Masuk
Die Präsidentensuite war von einem gedämpften, diffusen Licht durchflutet, als wäre jeder Winkel so gestaltet, dass er die Dinge niemals klar erkennen ließ. Alles war mit Samt verhangen. Still. Von einem dezenten, aber erdrückenden Luxus. Die Vorhänge waren zugezogen und schnitten die Außenwelt ab, und in dieser Blase, die über der Stadt schwebte, lag Chantelle, die Handgelenke über dem Bauch gekreuzt, die Augen mit einer Seidenbinde aus schwarzem Stoff bedeckt.
Sie wusste nicht einmal mehr, wie lange sie schon wartete. Vielleicht fünf Minuten. Vielleicht dreißig.
Es war das zwölfte Mal.
Es standen noch achtundachtzig Nächte aus, bevor alles vorbei sein würde. Bevor sie frei wäre.
Die Tür öffnete sich lautlos. Sie sah ihn nicht eintreten, spürte aber sofort seine Anwesenheit. Dieses trockene, holzige Parfüm, dezent und doch aufdringlich. Sein Geruch. Den sie unter Tausenden erkennen würde, weil er sich in ihre Kehle, in ihre Nieren, in ihren Puls einbrannte. Er. Er sagte nichts. Sagte nie etwas.
Chantelle spürte, wie die Matratze neben ihr nachgab, wie die Spannung in der Luft sich veränderte, als würde jedes Molekül im Raum sich unter der stillen Autorität dieses Mannes, den sie nie sah, beugen. Seine Wärme näherte sich, langsam, kontrolliert. Sie erkannte sie sofort, diese Wärme, die sie ebenso fürchtete wie ersehnte.
Er fragte sie nie, ob sie bereit sei. Das war nicht nötig. Der Vertrag war klar. Sie kannte jede Klausel.
Seine Finger glitten über ihre Hüfte, langsam, mit beunruhigender Präzision, und überall, wo sie sie berührten, hinterließen sie ein Frösteln, das sich unter ihrer Haut ausbreitete wie eine unkontrollierbare Nervenwelle. Er folgte den Konturen ihres Beckens mit bedachter Langsamkeit, erkundete jede Kurve. Sie sah nichts, aber sie spürte alles. Das leichte Rascheln seiner Hose an ihrem nackten Oberschenkel. Die trockene, leicht raue Haut seiner Finger, die einen Kontrast bildete zur Weichheit ihrer eigenen Rundungen.
Der Druck seiner Handfläche verstärkte sich, wanderte hinab zu ihrem Unterleib und hielt dann kurz vor dem Intimsten inne, als wollte er sie in einem Zustand fieberhafter Erwartung halten. Einer Erwartung, die fast schmerzhaft wurde.
Sie durfte ihn nicht berühren. Das war die Regel. Aber ihre Finger verkrampften sich dennoch unwillkürlich, krallten sich in die Laken. Sie wollte jede seiner Gesten erwidern. Ihm den Atem rauben. Ihn in sich verankern. Aber das war ihr nicht erlaubt. Seine Handfläche presste sich gegen ihren eigenen Oberschenkel, ihre Kehle, diese unerträgliche Leere zwischen ihren Beinen. Dort, wo er noch nicht war. Dort, wo sie ihn bereits wollte.
Er beugte sich weiter vor, seine Brust streifte kaum ihre Brüste, sein Mund senkte sich langsam, hinterhältig. Als er die Innenseite ihres Oberschenkels streifte, erstickte sie ein Stöhnen, rau, zu ungefiltert, um vorgetäuscht zu sein. Ihre Hüften zuckten in einem unkontrollierbaren Aufbäumen.
Er hielt inne. Als wolle er sie verstehen lassen, dass er das Tempo bestimmte. Dass sie nur ein zu eroberndes Terrain war. Er versuchte nicht, ihr Lust zu bereiten. Er erforschte sie. Sezierte sie. Er herrschte über sie.
Und heute Abend… heute Abend war er weder sanft noch brutal. Er war präzise. Von einer beinahe grausamen Langsamkeit. Von einer animalischen Geduld. Als wolle er sie mit bloßen Händen sezieren.
