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003

Author: Nita's Pen
last update publish date: 2026-10-15 14:58:52

Kapitel 3

ALESSIA

Der eiskalte Regen prasselte gegen die riesigen Glasfronten des Luxus-Einkaufszentrums draußen.

Ich hatte keinen Mantel. Ich hatte keine Tasche. Alles, was ich besaß, war mein Handy, das ich mit zitternder Hand umklammerte, und die wenigen Dollar, die noch auf meinem digitalen Konto waren. Ich brauchte nur Gaze. Ich brauchte starke Schmerzmittel. Ich musste die Blutung stoppen, bevor ich auf dem Boden zusammenbrach.

Ich bog zu schnell um die Ecke; mein Fuß rutschte leicht auf dem Boden aus.

Ich krachte direkt gegen eine feste, breite Brust. Zwei starke, ruhige Hände fingen mich an den Oberarmen und hielten mich vorsichtig aufrecht.

„Es tut mir so leid“, keuchte ich, die Stimme brach, während ich nach Luft rang und aus reiner Panik verzweifelt versuchte, mich loszureißen. „Es tut mir so leid, ich habe Sie nicht gesehen, ich—“

„Ganz ruhig, Kind.“

Ich zwang meinen Blick nach oben. Der Mann, der mich festhielt, war älter, vielleicht Ende fünfzig, gekleidet in einen anthrazitfarbenen Anzug, der nach altem Geld und absoluter Autorität schrie.

Er ließ mich nicht los. Stattdessen erstarrte sein Blick auf der rechten Seite meines Halses, wo mein durchnässter Pullover heruntergerutscht war und mein Schlüsselbein freigab.

„Sir?“ flüsterte ich. „Bitte, ich muss zur Apotheke…“

Der Mann schien mich nicht zu hören. Seine Finger schlossen sich fester um meine Arme.

„Das Muttermal an Ihrem Hals… woher haben Sie das?“

Ich blinzelte durch meine Tränen, völlig verwirrt. „Was?“

„Das mondsichelförmige Mal“, verlangte er. „Direkt unter dem Ohr. Wie lange haben Sie das schon?“

„Ich… ich wurde damit geboren“, stammelte ich. „Bitte, Sir… ich…“

„Wie heißen Sie, Liebes?“

„Alessia“, hauchte ich, kaum noch bei Bewusstsein.

„Meine Tochter… Meine Tochter hatte genau dieses Mal. Dieselbe Form.“

„Ich muss gehen“, flüsterte ich, und die Panik stieg wieder in mir hoch. Ich konnte mich gerade nicht mit den Wahnvorstellungen eines Fremden auseinandersetzen. Ich verblutete.

„Bitte“, sagte der Mann, und seine Stimme wechselte plötzlich vom Befehlston zu einer verzweifelten Bitte. „Haben Sie es eilig? Können wir draußen einen Moment reden? Ich werde Ihnen nichts tun. Ich schwöre bei meinem Leben.“

Er wartete meine Antwort nicht ab. Er legte einen stützenden Arm fest um meine Taille und führte mich zum privaten VIP-Ausgang des Einkaufszentrums. Die Sicherheitsleute an der Tür schauten uns nicht an – sie verneigten sich tief, als wir vorbeikamen.

Wir traten in die überdachte private Auffahrt.

„Ich weiß, dass das unglaublich unhöflich ist, und ich verspreche, ich habe einen guten Grund“, sagte der Mann und drehte mich sanft zu sich.

Bevor ich protestieren konnte, fuhr er mit den Fingern durch mein feuchtes Haar und strich eine abstehende Strähne hinter mein Ohr. Es fühlte sich an wie eine väterliche Geste – etwas, das ich seit einer Ewigkeit nicht mehr erlebt hatte. Aber als er die Hand zurückzog, bemerkte ich, dass seine Finger diskret ein paar meiner Haare behielten, die sich in seinem Siegelring verfangen hatten.

Er versteckte es nicht. Er drehte sich leicht zu einem großen Mann in einem schwarzen Anzug um, der genau zwei Schritte hinter ihm stand.

„Sofort analysieren lassen. Höchste Priorität ans Labor.“

„Ja, Mr. Lorenzo“, antwortete der Bodyguard sofort und neigte den Kopf.

„Bitte, können wir uns ins Auto setzen?“ fragte der ältere Mann – Lorenzo – und wandte sich wieder mir zu. Seine Augen durchsuchten mein Gesicht mit einer beängstigenden Intensität. „Sie sind vollkommen blass, Alessia. Sie zittern.“

„Ich sollte nicht…“, begann ich und drehte den Kopf zur Auffahrt.

Und dann stockte mir der Atem.

