ANMELDEN„Was ist passiert? Wer ist das Crimson-Syndikat?“
Die Worte entwichen meinem Mund direkt nachdem Maximilian sein Telefonat beendet hatte.
Das Auto schnitt sich noch immer seinen Weg über die Straße Richtung Flughafen, während die Luft in der Kabine kälter und kälter wurde.
Maximilian warf mir einen kurzen Blick zu.
„Das musst du nicht wissen“, antwortete er knapp.
Der Mann erklärte gar nichts. Er trug auch einen Ausdruck im Gesicht, als wäre es mir strengstens untersagt, weiter nachzufragen. Ich konnte Maximilian nur für ein paar Sekunden anstarren, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Handy widmote.
Ohne Zeit zu verschwenden, wählte er eine andere Nummer.
„Das Ölfeld, das das Crimson-Syndikat derzeit hält – übernehmt es. Brennt auch ihre Marihuanafelder nieder“, befahl Maximilian mit unbewegter Miene.
Seine Stimme klang kalt. Selbst ich, die neben ihm saß, spürte die Wirkung davon. Die feinen Härchen in meinem Nacken schienen sich aufzustellen.
Ich schluckte.
„Stellt sicher, dass sie verstehen: Der Versuch, meinen Kopf zu bekommen, bringt ihnen nur noch mehr Ärger.“
Das Gespräch war beendet.
Und ich? Ich vergaß, wie man richtig atmet.
Abgesehen von der Tatsache, dass mein Körper von dem, was Maximilian mir vor einer Weile angetan hatte, immer noch im Chaos versank, verstörten die Worte, die ich gerade gehört hatte, meinen Verstand noch viel mehr.
Jemand wollte Maximilians Kopf, und der Mann sprach darüber, als ginge es um einen Aktienkurs, der um ein paar Prozent gefallen war.
Ich richtete meine Sitzposition auf. Mein Körper lehnte sich noch weiter von ihm weg, bevor ich meinen Blick zum Fenster wandte. Die Lichter der Stadt blitzten schnell an uns vorbei.
Mein Atem, der rasend gewesen war, begann sich wieder zu beruhigen. Leider ließ die Angst in meiner Brust kein bisschen nach.
Ich hatte von Anfang an gewusst, dass Maximilian Blackridge ein Mafia-Boss war. Aber etwas zu wissen und es mit eigenen Augen zu bezeugen, waren zwei verschiedene Dinge.
Nur ein paar Stunden mit ihm, und ich hatte bereits eine Geiselnahme miterlebt, eine Todesdrohung, einen Hagel aus Kugeln und nun den Befehl zur Vergeltung durch die Zerstörung des Geschäfts eines Feindes.
Wie lange könnte ich es noch überleben, in einer Welt wie dieser zu leben?
Ich strich mir mein Haar rau nach hinten. Meine Finger, die sich durch die Strähnen zogen, fühlten sich kalt an. Leise fiel eine einzelne Träne und benetzte meine Wange. Ich wischte sie schnell weg, bevor Maximilian es sehen konnte.
Einige Stunden später waren wir am Flughafen angekommen.
Alles ging so schnell. Ich hatte nicht einmal Zeit zu verarbeiten, was geschah, als Lucas mir einen Pass und ein Ticket überreichte.
Ein Business-Class-Ticket, natürlich. Ein Mann wie Maximilian wusste sicherlich nicht einmal, was die Economy Class war.
Wir saßen während des langen Fluges nach New York nebeneinander. Aber es gab fast kein Gespräch. Ich lugte ein paar Mal aus dem Augenwinkel zu ihm rüber.
Seit der Name Crimson-Syndikat gefallen war, hatte sich Maximilians Kiefer ununterbrochen angespannt. Sein Blick war kalt. Ab und zu las er Dokumente auf seinem Tablet, ab und zu schloss er die Augen, ohne wirklich zu ruhen zu scheinen.