Seine Finger glitten zwischen ihre leicht geöffneten Schenkel.
Ihr Becken hob sich gegen ihren Willen. Suchend. Rufend. Einfordernd, was noch auf sich warten ließ.
Er ließ seinen Mund langsam, verdammt langsam, zu ihren Lippen hinaufwandern. Aber er berührte sie nicht. Blieb dort, nah, keuchend, stumm.
Und dann drang er in sie ein. Nicht mit einem Stoß. Nicht mit einem Schrei. Sondern mit einer wilden Langsamkeit.
"Ah… ah… oh Gott… ja…"
Sie wölbte sich, keuchend, die Lippen zu einem stummen Stöhnen geöffnet, die Finger so fest verkrampft, dass sie sich in die Laken gruben. Unfähig, das aufsteigende Feuer zurückzuhalten. Dieses dichte, brennende, unkontrollierbare Aufsteigen. Das ihr die Kehle zuschnürte. Sie von allem entleerte. Außer von ihm. Er bewegte sich kaum. Gerade genug, dass sie es spürte. Gerade genug, dass sie mehr wollte.
Sie wollte ihn anflehen, aber das Wort blieb in ihrer Kehle stecken. Hier war kein Platz für Worte. Nur für Atemzüge, für Schauer, für Wellen.
Mit jeder Bewegung spürte sie, wie ihre Gedanken eine nach der anderen zerfielen. Ein berechnetes Hin und Her an der Grenze des Erträglichen.
"Mmmh… ah… mehr… hör nicht auf…"
Sie verlor den Boden unter den Füßen. Sie war nur noch Körper. Dargebotenes Fleisch. Gebrochener Atem. Zurückgehaltener Orgasmus.
Und in dieser Schwärze, die sie vor den Augen trug, in dieser feuchten Dunkelheit, vergaß sie alles. Ihren Vornamen. Ihre Geschichte. Den Vertrag. Die Zahlen.
Es blieb nur er übrig. Er, der Unbekannte. Er, den sie nie sehen würde. Er, dessen Gesicht sie nie kennen würde. Nicht einmal seine Stimme. Aber der jedes Mal eine tiefere, unauslöschlichere Spur in ihr hinterließ.
Als es vorbei war, blieb sie liegen. Keuchend. Nackt. Zitternd. Ausgeleert. Geschlagen. Ihr Bauch noch von Nachzuckungen verknotet. Ihre Scham pulsiert von seiner Abwesenheit. Ihre Beine geöffnet.
Sie lag immer noch da, die Binde vor den Augen. Sie hörte das Geräusch von fließendem Wasser aus dem Badezimmer.
Der Mann im Badezimmer hatte fertig geduscht und zog seine makellose Kleidung an.
Der Mann, nachdem er sich angezogen hatte, näherte sich der Tür. Ihr Herz schlug schneller. Zum ersten Mal wagte sie es, das Schweigen zu brechen.
Sie räusperte sich leicht, dann brach sie mit einer etwas zögerlichen Stimme endlich das Schweigen, das sie so lange umhüllt hatte.
"Herr… könnte ich diesen Monat achttausend Euro extra haben?"
Es war das erste Mal, dass sie es wagte, mit ihm zu sprechen. Bisher hatte sich ihre Beziehung auf stummen Austausch beschränkt, ein grausames Spiel, in dem sich ihre Blicke nie begegnet waren.
Keine Antwort. Kein einziges Wort.
Der Mann ging zur Tür, seine Silhouette steif im Morgengrauen. Er schloss sie hinter sich mit einem dumpfen Schlag, einem kurzen Geräusch, das Chantelle zusammenzucken ließ. Der Raum fiel sofort zurück in seine bedrückende Stille.
Sobald sie die Tür hinter ihm zuschlagen hörte, stieß Chantelle einen Seufzer der Erleichterung aus und zog die Binde rasch ab. Eine bittere Enttäuschung schnürte ihr die Kehle zu. Er hatte ihr nicht geantwortet.
