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Vionnes Perspektive

Author: Ma Ry
last update publish date: 2026-06-30 16:54:23

Vionnes Perspektive

Ein Monat.

So lange war es her, seit Harrison gegangen war und ich diese Scheidungspapiere unterschrieben hatte. Ein ganzer Monat, in dem ich versucht hatte, wieder normal zu atmen.

Jeden Morgen versuchte ich, mich irgendwie aufzurappeln und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Ich sagte mir, dass ich ihn nicht brauchte. Ich sagte mir, dass er meine Tränen nicht wert war.

Ich hatte sogar eine wilde Nacht mit einem Fremden. Ich erinnerte mich schon wieder nicht an seinen Namen, und es war mir egal. Ich wollte einfach nur vergessen. Ich wollte die Hände eines anderen auf meinem Körper spüren, die Lippen eines anderen auf meiner Haut. Ich dachte, vielleicht, nur vielleicht, würde es die Erinnerung an Harrisons Berührungen auslöschen. Für einen Moment half es.

Und ich dachte nicht, dass es noch schlimmer werden könnte.

Es war ein verregneter Dienstag. Die Art von Tag, an dem sich deine Knochen schon von selbst schwer anfühlen. Ich lag zusammengerollt auf der Couch, die Knie an die Brust gezogen, und nippte an lauwarmem Tee. An der Sorte, die längst jede Wärme verloren hatte, genau wie alles andere in meinem Leben. Ich versuchte mich auf ein Buch zu konzentrieren, aber ich hatte denselben Satz siebenmal gelesen und hatte immer noch keine Ahnung, was darin stand.

Da klingelte mein Handy.

Die Assistentin meines Vaters. Ihre Stimme war wie immer kalt und scharf. Keine Wärme, keine Freundlichkeit, nur kurze, abgehackte Worte, als würde sie einfach ein Skript ablesen.

„Mr. Wallace erwartet Ihre Anwesenheit heute Nachmittag in der Villa. Punkt vier Uhr.“

Mein Magen zog sich zusammen. Ich hatte seit Wochen nichts mehr von meinem Vater gehört. Nicht, als die Scheidung in den Schlagzeilen war. Nicht, als die Fotos von Harrison und Nora sich wie ein Lauffeuer verbreiteten. Nicht ein einziger Anruf. Nicht ein einziges Wort. Und jetzt wollte er mich sehen. Einfach so.

Ich wusste nicht, was mich erwartete. Ein Teil von mir, ein kleiner verzweifelter Teil, hoffte, dass es ihm endlich wichtig war. Vielleicht hatte er erkannt, dass ich litt. Vielleicht bereute er sein Schweigen. Vielleicht wollte er für mich da sein. Vielleicht würde er sich ausnahmsweise wie ein Vater verhalten.

Langsam zog ich mich an. Ich wollte nicht schwach aussehen, selbst wenn ich es bis in jede Faser meines Körpers spürte. Ich entschied mich für ein schlichtes dunkelblaues Kleid. Etwas Elegantes. Etwas, das mir das Gefühl gab, dass mir wenigstens noch ein bisschen Würde geblieben war. Ich zog Schuhe mit niedrigen Absätzen an und besserte mein Make-up nach. Gerade genug, um die Müdigkeit unter meinen Augen zu verdecken. Gerade genug, um so auszusehen, als würde ich immer noch auf eigenen Beinen stehen.

Die Fahrt zur Villa kam mir länger vor als sonst. Der Himmel war grau und schwer, und Regentropfen liefen wie Tränen über die Fensterscheiben.

Als ich ankam, öffneten sich die Tore wie immer. Aber nichts fühlte sich gleich an. Die Villa wirkte kälter. Still. Als wüsste sie längst, dass ich hier nicht mehr willkommen war.

Ich ging hinein und einer der Angestellten brachte mich direkt zum Büro meines Vaters.

Und in dem Moment, als ich eintrat, konnte ich nicht mehr atmen.

Nora war da.

Harrison war da.

Und bequem in einem Sessel sitzend, als wäre es ihr eigenes Haus, saß Noras Mutter, Deborah.

Nora sah strahlend aus. Sie trug ein zartrosa Kleid, die Art Kleid, die sie zerbrechlich und süß wirken ließ. Ihr blondes Haar fiel in weichen Locken über ihre Schultern, ihr Make-up war makellos, als wäre sie direkt einem Magazin entsprungen. Und ihr Lächeln — Gott, dieses Lächeln — war die Sorte, bei der einem die Haut kriecht. Sie sah begeistert aus, mich zu sehen.

Harrison stand neben ihr, ganz locker, als würde er hierher gehören. Seine Hand lag leicht auf ihrem unteren Rücken. Dieselbe Hand, die früher mich gehalten hatte. Dieselbe Hand, die Kreise auf meine Haut zeichnete, wenn ich nicht schlafen konnte.

