LOGINSchwere Schritte hallten laut durch den langen, dunklen Korridor. Es klang, als würden dicke, schwere Stiefel auf den massiven Holzboden schlagen. Ich stellte mich vor Elias und hob den eisernen Schürhaken hoch. Victor lächelte mit einem grausamen, kalten Lächeln und zeigte mit seinem blassen Finger auf mich.
„Meine treuen Wachen sind hier, um dich jetzt mitzunehmen“, sagte er mit einem bösen Lachen.
Ich wich dem verletzten Mann hinter mir nicht von der Seite. Elias stöhnte vor Schmerzen und stemmte sich langsam vom harten Boden hoch. Er lehnte sich gegen die staubige Steinwand und atmete schwer. Sein Gesicht war blass, doch sein starker Geist blieb ungebrochen.
„Wir müssen diesen Raum sofort verlassen“, flüsterte Elias mir ins rechte Ohr. Seine Stimme war schwach, aber seine braunen Augen waren wach und entschlossen.
Ich blickte zur hohen offenen Tür auf der anderen Seite des großen Wohnzimmers. Zwei riesige Männer in schwarzen Anzügen traten in das schwache Licht. Ihre Gesichter waren ausdruckslos, ihre Augen schwarz wie Kohle. Sie sahen überhaupt nicht wie normale Menschen aus. Es waren Schattenbestien, gefangen in gestohlenen menschlichen Körpern.
Ich umklammerte den schweren eisernen Schürhaken und machte mich bereit, gegen beide zu kämpfen.
Victor verschränkte die Arme vor seiner teuren grauen Anzugjacke.
„Bringt die junge Frau zu mir und tötet den schwachen, blutenden Mann“, befahl er.
Die beiden großen Wachen stürmten lautlos nach vorne. Ich schwang den schweren Schürhaken gegen die erste Wache. Das Metall traf ihre breite Schulter mit einem lauten, dumpfen Krachen. Doch sie schrie weder auf noch zuckte sie vor Schmerz zusammen. Stattdessen packte sie den Schürhaken mit bloßen Händen und riss ihn mir aus der Hand. Die gewaltige Kraft schleuderte mich sofort auf die kalten, schmutzigen Dielen.
Ich rollte mich zur Seite, bevor ihr schwerer Stiefel meinen Kopf zerquetschen konnte.
Elias sprang nach vorne und riss die zweite Wache zu Boden. Trotz seiner Verletzungen kämpfte er mit wilder menschlicher Wut und unglaublicher Kraft. Doch sein Körper war noch zu geschwächt von der tiefen frischen Wunde. Die Wache schlug ihm ins Gesicht und stieß ihn von sich. Elias prallte gegen die scharfe Ecke eines hohen Holztisches.
Ich schrie seinen Namen und kämpfte mich wieder auf die Beine. Ich musste schnell einen Ausweg aus dieser tödlichen Falle finden.
Ich griff nach einer schweren Glasvase auf einem staubigen Beistelltisch und schleuderte sie mit voller Kraft gegen das Gesicht der ersten Wache. Das dicke Glas zersprang in unzählige scharfe Splitter. Die Wache hielt sich die schwarzen Augen zu und blieb einen Moment stehen.
Ich rannte zu Elias und legte seinen Arm über meine Schulter.
„Steh auf und geh mit mir. Sofort!“
Gemeinsam taumelten wir von den Wachen und dem grausamen Unsterblichen weg. Wir bewegten uns auf die dunkle hintere Ecke des großen Wohnzimmers zu.
„Hinter dem großen Bücherregal gibt es eine geheime Tür“, sagte Elias. „Mein Vater hat vor langer Zeit einen Fluchttunnel gebaut.“
Ich sah das riesige Holzregal an der Rückwand. Mit aller Kraft stemmte ich mich dagegen, doch es bewegte sich keinen einzigen Zentimeter.
Die beiden Wachen hatten sich inzwischen erholt und kamen erneut auf uns zu. Victor lachte laut auf.
„Aus diesem Haus gibt es kein Entkommen vor meiner Macht.“
Ich ignorierte seine höhnischen Worte und drückte erneut gegen das Regal. Plötzlich spürte ich einen kleinen hölzernen Hebel hinter einem dicken alten Buch. Mit zitternder Hand zog ich ihn nach unten.
Ein lautes Klicken ertönte.
Das riesige Bücherregal schwang wie eine Tür zur Seite.
