LOGINSasha Die Tage vergehen. Die Nächte auch. Ich kenne den Unterschied nicht mehr. Andrej ist distanziert, kalt. Er kommt spät heim, wenn ich schon schlafe oder so tue, als ob ich schlafe. Er geht früh, bevor ich aufstehe, bevor der Tag anbricht. Er berührt mich nicht mehr. Er küsst mich nicht mehr. Er spricht kaum mit mir, kurze Worte, Befehle, Schweigen. Manchmal ertappe ich ihn dabei, wie er mich ansieht. Seine grauen Augen auf mich geheftet mit einer Intensität, die mich verbrennt, die mich zerreißt, die mich tötet. Aber er sagt nichts. Er tut nichts. Er wendet den Blick ab und geht. Ich fühle mich verlassen. Verraten. Schmutzig. Die Kette ist nicht mehr da. Léna ist nicht mehr da. Andrej ist nicht mehr da, selbst wenn er im selben Raum ist wie ich. Er ist da, ein paar Meter entfernt, aber es ist, als wäre er Tausende Kilometer weg. Als wäre er bereits gegangen. Als wäre er bereits tot.
Seine Stimme bricht. Zum ersten Mal sehe ich etwas in seinen Augen, das ich noch nie gesehen habe. Keine Wut. Kein Misstrauen. Keine Raserei. Angst. Er hat Angst. Andrej Volkow, der Mann, der die ganze Stadt erzittern lässt, der Mörder, der Mafioso, der Boss. Er hat Angst. Er hat Angst zu verlieren. Er hat Angst, betrogen zu werden. Er hat Angst, mich zu lieben. »Ich liebe dich«, sagt er. »Das ist das Schlimmste. Ich liebe dich, und ich weiß nicht, ob du mich liebst. Ich liebe dich, und ich weiß nicht, ob du mich belügst. Ich liebe dich, und ich weiß nicht, ob du Kirill hinter meinem Rücken triffst. Ich liebe dich, und es bringt mich um. Jeden Tag, jede Nacht, jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich mit ihm. Ich sehe dich lächeln, ich sehe dich lachen, ich sehe dich für ihn tanzen. Ich sehe, wie du ihm gibst, was du mir gibst. Und ich werde wahnsinnig.« »Andrej, ic
Im dritten Stock halte ich an. Ich setze mich auf eine Stufe. Ich lehne meinen Kopf an die kalte Wand. Und ich weine. Ich weine um Léna. Ich weine um ihre Tochter, die sie nicht sieht. Ich weine um ihre Mutter, die auf sie wartet. Ich weine um all diese Nächte, die sie tanzend für Männer verbracht hat, die sie niemals sehen werden. Ich weine um meine Naivität. Meine Dummheit. Meine Schwäche. Ich habe geglaubt, die Liebe könne alles heilen. Ich habe geglaubt, Monster könnten sich ändern. Ich habe geglaubt, ich sei etwas Besonderes. Ich weine um die Kette, die nicht mehr da ist. Diesen kleinen Diamanten, den ich wie eine Krone, wie ein Versprechen, wie eine Kette getragen habe. Ich weine um Andrej, der mir nicht glaubt. Seine Augen, die sanft waren und hart geworden sind. Seine Hände, die mich berührten und mich nun zurückstoßen. Seine Stimme, die sagte »Ich liebe dich« und nun sagt »Ich weiß nicht, wer du bist«.
Sie lacht. Ein Lachen ohne Freude, ohne Humor, ohne alles. Ein Lachen, das wehtut beim Zuhören. Ein Lachen, das sagt: »Ich habe alles verloren, ich habe nichts mehr, ich habe niemanden mehr.« »Siehst du, Sasha, das ist unser Leben. Wir tanzen für Männer, die uns wie Fleisch ansehen. Wir verkaufen unsere Körper, um die Miete zu bezahlen. Wir haben Kinder, die wir nicht sehen können. Wir haben Mütter, die uns mit Scham ansehen. Wir haben Freundinnen, die verschwinden. Und wenn eine von uns ein bisschen Glück, ein bisschen Liebe, ein bisschen Licht hat... hassen die anderen sie. Weil wir zu gebrochen, zu beschädigt, zu tot sind, um zu ertragen, dass jemand glücklich ist.« »Léna...« »Sag nicht, dass es dir leidtut.« Ihre Stimme wird hart, fast gewalttätig. »Sag nicht, dass es dir leidtut, Sasha. Es ist nicht deine Schuld. Es ist niemandes Schuld, außer Nataschas. Und Andrejs. Und unserer. All dieser Mädchen, die nie etwas hatt
Ich denke an Kirill. An seine hellen Augen. An seine gebrochene Stimme. An seine Finger, die auf dem Tisch zitterten. Ich denke an das, was er gesagt hat. Ich will, dass du zu mir kommst, weil du gewählt hast. Ich bleibe mitten auf dem Bürgersteig stehen. Autos fahren vorbei, Menschen gehen vorbei, die Welt zieht vorbei. Ich bin reglos. Erstarrt. Verloren. Zum ersten Mal in meinem Leben weiß ich nicht, was ich will. Ich weiß nicht, was ich wähle. Ich schließe die Augen. Ich atme. Die Luft ist kalt, schneidend, sie zerschneidet mir die Kehle. »Sasha«, murmle ich. »Was tust du?« Niemand antwortet. Da ist nur der Wind. Und die Nacht. Und ich. Sasha Am nächsten Tag gehe ich zu Lénas Mutter. Ich habe nicht geschlafen. Ich habe nicht gegessen. Ich habe nichts anderes getan, als an die Decke zu starren, Andrej im Nebenzimmer atmen zu hören,
Er ist schön. Nicht schön wie Andrej, nicht diese gewaltsame Schönheit, die einem die Kehle zuschnürt und nicht mehr loslässt, die erstickt, die besitzt, die zerstört. Eine sanfte, fast zerbrechliche Schönheit. Wie ein Licht, das nicht erhellt, nicht blendet, sich damit begnügt, da zu sein. Ein Licht, das man ansehen kann, ohne Angst zu haben. Ein Licht, das nicht verbrennt. Seine Hände liegen auf dem Tisch, ein paar Zentimeter von meinen entfernt. Ich könnte sie berühren. Ich könnte seine Finger nehmen, sie drücken, seine Haut an meiner spüren. Ich könnte. Aber ich tue es nicht. »Du musst gehen«, sage ich. »Jetzt.« »Ich werde wiederkommen.« »Kirill...« »Ich werde immer wiederkommen, Sasha. Bis du mir sagst, dass ich nicht mehr kommen soll. Bis du mir sagst, dass du glücklich bist, dass du gefunden hast, was du suchst, da







