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KAPITEL 5

Author: AvryStar
last update publish date: 2026-06-25 17:08:33

„Du weißt, dass Samantha noch hier wäre, wenn du nicht diesen Streit mit ihr in der Nacht ihres Todes gehabt hättest.“

Hannah wusste genau, was sie tat. Seit einem Jahr war Schuld ihr wirksamstes Mittel gegen Williams. Genau diese Schuld war der Grund, warum die Entschädigungsvereinbarung überhaupt existierte.

Laut Hannah hatte Samantha sie in jener Nacht weinend angerufen und ihr alles am Telefon erzählt.  

Williams wusste nie, wie viel von dieser Geschichte wahr war. Aber jedes Mal, wenn Hannah es ansprach, riss die Wunde wieder auf.

„Wenn du mich doch nur von Anfang an geheiratet hättest“, fuhr Hannah mit einem Seufzer fort.

Sie erhob sich von ihrem Platz und näherte sich ihm langsam.

Die Armreifen an ihrem Handgelenk klirrten gegeneinander. Bevor Williams sie aufhalten konnte, setzte sie sich auf seinen Schoß.  

Ihr teures Parfüm stieg ihm in die Nase. Lange Finger glitten über seine Kieferpartie, und ihr Atem streifte sein Gesicht.

„Dann hätten wir diese Streitereien nicht gehabt, Liebling.“

Ihre roten Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

„Und wir alle wären noch am Leben.“

Williams’ Kiefer spannte sich an.

Er verlor die Geduld.  

„Runter von mir.“ Er stieß sie von sich.

Hannah stolperte, fing sich aber schnell wieder.

Ihr Lächeln geriet kurz ins Wanken.

Williams stand abrupt auf.  

„Es sind zwei Jahre vergangen.“  

„Zwei ganze Jahre.“

Er machte einen Schritt auf sie zu.

„Und jeden Monat kommst du mit ausgestreckter Hand.“

Hannah verschränkte die Arme.

„Ach, gönn mir doch mal eine Pause.“

„Nein.“

Williams lachte bitter.  

„Seit Samantha gestorben ist, denkst du jeden Monat nur daran, wie du aus ihrem Tod Profit schlagen kannst.“

Seine Augen wurden hart.

„Mittlerweile hat man fast den Eindruck, du genießt es.“

Hannah wurde verärgert. Dann zuckte sie mit den Schultern.  

„Samantha war zu Lebzeiten nie besonders nützlich.“

Williams erstarrte.

„Aber findest du nicht, dass sie jetzt viel nützlicher geworden ist?“

Der Raum wurde still.

Die Worte waren so kalt, dass selbst Williams Mühe hatte, sie zu glauben.

Hannahs Vater hatte verzweifelt gewollt, dass eine seiner Töchter mit Williams’ reicher Familie verbunden wird. Tatsächlich hatte Leonard Diaz, Williams’ Vater, vor langer Zeit versprochen, dass sein Sohn aus dieser Familie heiraten würde.

Seine erste Wahl war Hannah gewesen. Stattdessen hatte Williams sich in Samantha verliebt. Damals hatte die Familie sich nicht viel daraus gemacht. Solange Samantha sie finanziell unterstützte, waren alle zufrieden.

Doch jetzt war Samantha fort. Und die monatlichen Entschädigungszahlungen würden nicht ewig fließen.  

Genau deshalb brauchte Hannah eine neue Lösung.

Sie trat näher.  

„Außerdem, Schatz.“  

Sie lächelte süßlich.

„Du bist jetzt Single.“

Williams sah sie angewidert an.

„Wir könnten heiraten und alle Probleme lösen.“

Einen Moment lang starrte er sie nur an. Dann lachte er freudlos.  

„Du bist wahnsinnig.“

Das Lächeln verschwand langsam aus Hannahs Gesicht.

„Raus hier.“

„William—“

„Verschwinde aus meinem Haus.“ Er wollte nicht weiter diskutieren, und das war in seinem Tonfall deutlich zu hören.

Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte Hannah wirklich verärgert. Sie setzte ihre übergroße Sonnenbrille auf, deutete dann auf das Dokument, das noch auf dem Couchtisch lag.

„Sorg dafür, dass das Geld auf das Konto überwiesen wird.“

Sie drehte sich zur Tür.

„Es ist der siebenundzwanzigste Oktober“, sagte Williams kalt.

Hannah hielt inne.

„Der Monat ist noch nicht vorbei. Es bleiben noch vier Tage. Falls du es nicht weißt – in vier Tagen ist auch ihr Todestag.“

Er verschränkte die Arme.

„Mein Assistent hat die Überweisung noch nicht getätigt, weil der Monat noch nicht zu Ende ist.“

Seine Stimme wurde noch kälter.  

„Und betrachte das als deine letzte Warnung.“

Hannah drehte sich nicht um.

„Komm nie wieder unangekündigt in mein Haus.“

___

Ariel schnappte nach Luft, als sie auf ihr Handydisplay starrte.

Die Absage-E-Mail starrte ihr entgegen.

„BEWERBUNGSSTATUS: ERFOLGLOS.“

Eine Träne rollte über ihre Wange, doch sie wischte sie schnell weg. Es war nicht ihre erste Absage. Mittlerweile gewöhnte sie sich fast daran. Dennoch tat diese weh.

„Hhhhhh!“

Sie vergrub das Gesicht im Kissen und schrie. Die Gesichtscreme, die sie zuvor aufgetragen hatte, verschmierte auf dem weißen Kissenbezug.

„Nach allem, was ich für dieses Vorstellungsgespräch durchgemacht habe, bekomme ich das hier?“

Sie drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Sie dachte an das Geld, das sie für Fahrkarten und das Ausdrucken der Unterlagen ausgegeben hatte. Alles fühlte sich verschwendet an.