Ein schmaler dunkler Tunnel erschien in der massiven Steinwand. Kalte, feuchte Luft schlug mir entgegen. Ich zog Elias in den geheimen Gang, und kaum waren wir hindurch, fiel das schwere Bücherregal mit einem lauten Knall wieder ins Schloss.
Wir standen nun in völliger Dunkelheit.
Ich griff in die Tasche meiner Jacke und zog mein Handy hervor. Der Akku war nach der langen schrecklichen Nacht immer noch leer.
Ich nahm Elias an der Hand, und gemeinsam gingen wir durch den engen Tunnel. Die Luft roch nach feuchter Erde und uralten Knochen. Lange Zeit liefen wir schweigend weiter. Steile Steinstufen führten uns tief unter das alte Herrenhaus.
Über uns hörte ich die wütenden Rufe der Wachen, die langsam in der Ferne verklangen.
Schließlich endete der Tunnel an einer schweren alten Falltür. Ich drückte sie auf und kletterte hinaus in die kühle Nachtluft.
Wir kamen mitten in einem dichten Wald hinter dem alten Haus heraus. Der Regen hatte aufgehört, doch der Himmel war noch immer dunkel. Die hohen Bäume verbargen uns vor dem grausamen Unsterblichen.
Wir gingen durch das nasse Gras, bis wir einen schmalen Feldweg erreichten.
Plötzlich blendeten uns zwei helle Autoscheinwerfer.
Für einen kurzen Moment konnte ich nichts sehen.
Eine große, dunkle Gestalt stieg aus dem Fahrzeug.
In ihrer Hand hielt sie eine lange, glänzende Waffe.
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Der Aufstieg über den steilen Pfad ging langsam voran, doch jeder Schritt fühlte sich leichter an als der vorherige.Elias hielt seinen linken Arm fest um Zaras Taille gelegt und nahm den größten Teil ihres Gewichts auf seine breite Schulter. Ihre Stiefel knirschten im blassen Morgenreif und hinterließen tiefe Spuren im gewundenen Pfad. Unten in der Senke waren die alten Basaltsäulen nur noch kleine Haufen grauen Schotters, die leise unter einer zarten Schicht frischen Schnees verschwanden.Der üble Geruch des roten Steins war vollkommen verflogen.Die Luft war frisch und rein, schmeckte nach Kiefernnadeln, kühlem Fels und dem klaren Morgenlicht.Als sie die letzte Biegung am Rande des Kessels erreichten, kamen zwei Gestalten durch die niedrigen Fichten herbeigeeilt.Julian rannte so schnell, dass sein Schal wie eine Fahne hinter ihm herwehte, während seine Brille auf der Nase hüpfte. Dicht hinter ihm lief Clara, die ihren Rock mit einer Hand gerafft hielt, ihre Wangen leuchtend rosa
Die Luft auf dem Grund des Kessels schmeckte nach verbranntem Kupfer und abgestandenem Wasser.Victor stand am Fuße der riesigen roten Säule und stützte beide Hände auf seinen eisernen Stock. Der weiße Samt seines Kragens regte sich nicht, denn auf dem Grund der Senke wehte kein natürlicher Windhauch. Nur die kranke Hitze, die von dem roten Stein aufstieg, rollte über den Frost und roch wie eine offene Wunde, die nicht heilen wollte.Elias wich keinen Schritt zurück. Er stand zwei Schritte vor Zara, seine breiten Schultern fest gegen den roten Schein gestellt. Seine derben Stiefel standen sicher und unbeweglich auf den gefrorenen Bodenplatten."Du sprichst wie ein Herrscher, Victor", sagte Elias mit rauer, fester Stimme. "Doch du stehst in einer leeren Grube. Deine zwölf Pfeiler sind toter Fels. Du hast kein Gefolge, keine Brüder und kein Gewölbe mehr. Du bist nur ein alter Mann mit einem Gehstock, der darauf wartet, dass die Kälte ihn einholt."Victors schmale Lippen verzogen sich zu
Der Weg ging in gefrorene Erde über, als der weiße Wagen in das Tal des Nordens hinaufstieg.Die Nacht war schon vor Stunden hereingebrochen, doch es war keine gewöhnliche Dunkelheit. Es war der Vorabend der Wintersonnenwende, die längste Nacht des ganzen Jahres.Über den kahlen Baumkronen stand der schwarze Himmel voller kalter Sterne, die nicht funkelten. Sie standen unbeweglich am Firmament, scharf wie gesprungenes Glas.Julian schaltete die Scheinwerfer achthundert Meter vor dem Pass aus und ließ den Wagen mit dem Schwung ausrollen, bis die Reifen in einer dichten Schicht welker Farne zum Stehen kamen."Hier ist der Rand", flüsterte Julian. Er nahm die Brille ab und wischte den Beschlag mit dem Saum seines Hemdes von den Gläsern. Seine Hände wollten einfach nicht aufhören zu zittern. "Auf den Karten der Landvermesser heißt dieser Ort Teufelskessel, doch die alten Urkunden nennen ihn die Flüsternde Senke. Die Straße endet genau am Abgrund des Beckens."Clara griff nach hinten und r
Der salzige Seewind fühlte sich rein an, als sie den schmalen Klippenpfad wieder hinaufstiegen.Unten in der felsigen Bucht stand das leere Lagerhaus aus Stein der Flut weit offen. Die schwere Eisentür lag nur noch als verbogene Platte im nassen Kies und kühlte ab, während das Salzwasser bereits über die Schwelle schwappte und die letzten Reste von Knochen und geborstenen Fässern forttrug.Als sie den Rand der Klippe erreichten, stand Julian auf dem Dach des weißen Wagens und blickte durch sein Fernglas.Kaum sah er die beiden aus dem Ginster treten, glitt er über die Haube hinab und stolperte im nassen Gras beinahe über seine eigenen Stiefel. Clara stieß die Seitentür auf, ihr Wolltuch flatterte im Wind, als sie ihnen entgegeneilte."Der weiße Rauch!", rief Julian, sein Gesicht strahlte vor lauter Freude. "Wir haben ihn vor zwanzig Minuten gesehen! Eine saubere weiße Wolke stieg direkt aus den Felsen auf! Der Funk schwieg für ein paar Sekunden, und dann kamen von allen Stationen gute
Das Tosen des Meeres war das Erste, was an ihre Ohren drang, während die Wellen sechzig Meter weiter unten gegen die schroffen Felsen brandeten.Ein feuchter, salziger Nebel lag schwer auf den Scheiben des Wagens, dicht und grau. Julian lenkte das Fahrzeug in ein weites Ginsterdickicht und stellte den Motor direkt an einer alten Steinmauer ab, die halb im Unkraut versunken war.Die Luft draußen war schneidend kalt und schmeckte nach Seetang, feuchtem Schiefer und herbem Salzwasser.Zara setzte sich auf der hinteren Bank auf und rieb sich mit dem Ärmel die Augen. Elias stand bereits auf den Beinen und schnallte seinen derben Ledergürtel fest um die Hüfte. Sein schweres Jagdmesser saß sicher in der Scheide, und den dicken Kragen hatte er hochgeschlagen, um die kalte Gischt von seinem Nacken fernzuhalten."Wir sind da", sprach Elias ruhig und reichte Zara die Hand, um ihr aufzuhelfen.Zara nahm seine Finger, und die vertraute violette Wärme floss sogleich in ihre Haut. Die Müdigkeit verf
Der weiße Wagen holperte über die zerfurchten Feldwege, während die Salzhügel hinter ihnen verblassten.Julian hielt das Lenkrad mit beiden Händen fest umklammert, die Kiefer angespannt, während er tiefen Schlaglöchern auswich. Die gelben Scheinwerfer schnitten durch die aufziehende Dunkelheit und warfen ihr Licht auf totes Gras, verrostete Drahtzäune und einsame Telefonmasten, die seit fünfzig Jahren keine Stimme mehr übertragen hatten.Hinten im Wagen verflüchtigte sich langsam der Geruch nach trockenem Salz.Clara hatte ein kleines Glas mit eingelegten Pflaumen geöffnet und ein hartes Roggenbrot auf einem sauberen Leinentuch in Scheiben geschnitten. Sie reichte Zara zwei dicke Stücke und goss dann warmen, bitteren Zichorienkaffee in zwei Blechbecher."Esst auf, ihr beiden", sagte Clara leise und setzte sich auf die Bank ihnen gegenüber. "Die Küstenstraße ist rau, und der Wind vom Salzwasser beißt sich direkt durch ein Wollhemd, wenn der Magen leer ist.""Danke, Clara", murmelte Zar







