Share

Kapitel 2: Plural

last update publish date: 2026-10-10 07:44:05

Die Haustür ging auf, bevor ich Luft holen konnte.

Schwere Schritte. Nicht Mayas. Nicht die meiner Mitbewohnerin. Die Art von Schritten, die sich nicht für sich selbst entschuldigten, bedacht, unhastig, die eines Mannes, der noch nie in seinem Leben einen Raum betreten und sich gefragt hatte, ob er willkommen war.

Bryan hörte es auch. Sein Kiefer spannte sich an. „Natalie. Wem gehört das Auto?“

Ich konnte nicht antworten. Meine Kehle hatte sich vollständig zugeschnürt, denn ich wusste genau, wem das Auto gehörte. Ich wusste, wessen Schritte das waren. Ich wusste, noch bevor er unten an der Treppe erschien, in was ich gleich mittendrin stehen würde, und ich konnte absolut nichts tun, um es aufzuhalten.

Luca Wolfe klopfte nicht.

Er klopfte nie.

Er trat in den Flur, als gehörte er ihm, das Gebäude, die Luft und ich, in einem schwarzen Hemd und dunklen Jeans, mit dieser mühelosen Gefährlichkeit, die jeden anderen Mann in der Nähe aussehen ließ, als würde er sich verkleiden. Sein Blick glitt einmal durch den Raum: die Treppe, ich, erstarrt oben, Bryan, viel zu nah bei mir. Seine Miene veränderte sich nicht. Nicht im Geringsten.

Das war immer der beängstigende Teil. Sie veränderte sich nie.

Bryan bewegte sich, bevor ich ihn aufhalten konnte, trat die Stufen hinunter und stellte sich zwischen mich und Luca, als wäre das etwas, das man tun konnte, als wäre Luca Wolfe die Art von Problem, die ein Körper blockieren konnte. „Verlaufen?“

Lucas Blick wanderte zu ihm. Langsam. Völlig unbeeindruckt. So, wie man etwas Kleines ansieht, das einem in den Weg gelaufen ist. „Nein.“

Ein Wort. Mehr nicht. Dann schnitt sein Blick zurück zu mir. „Wir reden. Jetzt.“

„Bryan, nicht...“, begann ich, aber Bryan war schon in Bewegung.

„Du kannst nicht einfach in ihr Wohnheim marschieren und...“

„Bryan.“ Meine Stimme brach an seinem Namen, und er hielt inne. Sah zu mir hoch. Ich schüttelte den Kopf, bitte, tu es einfach nicht... denn ich wusste Dinge, die Bryan nicht wusste. Vier Monate, in denen ich Luca Wolfe gekannt hatte, hatten mir vor allem eines beigebracht: Er machte keine Szenen. Er richtete Schaden an. Leisen, dauerhaften, unumkehrbaren Schaden. Und Bryan mit seinem dummen, loyalen Herzen und seinem Drang, Menschen zu beschützen, würde ohne zu blinzeln direkt hineinlaufen.

Das durfte ich nicht zulassen.

„Fünf Minuten“, sagte Luca zu mir. Er fragte nicht. Er fragte nie.

Bryan lachte, kurz und humorlos. „Auf keinen Fall...“

„Bitte“, flüsterte ich. „Bryan. Fünf Minuten. Mir geht's gut.“

Seine Augen suchten in meinen, suchten das Mädchen, das in der zehnten Klasse seinen Hoodie geklaut und daraus einen sechsjährigen Running Gag gemacht hatte. Suchten eine Erklärung, die ich nicht hatte. Nach einer Sekunde, die sich länger zog, als sie es hätte dürfen, nickte er. Angespannter Kiefer. „Fünf Minuten, Nat. Dann komm ich wieder hoch.“

Er drängte sich auf dem Weg nach unten an Luca vorbei, die Schultern streiften sich fast, keiner von beiden wich auch nur einen Zentimeter, und es war so aufgeladen mit allem Unausgesprochenen, dass ich wegsehen musste. Dann war er weg. Die Tür am Fuß der Treppe fiel ins Schloss.

Und es waren nur noch ich und Luca Wolfe und der Schwangerschaftstest, der immer noch ein Loch in meine Kosmetiktasche brannte.