Sie brauchte das Geld so dringend.
Am Vortag hatte der Arzt sie angerufen. Die tiefe, besorgte Stimme hatte ihr mitgeteilt, dass sich der Zustand ihrer Großmutter verschlechtert habe. Der Nierenkrebs, an dem sie litt, zeigte trotz aller bereits bezahlten Behandlungen, die über eine Million Euro gekostet hatten, neue beunruhigende Symptome.
Also hatte sie heute gewagt zu fragen, es einfach versucht.
Aber das Schweigen des Mannes hatte ihr das Herz gefroren.
Sie stand langsam auf und ging ins Badezimmer. Ohne wirklich nachzudenken, ließ sie ein heißes Bad einlaufen und hoffte, dass die Wärme für einen Moment das Gewicht auf ihrer Brust zum Verstummen bringen würde.
Sie war nicht glücklich mit dem, was sie tat. Als Kind hätte sie sich nie vorstellen können, ihren Körper zu verkaufen, ihre Würde gegen Geld einzutauschen. Aber das Leben, grausam und unerbittlich, hatte sie gelehrt, dass Träume manchmal unter dem Gewicht der Realität verblassen.
Seit sie fünf war, seit ihre Mutter an einer fulminanten Krankheit gestorben war, hatte sich alles verändert. Ihr Vater, schnell wiederverheiratet, hatte sie in eine Schattenrolle verbannt, eine Fremde unter den Ihren.
Ihre Großmutter hatte trotz ihrer bescheidenen Mittel die Verantwortung übernommen, sie mit rauer, aber aufrichtiger Liebe großgezogen und erzogen.
Chantelle wuchs zwischen diesen beiden Welten auf, kannte kaum die Wärme des väterlichen Hauses, zog es vor, den kalten Blicken ihres Vaters und ihrer Stiefmutter auszuweichen.
Dann, vor einem Jahr, hatte die Krankheit erneut zugeschlagen: der Nierenkrebs ihrer Großmutter.
Die Ärzte hatten von einer Million Euro gesprochen, einer unerreichbaren Summe für sie allein.
Sie war zu ihrem Vater gegangen, um ihn anzuflehen, in der Hoffnung auf eine Geste, auf Hilfe.
Aber er hatte sie fortgeschickt, ohne einen Blick.
„Das ist nicht meine Mutter, warum sollte ich Geld für sie ausgeben?“ hatte er verächtlich gespuckt.
Nach der brutalen Ablehnung ihres Vaters stand Chantelle mit dem Rücken zur Wand. Es blieb ihr keine Option, keine Unterstützung mehr. Also, gebrochen aber entschlossen, traf sie eine Entscheidung, die sie niemals für möglich gehalten hätte: Sie begab sich in einen exklusiven Club, in dem Körper und Schweigen gehandelt wurden.
Noch bevor sie eintrat, zitterten ihre Beine. Aber sie hatte den Luxus des Zögerns nicht mehr. Ihre Großmutter starb.
Und dort stieß sie auf ein Angebot… ein gewaltiges. Unerwartetes. Erschütterndes.
Ein Vertrag über eine Million Euro, im Austausch gegen hundert Nächte mit einem Mann. Hundert Nächte der Intimität, der Unterwerfung… mit einem Unbekannten. Sie würde niemals seinen Namen, sein Gesicht oder seine wahre Identität erfahren. Ein Vertrag, geschnitzt aus Geheimnissen, unterzeichnet im Verborgenen.
Ein Detail stand außer Frage: Dieser Mann war immens reich. Denn kein Armer hätte eine solche Summe zahlen können oder wollen, um Nächte im Schatten zu kaufen.
Sie hatte unterschrieben. Ohne Fragen zu stellen. Ohne die Klauseln zweimal zu lesen. Sie hatte zu große Angst, dass das Angebot zurückgezogen würde, wenn sie zögerte.
Die wesentliche Bedingung des Vertrags war streng: Sie durfte den Mann niemals sehen. Bei jeder der hundert Nächte würde sie in eine Präsidentensuite gebracht werden. Sie würde eine Augenbinde tragen, und sie hätte nur eine Rolle: zu gehorchen. Sich zu unterwerfen. Für ihn da zu sein und keine Fragen zu stellen.
Der Mann war ihr Herr. Für hundert Tage.
Heute war das zwölfte Treffen. Und obwohl sie gelernt hatte, ihre Angst zu beherrschen, gewöhnte sie sich nie ganz daran.
Aber sie hielt durch. Denn bei jeder Überweisung sparte sie eifersüchtig. Jeden Cent. Sie zählte, sie notierte. Für ihre Großmutter, für diejenige, die alles für sie geopfert hatte.
Er sprang auf, schob seinen Stuhl mit übertriebener Geste zurück.„Fräulein Chantelle! Welche Ehre. Welche Schönheit, welche Anmut… Sie sind noch strahlender als auf den Fotos. Kommen Sie näher, näher…“Chantelle zwang sich zu einem Lächeln. Eine gekonnt verkleidete Grimasse.„Guten Tag.“Sie nahm Platz, ohne zu antworten, schlug die Beine mit distanzierter Eleganz übereinander. Alles in ihr schrie nach Flucht, aber sie hielt die Maske aufrecht. Vorerst.Raphina Paterne setzte sich ihr gegenüber, der Blick gierig, als würde er sie Stück für Stück begutachten.„Wissen Sie… ich bin bereit, alles zu tun, um Sie zu heiraten. Absolut alles. Mein Vater möchte eine Frau von Prestige an meiner Seite, und als er Ihr Foto sah… da wusste er es. Sie sind es. Und ich weiß es auch. Sie sind die Art von Frau, die einen Mann wie mich verdient. Erbe eines Immobilienimperiums. Vierzig Gebäude auf meinen Namen, Beteiligungen im Ausland… Und das ist erst der Anfang.“Er sprach, ohne Luft zu holen, ohne s
Chantelle kehrte in ihre Wohnung zurück. Ihre kleine, bescheidene aber gemütliche Wohnung umschloss sie wie ein beruhigender Kokon. Die in sanften Tönen gestrichenen Wände trugen die Spuren ihrer Persönlichkeit – kleine Bilderrahmen, ein paar Pflanzen, in einem billigen Regal gestapelte Bücher. Nichts Luxuriöses, aber alles hatte Seele. Anders als das kalte, imposante Haus ihres Vaters fühlte sie sich hier zu Hause. Sicher. In Frieden.Sie zog ihre Schuhe aus, seufzte lange und ließ sich auf das Sofa fallen. Kaum hatte sie ihr Telefon auf den Couchtisch gelegt, erschien eine Benachrichtigung auf dem Bildschirm. Eine Nachricht, ohne Unterschrift. Wie immer.„Heute Abend, 23 Uhr.“Sie runzelte die Stirn. Das war ungewöhnlich. Dieser Mann, der sie im Schatten kaufte, war niemals drängend. Er kontaktierte sie in größeren Abständen, als wolle er eine kühle, methodische Distanz wahren. Doch heute Abend rief er sie erneut, kaum zwei Tage nach ihrem letzten Treffen.Irgendetwas stimmte nicht,
Chantelle trat einen schnellen, fast panischen Schritt zurück. Die Nähe zu Collen Wilkerson, sein durchdringender Blick, seine imposante Präsenz… all das bedrückte sie. Doch vor allem nagte eine tiefsitzende Angst an ihr: Mégane, ihre hysterische Halbschwester, konnte jeden Augenblick auftauchen. Sie brauchte nicht viel, um sich betrogen vorzustellen, schon gar nicht, wenn es um einen Mann ging, den sie für sich beansprucht hatte.„Entschuldigung…“, hauchte sie unsicher, außer Atem.Sie drehte sich auf dem Absatz um, entschlossen, Abstand zu gewinnen, aber ihr Fuß rutschte auf einer feuchten Steinplatte aus. Ihr Herz machte einen Sprung in ihre Brust, und bevor sie den Boden berührte, fing eine feste, brennend heiße Hand sie an der Taille auf.Ein elektrischer Schlag durchfuhr sie. Ihr Gesicht war fast an seine Brust gepresst, und unfähig, sich dagegen zu wehren, atmete sie ein… dieses Parfüm. Dasselbe. Das, das sie nachts verfolgte. Das des mysteriösen Unbekannten, mit dem sie zwölf
