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 GEZEICHNET VON SEINEM TEUFELS BLICK
GEZEICHNET VON SEINEM TEUFELS BLICK
Author: Bunny

Kapitel 1

Author: Bunny
last update publish date: 2026-06-22 18:36:22

Claras POV

Seit drei Tagen konnte ich den Mann beobachten, wie er mich beobachtete, und heute Nacht beschloss er, sich nicht länger zu verstecken.

Ich sah ihn genauso, wie ich ihn immer gesehen hatte: ein Schatten direkt hinter der Straßenlaterne, regungslos am Ende des Campuswegs. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Die Hände in den Taschen.

Ich ging weiter.

Mein Herz sagte: Lauf. Mein Stolz antwortete: Wage es ja nicht.

„Hey.“

Ich blieb stehen.

Langsam drehte ich mich um. Der Weg war leer. Nur nasser Asphalt, orangefarbenes Licht und das Prasseln des Regens auf die Blätter. Nichts. Niemand.

Dann trat er zwischen dem Naturwissenschaftsgebäude und dem Zaun hervor, und mein ganzer Körper erstarrte.

Er war groß. Breit gebaut. Trug einen dunklen Mantel, von dem ich sicher war, dass er mehr gekostet hatte als mein gesamtes Semester. Sein Gesicht ließ einen sofort innehalten, nicht weil es sanft war, sondern weil es das nicht war. Ein markantes Kinn, dunkles, zerzaustes Haar und Augen, so hell, dass sie im Licht der Laternen beinahe silbern wirkten. Diese Augen sahen mich an, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt.

Dann ging er auf mich zu.

Er sagte: „Schrei nicht!“

„Hör auf, so auf mich zuzulaufen“, fuhr ich ihn an.

Er blieb stehen. Etwas blitzte in seinen Augen auf. Überraschung vielleicht. Oder etwas, das älter war als Überraschung.

„Isabella“, flüsterte er.

Ich blinzelte. „Was?“

„Du siehst genauso aus wie ...“ Er unterbrach sich selbst. Sein Kiefer spannte sich an. Er sah auf mich herab mit diesem schweren Blick, als hätte er vor langer Zeit etwas begraben. Dann blinzelte er mehrmals, und was auch immer es gewesen war, verschloss sich wieder. „Es tut mir leid, du bist nicht sie.“

„Nein, bin ich nicht“, sagte ich. „Ich heiße Clara und ich habe keine Ahnung, wer du bist, aber du solltest jetzt verdammt nochmal Abstand halten.“

„Ich bin Adrian Leone.“

Bei dem Namen lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich spürte das unheimliche Echo dieses Namens in mir, noch bevor er richtig zu mir durchdringen konnte. Leone. Ein Name, den die Menschen in der Stadt nur leise und voller Angst aussprachen.

„Das ist nicht dein Ernst“, sagte ich.

„Doch.“

„Geh wirklich ein Stück zurück.“

„Bitte hör mir zu“, sagte er. „Du musst mir zuhören.“ Seine Stimme war ruhig. Das Schlimmste daran war, dass er so ruhig klang, als wäre dies ein gewöhnlicher Dienstagabend zu einer ganz normalen Uhrzeit. Als würde er regelmäßig Studentinnen auf verlassenen Campuswegen zwischen Abendessen und Nachtisch abfangen. „Jemand verfolgt dich. Nicht ich, nicht meine Leute, jemand anderes. Vor drei Tagen hat man ein Gerät in deiner Tasche platziert und seit Montag wird jede deiner Bewegungen überwacht.“

Ich lachte. Es klang falsch, zu scharf, zu laut für den verlassenen Weg. „Du beobachtest mich seit der ganzen Woche. Was bist du dann?“

„Der Unterschied“, sagte er, „ist, dass ich hier bin, um dich zu warnen. Sie sind die, die das nicht tun werden.“

Ich verschränkte die Arme. Der Regen wurde stärker und kalt auf meinem Nacken, aber ich rührte mich nicht. Ich würde ihm ganz sicher nicht zeigen, dass ich zitterte.

„Warum sollte mich überhaupt jemand verfolgen? Ich bin eine mittellose Studentin. Ich habe dreiundvierzig Dollar auf meinem Konto, esse vier Abende die Woche Instantnudeln. An meinem Leben gibt es nichts, das es wert wäre, überwacht zu werden.“

„Es geht nicht um dein Leben“, sagte er. „Es geht um dein Aussehen.“

Ich starrte ihn an.

„Isabella.“

„Ja.“

„Wer ist sie?“

Etwas huschte über sein Gesicht. Ein Zusammenzucken, vielleicht Schmerz.

„Jemand, der nicht mehr da ist.“

„Nicht mehr da, im Sinne von tot?“

Er antwortete nicht.

Ich atmete tief aus.

