LOGIN„Jetzt“, sagt Damien, die Stimme flach, gefährlich leise und vollständig entkleidet von seinem üblichen arroganten Schwung.„Ich habe vier Minuten, bevor ich in die Nähe eines Lehrbuchs muss, Damien“, sage ich, ziehe den Gurt meiner Tasche fester über die Schulter und pflanze die Füße fest auf den Boden. „Sag, was auch immer du sagen wolltest, damit ich wieder so tun kann, als wärst du eine kleine Unannehmlichkeit, mit der ich schon fertig bin.“Statt zu antworten, greift er aus, packt den Gurt meiner schweren Schlittschuh-Tasche direkt von meinem Arm und dreht sich auf dem Absatz um.„Hey! Gib das zurück!“ zische ich, meine Stimme hallt vom Backstein-Flur wider.Er verlangsamt sich nicht einmal. Seine langen Schritte tragen ihn geradewegs zur schweren Metalltür am anderen Ende des Gangs – dem ruhigen Seitentreppenhaus, das niemand benutzt, außer man schwänzt oder sucht einen Ort zum Heulen.Er stößt die Tür mit der Schulter auf und hält sie eine halbe Sekunde. „Rein, Sunshine. Es sei
Ich rutsche vier Minuten zu spät in den Hörsaal, die Haare noch feucht von einer rekordverdächtigen Vier-Minuten-Dusche, die Tasche über der Schulter – ich kann mich nicht einmal erinnern, wann ich das letzte Mal so zur Vorlesung gerannt bin.Der gesamte Weg über den Campus war ein Albtraum. Zwei Mädchen, die sich vor der Bibliothek über ein Handy beugten, schauten hoch, erblickten mich und fingen sofort an, hinter vorgehaltener Hand zu flüstern. Ein Typ in einer Hockey-Jacke, den ich noch nie gesehen hatte, nickte mir feierlich zu, als wären wir alte Kriegskameraden – ich bin mir absolut sicher, dass er nicht in Damiens Team ist. Und in der Nähe des Hofs piepte das Handy von jemandem mit dem Benachrichtigungston von The Hub – ein Geräusch, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich es kenne, das mir jetzt aber die Zähne zusammenbeißen lässt.Das Video, in dem ich Damien eine Nasenblutung verpasse, sitzt bei über fünfzigtausend Aufrufen in der Campus-App. Der Top-Kommentar? „Entweder b
**DAMIENS PERSPEKTIVE**„Was meinst du damit, du hast online einen Medizin-Kurs gemacht?“ brülle ich, die Stimme überschlägt sich auf eine Art, die ich unter Eid aggressiv abstreiten werde.„Es war eine intensive Sechs-Wochen-Zertifizierung!“ zischt Marco zurück und reißt den Beutel auf, den wir von seinem Platz geholt haben. Er kippt einen erschreckend lässigen Haufen Isopropylalkohol, Angelschnur und echte Nähnadeln auf meinen Couchtisch. „Außerdem ist mein Onkel Tierarzt. Ich hab ihn schon mal einen Golden Retriever mit einem abgerissenen Ohr flicken sehen. Das ist im Grunde dieselbe Anatomie!“„Ich bin kein Golden Retriever!“ röchelt Adrian von der Couch, genau die Farbe von geronnener Milch. Seine Jacke ist aufgeschnitten und trieft vor Blut, das gerade meinen Teppich ruiniert.„Halt den Mund, Adrian, du bist im Schock“, sagt Marco und hält ihm eine Flasche Isopropyl unter die Nase. „Damien, hol Handtücher. Dicke. Nicht die schicken dekorativen, die deine Mutter dir geschickt hat.
DAMIENS PERSPEKTIVE„Kurze Ansage“, sagt Mr. Cross, das Klemmbrett bereits aufgeklappt, und macht dieses Ding, bei dem er ganz klar erwartet, dass niemand ihm widerspricht. Jeder Typ in meinem Team richtet sich auf. Ich weiß nicht, was es an einem Klemmbrett und einem Umhängeschild ist, das erwachsene Männer vergessen lässt, wie man blinzelt.Dann bleiben seine Augen an meinem Gesicht hängen und er hält tatsächlich mitten im Satz inne. „Was ist mit dir passiert?“„Trainingsunfall“, sage ich, weil es keine Version der wahren Geschichte gibt, die nicht wahnsinnig klingt, wenn man sie laut ausspricht.„Sie hat ihm den Ellbogen reingerammt“, ruft Luca – unglaublich wenig hilfreich – von irgendwo hinter mir.„Das musste er nicht sagen“, murmle ich, ohne Khione anzusehen. Sie sieht mich auch nicht an, was fair ist. Keiner von uns schuldet ihm eine Erklärung für das Beste, was meinem Gesicht seit Wochen passiert ist. Er macht eine Notiz auf seinem Klemmbrett und geht einfach über die Nasenko
DAMIENS PERSPEKTIVEIch schlafe nicht besonders gut. Nicht aus einem bestimmten Grund – eher die übliche Rotation: mein Vater, eine mentale Liste von allem, was ich angeblich eine schlechte Saison entfernt bin zu verlieren, Kurse und, nervtötenderweise, Khione.Ich komme trotzdem früh in die Halle, um ein paar Runden zu drehen, bevor sie auftaucht. Coach Zara ist schon da und hakt Dinge auf ihrem Klemmbrett ab.„Damien, hast du gut geschlafen?“ fragt sie, während sie näher kommt, um mein Gesicht zu inspizieren.„Überhaupt nicht.“ Ich stelle meine Tasche auf eine Bank und fange an, meine Schlittschuhe zu schnüren.„Ist es dein Vater? Ich hab dir schon gesagt, du kannst bei mir einziehen.“ Sie setzt sich neben mich.„Ist er jemals *nicht* der Grund? Und du weißt, dass ich nicht bei dir einziehen kann.“ Ich drehe mich zu ihr. Zara hat mir schon sehr geholfen – deshalb ist sie immer noch meine Privat-Trainerin.„Kopf hoch. Du bist so nah dran, in die Pros zu kommen.“ Sie steht auf. Ich we
**DAMIENS PERSPEKTIVE**Mein Vater hat ein Talent dafür, Morgen zu ruinieren – speziell *meine* Morgen. Nicht die normalen Morgen, wie „jemand-hat-den-letzten-Kaffee-getrunken“-Morgen. Es sind eher die vollwertigen, existenziellen, vor-acht-Uhr-Morgen. Es ist ehrlich beeindruckend, denn wenn das Ruinieren meines Tages ein Universitätssport wäre, hätte er ein Stipendium. „Setz dich.“ Ich bleibe auf halbem Weg zur Tür stehen. „Ich habe Training.“ „Du hast fünf Minuten.“ Ich schaue auf die Uhr. Es ist sieben Uhr vierzehn, Training beginnt um acht. „Jetzt habe ich vier Minuten.“ Er lächelt nicht. Das tut er nie, wenn wir über Hockey reden – und das ist in letzter Zeit das Einzige, worüber wir reden. Ich lasse meine Tasche an der Tür fallen und setze mich trotzdem ihm gegenüber. Sich zu weigern kostet mehr Energie, als ich so früh habe. Das Esszimmer sieht aus wie immer: teurer Tisch, teure Stühle, teure alles. Als Kind durfte ich nach dem Spielen draußen nie die Hände auf den