Das Gesicht des Mannes blieb ungerührt, während er nur zustimmend nickte, als Antwort auf Chantelles Begrüßung. Sein Blick glitt kurz über sie hinweg, ohne erkennbare Emotion, als wolle er sie einschätzen… oder vielleicht vergessen.Was Chantelle nicht wusste, war, dass dieser Mann, der heute als offizieller Verlobter von Mégane im Familiensalon saß, ursprünglich für sie bestimmt gewesen war.Sie.Einige Wochen zuvor hatte ihr Vater Gérard sich in dem geräuschgedämpften, weitläufigen Büro von Collen Wilkerson im zentralen Turm der Unternehmensgruppe vorgestellt.Der Geschäftsmann, steif hinter seinem Schreibtisch, hatte eine Augenbraue hochgezogen, als Gérard mit gespielt verlegener Stimme begann:„Es tut mir leid, Herr Wilkerson. Meine jüngere Tochter… diejenige, die Ihre Verlobte sein sollte…“Er hatte eine Pause gemacht, als wolle er die Wirkung seiner Worte abmessen.„Sie hat die Ehe kategorisch abgelehnt. Sie ist nicht kooperativ. Nicht stabil. Es wäre ein Fehler Ihrerseits, läng
Am nächsten Morgen stand Chantelle mit einem schweren, von Müdigkeit und Ungewissheit gezeichneten Körper auf. Sie setzte sich langsam hin, nahm das Telefon mit zitternden Händen und öffnete die Notizen-App. Ihre Finger tippten mechanisch: Zwölftes Mal. Diese Worte hallten tief in ihr nach, bedeutungsschwer.Sie legte das Telefon auf den kleinen Tisch neben sich, bereit, zu etwas anderem überzugehen, als plötzlich eine Benachrichtigung ertönte. Neugierig blickte sie auf den Bildschirm und ein zerbrechliches Lächeln erhellte ihr müdes Gesicht. Eine Überweisung von 8.000 Euro war soeben auf ihrem Konto eingegangen.Ein Seufzer der Erleichterung entwich ihren Lippen. Diese Geste, so diskret sie auch war, brachte ihr ein wenig Trost inmitten des Chaos.Sie setzte sich wieder, noch immer von der Überraschung getroffen, und öffnete WhatsApp. Sie suchte nach einer Nummer, die sie zuvor nie gewagt hatte zu wählen. Mit zögernden Fingern tippte sie ein einziges, dankbares Wort: Danke.Sie verha
Die Präsidentensuite war von einem gedämpften, diffusen Licht durchflutet, als wäre jeder Winkel so gestaltet, dass er die Dinge niemals klar erkennen ließ. Alles war mit Samt verhangen. Still. Von einem dezenten, aber erdrückenden Luxus. Die Vorhänge waren zugezogen und schnitten die Außenwelt ab, und in dieser Blase, die über der Stadt schwebte, lag Chantelle, die Handgelenke über dem Bauch gekreuzt, die Augen mit einer Seidenbinde aus schwarzem Stoff bedeckt.Sie wusste nicht einmal mehr, wie lange sie schon wartete. Vielleicht fünf Minuten. Vielleicht dreißig.Es war das zwölfte Mal.Es standen noch achtundachtzig Nächte aus, bevor alles vorbei sein würde. Bevor sie frei wäre.Die Tür öffnete sich lautlos. Sie sah ihn nicht eintreten, spürte aber sofort seine Anwesenheit. Dieses trockene, holzige Parfüm, dezent und doch aufdringlich. Sein Geruch. Den sie unter Tausenden erkennen würde, weil er sich in ihre Kehle, in ihre Nieren, in ihren Puls einbrannte. Er. Er sagte nichts. Sagte







