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Kapitel 122

last update publish date: 2026-08-05 03:39:31

Der Schwund der Stimmen

Wir verließen den Strom mit staubigen Stiefeln und rauen Händen, doch die Spuren der Aue blieben in uns: die Müdigkeit nach langen Stunden im Öl, die wachsame Aufmerksamkeit für Markierungen am Ufer und das gedämpfte Gefühl, dass manche Wunden Zeit brauchen, um zu heilen. Die Reise führte uns nun in das Hochland, eine Gegend aus zerklüfteten Tälern, kühlen Quellen und Dörfern, die so abgeschieden waren, dass Karten sie oft nur als punktierte Flecken zeigten. Hier sollte
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  • Echos der Verbotenen Bindung   Kapitel 140

    Das Tal der vielen StimmenDas Tal, aus dem die Stimmen kamen, lag zwischen zwei langen Bergrücken. Schon am Eingang hörten wir Menschen miteinander sprechen, obwohl wir noch niemanden sehen konnten. Die Worte überlagerten sich, stiegen an den Hängen empor und kehrten verändert zurück.„Hier gibt es kein Echo", sagte Elias.„Nein", antwortete meine Mutter. „Die Stimmen antworten einander."Auf dem Talboden standen mehrere Gruppen im Kreis. Jede sprach über ein anderes Problem. Die einen stritten über einen verschütteten Weg, andere über eine Quelle, die plötzlich versiegte. Wieder andere wollten wissen, wem ein Kind gehörte, das während des Sturms allein aufgefunden worden war.Niemand schien zuzuhören.Eine junge Frau trat auf uns zu. Sie hieß Samra und trug eine Glocke am Gürtel.„Wir nennen diesen Ort den Stimmenmarkt", sagte sie. „Jeder darf sprechen. Aber niemand weiß mehr, wann es genug ist."„Wer entscheidet?", fragte Kael.„Früher gab es einen Rat. Dann wurde der Rat zu mächti

  • Echos der Verbotenen Bindung   Kapitel 139

    Das Haus, das bliebDer Weg nach Norden führte durch eine Landschaft, die vom Sturm verändert worden war. Bäume lagen quer über den Pfad, Bäche hatten neue Ufer gefunden, und an manchen Stellen war die Erde so aufgeweicht, dass jeder Schritt darin versank. Wir mussten langsam gehen.Am Nachmittag entdeckten wir Rauch zwischen den Hügeln. Dahinter stand ein einzelnes Haus. Sein Dach war teilweise eingestürzt, doch aus dem Schornstein stieg noch Rauch auf.Vor der Tür wartete ein alter Mann.„Kommt herein", sagte er. „Wenn ihr draußen bleibt, müsst ihr euch später entscheiden, ob ihr gegangen seid oder nicht."Das Haus war größer, als es von außen wirkte. In jedem Raum lebten Menschen, die der Sturm aus verschiedenen Dörfern hierhergeführt hatte. Einige waren verletzt, andere erschöpft. Niemand wusste, wem das Haus ursprünglich gehört hatte.„Es gehört meiner Schwester", erklärte der alte Mann. „Aber sie ist seit Jahren fort."„Warum lasst ihr alle hier wohnen?", fragte Kael.„Weil das

  • Echos der Verbotenen Bindung   Kapitel 138

    Die Frage ohne AntwortDie Stimme zwischen den Sternen blieb über uns, während der Morgen langsam heller wurde.Wenn alle frei entscheiden dürfen, wer trägt die Verantwortung für das, was niemand vorhersehen konnte?Niemand aus unserer Gruppe sprach zuerst. Selbst Kael, der sonst immer einen Weg vorschlug, schwieg. Die Frage war zu groß, um sie mit einer schnellen Antwort kleiner zu machen.Mira saß neben dem ausgebrannten Feuer und betrachtete die leere Zeichnung, die sie in den Boden gesetzt hatte. In dem Rahmen war noch immer kein Bild erschienen.„Vielleicht ist die Antwort niemand", sagte sie schließlich.„Das klingt nicht nach Verantwortung", erwiderte Elias.„Oder nach ihrer ehrlichsten Form", meinte Lyra. „Wenn niemand etwas vorhersehen konnte, kann man niemanden für die Unwissenheit bestrafen."Meine Mutter schüttelte langsam den Kopf. „Aber die Folgen verschwinden dadurch nicht. Jemand muss sich um sie kümmern."Wir folgten der Stimme durch die Landschaft. Sie kam nicht von