Mitten auf der VIP-Spur stand ein Fahrzeug, das unwirklich aussah. Es war eine elegante, mitternachtsschwarze Macgrovani Hyper-Luxuslimousine, Maßanfertigung, der Carbonfaser-Körper glänzte unter den Sicherheitslichtern. Ein coach-built Meisterwerk im Wert von rund 500 Millionen Dollar. Es gab nur drei davon auf der Welt.

Was zum Teufel? Wer zum Teufel war dieser Mann?

Bevor mein Gehirn die pure Absurdität des Reichtums vor mir verarbeiten konnte, gaben meine Beine komplett nach.

„Alessia!“ Lorenzo fing mich auf, bevor ich den Asphalt berührte.

Ohne ein Wort hob er mich mühelos in seine Arme, unbekümmert darum, dass mein nasser, blutverschmierter Pullover seinen mehrtausendteuren Anzug ruinierte. Er trug mich direkt auf die Rückbank des Macgrovani.

In dem Moment, in dem die Anspannung aus meinem Körper wich, brach der Damm.

Ein Schluchzen riss sich aus meiner Kehle – heftig und unkontrollierbar. Ich kauerte mich auf dem breiten Ledersitz zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. Der Verrat, Lavinas Ohrfeigen, Nicolas kalte Augen, Guilas blutender Arm, die Tatsache, dass ich einen Teil meines eigenen Körpers für einen Mann geopfert hatte, der mich als Ersatzteil sah – alles stürzte in diesem Moment über mich herein.

Lorenzo legte mir einfach eine dicke Kaschmirdecke über die Schultern und zog mich an seine Seite. Er legte einen starken, schützenden Arm um mich und ließ mich an seiner Brust weinen.

Irgendwie – völlig irrational – fühlte ich mich in seinen Armen vollkommen sicher.

„Lass es raus, Kind“, murmelte Lorenzo, seine Hand ruhte sanft auf meiner Schulter und vermied absichtlich meinen Bauch, als wüsste er bereits, wie zerbrechlich ich war. „Du bist jetzt in Sicherheit. Niemand wird dich anfassen.“

Ich erzählte ihm von Nicola.

Ich muss in einen halb bewusstlosen Zustand gerutscht sein, denn das Nächste, was ich merkte, war, dass das Auto anhielt. Die Tür öffnete sich, und Lorenzo half mir hinaus.

Ich blickte auf und hielt erneut den Atem an. Nicolas Villa wirkte im Vergleich wie ein Gästehaus. Es war ein massives historisches Anwesen, umgeben von hohen Steinmauern, imposanten Toren und makellosen Gärten.

„Komm“, sagte Lorenzo leise und behielt den Arm fest um meine Taille, während er mich durch die großen Doppeltüren in eine geräumige, marmorgetäfelte Eingangshalle führte.

Ein junger Mann saß auf einem Sofa mitten im Wohnzimmer.

Er war atemberaubend gutaussehend – besaß die scharfe, aristokratische Schönheit, die direkt aus einem glänzenden Luxusmagazin zu stammen schien. Er hatte dichtes, dunkles Haar nach hinten gekämmt, einen starken Kiefer mit Stoppelbart und intensive graue Augen, die gerade auf einen schlanken silbernen Laptop auf seinem Schoß gerichtet waren. Er trug ein frisches weißes Hemd, bei dem die oberen drei Knöpfe geöffnet waren und einen Blick auf seine Brust freigaben.

Lorenzo blieb abrupt stehen, die Stirn runzelte sich, als er den jungen Mann ansah.

„Bist du nicht krank?“ fragte Lorenzo, sein Ton eine Mischung aus strenger Autorität und echter väterlicher Sorge. „Warum arbeitest du?“

„Mir geht’s gut, Vater.“

Seine Stimme trug einen makellosen britischen Akzent. Er stand auf, und ich merkte, dass er unglaublich groß war – mindestens eins neunzig, mit einem kraftvollen, athletischen Körperbau, der den gesamten Raum dominierte.

Lorenzo seufzte leise und drehte sich leicht zu mir. „Es tut mir so leid, Liebes. Das ist Stefano, mein Sohn.“

Stefano richtete seine grauen Augen endlich auf uns. Er sah seinen Vater an, dann glitt sein Blick zu mir. Sein Ausdruck veränderte sich nicht. Er blieb vollkommen distanziert, kalt und völlig ungerührt. Er musterte meinen durchnässten Pullover, mein blasses Gesicht und meine blutverschmierten Hände, als wäre ich ein Stück zurückgelassenes Gepäck, das sein Vater am Straßenrand aufgelesen hatte.

Er ignorierte mich komplett. Er sagte nicht Hallo. Er fragte nicht, wer ich war.

