ich weiß, dass ich gewonnen habe. Sasha ist erledigt. Sie ist tot, oder sie wird sterben. Dimitri ist da, wartet, streift umher, lauert







