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Hundert Nächte mit der schwarzen Augenbinde
Hundert Nächte mit der schwarzen Augenbinde
Author: Léo

Kapitel 1

Author: Léo
last update publish date: 2026-01-22 19:22:52

Die Präsidentensuite war von einem gedämpften, diffusen Licht durchflutet, als wäre jeder Winkel so gestaltet, dass er die Dinge niemals klar erkennen ließ. Alles war mit Samt verhangen. Still. Von einem dezenten, aber erdrückenden Luxus. Die Vorhänge waren zugezogen und schnitten die Außenwelt ab, und in dieser Blase, die über der Stadt schwebte, lag Chantelle, die Handgelenke über dem Bauch gekreuzt, die Augen mit einer Seidenbinde aus schwarzem Stoff bedeckt.

Sie wusste nicht einmal mehr, wie lange sie schon wartete. Vielleicht fünf Minuten. Vielleicht dreißig.

Es war das zwölfte Mal.

Es standen noch achtundachtzig Nächte aus, bevor alles vorbei sein würde. Bevor sie frei wäre.

Die Tür öffnete sich lautlos. Sie sah ihn nicht eintreten, spürte aber sofort seine Anwesenheit. Dieses trockene, holzige Parfüm, dezent und doch aufdringlich. Sein Geruch. Den sie unter Tausenden erkennen würde, weil er sich in ihre Kehle, in ihre Nieren, in ihren Puls einbrannte. Er. Er sagte nichts. Sagte nie etwas.

Chantelle spürte, wie die Matratze neben ihr nachgab, wie die Spannung in der Luft sich veränderte, als würde jedes Molekül im Raum sich unter der stillen Autorität dieses Mannes, den sie nie sah, beugen. Seine Wärme näherte sich, langsam, kontrolliert. Sie erkannte sie sofort, diese Wärme, die sie ebenso fürchtete wie ersehnte.

Er fragte sie nie, ob sie bereit sei. Das war nicht nötig. Der Vertrag war klar. Sie kannte jede Klausel.

Seine Finger glitten über ihre Hüfte, langsam, mit beunruhigender Präzision, und überall, wo sie sie berührten, hinterließen sie ein Frösteln, das sich unter ihrer Haut ausbreitete wie eine unkontrollierbare Nervenwelle. Er folgte den Konturen ihres Beckens mit bedachter Langsamkeit, erkundete jede Kurve. Sie sah nichts, aber sie spürte alles. Das leichte Rascheln seiner Hose an ihrem nackten Oberschenkel. Die trockene, leicht raue Haut seiner Finger, die einen Kontrast bildete zur Weichheit ihrer eigenen Rundungen.

Der Druck seiner Handfläche verstärkte sich, wanderte hinab zu ihrem Unterleib und hielt dann kurz vor dem Intimsten inne, als wollte er sie in einem Zustand fieberhafter Erwartung halten. Einer Erwartung, die fast schmerzhaft wurde.

Sie durfte ihn nicht berühren. Das war die Regel. Aber ihre Finger verkrampften sich dennoch unwillkürlich, krallten sich in die Laken. Sie wollte jede seiner Gesten erwidern. Ihm den Atem rauben. Ihn in sich verankern. Aber das war ihr nicht erlaubt. Seine Handfläche presste sich gegen ihren eigenen Oberschenkel, ihre Kehle, diese unerträgliche Leere zwischen ihren Beinen. Dort, wo er noch nicht war. Dort, wo sie ihn bereits wollte.

Er beugte sich weiter vor, seine Brust streifte kaum ihre Brüste, sein Mund senkte sich langsam, hinterhältig. Als er die Innenseite ihres Oberschenkels streifte, erstickte sie ein Stöhnen, rau, zu ungefiltert, um vorgetäuscht zu sein. Ihre Hüften zuckten in einem unkontrollierbaren Aufbäumen.

Er hielt inne. Als wolle er sie verstehen lassen, dass er das Tempo bestimmte. Dass sie nur ein zu eroberndes Terrain war. Er versuchte nicht, ihr Lust zu bereiten. Er erforschte sie. Sezierte sie. Er herrschte über sie.

Und heute Abend… heute Abend war er weder sanft noch brutal. Er war präzise. Von einer beinahe grausamen Langsamkeit. Von einer animalischen Geduld. Als wolle er sie mit bloßen Händen sezieren.