Ich erwartete nicht, mich mit ihm zu unterhalten. Trotzdem fühlte sich das Schweigen während einer so langen Reise wie eine Qual an. Ich konnte nur durch das Flugzeugfenster die Wolken beobachten, während ich meine Gedanken überallhin schweifen ließ.
Über Owen. Über die Ehe, die ich nie gewollt hatte. Und über eine Zukunft, die sich jetzt so fremd anfühlte.
„Willkommen zurück, Sir.“
Die Stimme eines ganz in Schwarz gekleideten Mannes durchbrach meinen Tagtraum in dem Moment, als wir den Ankunftsbereich am John F. Kennedy Airport verließen.
Er verbeugte sich respektvoll. „Das Auto steht bereit. Erlauben Sie mir, Ihnen den Weg zu zeigen.“
Maximilian nickte nur. Er ergriff mein Handgelenk und führte mich zu dem wartenden Wagen.
Ich seufzte leise. Dieser Mann fragte wirklich nie, ob ich an der Hand gehalten werden wollte oder nicht.
Als das Auto anfing, sich vom Flughafen zu entfernen, ergriff ich schließlich das Wort.
„Sir, meine Wohnung ist in Queens.“
Der Fahrer blickte mich durch den Rückspiegel an. Er schien zu zögern zu antworten. Sein Blick wanderte stattdessen zu Maximilian, als würde er auf Anweisungen warten.
Ein paar Sekunden später sprach die tiefe Stimme neben mir.
„Was meinst du damit?“
Ich wandte mich ihm zu.
„Das ist Ihr Auto und Ihr Fahrer.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Sie setzen mich doch sicher erst ab, bevor Sie zu Ihrem eigenen Anwesen fahren, oder?“
Bevor ich auch nur blinzeln konnte, hatten Maximilians Finger bereits mein Kinn gepackt.
Ich schnappte nach Luft. Er zwang mich, ihn direkt anzusehen. Sein Gesicht kam näher. Ich konnte seinen warmen Atem auf meiner Haut spüren. Ich konnte sogar mein eigenes Spiegelbild klar in seinen Augen sehen.
„Wir sind Mann und Frau“, stellte Maximilian voller Nachdruck fest. „Warum sollten wir getrennt leben?“
Mein Herz begann sofort wild zu klopfen. Mein Kiefer schmerzte von seinem Griff, aber ich entschied mich zu schweigen.
„Ab heute wirst du bei mir wohnen, Babygirl“, fuhr Maximilian fort, ohne auch nur irgendeine Miene zu verziehen.
Ich zog beide Augenbrauen hoch.
Stimmt. Wir waren tatsächlich verheiratet, und verheiratete Paare lebten normalerweise zusammen. Das Problem war nur, dass all das durch Zwang geschehen war.
Ich atmete tief aus.
„Mein Kopf muss vom Jetlag völlig verdreht sein. Vor allem, weil Sie die ganze Zeit geschwiegen haben.“
Maximilian ließ mein Kinn schließlich los. Er lehnte sich wieder in den Sitz zurück.
„Ich wusste nicht, dass du mit mir reden wolltest“, sagte Maximilian und sah mich direkt an.
Ich starrte ihn ungläubig an.
„Verdammt noch mal!“, lachte ich bitter. „Wir haben gerade über 20 Stunden auf Reisen verbracht. Sie haben mein Handy aus Sicherheitsgründen konfisziert. Zu Ihrer Information: Ich lebe davon, mich auszutauschen. Deshalb bin ich Hochzeitsplanerin geworden. Ich will mit jedem reden, der einen Mund hat.“
Maximilian stieß einen langsamen Atemzug aus. Sein Blick fiel auf die Straße vor uns.
„Ich bin wütend auf jemand anderen, und ich will nicht wütend auf dich sein“, antwortete Maximilian.
Ich verstummte.