Er stieg die Treppe zu mir hoch. Zwei Stufen auf einmal. Keine Eile, keine Anstrengung, als wäre die Schwerkraft ein Vorschlag, den er gelegentlich in Erwägung zog. Er blieb eine Stufe unter mir stehen, sodass wir fast auf Augenhöhe waren, nah genug, dass ich ihn riechen konnte, etwas Dunkles, Teures, das in einem Studentenwohnheim nichts zu suchen hatte, und er sah mich an wie immer. Als wäre ich das Einzige im Raum, das sich anzusehen lohnte, und gleichzeitig, als würde ich ihm Migräne bereiten.

„Zeig ihn mir“, sagte er.

Ich blinzelte. „Was?“

„Den Test.“

Mein Magen machte einen Satz. „Woher weißt du...“

„Apotheke, zwei Blocks vom Campus.“ Dieselbe flache, sachliche Stimme. „Die Kassiererin kennt jemanden, der Marco kennt. Sie hat dich gesehen. Nur Bargeld, Kapuze auf.“ Eine Pause. „Du warst nicht unauffällig.“

Natürlich wusste er es. Luca Wolfe wusste immer alles.

„Nein, ich bin nicht...“, versuchte ich zu lügen, dann: „Hör auf, belüg mich nicht“, sagte er und sah mir dabei in die Augen.

Ich ging in mein Zimmer. Er folgte mir ohne Einladung, er wartete nie auf Einladungen, ich wühlte in meiner Kosmetiktasche mit Händen, die nicht kooperieren wollten, zog den Test heraus und hielt ihn ihm hin, ohne loszulassen. Das Display nach außen. Als würde die Distanz irgendwie helfen.

Er sah ihn drei Sekunden lang an. Zuckte nicht zusammen. Fluchte nicht. Tat nichts von dem, was ein normaler Mensch tut, wenn sich seine gesamte Zukunft auf einem digitalen Display neu ordnet.

Dann sagte er: „Plural.“

Ich starrte ihn an. „Was?“

„Zwillinge.“ Dieselbe ruhige Stimme. Dieselbe unbeeindruckte Art, als würde er etwas von einer Speisekarte ablesen. „Du bekommst Zwillinge, Natalie.“

Der Boden verschwand.

Zwillinge.

Nicht nur schwanger. Mit Zwillingen schwanger. Von Luca Wolfe. Während ich in Bryan verliebt war. Während ich noch eine Literaturarbeit hatte, die in drei Wochen fällig war, eine halb fertige Praktikumsbewerbung auf meinem Laptop und eine beste Freundin, die mich für einen guten Menschen hielt.

Meine Knie gaben nach. Luca fing mich auf, bevor ich auf dem Teppich aufschlug, ein Arm um meine Taille, fest und sofort, und er ließ nicht los.

„Atmen“, befahl er.

Ich konnte nicht.

„Natalie.“ Schärfer. Er hob mein Kinn an, bis ich keine andere Wahl hatte, als ihn anzusehen. „Atme. Jetzt.“

Ich sog Luft ein. Sie tat weh auf dem Weg nach unten.

„Zwillinge“, flüsterte ich. „Ich bekomme Zwillinge.“

„Ja.“

„Wie kannst du so ruhig sein?“ Meine Stimme brach beim letzten Wort. „Warum flippst du nicht aus?“

Sein Daumen strich einmal über meinen Kiefer. Dann trat er zurück und nahm seinen Arm mit. „Weil Panik daran nichts ändert.“

Natürlich. Luca Wolfe machte keine Gefühle. Er machte Lösungen.

„Was machen wir jetzt?“ Die Frage kam heraus, bevor ich sie aufhalten konnte, klein und verloren auf eine Art, die ich hasste. Aber er war der einzige Mensch auf der Welt, der es gerade wusste, und das machte ihn, unglaublicherweise, zum einzigen Menschen, den ich hatte.

Er sah mich einen langen Moment an. „Du ziehst bei mir ein. Heute Nacht.“

Ich zuckte zurück. „Was? Nein! Meine Eltern...“

„Werden es herausfinden“, sagte er und beendete den Satz, als wäre es bereits geschehen. „Und wenn sie es tun, glaubst du, sie wollen dich dann hier wohnen haben? Mit ihm da unten?“

Ihm. Bryan.

Mein Magen verdrehte sich so heftig, dass ich eine Hand dagegen pressen musste.

„Ich verlasse Bryan nicht...“

„Du gehörst nicht ihm.“ Immer noch ruhig. Immer noch völlig beängstigend. „Das hast du nie. Du gehörst mir, seit der Nacht, in der du mich hast bleiben lassen, und das weißt du.“

„Ich gehöre dir nicht“, sagte ich.