Seine Finger glitten zwischen ihre leicht geöffneten Schenkel.

Ihr Becken hob sich gegen ihren Willen. Suchend. Rufend. Einfordernd, was noch auf sich warten ließ.

Er ließ seinen Mund langsam, verdammt langsam, zu ihren Lippen hinaufwandern. Aber er berührte sie nicht. Blieb dort, nah, keuchend, stumm.

Und dann drang er in sie ein. Nicht mit einem Stoß. Nicht mit einem Schrei. Sondern mit einer wilden Langsamkeit.

"Ah… ah… oh Gott… ja…"

Sie wölbte sich, keuchend, die Lippen zu einem stummen Stöhnen geöffnet, die Finger so fest verkrampft, dass sie sich in die Laken gruben. Unfähig, das aufsteigende Feuer zurückzuhalten. Dieses dichte, brennende, unkontrollierbare Aufsteigen. Das ihr die Kehle zuschnürte. Sie von allem entleerte. Außer von ihm. Er bewegte sich kaum. Gerade genug, dass sie es spürte. Gerade genug, dass sie mehr wollte.

Sie wollte ihn anflehen, aber das Wort blieb in ihrer Kehle stecken. Hier war kein Platz für Worte. Nur für Atemzüge, für Schauer, für Wellen.

Mit jeder Bewegung spürte sie, wie ihre Gedanken eine nach der anderen zerfielen. Ein berechnetes Hin und Her an der Grenze des Erträglichen.

"Mmmh… ah… mehr… hör nicht auf…"

Sie verlor den Boden unter den Füßen. Sie war nur noch Körper. Dargebotenes Fleisch. Gebrochener Atem. Zurückgehaltener Orgasmus.

Und in dieser Schwärze, die sie vor den Augen trug, in dieser feuchten Dunkelheit, vergaß sie alles. Ihren Vornamen. Ihre Geschichte. Den Vertrag. Die Zahlen.

Es blieb nur er übrig. Er, der Unbekannte. Er, den sie nie sehen würde. Er, dessen Gesicht sie nie kennen würde. Nicht einmal seine Stimme. Aber der jedes Mal eine tiefere, unauslöschlichere Spur in ihr hinterließ.

Als es vorbei war, blieb sie liegen. Keuchend. Nackt. Zitternd. Ausgeleert. Geschlagen. Ihr Bauch noch von Nachzuckungen verknotet. Ihre Scham pulsiert von seiner Abwesenheit. Ihre Beine geöffnet.

Sie lag immer noch da, die Binde vor den Augen. Sie hörte das Geräusch von fließendem Wasser aus dem Badezimmer.

Der Mann im Badezimmer hatte fertig geduscht und zog seine makellose Kleidung an.

Der Mann, nachdem er sich angezogen hatte, näherte sich der Tür. Ihr Herz schlug schneller. Zum ersten Mal wagte sie es, das Schweigen zu brechen.

Sie räusperte sich leicht, dann brach sie mit einer etwas zögerlichen Stimme endlich das Schweigen, das sie so lange umhüllt hatte.

"Herr… könnte ich diesen Monat achttausend Euro extra haben?"

Es war das erste Mal, dass sie es wagte, mit ihm zu sprechen. Bisher hatte sich ihre Beziehung auf stummen Austausch beschränkt, ein grausames Spiel, in dem sich ihre Blicke nie begegnet waren.

Keine Antwort. Kein einziges Wort.

Der Mann ging zur Tür, seine Silhouette steif im Morgengrauen. Er schloss sie hinter sich mit einem dumpfen Schlag, einem kurzen Geräusch, das Chantelle zusammenzucken ließ. Der Raum fiel sofort zurück in seine bedrückende Stille.

Sobald sie die Tür hinter ihm zuschlagen hörte, stieß Chantelle einen Seufzer der Erleichterung aus und zog die Binde rasch ab. Eine bittere Enttäuschung schnürte ihr die Kehle zu. Er hatte ihr nicht geantwortet.

Sie brauchte das Geld so dringend.

Am Vortag hatte der Arzt sie angerufen. Die tiefe, besorgte Stimme hatte ihr mitgeteilt, dass sich der Zustand ihrer Großmutter verschlechtert habe. Der Nierenkrebs, an dem sie litt, zeigte trotz aller bereits bezahlten Behandlungen, die über eine Million Euro gekostet hatten, neue beunruhigende Symptome.