„Aber diese Wut zurückzuhalten, erwies sich als verdammt schwer. Also ist es besser für mich, den Mund zu halten, als dein Herz zu verletzen“, fuhr er fort.
Ich zog einen Mundwinkel nach oben. Ein bitteres Lachen entkam mir ganz von selbst.
Maximilian runzelte die Stirn, als verstünde er nicht, warum ich lachte.
„Sie haben mein Herz bereits in dem Moment verletzt, als Sie mich gezwungen haben, Sie zu heiraten. Machen Sie jetzt nicht auf fürsorglich“, schoss ich scharf zurück.
„Sie waren Freunde“, sagte ich langsam. „Nicht wahr? Vor all dem hier. Vor den Waffen und den Syndikaten und bevor jeder jeden hassen gelernt hat.“Elias stellte das Buch mit großer Sorgfalt zurück ins Regal.„Ich habe es Ihnen gesagt“, meinte er, ohne mich anzusehen. „Manche Fragen stehen mir nicht zu, beantwortet zu werden.“„Das ist kein Nein.“„Es ist auch kein Ja.“Ich verschränkte die Arme und beobachtete, wie er Bücher geraderückte, die ohnehin schon schnurgerade standen – dieselbe nervöse Angewohnheit, die Calista mir erst vor wenigen Stunden gezeigt hatte. Offenbar hatten alle in diesem Haus dieselbe Lektion gelernt: Schweigen hielt dich sicher, und Sicherheit war mehr wert als Ehrlichkeit.„Elias“, sagte ich und ließ meine Stimme weicher werden. „Ich versuche nicht, Sie in Schwierigkeiten zu bringen. Ich will nur den Mann verstehen, den ich geheiratet habe. Ist das denn so unvernünftig?“Da hielt er inne, seine Hand ruhte auf dem Buchrücken, und für einen kurzen Moment flack
Ein Schrei blieb mir irgendwo im Hals stecken und schaffte es nie ganz heraus.Ich wirbelte so schnell herum, dass mein Absatz am Teppich hängen blieb, und stützte mich mit einer Hand an der Wand ab, um nicht zu fallen. Mein Herz hämmerte so stark, dass ich es in den Ohren, im Hals und in den Fingerspitzen spürte, und für eine wilde, atemlose Sekunde war ich mir sicher, dass die Wache irgendwie umgekehrt war, dass man mich doch erwischt hatte.Doch der Mann, der hinter mir stand, war nicht die Wache.Er war alt, älter als jeder andere, dem ich in diesem Haus begegnet war, mit ordentlich nach hinten gekämmtem, silbernem Haar und einer Strickjacke, die zwischen den maßgeschneiderten schwarzen Anzügen – der inoffiziellen Uniform des Anwesens – völlig deplatziert wirkte. Eine Drahtbrille saß tief auf seiner Nase, und dahinter waren seine Augen blass und unlesbar, irgendwo knapp an meiner Schulter vorbei gerichtet statt auf mein Gesicht.„Oh mein Gott“, hauchte ich und presste eine Hand fl
Fünfzehn Jahre.Die Zahl nistete sich irgendwo hinter meinen Rippen ein und weigerte sich zu gehen, selbst nachdem Calista das Tablett eingesammelt hatte und mit einer hastigen Entschuldigung aus dem Raum geflohen war, selbst nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war und ich wieder allein mit nichts als meinen eigenen rasenden Gedanken war.Fünfzehn Jahre waren nicht die Dienstzeit eines angeheuerten Bodyguards. Fünfzehn Jahre waren Geschichte. Eine Loyalität, die in etwas Tieferem geschmiedet worden war als in einem Gehaltsscheck. Und irgendwo in dieser Geschichte gab es anscheinend Platz für eine rote Tür, die niemand öffnen durfte, und einen Mann namens Lucas, der hinter Owen auf einem Bürgersteig in New York stehen konnte, ohne dass es irgendjemand seltsam fand.Ich schob mein Mittagessen auf dem Teller hin und her, ohne zu essen. Meine Gedanken waren bereits drei Räume weiter, standen bereits wieder vor dieser Tür.Als das Nachmittagslicht zu einem trägen Gold geworden