„Und alle haben genickt!“, beschwerte sie sich im leeren Zimmer.

„Jedes Mal, wenn ich etwas gesagt habe, haben sie genickt.“

Sie setzte sich auf.

„Einer hat mich sogar angelächelt!“

Ariel griff nach einem Kissen und drückte es an sich.

„Ich war mir so sicher, dass ich die Stelle habe.“

Ihr Magen knurrte laut. Wäre jemand bei ihr gewesen, hätte sie sich dafür geschämt.

Ariel schaute nach unten und berührte ihren Bauch. Mit einem Stöhnen schleppte sie sich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Hausschuhe.

Die Wohnung war still, als sie in die Küche ging. Sie öffnete den Gefrierschrank und entdeckte den verschlossenen Beutel mit dem Fisch, den Moana und sie gespart hatten.

Ein Grinsen erschien auf ihrem Gesicht.

Vielleicht konnte Essen wenigstens ein Problem lösen.  

Sie nahm den Beutel heraus und ging ins Wohnzimmer.

„Findest du nicht, dass heute endlich der Tag ist, an dem wir diesen gegrillten Fisch mit Kokosreis ausprobieren?“

Ariel hob den Fisch dramatisch hoch.

„Wir heben das Ding schon einen Monat lang auf.“

Sie bekam keine Antwort und runzelte die Stirn.

Moana saß am Esstisch mit aufgeklapptem Laptop. Das Leuchten des Bildschirms spiegelte sich auf ihrem Gesicht. Ein Telefon war an ihr Ohr gepresst. Und vor allem: Sie lächelte.

Ariel verlangsamte ihre Schritte.

„Ja“, sagte Moana sanft.  

„Ich freue mich auch.“

Ariel zog eine Augenbraue hoch.

„Du kommst vorbei?“

Die Stimme am anderen Ende antwortete.

„Natürlich, Babe. Ich verlasse die Stadt bald. Ich dachte, wir sollten vorher noch etwas Zeit zusammen verbringen.“

Ariel wusste sofort, wer es war. Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht.

„In Ordnung“, antwortete Moana.  

„Ich warte auf dich.“

Das Gespräch endete.

In dem Moment, als Moana aufblickte und Ariel dort stehen sah, verschwand auch ihr Lächeln.

Ariel senkte langsam den Fisch.

„Wer war das?“, fragte Ariel.

Moana seufzte.  

„Felix.“

Ariel ließ den Fisch auf die Arbeitsplatte fallen. Die Plastikverpackung landete mit einem leisen Plumps.

„Du machst Witze.“

„Tue ich nicht.“

„Bitte sag mir, dass du Witze machst.“

Moana rieb sich die Stirn.  

„Hör zu, Ariel—“

„Nein.“

Ariel zeigte auf sie.  

„Nein. Fang gar nicht erst mit der Rede an.“

„Ariel—“

„Er hat dich bestohlen.“

„Er hat mich nicht bestohlen.“

„Er hat sich Geld geliehen und ist verschwunden.“

Moana stöhnte.  

„Er hat sich geändert.“

Ariel brach in Lachen aus.  

„Das erste Mal, dass er sich geändert hat?“

Moana schaute weg.

„Das zweite Mal? Das dritte Mal?“

„Das ist diesmal anders.“

„Das hast du beim letzten Mal auch gesagt.“

Moana klappte ihren Laptop zu.  

„Er möchte seine letzten paar Wochen hier verbringen, bevor er das Land verlässt.“

„Und danach?“ Ariel verschränkte die Arme.  

„Verschwindet er wieder.“

„Das weißt du nicht.“

„Ich kenne ihn.“

Der Raum wurde still, und für einen Moment sprach keine von beiden.

Dann stand Moana auf.  

„Weißt du, was dein Problem ist?“

Ariel blinzelte. „Mein Problem?“

„Ja.“ Moana verschränkte die Arme. „Seit dein Freund dich verlassen hat, bist du nur noch negativ.“

Ariel schnaubte.  

„Ach bitte.“

„Nein, ich meine es ernst.“ Moana trat vom Tisch weg. „Du tust so, als wäre jede Beziehung zum Scheitern verurteilt.“

Ariel lachte bitter.  

„Das ausgerechnet von jemandem, der mit Felix zusammen ist.“

„Und genau das meine ich.“ Moana zeigte auf sie. „Du schaust ihn an und siehst nur das Schlechteste.“

„Weil es nichts Gutes gibt.“

„Nein.“ Moana schüttelte den Kopf. „Du denkst, jeder Mann ist wie dein Ex.“

Ariel spürte einen Stich in der Brust. Damit hatte sie nicht gerechnet. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich sofort.

„Also darum geht es hier.“

„Hör auf.“

„Du denkst, jeder Mann wird jemanden verletzen, nur weil deiner dich verletzt hat.“

„Moana…“

„Du denkst, jedes Versprechen ist eine Lüge, weil seins eine war.“

Ariels Kiefer spannte sich an.

„Genug.“

„Warum?“

Moana forderte sie heraus.  

„Weil es stimmt?“

Ariel verschränkte die Arme noch fester.  

„Weißt du, was mich erstaunt? … Dass du dreimal in dieselbe

Falle getappt bist.“

Moana lachte freudlos.  

„Und was hat dir deine Klugheit gebracht?“

Ariel erstarrte.

„Zu einem Mann, der dich abserviert und dafür gesorgt hat, dass du deinen Job verloren hast? Nur weil deine Beziehung gescheitert ist, heißt das nicht, dass meine es auch wird.“

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