Also hatte sie heute gewagt zu fragen, es einfach versucht.

Aber das Schweigen des Mannes hatte ihr das Herz gefroren.

Sie stand langsam auf und ging ins Badezimmer. Ohne wirklich nachzudenken, ließ sie ein heißes Bad einlaufen und hoffte, dass die Wärme für einen Moment das Gewicht auf ihrer Brust zum Verstummen bringen würde.

Sie war nicht glücklich mit dem, was sie tat. Als Kind hätte sie sich nie vorstellen können, ihren Körper zu verkaufen, ihre Würde gegen Geld einzutauschen. Aber das Leben, grausam und unerbittlich, hatte sie gelehrt, dass Träume manchmal unter dem Gewicht der Realität verblassen.

Seit sie fünf war, seit ihre Mutter an einer fulminanten Krankheit gestorben war, hatte sich alles verändert. Ihr Vater, schnell wiederverheiratet, hatte sie in eine Schattenrolle verbannt, eine Fremde unter den Ihren.

Ihre Großmutter hatte trotz ihrer bescheidenen Mittel die Verantwortung übernommen, sie mit rauer, aber aufrichtiger Liebe großgezogen und erzogen.

Chantelle wuchs zwischen diesen beiden Welten auf, kannte kaum die Wärme des väterlichen Hauses, zog es vor, den kalten Blicken ihres Vaters und ihrer Stiefmutter auszuweichen.

Dann, vor einem Jahr, hatte die Krankheit erneut zugeschlagen: der Nierenkrebs ihrer Großmutter.

Die Ärzte hatten von einer Million Euro gesprochen, einer unerreichbaren Summe für sie allein.

Sie war zu ihrem Vater gegangen, um ihn anzuflehen, in der Hoffnung auf eine Geste, auf Hilfe.

Aber er hatte sie fortgeschickt, ohne einen Blick.

„Das ist nicht meine Mutter, warum sollte ich Geld für sie ausgeben?“ hatte er verächtlich gespuckt.

Nach der brutalen Ablehnung ihres Vaters stand Chantelle mit dem Rücken zur Wand. Es blieb ihr keine Option, keine Unterstützung mehr. Also, gebrochen aber entschlossen, traf sie eine Entscheidung, die sie niemals für möglich gehalten hätte: Sie begab sich in einen exklusiven Club, in dem Körper und Schweigen gehandelt wurden.

Noch bevor sie eintrat, zitterten ihre Beine. Aber sie hatte den Luxus des Zögerns nicht mehr. Ihre Großmutter starb.

Und dort stieß sie auf ein Angebot… ein gewaltiges. Unerwartetes. Erschütterndes.

Ein Vertrag über eine Million Euro, im Austausch gegen hundert Nächte mit einem Mann. Hundert Nächte der Intimität, der Unterwerfung… mit einem Unbekannten. Sie würde niemals seinen Namen, sein Gesicht oder seine wahre Identität erfahren. Ein Vertrag, geschnitzt aus Geheimnissen, unterzeichnet im Verborgenen.

Ein Detail stand außer Frage: Dieser Mann war immens reich. Denn kein Armer hätte eine solche Summe zahlen können oder wollen, um Nächte im Schatten zu kaufen.

Sie hatte unterschrieben. Ohne Fragen zu stellen. Ohne die Klauseln zweimal zu lesen. Sie hatte zu große Angst, dass das Angebot zurückgezogen würde, wenn sie zögerte.

Die wesentliche Bedingung des Vertrags war streng: Sie durfte den Mann niemals sehen. Bei jeder der hundert Nächte würde sie in eine Präsidentensuite gebracht werden. Sie würde eine Augenbinde tragen, und sie hätte nur eine Rolle: zu gehorchen. Sich zu unterwerfen. Für ihn da zu sein und keine Fragen zu stellen.

Der Mann war ihr Herr. Für hundert Tage.

Heute war das zwölfte Treffen. Und obwohl sie gelernt hatte, ihre Angst zu beherrschen, gewöhnte sie sich nie ganz daran.

Aber sie hielt durch. Denn bei jeder Überweisung sparte sie eifersüchtig. Jeden Cent. Sie zählte, sie notierte. Für ihre Großmutter, für diejenige, die alles für sie geopfert hatte.

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