LOGINChiara Ich stehe vor Diegos Haus, die Fäuste geballt, die Wut brennt in meinen Adern. Rosa hat mir alles erzählt. Die gescheiterte Flucht. Die Straßensperre. Der Kofferraum. Die Kette. Und jetzt sind sie da oben und lieben sich, während ich, seine rechtmäßige Ehefrau, allein an meiner Wut kaue. Ich verschaffe mir gewaltsam Zutritt, meine Absätze klackern auf dem Marmor. Ein Diener versucht mich aufzuhalten, ich ohrfeige ihn. „Wo ist er?" „Señora Chiara, ich bitte Sie..." „WO IST ER?" „Schlafzimmer, Señora. Aber..." Ich eile die Treppe hinauf, stoße die Schlafzimmertür auf. Die Szene lässt mich erstarren. Valentina liegt nackt in den Laken, der Körper übersät von blauen Flecken, Bissen, Narben. Diego ist neben ihr, verschlungen, schlafend. Sie wirken wie zwei gefallene Engel, schön, gebrochen, vereint. „SCHLAMPE!"
Valentina Das Morgenlicht fällt durch die Vorhänge und zeichnet Gitter aus Licht auf den Boden. Ich liege immer noch da, an das Bett gekettet, mein Knöchel vom Metall wundgescheuert. Die Nacht war lang, bevölkert von Albträumen und jähem Erwachen. Die Tür öffnet sich. Diego kommt herein, ein Tablett in den Händen. Obst, Brot, Kaffee. Er stellt es auf den Nachttisch, setzt sich auf die Bettkante. „Iss." „Ich habe keinen Hunger." „Iss." Er nimmt eine Erdbeere, führt sie an meine Lippen. Ich wende den Kopf ab. „Valentina. Iss." „Warum tust du das? Warum zwingst du mich?" „Weil ich dich liebe." „Das nennst du Liebe? Mich anketten? Mich in einen Kofferraum werfen?" Er legt die Erdbeere hin, sieht mich lange an. „Ich weiß nicht, wie man anders liebt. Niemand hat es mir beigebracht."
Valentina22 Uhr. Der Busbahnhof Nord wimmelt von Menschen, Lärm, Gerüchen. Familien, die auf Bänken zusammengedrängt sitzen, fliegende Händler, die ihre Waren anpreisen, Kinder, die zwischen den Beinen der Erwachsenen umherrennen. Ich verschmelze mit der Menge, meine Tasche fest an die Brust gedrückt, die 6000 Euro in einem Gürtel unter meinem Kleid versteckt.Der Schleuser heißt Javier. Er wartet am Steig 7 auf mich, ein kleiner, untersetzter Mann, das Gesicht von der Straße gezeichnet. Er rauchte, an einen Pfeiler gelehnt.„Valentina?"„Ja."„Hast du das Geld?"„Die Hälfte jetzt. Die andere bei der Ankunft."Er nickt, wirft seine Kippe weg.„Der Bus fährt in 20 Minuten. Ziel Oaxaca. Von dort nimmst du einen anderen Bus nach Chiapas. Niemand wird dich dort suchen."„Und der Süden? Guatemala?"„Nach Chiapas sehen wir weiter. Erst bringen wir dich aus Mexiko-Stadt raus."Ich
DiegoDie Nacht ist über Mexiko-Stadt hereingebrochen wie ein bleierner Deckel. Ich sitze in meinem Wagen, geparkt vor Chiaras Gebäude, der Motor läuft im Leerlauf, meine Finger umklammern das Lenkrad so fest, dass meine Knöchel weiß hervortreten.Valentina wartet zu Hause auf mich. Sie hat mir versprochen, dass sie von ihrem Treffen mit dem Schleuser zurückkommen würde. Sie hat mir versprochen, dass sie sich entscheiden würde. Und ich Idiot habe ihr geglaubt.Mein Telefon vibriert. Chiara.„Du bist unten, Diego. Ich sehe dich. Komm hoch."Sie hat überall Kameras, natürlich. Ich stelle den Motor ab, trete hinaus in die feuchte Nachtluft. Der Aufzug bringt mich in ihre Etage, die Tür öffnet sich zu ihrer Wohnung, die in Kerzenlicht getaucht ist, in schleppende Musik, in diesen Jasmin-Duft, von dem sie weiß, dass ich ihn verabscheue.Sie ist da, gekleidet in schwarze Spitze, ihr Haar offen, ihre Lippen rot wie Blut.
Diego Das Morgenlicht ist grau, krank, wie meine Seele. Ich sitze in meinem Büro, die GPS-Aufzeichnungen vor mir ausgebreitet, Rosas Bericht, die Fotos der Galerie, die Nummer des Schleusers, die meine Männer abgefangen haben. Sie ist gestern Abend in die Lagerhalle gegangen. Lucien hat sie hingebracht. Käufer. Geld. Und dieser Typ, dieser Enrico, der ihr 5000 Euro angeboten hat, um ihren nackten Körper zu malen. Die Wut steigt auf, brodelnd, aber darunter diese Traurigkeit, die mich nicht mehr loslässt. Die Tür öffnet sich. Valentina tritt ein, gekleidet in ein leichtes Kleid, ihr Haar offen über die Schultern fallend. „Du hast mich gerufen?" „Ja. Schließ die Tür." Sie gehorcht, tritt vor. Ich stehe auf, gehe um den Schreibtisch herum, setze mich auf die Kante. Sie bleibt vor mir stehen, wartet. „Knie hin." Ihr Blick weitet sich. „Was?" „Knie hin. Sofort." Sie zögert eine Sekunde, dann kniet sie sich auf den Teppich. Ihre Augen zu mir erhoben, dieses Funkeln von Trotz, v
Valentina Die Nacht ist über Mexiko-Stadt hereingebrochen, als Lucien mich abholt. Diego ist ausgegangen, gerufen von Chiara, schon wieder sie, immer sie, und ich habe eine Nachricht erhalten: "Heute Abend. Der Keller. Große Käufer. Komm allein." Ich ziehe ein schwarzes Kleid an, schlicht, elegant, das, welches Diego mir geschenkt hat und das ich nie getragen habe. Im Spiegel wirft mir mein Spiegelbild das Bild einer Frau zurück, die ich kaum noch wiedererkenne – härter, entschlossener, die Augen umringt von Schatten, aber glänzend von einem neuen Feuer. Lucien erwartet mich in einer dunklen Straße, an sein Auto gelehnt. Er rauchte, das Glimmen seiner Zigarette tanzte in der Dunkelheit. „Valentina." „Lucien." Er öffnet die Wagentür, ich steige ein. Das Auto fährt los, wir verschlucken die Straßen von Mexiko-Stadt, ihre Lichter, ihre Schatten, ihre Gefahren. Wir halten vor einer stillgelegten Lagerhalle, in einem Viertel, das ich nicht kenne. „Hier?" „Hier." Das Innere ist ei
GiuliaIch löse mich von der Wand und eile mit schnellen Schritten davon, flüchte mich in die Toiletten. Ich schließe mich in einer Kabine ein, das Herz rast. Ich presse meine Handflächen gegen meine Augen, um die drohenden Tränen zurückzuhalten. Sie dürfen hier nicht fließen. Nicht in seinem Gebäu
GiuliaDer Regen schlägt gegen die Fenster des Großraumbüros wie eine unaufhörliche Mahnung. Jeder Tropfen scheint dasselbe Wort zu skandieren: warum, warum, warum. Ich starre auf meinen Computerbildschirm, die Zahlen tanzen vor meinen Augen, ohne dass mein Gehirn sie erfassen kann. Meine Welt best
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia







