Mag-log inDie große Halle war voll.
Jeder ranghohe Wolf von Blackthorn stand Schulter an Schulter unter den hohen Holzbalken. Die Luft roch nach Kiefer, Leder und zu vielen dicht gedrängten Körpern. Ich stand neben Riven in meinem formellen Luna-Kleid, dem tiefgrünen, von dem er einmal gesagt hatte, es sähe mir gut. Meine Hände ruhten leicht vor mir. Ich hielt die Schultern gerade und das Lächeln weich, so wie ich es für öffentliche Versammlungen trainiert hatte. Ich glaubte immer noch, dass diese Versammlung um einen Grenzstreit oder ein neues Bündnis ging. Das war es, worum es bei Rudelversammlungen normalerweise ging. Nichts in Rivens Gesicht an diesem Morgen hatte mich vorgewarnt. Er war still gewesen, während wir zusammen die Treppe hinuntergingen, aber er war oft still. Ich redete mir ein, es sei nur Stress. Riven trat vor. Seine Stimme trug klar und kalt durch die Halle. „Vor zwei Jahren hat dieses Rudel Seraphine als meine Partnerin und Luna akzeptiert. In dieser Zeit hat sie in der einzigen Pflicht versagt, die zählt.“ Er drehte den Kopf und sah mich direkt an. Das Gewicht jedes Blicks im Raum folgte seinem. Mein Lächeln blieb eingefroren, während mein Magen absackte. „Sie ist unfruchtbar. Sie kann diesem Rudel keinen Erben schenken. Deshalb weise ich die Bindung zurück und löse diese Ehe mit sofortiger Wirkung auf.“ Die Worte trafen mich so hart, dass ich vergaß, wie man atmet. Für eine Sekunde wurde die Halle völlig still. Dann brach die Stille. Riven gab mir keine Zeit zu sprechen. Er fuhr ohne Pause fort. „Ab diesem Moment hat Blackthorn eine neue Luna.“ Die Seitentüren öffneten sich. Vespera Blackthorn trat ein mit hoch erhobenem Kinn und führte eine große, elegante Wölfin am Arm. Die Frau hatte dunkles Haar und ruhige Augen, und an ihrem Mittelteil zeichnete sich bereits eine weiche Rundung ab. Sie hielt den Blick in perfektem Respekt gesenkt, aber der Mundwinkel krümmte sich zu einem kleinen, zufriedenen Lächeln – Sable Riven. Ich hatte sie nie zuvor gesehen und wusste nicht, woher sie kam. Ich wusste nur, dass sie alles war, was ich nicht geschafft hatte zu sein. Riven drehte sich zu mir. Seine Finger griffen nach dem silbernen Luna-Abzeichen, das über meinem Herzen angesteckt war. Das Metall war kühl gegen mein Kleid. Er löste es langsam, sorgfältig, vor jedem Wolf in der Halle. Das leise Kratzen, als die Nadel den Stoff verließ, klang lauter, als es sollte. Er legte das Abzeichen nicht in meine Hand und sah mir nicht einmal ins Gesicht. Er drehte sich um und steckte dasselbe silberne Abzeichen an Sables Kleid. Er richtete es, bis es perfekt gerade über ihrem Herzen saß. Dann trat er zurück. Die große Halle explodierte. Gelächter brach aus jeder Ecke hervor. Tiefes Lachen der ranghohen Krieger. Scharfe Kicherlaute der Wölfinnen. Sogar die Omegas und niedrig rangierten Wölfe stimmten ein, manche bedeckten den Mund, andere gaben sich keine Mühe, ihre Belustigung zu verbergen. Der Klang prallte von den Steinwänden ab und brandete in Wellen über mich. Jemand schrie: „Endlich eine echte Luna!“ Eine andere Stimme rief: „Die Defekte ist erledigt!“ Ein niedrig rangierter Mann hinten lachte so sehr, dass er sich bücken und den Bauch halten musste. Ich stand mitten darin eingefroren, spürte, wie die Vorderseite meines Kleides plötzlich zu eng wurde, meine Lungen zu klein. Die Partnerbindung riss. Schmerz explodierte hinter meinen Rippen so heftig, dass mein Sehvermögen weiß aufblitzte. Es fühlte sich an, als hätte jemand in meine Brust gegriffen und etwas Lebendiges direkt aus mir herausgerissen. Mein Wolf schrie. Der Laut war roh und verängstigt und nur ich konnte ihn hören. Blut sickerte aus meiner Nase und tropfte auf den grünen Stoff meines formellen Kleides. Ich wurde schwach und konnte mich nicht bewegen oder eine Hand heben, um es wegzwischen. Ich stand da, während das Rudel feierte. Vespera umarmte Sable offen. Riven legte eine besitzergreifende Hand auf die Taille der neuen Luna und nahm die Glückwünsche seiner Wölfe entgegen. Jedes Lachen fühlte sich an wie eine Klaue, die meine Wirbelsäule hinabzog. Meine Beine drohten nachzugeben, aber ich versteifte die Knie, damit ich nicht fiel und ihnen die Genugtuung gab, mich mitten in der Halle zusammenbrechen zu sehen. Durch diese Szene zerrissen und zerstreuten mich jedes Wort und jeder Gedanke. Nachdem ich das Kinderzimmer vorbereitet hatte, trank ich jeden bitteren Tee, den die Heiler mir gaben, und betete, bis meine Stimme fort war. Die Stimme meines Wolfs wurde mit jeder Sekunde dünner. Sie war immer still und sanft gewesen, aber jetzt klang sie weit weg, als zöge jemand sie einen langen dunklen Tunnel hinunter. Ich versuchte, sie zu erreichen, um festzuhalten. Der Schmerz in meiner Brust wurde nur schärfer. Vespera trat nahe an mich heran. Ihr Parfüm war derselbe scharfe Duft, den sie in der Nacht zuvor im Kinderzimmer getragen hatte. Sie beugte sich vor, bis ihr Mund nahe an meinem Ohr war. „Du hättest still gehen sollen, als du die Chance hattest“, flüsterte sie. „Jetzt weiß jeder, was du bist.“ Ich öffnete den Mund und wollte seinen Namen sagen und ihn um noch einen Monat anflehen – vielleicht würde er mich dann mit etwas anderem als Enttäuschung ansehen. Stattdessen verließ nur ein gebrochenes, fast lautloses Flüstern meine Lippen. „Ich… ich bin immer noch deine Partnerin…“ Niemand hörte mich. Riven drehte sich nicht um. Er behielt die Hand an Sables Taille und sprach weiter mit den ranghohen Wölfen, als wäre ich bereits verschwunden. Das Gelächter um mich hörte nicht auf. Es wurde nur wärmer, entspannter, als wäre ein schweres Gewicht endlich vom Rudel genommen worden. Ich machte einen Schritt zurück. Dann noch einen. Meine formellen Schuhe fühlten sich zu eng an. Das Blut aus meiner Nase hatte sich zu einem dunklen Fleck über meinem Herzen ausgebreitet, der fast wie eine Wunde aussah. Ich drehte mich zu den großen Türen am weit entfernten Ende der Halle. Meine Beine bewegten sich von selbst. Ich hielt das Kinn so ruhig wie möglich, obwohl jeder Schritt frischen Schmerz durch die gebrochene Bindung schickte. Hinter mir ging die Feier weiter, und ich hörte Sables leises Lachen über dem Rest aufsteigen. Rivens tiefe Stimme, die jemandem antwortete, und Vespera, die Anweisungen für ein Fest gab, um die neue Luna willkommen zu heißen. Keines der Worte galt mir. Ich erreichte die schweren Holztüren. Meine Finger streiften das geschnitzte Blackthorn-Emblem. Für einen Moment verließ mich meine Kraft vollständig. Meine Knie knickten ein. Ich fing mich