LOGINEr legt seine Stirn an meine. Unsere Atemzüge vermischen sich, unsere Herzen schlagen zu schnell, unsere Körper suchen einander, ohne sich wirklich zu berühren zu wagen. Das Wasser hat längst aufgehört zu fließen. Das Badezimmer ist kalt, still, schwebend in einem Augenblick, der der Anfang oder das Ende sein könnte.»Ich gehe ins Bett«, sage ich.»Einverstanden.«»Kommst du?«»Gleich.«Ich stehe auf, verlasse das Badezimmer. Im Flur halte ich inne, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Meine Beine zittern, meine Hände zittern, mein ganzer Körper zittert vor all dem, was ich nicht gesagt habe, vor all dem, was ich zurückgehalten habe, vor all dem, was noch kommen wird.Hinter mir höre ich, wie das Wasser wieder zu fließen beginnt. Er wäscht sich. Er bereitet sich darauf vor, zu mir zu kommen. Er versucht, auch er, die Kraft zu finden, der Nacht entgegenzutreten.Ich gehe zurück ins Schlafzimmer, lege mich auf das Bett. Die Laken sind kalt, die Stille ist schwer, die Abwesenheit ist eine
Ich entferne die Kompresse. Die Blutung hat aufgehört. Die Wunde ist sauber, klar, wie eine Narbe, die noch keine Zeit gehabt hat, sich zu bilden. Ich nehme die Salbe, trage sie in einer dünnen Schicht auf, meine Finger folgen den Konturen seiner Wirbelsäule, seiner Schulterblätter, dieser Muskeln, die so viel Gewalt getragen haben.»Wirst du mir wieder einen Brief hinterlassen?«, fragt er.»Ich weiß es nicht.«»Wirst du gehen, ohne dich zu verabschieden?«»Vielleicht.«»Wirst du mich verlassen?«»Ich weiß es nicht, Diego. Wirklich. Ich weiß es nicht.«Seine Hand hebt sich, greift nach meiner. Seine Finger sind warm, zitternd, aber sein Griff ist fest. Er dreht sich nicht um. Er sucht nicht meinen Blick. Er hält meine Hand gegen seine Schulter, gegen seine noch feuchte Haut, gegen die Narben, die niemals heilen werden.»Geh heute Nacht nicht«, sagt er.»Einverstanden.«»Geh morgen auch nicht.«»Einverstanden.«»Bleib, bis du sicher bist. In dem, was du willst. In dem, was du verdienst
Valentina Das Wasser läuft über seine Schultern, fein, warm, hartnäckig. Das Badezimmer liegt in einem Halbdunkel, das ich gewollt habe, das ich gewählt habe, weil das grelle Licht zu viel offenbaren würde. Zu viele Narben. Zu viele Schwächen. Zu viel von dem, was wir geworden sind. Diego sitzt auf dem Holzhocker, den Rücken mir zugewandt. Seine Hände hängen zwischen seinen Knien, reglos. Er sagt nichts. Er hat nichts gesagt, seit ich ihn aus dem Bett gezogen, ihn ins Badezimmer geschoben, die Wasserhähne aufgedreht habe. Seine Narben glänzen unter dem Wasser. Die Verbrennungen sind verheilt und haben eine neue, rosafarbene, empfindliche Haut hinterlassen. Aber um diese kümmere ich mich heute nicht. Es sind die neuen. Die er von seiner Nacht draußen mitgebracht hat, von seinem wilden Lauf durch Mexiko-Stadt, von seinem Zusammenbruch. Glassplitter. Kleine, eingebettet in seinen Rücken, dort, wo er gegen eine Schaufensterscheibe gestoßen ist, wo er gegen ein Fenster geschlagen hat,
Die Straßen ziehen vorbei, die Gebäude weichen Häusern, dann Feldern, dann unbefestigten Wegen. Die Landschaft ist trocken, karg, verlassen. Das Haus erscheint am Ende des Weges, weiß, isoliert, still.„Was ist das für ein Ort?"„Dort habe ich Valentina eingesperrt. Dort habe ich gelernt, was Gewalt ist. Dort habe ich verstanden, dass ich besser sein kann."„Warum bringst du mich hierher?"„Weil du hier bleiben wirst."Sie erbleicht. Ihre Hände verkrampfen sich auf ihren Knien, ihre Augen weiten sich, ihr Mund öffnet sich.„Du bist verrückt."„Nein. Ich bin nur müde. Müde von deinen Lügen. Müde von deiner Gewalt. Müde von deinem Wahnsinn."Ich parke das Auto, steige aus, öffne ihre Tür. Sie bewegt sich nicht, ihre Augen auf das Haus gerichtet, auf die geschlossenen Fenster, auf die weißen Wände, die in der Sonne glänzen.„Steig aus."„Nein."„Steig aus, Chiara. Oder ich hole
DiegoDie Sonne geht über Mexiko-Stadt auf. Die ersten Lichter des Tages durchdringen die Vorhänge des Schlafzimmers, zeichnen Schatten an die Wand, wecken langsam die Stadt. Valentina schläft noch, ihr Haar auf dem Kissen ausgebreitet, ihre Lippen leicht geöffnet, ihr Atem langsam und friedlich. Sie ist schön. Sie ist lebendig. Sie ist mein.Ich sollte glücklich sein. Ich sollte diese Ruhe genießen, diesen Frieden, dieses Glück, das wir gewonnen haben. Aber ich kann nicht. Etwas zieht mich, ruft mich, treibt mich zu etwas, das ich nicht ganz verstehe.Ich stehe leise auf, um sie nicht zu wecken. Meine nackten Füße auf dem kalten Parkett, meine Hände suchen meine Kleider, meine Augen meiden ihr Spiegelbild. Ich will mich nicht sehen. Ich will nicht sehen, was ich geworden bin.Im Badezimmer lasse ich Wasser über mein Gesicht, meine Hände, meine Narben laufen. Das Wasser ist kalt, es weckt mich, es erinnert mich daran, dass ich lebe, dass
„Man lernt nie, ohne die zu leben, die man liebt. Man lebt. Das ist alles. Man geht weiter. Man versucht es. Man baut sich wieder auf."„Und du, hast du dich wieder aufgebaut?"„Ich versuche es. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute."„Und genügt das?"„Im Moment ja. Im Moment genügt es."Ich knie mich vor sie, meine Hände auf ihren Schultern, meine Augen in ihren.„Es muss aufhören, Chiara. Du musst diesen Krieg beenden. Du musst mich leben lassen. Du musst dich leben lassen."„Ich kann nicht."„Du musst. Für dich. Für mich. Für alle."„Und wenn ich mich weigere?"„Dann werde ich dich zerstören. Nicht mit Gewalt. Nicht mit Hass. Mit der Wahrheit. Mit allem, was Valentina entdeckt hat. Mit allem, was ich über dich weiß, über deine Familie, über deine Verbrechen. Ich werde dich zu Fall bringen, Chiara. Ich werde dich tiefer als den Boden zu Fall bringen. Und wenn du am Boden bist, wenn d
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia
GiuliaDie Tür meiner Wohnung schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken, einem endgültigen Geräusch, das die Dichtigkeit der Welt besiegelt. Hier gibt es keinen Lorenzo Conti mehr. Keine strahlende Chiara. Kein Büro, keine Zahlen, keine von Hass erfüllten Blicke. Es gibt nur die Stille. Ei
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m







