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Kapitel 2

Author: Glamor Pig
Ich rief Orion an.

Der Anruf wurde angenommen.

„Orion, wir sind bereits geschie—“

„Entschuldigung, ich bin nicht Orion.“

Es war Natalie.

„Wer sind Sie?“

„Ich bin eine Freundin von Orion.“

Ich schwieg einige Sekunden.

„Müssen Sie etwas mit ihm besprechen? Er hat die ganze Nacht gepackt und noch nicht geschlafen.

Wenn Sie etwas sagen möchten, können Sie es mir ausrichten.“

Ich lachte leise und bitter auf.

Gerade wollte ich auflegen, als ich am anderen Ende Orions Stimme hörte.

„Wer ist da?“

„Es klingt wie ... deine Frau.“

Orion nahm das Handy.

„Yvette, was ist los?“

„Wer ist sie?“

Langes Schweigen.

„Eine Freundin.“

„Nur eine Freundin?“

„Nur eine Freundin. Interpretier nicht zu viel hinein.“

„Kommt ihr gemeinsam zurück?“

„Ja. Ihr geht es nicht gut. Ich bin Arzt und kann mich um sie kümmern.“

Im Hintergrund war schwach eine Durchsage vom Flughafen zu hören.

„Ach ja, du magst doch Blumen, oder?

Ich bringe dir ein paar Setzlinge mit.“

Dann legte er auf.

Ich ging auf den Balkon.

Der Blumentopf stand noch immer im Regal. Die Erde darin war längst trocken und rissig.

Ein Windstoß wirbelte Staub auf.

Diese Erde eignete sich nicht mehr zum Pflanzen.

Mein Handy leuchtete auf. Orion.

Nur vier Worte:

[Boarding. Bitte nicht stören.]

Diese Nachricht hatte er mir 356-mal geschickt.

Jedes Mal, wenn er sich nicht mit mir befassen wollte, kam genau derselbe Satz.

Als Natalie operiert wurde, war es so gewesen.

Diesmal war es nicht anders.

Leise sagte ich:

„Von jetzt an nicht mehr.“

Um zehn Uhr morgens kam Orion zurück.

Sein Haar war kürzer. Unter seinen Augen lagen schwache Schatten. Er sah noch immer so sanft aus wie früher.

Für einige Sekunden erstarrte ich.

Er lachte leise und zog mich locker in seine Arme.

„Drei Jahre, und du erkennst mich schon nicht mehr?“

„Doch.“

Er wuschelte mir durchs Haar.

„Du bist wirklich herzlos. Dabei habe ich dir sogar Blumensetzlinge mitgebracht.“

Es war ein gerader Stängel mit einigen grünen Blättern. Keine einzige Blüte.

Plötzlich ertönte ein dumpfer Schlag.

Ich blickte hinunter.

Eine weiße Medikamentendose lag auf dem Boden.

Omeprazol. Ein Magenmedikament.

„Deins?“

„Nein. Natalies.“

„Von deiner Freundin?“

„Ja.“

„Ist sie krank?“

„Ja. Ziemlich ernst sogar. Wenn die Schmerzen kommen, kann sie nichts essen.“

„Warum ist dann ihre Medizin bei dir?“

„Ich habe vermutlich die falsche Dose eingepackt.“

Schon wieder eine Lüge.

Orion zog mich zum Balkon.

„Lass uns nicht darüber reden. Komm, wir pflanzen die Blumen.“

Als er die rissige Erde sah, hielt er kurz inne.

„Kein Problem. Beim nächsten Mal bitte ich Natalie, etwas Erde mitzubringen.“

„Ist deine Mutter wieder gesund?“

„... Fast.“

„Wann hast du Zeit? Ich würde sie gern besuchen.“

Sein Griff um die Setzlinge wurde fester.

„Beim nächsten Mal.“

Wieder eine Lüge.

Ich sagte nichts.

Um acht Uhr abends rief das Pflegeheim an.

Es ging um Orions Großmutter Ruby Clark.

Nach dem Abendessen hatte Orion gesagt, er würde spazieren gehen. Noch immer war er nicht zurück.

„Yvette, Orion hat sein Handy hier vergessen. Komm es abholen.“

„Hat er dich gerade besucht?“

„Ja. Er hat auch eine Freundin mitgebracht.“

„Natalie?“

„Ja.“

„Kennst du sie?“

„Ich kannte sie schon, bevor ich dich kannte. Ich habe sie aufwachsen sehen.“

„Magst du sie?“

„Ja. Wen mein Enkel mag, den mag ich auch.“

Meine Nase begann zu brennen.

„Frau Young, wenn Sie sie mögen, dann soll sie Sie künftig öfter besuchen.“

„Nein!“

Ich erstarrte.

„Orion erlaubt das nicht. Die anstrengende Arbeit soll weiterhin bei dir bleiben.“

Meine Kehle zog sich zusammen. Lange brachte ich kein Wort heraus.

Doch sie war Orions Großmutter, nicht meine.

Drei Jahre lang hatte ich mich während unserer Ehe um Ruby gekümmert.

Als sie bewegungsunfähig im Bett lag, erledigte ich alles für sie.

Als sie bettlägerig war und Medikamente brauchte, blieb ich an ihrer Seite.

Dass sie später wieder klar sprechen konnte, lag daran, dass ich sie Schritt für Schritt gepflegt hatte.

Einmal hatte ich Orion angerufen und gebeten, zurückzukommen.

Er hatte nur gefragt:

„Hat sie nicht dich?“

Ein einziger Satz hatte genügt, damit ich Ruby wie meine eigene Großmutter behandelte.

Später zog Ruby in das Pflegeheim.

Orion rief mich sogar an, stellte mich zur Rede und gab mir die Schuld dafür.

Nach drei Jahren bekam ich als Dank nur zu hören, Orion würde es nicht erlauben.

„Frau Young, es ist spät. Sie sollten schlafen.“

„Gut. Morgen ist mein Geburtstag. Denk daran, Natalie zum Abendessen mitzubringen.“

Nach dem Gespräch war das Haus wieder still.

Um zehn Uhr abends kam Orion nach Hause.

„Deine Großmutter hat gesagt, du hättest dein Handy dort vergessen.“

Beim Schuhewechseln hielt er kurz inne.

„Du weißt es schon?“

„Sie war also auch dort?“

„Versteh das nicht falsch. Sie macht sich Sorgen um meine Großmutter, deshalb habe ich sie mitgenommen.“

„Sie nimmst du mit, mich aber nicht?“

„Du siehst sie doch ständig, oder?“

„Das ist etwas anderes.“

Überrascht sah er mich an.

„Was ist daran anders?“

„Es hat eine andere Bedeutung.“

Ich war von allein dort erschienen.

Natalie hatte er persönlich hingebracht.

Das war nicht dasselbe.

„Schon gut, schon gut. Lass uns nicht streiten, ja? Von jetzt an höre ich auf dich.“

Er sah resigniert aus, als hätte ich in allem das letzte Wort.

Während der drei Jahre unserer Trennung hatte er diesen Satz ständig wiederholt.

Wenn etwas Neues für die Wohnung gekauft werden musste, entschied ich.

Wenn es um Rubys Krankheit ging, entschied ich.

Sogar bei dem Ehering, den er nie trug, entschied ich.

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