an der Tür ab, die Stirn gegen das kühle Holz gepresst, und ein einzelner erstickter Schluchzer entkam meiner Kehle. Er war klein und gebrochen und wurde vollständig vom anhaltenden Gelächter in der Halle übertönt. Draußen war die Morgenluft kalt gegen mein Gesicht. Sie roch nach nasser Erde und Kiefer. Ich stand da und atmete in kurzen, flachen Zügen, während der Schmerz in meiner Brust im Takt meines Herzschlags pulsierte. Die Bindung riss weiter. Jede Sekunde löste einen weiteren Faden. Irgendwo tief in der zerfetzten Verbindung spürte ich etwas anderes. Ein fernes, verwirrtes Heulen. Rivens Wolf. Der Laut wurde schnell abgeschnitten, als hätte er ihn mit Gewalt zurückgedrängt. Mein eigener Wolf antwortete mit einem schwachen, verblassenden Winseln. Dann wurde selbst das leiser. Ich trat hinaus in die freie Luft. Die Türen der großen Halle schlossen sich hinter mir mit einem schweren Knall, der endgültig klang. Niemand folgte, um meinen Namen zu rufen. Das Rudel war bereits weitergezogen. Ich ging die Steinstufen hinunter auf unsicheren Beinen. Blut tropfte noch immer aus meiner Nase auf die Vorderseite meines Kleides. Meine Hände hingen nutzlos an meinen Seiten. Die Partnerbindung löste sich weiter in mir auf mit jedem Schritt, den ich von ihm weg machte. Ich wusste nicht, wohin ich ging – ich wusste nur, dass ich nicht bleiben konnte. Und irgendwo hinter diesen geschlossenen Türen feierte der Mann, den ich zwei Jahre lang geliebt hatte, bereits die Frau, die mich ersetzt hatte. Der Tag hatte gerade erst begonnen, und ich war bereits fort.Ich rannte.Mein Körper war zu schwach für echte Geschwindigkeit, und jeder Schritt schickte Schmerz meine Beine hinauf.Das ruinierte Kleid verhedderte sich um meine Knie und brachte mich mehr als einmal beinahe zu Fall.Hinter mir bewegte sich die Kreatur mit Leichtigkeit und Geduld und ließ mich die geringe Kraft erschöpfen, die mir noch blieb.Baumzweige schlugen gegen meine Arme und mein Gesicht. Wurzeln fingen meine nackten Füße, ich stolperte heftig und fing mich an einem Baumstamm ab, keuchend.Die Zurückweisungskrankheit pochte in meiner Brust wie ein zweiter Herzschlag; mein Wolf war jetzt fast still. Nur ein schwacher, müder Impuls blieb, um mir zu sagen, dass sie noch da war.Ich stieß mich vom Baum ab, taumelte, aber rannte weiter.Die Lichter der menschlichen Stadt wurden heller vor mir. Warme gelbe Fenster. Das ferne Geräusch eines Automotors.Ich fixierte meinen Blick auf diese Lichter und zwang meine Beine, sich weiterzubewegen. Wenn ich nur den Rand der Bäume erreic
Ich versteckte mich in der Ecke der Hütte und atmete kaum.Mein Rücken drückte hart gegen die raue Holzwand, und meine Knie waren an die Brust gezogen. Eine Hand bedeckte meinen Mund, damit nicht einmal das Geräusch meines Atems entweichen konnte.Draußen umkreisten die schweren Schritte das kleine Gebäude zum zweiten Mal. Langsam und geduldig genug. Das leise Knurren, das folgte, war weich genug, um sich mehr wie ein Versprechen als eine Drohung anzufühlen.Ich konnte mich nicht bewegen und wusste nicht, ob die Kreatur gegangen war oder einfach darauf wartete, dass ich einen Fehler machte.Minuten dehnten sich zu Stunden. Meine Muskeln brannten davon, so still zu bleiben; das kalte und nasse Kleid war steif geworden vor Kälte.Die Zurückweisungskrankheit pochte in meiner Brust mit jedem Herzschlag, aber ich wagte es nicht, mein Gewicht zu verlagern, um ihn zu lindern.Schließlich verklangen die Schritte in den Bäumen. Das Knurren kam nicht wieder. Dennoch blieb ich lange nach der Rüc
Die Dämmerung kam kalt und grau.Ich ging durch die Rudeltore von Blackthorn mit einer einzigen kleinen Tasche über der Schulter.Die Tasche enthielt fast nichts. Ein Ersatzkleid. Einen Kamm. Den kleinen hölzernen Stern, den ich vom Mobile über dem leeren Kinderbett genommen hatte.Ich hatte alles andere zurückgelassen. Den feinen Schmuck. Die Luna-Kleider. Das Leben, das ich so hart versucht hatte aufzubauen.Niemand kam, um Abschied zu nehmen.Die Wachen zu beiden Seiten des Tores sahen geradewegs durch mich hindurch, als wäre ich bereits ein Geist.Eine von ihnen verlagerte ihr Gewicht und blickte weg. Die andere hielt den Blick auf die Bäume jenseits der Gebietsgrenze gerichtet.Keine von ihnen sprach oder bot ein Nicken oder ein Abschiedswort an.Ich war nicht länger ihre Luna und war ihnen zu einer Fremden geworden.Regen begann zu fallen, bevor ich zwanzig Schritte hinter dem Tor gemacht hatte. Er begann als leichter Nebel und ging schnell in einen stetigen Platzregen über.Mei
Die große Halle war voll.Jeder ranghohe Wolf von Blackthorn stand Schulter an Schulter unter den hohen Holzbalken.Die Luft roch nach Kiefer, Leder und zu vielen dicht gedrängten Körpern. Ich stand neben Riven in meinem formellen Luna-Kleid, dem tiefgrünen, von dem er einmal gesagt hatte, es sähe mir gut.Meine Hände ruhten leicht vor mir. Ich hielt die Schultern gerade und das Lächeln weich, so wie ich es für öffentliche Versammlungen trainiert hatte.Ich glaubte immer noch, dass diese Versammlung um einen Grenzstreit oder ein neues Bündnis ging. Das war es, worum es bei Rudelversammlungen normalerweise ging. Nichts in Rivens Gesicht an diesem Morgen hatte mich vorgewarnt.Er war still gewesen, während wir zusammen die Treppe hinuntergingen, aber er war oft still. Ich redete mir ein, es sei nur Stress.Riven trat vor. Seine Stimme trug klar und kalt durch die Halle.„Vor zwei Jahren hat dieses Rudel Seraphine als meine Partnerin und Luna akzeptiert. In dieser Zeit hat sie in der ein
„Wo ist diese leere, unfruchtbare Frau, die sich Luna des Rudels nennt?“Die kalte Stimme durchschnitt die stillen Hallen des Blackthorn-Rudelhauses wie ein Messer. Ich kannte diese Stimme. Ich hatte sie zwei Jahre lang jeden Tag gehört.Vespera Blackthorn, die ehemalige Luna, die Mutter meines Mannes, stand im Türrahmen des Kinderzimmers. Ihre Augen waren gefroren vor Verachtung, als sie auf mich fielen.Ich kniete auf dem Boden neben dem Kinderbett,das ich vor zwei Jahren mit so viel Hoffnung ausgesucht hatte.Ihre Lippe kräuselte sich, als sie mich endlich ansah.„Immer noch nichts, Seraphine? Zwei Jahre und dein Bauch bleibt flach. Eine Luna, die dem Alpha keinen Erben schenken kann, ist überhaupt keine Luna.“Ich zwang mich zu einem kleinen Lächeln. Meine Finger umklammerten das Holzgeländer des Kinderbetts, bis meine Knöchel weiß wurden.„Ich versuche es immer noch, Mutter“, antwortete ich leise.Meine Hände zitterten so stark, dass ich sie unter dem Bettrock verstecken musste.