„Die Sicherheit hat gesagt, du warst im Einkaufszentrum“, sagte Stefano zu seinem Vater, sein britischer Akzent schnitt die Worte perfekt. „Ich wusste nicht, dass du Gesellschaft mit nach Hause bringst.“

„Darüber reden wir später“, sagte Lorenzo bestimmt. Er wandte sich an eine Haushälterin, die schnell im Flur erschienen war. „Nora, bring sie sofort in die Master Suite. Lass ein warmes Bad ein, bereite die feinste Bettwäsche vor und hole den Arzt herauf, damit er sich ihre Seite ansieht. Sie ist verletzt.“

„Sofort, Sir“, sagte Nora und verneigte sich.

„Nein, bitte“, protestierte ich schwach und trat einen Schritt von Lorenzo zurück. „Ich kann hier nicht bleiben. Ich kenne Sie nicht einmal. Ich brauche nur ein Taxi zu einem Motel—“

„Alessia“, sagte Lorenzo, seine Stimme unglaublich sanft, aber unnachgiebig. „Sieh mich an. Du blutest durch die Kleidung. Du hast nirgendwohin zu gehen. Lass mein Personal sich heute Nacht um dich kümmern. Du musst dir um nichts Sorgen machen. Das verspreche ich dir.“

„Danke“, flüsterte ich.

Die Haushälterin führte mich in ein Zimmer, das größer war als meine ganze Wohnung. Ein massives Kingsize-Bett mit Seidenbettwäsche stand in der Mitte. Im Kamin knisterte bereits ein Feuer. Nora half mir ins angrenzende Marmor-Badezimmer, wo eine tiefe, dampfende Wanne mit Lavendelöl-Duft auf mich wartete.

„Ich schaffe das ab hier allein, danke.“

Sie lächelte warm, legte ein Seidenpyjama auf das Regal und ging.

Ich reinigte mich so gut ich konnte, ohne die Wunde unterzutauchen. Das warme Wasser linderte meine schmerzenden Muskeln. Nach dem Abtrocknen legte ich einen frischen, sauberen Verband aus dem Erste-Hilfe-Set an, das Nora mir dagelassen hatte, und zog den übergroßen Seidenpyjama an. Er fühlte sich unglaublich weich auf meiner ramponierten Haut an.

Ich trat zurück ins Schlafzimmer, mit der Absicht, ins Bett zu steigen und im Schlaf zu verschwinden.

Stattdessen erstarrte ich.

Stefano stand an den französischen Türen, die zum Balkon führten. Er hielt ein Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit in der Hand und drehte es langsam. Das Feuerlicht warf lange, scharfe Schatten über sein aristokratisches Gesicht.

Mein Herz setzte einen Schlag aus; plötzliche Hitze schoss in meine Wangen. „Was… was machen Sie hier?“

„Mein Vater hat mir alles erzählt.“

Ich schluckte schwer und presste den Seidenstoff meines Hemdes fest an die Brust. „Das hätte er nicht tun sollen. Das geht Sie nichts an.“

„Geht es Ihnen gut?“

„Ich brauche Ihr Mitleid nicht, Stefano“, sagte ich mit zitternder Stimme, als er näher kam. Ich wich zurück, bis die Rückseiten meiner Beine gegen die Bettkante stießen.

Er hielt erst an, als er direkt vor mir stand. Der Duft seines teuren holzigen Rauchs und hochprozentigen Alkohols erfüllte meine Sinne und ließ mir den Kopf schwirren. Aus der Nähe war er noch einschüchternder. Sein Kiefer war angespannt, seine Augen dunkel vor einer seltsamen, schwelenden Wut.

„Ich bemitleide Sie nicht, Alessia“, flüsterte Stefano, seine Stimme sank um eine Oktave, als er sich leicht vorbeugte, sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt. „Ich finde es nur erbärmlich, dass ein Mann dumm genug war, eine Frau wie Sie gehen zu lassen.“

„Sie wissen nichts über meinen Mann“, flüsterte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Hauch.

Bang

Stefano trat sofort zurück, seine Maske kalter Gleichgültigkeit glitt in einem Bruchteil einer Sekunde wieder über sein Gesicht.

Lorenzo stand im Türrahmen. Er atmete schwer, sein silbernes Haar war leicht zerzaust, seine Hände zitterten heftig, während er ein weißes Blatt Papier hielt.

„Vater?“ fragte Stefano.

„Das Labor hat gerade zurückgerufen“, brachte Lorenzo heraus, seine Stimme brach vollkommen, als er mir in die Augen sah. „Der DNA-Test… es ist eine neunundneunzigprozentige Übereinstimmung.“

„Du bist meine Tochter“, rief er mit gebrochener Stimme. „Alessia… du bist meine lange verschollene Tochter.“

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