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Kapitel 3 — Wo alles zerbricht

last update Zuletzt aktualisiert: 30.01.2026 00:12:06

DANKE

Ich bin nicht gegangen.

Sie hingegen schon.

Meine Schwester und Marius verließen die Bar wie zwei Schauspieler, die mit ihrer Aufführung zufrieden sind, Hand in Hand, mit stolz erhobenem Blick und hohen Schultern. Als hätten sie gerade einen Akt beendet, ohne sich umzudrehen, ohne Scham, ohne Peinlichkeit.

Und ich, ich habe einfach aufgehört, in ihren Augen zu existieren.

Ich stand lange da, betäubt, dann kehrte ich in die Bar zurück, das Herz in Atemnot. Den Rücken gerade, um nicht ins Wanken zu geraten.  

Ich bewegte mich nicht mehr. Ich war die Frau, die man zurücklässt. Die Frau, die man langsam, lautlos, auslöscht.

Dann gaben meine Beine nach. Ich ließ mich auf einen Barhocker gleiten, ganz am Ende der Theke, wo das Licht schwach ist, wo einen niemand zu lange anstarrt.

Ein Paar lachte laut nebenan. Ich fühlte mich fremd in dieser Welt, fremd in diesem Leben.

Der Barkeeper hob den Blick. Sein Blick war trocken, neutral. Er musste keine Fragen stellen, um zu verstehen. Er hob nur eine Augenbraue.

— Etwas zu trinken?

Meine Kehle war trocken. Mein Bauch, eine offene Wunde. Mein Geist, eine Wüste. Und doch murmelte ich:

— Ein Gin Tonic…

Ich trinke nie. Seit Monaten.  

Seit ich schwanger bin.  

Aber heute Abend bin ich nicht mehr schwanger. Nicht wirklich.  

Ich bin leer.  

Nur eine Abwesenheit in einem zu dünnen Kleid für diese Kälte, die Tränen auf den Wangen getrocknet, der Lippenstift verwischt.

Das Glas kam. Die klare Flüssigkeit zitterte leicht. So wie ich.

Ich nahm es mit beiden Händen.  

Und ich trank.

In einem Zug, ohne nachzudenken, brannte der Alkohol mir die Lippen, dann die Kehle.

Und die Tränen kamen.

Ich schluchze nicht, ich schreie auch nicht. Es ist einfach ein langsames, trauriges und unausweichliches Fließen.

Ich weine um die Frau, die ich war.  

Ich weine um diese Nacht, in der ich glaubte, ein Kind würde alles reparieren.  

Ich weine um das abgebrochene Abendessen, um den gedeckten Tisch, um die Kerzen, die erloschen sind, bevor sie überhaupt gelebt haben.  

Ich weine um diese gerade begonnene Schwangerschaft, die bereits abgelehnt wurde.  

Ich weine um diesen Bauch, der ignoriert, geleugnet wurde.  

Um diese Liebe, die ich allein getragen habe.

Ich weine um das, was meine Schwester mir gestohlen hat.  

Um ihre Worte, ins Ohr geflüstert wie eine Provokation:  

„Ich bin schwanger, von ihm.“

Und er, Marius, schweigsam, aber an ihrer Seite stehend wie ein Trophäe, die sie erobert hat, ein Mann, den man mir nicht zurückgeben würde.

Ich weine um meine Naivität.  

Ich weine um diesen idiotischen Glauben, dass die Liebe manchmal aus dem Alltäglichen entsteht, dass sie dort wachsen kann, wo nichts gesät wurde.

Ich bin müde.

Mein Telefon vibriert, ich ignoriere es zuerst.

Dann schaue ich.

Und der Bildschirm explodiert mir ins Gesicht.

Scheidungsantrag eingereicht von MARIUS D. über e-Divorce.

Kein Wort, kein Anruf. Nicht einmal eine Nachricht.

Nur das.  

Eine Benachrichtigung.  

Ein kaltes, unpersönliches Urteil.

Ich stehe zu schnell auf. Der Stuhl kippt, fällt. Ich schwanke. Die Leute drehen sich um. Aber das ist mir egal.

Ich will fliehen, hinaus.

Aber mein Fuß rutscht, mein Absatz gibt nach, und ich falle. Der Boden kommt näher. Die Welt verlangsamt sich. Ich schließe die Augen.

Und eine Hand fängt mich auf.

Eine feste, warme, solide Hand.

Ich öffne die Augen, überrascht. Und ich sehe ihn.

Ein Mann: Ein Unbekannter, er ist groß und elegant. Der Blick ernst. Der dunkle Anzug. Die Haare nach hinten gekämmt. Eine dezente Uhr am Handgelenk. Ein beruhigender, holziger Duft. Eine Präsenz.

Er hält mich immer noch.

— Langsam, flüstert er.

Seine Stimme ist tief, gelassen. Sie versucht nicht, mich zu beeindrucken, sondern mich nur zu verankern. Mich irgendwohin zurückzubringen, wo ich atmen kann.

Ich bleibe einige Sekunden an ihm hängen. Die Zeit ist verschwommen. Die Geräusche gedämpft.

— Geht es Ihnen gut?

Nein. Mir geht es nicht gut. Ich möchte implodieren, mich auflösen.

Aber ich antworte nicht.

Ich schüttle leicht den Kopf. Oder vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht mehr.

Er hilft mir, mich aufzurichten. Ich schwanke. Mein Herz schlägt zu schnell.

— Kommen Sie, setzen Sie sich.

Ich widerspreche nicht. Ich folge ihm. Wie eine Schiffbrüchige, die einem Licht in der Ferne folgt.

Er lässt mich an einem etwas abgelegenen Tisch sitzen. Er spricht nicht sofort mit mir. Er stellt keine Fragen. Er urteilt nicht.

Er ist einfach da.

Präsent.

Und das genügt.

Ich kenne seinen Namen nicht. Er kennt meinen nicht.

Aber zum ersten Mal heute Abend habe ich keine Lust mehr zu weinen.

Ich bin immer noch Gracias.  

Aber ich bin nicht mehr die betrogene Ehefrau.  

Ich bin nicht mehr die verratene Schwester.  

Ich bin eine Unbekannte. Mit einem Unbekannten. An einem Ort, wo vielleicht nichts mehr zählt als der gegenwärtige Moment.

Und der Blick dieses Mannes auf mich, macht mir diesmal keinen Schmerz.

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