In meiner Tasche befand sich immer noch der Tracker. Ich hatte nicht nachgesehen. Ein Teil von mir wollte es nicht, weil ich wusste, dass ich mir all das nicht mehr als Lüge würde einreden können, sobald ich ihn fand.

Meine Finger bewegten sich schneller als meine Gedanken. Ich öffnete meinen Rucksack und griff in das vordere Fach. Sofort spürte ich es. Hart, klein und rund. Ein vollkommen fremder Gegenstand, der dort nichts zu suchen hatte.

Ich zog ihn heraus und hielt ihn ins Licht der Laterne.

Eine winzige schwarze Scheibe. Kaum größer als ein Knopf.

So etwas hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen.

„Er ist seit Montag dort“, bemerkte Adrian.

„Woher weißt du das?“

„Ich hatte jemanden, der dich in der Nacht beobachtete, als ich dich zum ersten Mal sah.“ Meine Augen lösten sich nicht von seinen. „Ich hielt dich für jemand anderen, und als mir klar wurde, dass du es nicht bist, warst du bereits in ihrem System.“

„Ihr System“, sagte ich leise. „Was soll das bedeuten? Wer sind diese Leute? Was wollen sie?“

„Sie suchen nach Druckmitteln. Sie glaubten, wenn sie dich verfolgen könnten, könnten sie an mich herankommen. Sie haben denselben Fehler gemacht wie ich und dich letzte Woche auf der Straße gesehen.“

„Sie glauben, ich bin Isabella.“

„Sie glauben, dass du mit ihr verwandt bist, mit ihr oder mit mir.“ Er machte eine Pause. „Das bedeutet, dass du ein Ziel bist, ob es dir gefällt oder nicht.“

Ich stand dort im Regen und versuchte, das alles zu begreifen.

Meine größte Sorge Ende letzter Woche war gewesen, ob ich diesen Monat sowohl Lebensmittel als auch meine Handyrechnung bezahlen konnte. Und nun stand ein Mafia-Boss auf meinem Campus und erklärte mir, dass man hinter mir her war, wegen meines Gesichts.

„Ich wollte nicht, dass das passiert“, sagte ich.

„Ich weiß.“

„Das ist nicht mein Problem.“

„Ich weiß, dass das stimmt“, sagte er. „Aber es ist nun einmal so.“

Ich wollte ihm den Tracker ins Gesicht werfen. Ich wollte ihn anschreien, er solle verschwinden, ihm sagen, dass das alles verrückt sei, dass ich hineingehen, die Polizei rufen und dieses Gespräch vergessen würde.

Nur war die Scheibe echt.

Kalt, klein und erschreckend real in meiner Hand.

Und Adrian Leone war niemand, mit dem die Polizei fertig wurde. Das war eine Tatsache in dieser Stadt.

„Was brauchst du von mir?“, fragte ich.

„Heute Nacht nichts“, sagte er. „Heute Nacht möchte ich nur, dass du vorsichtig bist.“

Er zog eine Karte aus seinem Mantel. Er hielt sie mir hin. Ich machte keine Anstalten, sie zu nehmen.

Im nächsten Moment trat er vor und legte sie auf den Zaunpfosten zwischen uns, flach auf das feuchte Metall.

„Für den Fall, dass etwas passiert. Irgendetwas. Ruf diese Nummer an.“

„Und wenn ich das nicht möchte?“

Für den Bruchteil einer Sekunde länger als nötig hielt er meinen Blick fest.

„Dann hoffe ich, dass du schneller bist als sie.“

Er drehte sich um und ging zurück zu der Öffnung zwischen den Gebäuden.

Keine Eile. Kein Blick zurück.

Nichts auf der Welt brachte Adrian Leone dazu, sich schneller zu bewegen, als er wollte. Der Regen schien ihn nicht zu berühren, und die Dunkelheit störte ihn nicht.

Ich blieb stehen, bis seine Schritte nicht mehr zu hören waren.

Dann hob ich die Karte auf.

Ich sagte mir, dass ich das nur tat, damit ich sie später wegwerfen konnte.

Ich ging in mein Gebäude, drückte den Aufzugknopf und stand allein in der Lobby, während ich versuchte, mein Herz von wahnsinnigem auf normales Tempo herunterzubringen.

Alles war in Ordnung.

Wirklich alles.

Mir war nichts passiert. Ich wurde lediglich von Menschen verfolgt, die mit der gefährlichsten Familie der Stadt verbunden waren, wegen eines furchteinflößenden, unmöglichen, frustrierend attraktiven Mannes.

Der Aufzug öffnete sich.

Ich trat hinein.

Sofort gingen sämtliche Lichter in der Lobby aus.

Völlige Dunkelheit.

Draußen fiel noch immer Regen, doch außer meinem Atem herrschte absolute Stille.

Dann hörte ich plötzlich von irgendwo über mir, aus der Richtung meiner Etage, ein Geräusch, das ich bis in die Knochen spürte.

Meine Wohnungstür.

Jemand trat sie ein.

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