  • Echos der Verbotenen Bindung   Kapitel 137

    Der Pfad zwischen den WegenDie Laterne aus Auris zeigte auf einen schmalen Pfad zwischen den Hügeln. Er war kaum mehr als eine Spur im Gras, doch die Halme lagen in beide Richtungen nieder, als wären viele Menschen hier gegangen und hätten sich immer wieder umentschieden.Meine Mutter betrachtete den Weg. „Er führt nirgendwohin."„Vielleicht führt er deshalb überallhin", sagte Luna.Wir verließen Handkreis am frühen Morgen. Hinter uns blieb der Turm der gemeinsamen Hände zurück. Seine Balken glänzten im ersten Licht, und der Wind ließ die Werkzeuge an seinen Seiten leise klirren. Vor uns lag eine offene Landschaft. Keine Mauern, keine Türme, keine Anker waren zu sehen.Zum ersten Mal seit langer Zeit schien nichts auf uns zu warten.Nach einigen Stunden teilte sich der Pfad. Der linke Weg führte durch einen Wald, der rechte über eine steinige Ebene. Zwischen beiden Wegen stand ein niedriger Pfosten. Darauf war kein Zeichen, nur eine Frage:Wer entscheidet, wenn niemand führt?Kael sa

  • Echos der Verbotenen Bindung   Kapitel 136

    Die Stadt der gemeinsamen HändeWir verließen die Stadt unter dem Regen in unserem kleinen Boot. Hinter uns lagen die Kanäle, die schwarzen Kreise und die Häuser, deren Türen nun höher lagen als zuvor. Vor uns führte der Fluss nach Westen, durch eine Landschaft, die immer grüner wurde. Der Regen hatte die Erde verändert. Wo früher trockene Felder gewesen waren, wuchsen junge Pflanzen. Zwischen den Gräsern glänzten kleine Wasserläufe.Wir reisten nicht mehr allein.Menschen aus mehreren Orten begleiteten uns. Einige wollten die neuen Regeln kennenlernen, andere suchten ihre Familien, und wieder andere hatten verstanden, dass kein einzelner Ort die Folgen der Schwelle tragen konnte. Unser Boot wurde bald zu klein. Deshalb gingen wir an Land und bewegten uns als lange Gruppe über die Uferwege.Am vierten Tag erreichten wir eine Stadt, die aus unzähligen Werkhöfen bestand. Überall wurde gebaut, repariert und getragen. Häuser hatten keine festen Besitzer, sondern wechselnde Gruppen, die si

  • Echos der Verbotenen Bindung   Kapitel 135

    Der Weg, der bliebNach der Zitadelle kehrten wir nicht einfach zur Straße zurück. Es gab keine Straße mehr, die uns erwartet hätte. Die Landschaft hatte sich verändert, seit die Schwelle ihre Verantwortung verteilt hatte. Wege, die früher fest gewesen waren, verliefen nun durch neue Täler. Flüsse hatten ihre Richtung gewechselt. An manchen Orten standen Türen, wo zuvor Mauern gewesen waren, und an anderen wuchsen Mauern, wo Menschen zu lange geglaubt hatten, jeder Zugang müsse offenbleiben.Wir gingen langsam.Niemand von uns wusste, ob wir noch Träger der Schwelle waren oder nur Menschen, die gelernt hatten, eine Entscheidung nicht an sich zu reißen. Vielleicht war der Unterschied nie so groß gewesen, wie wir geglaubt hatten. Eine Schwelle zu tragen bedeutete nicht, sie auf den Schultern zu halten. Es bedeutete, darauf zu achten, wer durch sie hindurchging und wer am Rand zurückblieb.Das erste Dorf, das wir erreichten, hieß Rückkehr. Es lag an einem Fluss, der sich in mehrere Arme

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