Ich dachte an Maximilians Männer, die vor jeder Tür dieses Anwesens postiert waren. Ich dachte an Fenster, die sich nicht öffnen ließen, an ein Handy, das man mir nur zurückgegeben hatte, weil ich lieb genug darum gebeten hatte. Irgendwo in diesem Haus hatte jemand beschlossen, dass ich für einen Nachmittag genug gehört hatte.Meine Hände zitterten, als ich meine Nachrichten öffnete und betete, dass das Foto noch durchgekommen war, bevor die Leitung gekappt wurde.Es war da.Ein einziges Bild. Körnig, halb unscharf – das typische Foto von jemandem, der im Rennen einfach blind abgedrückt hatte. Aber ich konnte Owens Profil trotzdem erkennen: halb zur Autoscheibe gedreht, den Kiefer so zusammengebissen, wie ich es aus all den Jahren kannte, in denen ich ihn geliebt hatte.Und hinter ihm, ganz am Rand des Bildausschnitts, stand noch eine Gestalt. Schärfer getroffen als Owen, irgendwie, selbst durch die Unschärfe hindurch. Dunkler Anzug. Breite Schultern. Ein Gesicht, das ich überall wied
„Wo hast du Owen gesehen?“Die Worte platzten aus mir heraus, noch bevor ich mich richtig aufgesetzt hatte. Das Handy war so fest an mein Ohr gepresst, dass es wehtat, aber den Schmerz registrierte ich kaum. Mein Herz hämmerte wie wild gegen meine Rippen – ein rasender Trommelwirbel, der das ganze Zimmer ins Wanken zu bringen schien.„Emery, beruhige dich.“ Olivias Stimme knisterte schwach durch die Leitung, unterlegt von fernem Straßenlärm. „Ich meine das ernst, ich habe ihn gerade gesehen. Vor vielleicht zwei Minuten. Er ist direkt an dem Café vorbeigelaufen, in dem ich sitze.“„Das ist unmöglich.“ Ich war bereits auf den Beinen und lief ans Fenster, obwohl es nirgendwo gab, wo ich tatsächlich hin konnte. „Er hat mir eine Nachricht hinterlassen. Er hat gesagt, dass er geht. Er hat seine Nummer geändert, Liv. Seine Handynummer existiert nicht einmal mehr.“„Tja, sein Körper existiert allerdings sehr wohl, denn ich habe genau gesehen, wie er vor dreißig Sekunden die Fifth Avenue runte
„Guten Tag, Mrs. Blackridge.“Ich blieb wie angewurzelt auf der Schwelle zum Wohnzimmer stehen. Die Begrüßung kam von einem Mädchen in Dienstbotenf Anzug, die Hände sauber vor dem Körper verschränkt, die Wangen noch rund vor Jugend und die Augen so klar, dass es unmöglich schien, dass sie an einem Ort arbeitete, der eher einer Festung als einem Zuhause glich.„Erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Ich bin Calista, Ihre persönliche Bedienstete.“Fast hätte ich mit der Zunge geschnalzt. Schon wieder dieser Titel.Zwei Worte, die sich noch immer fremd anfühlten, egal wie oft ich sie hörte. Selbst mit dem Ring an meinem Finger hatte ich nicht das Gefühl, zu dieser Familie zu gehören. Dieser Nachname lag auf mir wie eine Kette um mein Fußgelenk, nicht wie eine Ehre.Doch als ich in Calistas Gesicht blickte, verflog meine Verärgerung fast wie von selbst. Und direkt dahinter keimte eine Idee auf. Vielleicht hatte ich gerade einen Ausweg gefunden. Nur eben nicht den, den ich mir vorgestellt ha