„Mir gehört die Situation“, sagte er. „Zwei Situationen. In deinem Bauch. Mit meiner DNA.“

Er sagte es immer wieder. Zwillinge. Als würde die Wiederholung mich schneller dazu bringen, es zu akzeptieren.

Unten knallte eine Tür. Bryans Stimme drang die Treppe hoch. „Die fünf Minuten sind um, Nat.“

Luca zuckte nicht mit der Wimper. „Sag es ihm.“

„Was soll ich ihm sagen?“, zischte ich. „Dass ich mit Zwillingen schwanger bin? Dass sie von dir sind?“

„Ja.“

„Du bist verrückt.“

„Wahrscheinlich“, stimmte er zu und ging schon zu meinem Kleiderschrank. Er zog meine Reisetasche heraus, als wüsste er genau, wo ich sie aufbewahrte, und fing an, meine Sachen hineinzulegen. Meine Kleidung. Mein Leben, ohne meine Erlaubnis zugezogen.

„Luca, hör auf...“

„Du kannst mich später hassen.“ Er sah mich nicht an. „Jetzt packst du.“

Schritte auf der Treppe. Bryan, der nicht mehr wartete.

Luca zog die Tasche in einer einzigen Bewegung zu und drehte sich zur Tür, gerade als Bryan darin erschien. Bryan sah zuerst die Tasche. Dann mich. Dann Luca. Sein Gesicht wurde leer, dann wütend.

„Was zur Hölle ist das hier?“

„Sie ist schwanger“, sagte Luca, bevor ich auch nur ein einziges Wort finden konnte. „Zwillinge. Sie sind von mir. Sie kommt mit mir.“

Vier Sätze. Mehr brauchte es nicht.

Bryan sah mich an. Nur mich. „Natalie. Sag mir, dass er lügt.“

Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.

Ich hatte nichts. Denn es war wahr, jedes einzelne Wort, und Bryan konnte es in meinem Gesicht sehen, bevor ich überhaupt etwas sagte.

Sein Gesicht brach. Ich hatte es noch nie so erlebt, nicht in sechs Jahren. Es brach einfach. Leise. Vollständig. So, wie Dinge brechen, wenn sie zu lange durchgehalten haben.

„Sechs Jahre“, sagte er mit rauer Stimme. „Sechs Jahre lang habe ich...“ Er hielt inne. Konnte es nicht zu Ende bringen. Fuhr sich mit der Hand durchs Haar, so wie er es immer tat, wenn er am Ertrinken war.

Luca nahm die Tasche. Ging an uns beiden vorbei. An der Tür hielt er inne, ohne sich umzusehen, nie sah er sich um. „Der Wagen läuft. Fünf Minuten, Natalie. Zwing mich nicht, noch mal hochzukommen.“

Dann war er weg.

Bryan sah mich nicht an. Er starrte auf die Stelle, an der Luca gestanden hatte. Als er endlich sprach, war seine Stimme kaum da.

„Sag etwas.“

„Es tut mir leid“, presste ich hervor.

Er drehte sich zu mir um, so wie er es tausendmal zuvor getan hatte, nur dass es sich diesmal wie das letzte Mal anfühlte. „Wofür? Dafür, dass du schwanger bist? Dass es nicht meins ist?“

Für alles.

„Ich wusste es nicht“, flüsterte ich. „Das mit den Zwillingen. Ich habe es heute erfahren. Ich schwöre.“

„Wusstest du, dass du ihn liebst?“

Die Frage traf mich an einer Stelle, für die ich keinen Namen hatte. Denn ich wusste es nicht. Das war das ganze Problem. Ich hatte es nie gewusst, nicht sicher, nicht so, wie man Dinge wissen sollte, die wichtig sind.

Ich liebte Bryan. Ich liebte Bryan, seit ich fünfzehn war.

Aber ich hatte Luca Wolfe in mein Leben gelassen. In mein Bett. In meinen Körper. Und jetzt trug ich seine Zwillinge und zerstörte den einen Menschen, der mir nie einen Grund dafür gegeben hatte.

„Bryan...“

„Nicht.“ Seine Hand hob sich. „Lüg mich nicht an. Nicht du. Jeder andere, aber nicht du.“

Er ging zur Tür. Blieb mit dem Rücken zu mir stehen. Und ich wartete darauf, dass er sich umdrehte, so wie er es immer getan hatte, denn in jeder Version dieses Moments, die ich mir ausgemalt hatte, hatte er sich immer umgedreht.

Er drehte sich nicht um.