Ich blieb wie erstarrt in der Tür stehen. Mein Blick wanderte zu meinem Vater. Er stand hinter seinem Schreibtisch, sein Gesicht ausdruckslos, die Hände ordentlich vor sich gefaltet.

„Setz dich“, sagte er. Seine Stimme war flach und hart.

Langsam setzte ich mich. Meine Beine fühlten sich schwach an, als würden sie dem Boden nicht mehr trauen. Ich umklammerte den Saum meines Kleides und versuchte meine Hände ruhig zu halten.

„Sie sind verlobt“, sagte er.

Keine Vorwarnung. Keine Freundlichkeit. Nur diese Worte.

Ich starrte ihn an. Mein Verstand konnte nicht Schritt halten. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.

Nora hob ihre Hand und ihr Lächeln wurde breiter. Ein Diamantring glitzerte an ihrem Finger. Der Diamant meiner Mutter. Der, von dem mein Vater geschworen hatte, ihn sicher aufzubewahren.

„Er ist wunderschön, oder?“, sagte sie, als wäre das alles nichts Besonderes. „Daddy fand, dass ich ihn haben sollte.“

Mein Mund wurde trocken. Meine Brust schmerzte.

„Du heiratest meinen Ehemann“, flüsterte ich.

„Ex-Ehemann“, korrigierte sie mich mit einem sanften, falschen Lächeln. „Und außerdem hast du ihn ja offensichtlich nicht glücklich gemacht.“

Ich drehte mich zu meinem Vater um. Verzweifelt. Verletzt. „Dad, wie kannst du zulassen, dass das passiert? Harrison hat mich betrogen. Mit Nora!“

Nicht einmal ein Blinzeln.

„Nora macht Harrison glücklich. Das ist alles, was jetzt zählt.“

Seine Worte trafen mich härter, als ich gedacht hätte.

„Und was ist mit mir?“ Meine Stimme brach, egal wie sehr ich versuchte, sie ruhig zu halten. „Was ist damit, wie ich mich fühle?“

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, seine Augen kalt. „Du? Du hast diese Familie blamiert. Du bist wie eine Betrunkene aus deiner Ehe gestolpert. Hast mit Gott weiß wem geschlafen. Du hast zugelassen, dass die Medien uns auseinanderreißen.“

Tränen brannten hinter meinen Augen. „Ich war am Boden zerstört. Ich habe nichts davon geplant.“

„Du bist eine Schande“, sagte er, kalt wie Eis.

Ich rang nach Luft. Dieses Wort fühlte sich an wie eine Ohrfeige.

Er griff in seine Schublade und zog einen Umschlag heraus. Er legte ihn vor mich hin, als hätte er keinerlei Bedeutung.

„Was ist das?“, fragte ich und bekam kaum Luft.

„Dokumente zur rechtlichen Übertragung. Alle meine Firmenanteile laufen jetzt auf Noras Namen. Sie verdient es. Sie ist verantwortungsbewusst. Gefasst. Sie wird das Wallace-Erbe weitertragen.“

Mein Herz blieb stehen. „Du verstößt mich?“

„Ich räume dein Chaos auf.“

Ich konnte mich nicht bewegen. Konnte nicht sprechen. Mein ganzer Körper fühlte sich taub an. Meine Haut brannte von innen heraus.

Ich wollte schreien. Ich wollte etwas werfen. Ich wollte, dass sie alle fühlen, was ich fühlte.

Aber ich tat es nicht.

Ich stand auf. Langsam. Meine Knie zitterten unter mir. Ich sah meinem Vater direkt in die Augen.

„Du meinst das wirklich ernst“, sagte ich.

Er verzog keine Miene. „Du bist nicht länger meine Tochter.“

Einfach so.

Nora grinste selbstzufrieden, als hätte sie gewonnen.

Harrison sah mich nicht einmal an.

Deborah lachte leise vor sich hin, als wäre das alles nur ein Spiel.

Ich drehte mich um und ging hinaus.

Ich weinte nicht, bis ich mein Auto erreichte.

Dann zerbrach ich.

Ich umklammerte das Lenkrad, presste meine Stirn dagegen und schluchzte, bis ich keine Luft mehr bekam. Mein Körper bebte. Mein Hals brannte. Mein Herz fühlte sich an, als wäre es in Stücke gerissen worden und niemand würde sich darum kümmern.

Ich hatte alles verloren.

Meinen Ehemann.

Meine Familie.

Meinen Platz in dieser Welt.

Und das Schlimmste?

Nicht eine einzige Person in diesem Raum liebte mich.

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Comments (2)
goodnovel comment avatar
Ma Ry
Hallo! Was meinst du damitt? Hast du das falsche Buch geoffnet?
goodnovel comment avatar
sille.b
Blöd, möchte zu meinem anderen Buch zurück
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