„Maya bringt dich um“, sagte er leise, zum Türrahmen. „Und ehrlich?“ Eine Pause, die ein ganzes Leben dauerte. „Ich glaube nicht, dass ich sie aufhalten werde.“

Dann war er weg.

Und ich war allein in meinem Zimmer, mit einer Reisetasche, die der Vater meiner Zwillinge gepackt hatte, und einem grauen Hoodie, der nach dem Jungen roch, den ich gerade zerstört hatte, und Lucas Auto, das irgendwo unten immer noch lief wie ein Countdown, den ich nicht anhalten konnte.

Fünf Minuten.

Ich griff nach dem Hoodie.

Mein Handy leuchtete auf dem Schreibtisch auf.

Nicht Luca.

Maya.

Ich weiß, was du getan hast.

Ich starrte auf den Bildschirm. Meine Hände waren völlig still geworden. Drei Sekunden vergingen. Dann kam die nächste Nachricht, und sie ließ mein Blut zu Eis werden, auf eine Art, wie es nicht einmal Luca Wolfe mit seiner leisen Gefahr und seinen Zwillingen und seinem laufenden Wagen je geschafft hatte.

„Ich bin schon hier, und ich habe Mama mitgebracht.“

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • ES IST KOMPLIZIERT: DIE ERBEN DER MAFIA   Kapitel 7: Blutgeschäft

    Der Anruf dauerte vier Minuten. Ich weiß es, weil ich mitzählte. Ich stand in der Einfahrt, die Hand meiner Mutter in meiner und Mayas Augen noch immer auf die Ultraschallbilder geheftet, die Mappe zitterte leicht in meinem Griff, und ich zählte jede einzelne Sekunde der Stille, die sich über das Anwesen gelegt hatte, in dem Moment, als Luca den Anruf annahm und sein ganzer Körper sich veränderte. Nicht dramatisch. Nicht so, wie es in Filmen geschah, wo jemand schlechte Nachrichten bekommt und taumelt oder Dinge fallen lässt oder ein Geräusch macht. Luca Wolfe tat nichts davon. Er wurde einfach still, auf eine Art, die sich von seiner üblichen Stille unterschied, drehte sich leicht von uns allen weg und sprach mit einer so leisen Stimme, dass ich von dort, wo ich stand, kein einziges Wort verstehen konnte. Vier Minuten. Dann legte er auf. Er stand noch einen Moment länger mit dem Rücken zu uns, als nötig gewesen wäre. Nur einen Atemzug. Nur einen. Dann drehte er sich um, und sein

  • ES IST KOMPLIZIERT: DIE ERBEN DER MAFIA   Kapitel 6: Zwei Herzschläge

    Die Klinik war ganz anders, als ich erwartet hatte. Luca hatte vorher angerufen. Natürlich. Wir wurden vier Minuten nach unserer Ankunft aufgerufen. Ich zog den Kittel an, den sie mir gaben, setzte mich auf die Kante der Untersuchungsliege, sah auf das Ultraschallgerät in der Ecke und dachte daran, dass ich in etwa fünf Minuten auf einem Bildschirm die zwei Leben sehen würde, die meines in die Luft gejagt hatten. Dass sie aufhören würden, ein Wort zu sein, Zwillinge, Plural, das, was Luca in meinem Wohnheimzimmer gesagt hatte, als läse er einen Wetterbericht vor, und zu etwas Wirklichem werden würden. Etwas mit einer Gestalt. Etwas, von dem ich den Blick nicht abwenden konnte. Luca stand mit den Händen in den Taschen nahe der Tür, so gefasst wie immer, und gab nichts preis. Auf der Fahrt hatte er nicht viel gesprochen. Ich auch nicht. Wir hatten in weniger als vierundzwanzig Stunden eine ganz bestimmte Art von Schweigen entwickelt, die nicht direkt angenehm war, aber auch nicht fe

  • ES IST KOMPLIZIERT: DIE ERBEN DER MAFIA   Kapitel 5: Der Name Vitale

    Ich schlief nicht wieder ein. Ich sagte mir, ich würde mich hinlegen, ich schloss die Augen, zog Bryans Hoodie enger um mich, als könnte er das Geräusch eines Frauenlachens abhalten, das durch den Boden eines Hauses drang, das ich nicht kannte, in einem Leben, das ich nicht gewählt hatte. Aber der Schlaf interessierte sich heute Nacht nicht für mich, und ehrlich gesagt, nach allem, was zwischen sieben Uhr heute Morgen und der Uhrzeit, die es jetzt war, passiert war, war ich mir nicht sicher, ob ich ihn verdient hatte. Also lag ich im Dunkeln und lauschte. Nicht offensichtlich. Nicht mit dem Ohr am Boden oder irgendetwas, das so verzweifelt gewirkt hätte, wie es tatsächlich war. Ich lauschte einfach. So, wie man lauscht, wenn der Körper zu erschöpft für alles andere ist, aber das Gehirn nicht aufhören will. Stimmen unten, leise, gelegentlich, die Art von Gespräch, die eine Geschichte hatte, eine Vertrautheit, das mühelose Hin und Her zweier Menschen, die oft genug in denselben Räum

  • ES IST KOMPLIZIERT: DIE ERBEN DER MAFIA   Kapitel 4: Immer echt

    Ich hörte es, bevor ich verstand, was ich da hörte. Zuerst Lucas Stimme, leise, beherrscht, mit dieser besonderen Schärfe darunter, von der ich gelernt hatte, dass sie bedeutete, dass etwas einen bereits gefassten Plan unterbrochen hatte und er abwog, wie viel es den Verantwortlichen kosten würde. Dann antwortete eine andere Stimme, und in dem Moment, in dem ich sie hörte, erstarrte jeder einzelne Nerv in meinem Körper, denn ich kannte diese Stimme. Ich kannte sie seit sechs Jahren. Ich hätte sie durch Wände erkannt, durch Schlaf, durch das Ende von allem, sie war in mich hineingewoben auf eine Weise, die ich nie zu genau untersucht hatte, weil ich mir dabei Dinge hätte eingestehen müssen, zu denen ich nicht bereit war. Bryan. Bryan Rollins war in diesem Haus. Ich war vom Bett runter, bevor ich die Entscheidung dazu getroffen hatte, vier Schritte quer durch den Raum, die Hände an der Türklinke, verschlossen, immer noch verschlossen, natürlich war sie verschlossen, sie würde immer

  • ES IST KOMPLIZIERT: DIE ERBEN DER MAFIA   Kapitel 3: Wolfes Bau

    Fünf Minuten. Mehr gab mir Luca Wolfe nicht, fünf Minuten, um mich von dem Leben zu verabschieden, das ich hatte, bevor er durch meine Tür marschiert war und es in die Luft gejagt hatte. Ich stand in meiner Zimmertür und starrte auf die Reisetasche, die er gepackt hatte, auf meine Kleider darin, gefaltet mit einer rücksichtslosen Effizienz, die mir die Brust schmerzen ließ, und dachte: Das ist es. So sieht das Ende deines alten Lebens aus. Eine Tasche, die du nicht selbst gepackt hast, auf einem Boden, den du gleich verlassen wirst. Von unten hörte ich die Stimme meiner Mutter. Leise. Ängstlich. Die spezielle Angst, die Mütter bekommen, wenn sie wissen, dass etwas nicht stimmt, aber noch nicht, wie sehr. „Natalie, wer war dieser Mann?“ Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht. Denn die Antwort lautete: der Vater meiner Zwillinge, und ich war noch nicht bereit, diese Worte laut vor jemand anderem auszusprechen. Ich konnte sie kaum in meinem eigenen Kopf sagen, ohne dass der Boden wie

  • ES IST KOMPLIZIERT: DIE ERBEN DER MAFIA   Kapitel 2: Plural

    Die Haustür ging auf, bevor ich Luft holen konnte. Schwere Schritte. Nicht Mayas. Nicht die meiner Mitbewohnerin. Die Art von Schritten, die sich nicht für sich selbst entschuldigten, bedacht, unhastig, die eines Mannes, der noch nie in seinem Leben einen Raum betreten und sich gefragt hatte, ob er willkommen war. Bryan hörte es auch. Sein Kiefer spannte sich an. „Natalie. Wem gehört das Auto?“ Ich konnte nicht antworten. Meine Kehle hatte sich vollständig zugeschnürt, denn ich wusste genau, wem das Auto gehörte. Ich wusste, wessen Schritte das waren. Ich wusste, noch bevor er unten an der Treppe erschien, in was ich gleich mittendrin stehen würde, und ich konnte absolut nichts tun, um es aufzuhalten. Luca Wolfe klopfte nicht. Er klopfte nie. Er trat in den Flur, als gehörte er ihm, das Gebäude, die Luft und ich, in einem schwarzen Hemd und dunklen Jeans, mit dieser mühelosen Gefährlichkeit, die jeden anderen Mann in der Nähe aussehen ließ, als würde er sich verkleiden. Sein Bl

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status