LOGINDie Flure ziehen vorbei, die Meistergemälde, die kostbaren Wandteppiche, die Duftkerzen. Der protzige Reichtum eines Mannes, der will, dass die Welt weiß, wie mächtig er ist. Humbertos Zimmer liegt am Ende eines langen Korridors, hinter einer massiven geschnitzten Holztür. Der Wächter klopft dreimal, eine tiefe Stimme antwortet, einzutreten. Die Tür öffnet sich. Das Zimmer ist riesig, noch größer als meines. Ein Himmelbett thront in der Mitte, seine Laken aus schwarzer Seide, seine Kissen zahlreich und prall. Duftkerzen brennen auf den Kommoden, verbreiten einen süßen Geruch von Vanille und Moschus. Spiegel bedecken die Wände, reflektieren das Licht der Flammen ins Unendliche. Humberto steht am Fenster, ein Glas Whisky in der Hand. Er hat mir den Rücken zugewandt, betrachtet den in Dunkelheit getauchten Innenhof. Seine massige Silhouette zeichnet sich gegen den Nachthimmel ab, imposant, bedrohlich.
Ich verstehe.Die Botschaft ist klar, eindeutig, unmissverständlich. Ich bin keine Gast, keine Gerettete, die man aus Güte beschützt. Ich bin eine Investition. Eine Schuld, die ich zurückzahlen muss. Ein Werkzeug, das man gekauft hat und das nun seinen Nutzen beweisen muss.Ich schließe die Augen. Meine Lider sind schwer, meine Wimpern verklebt von den Tränen, die ich nicht vergossen habe. In der Dunkelheit sehe ich Diego. Nicht das Monster des Kellers, nicht den Kerkermeister, nicht den Feind. Den Mann von früher. Den, der mich berührte, als wäre ich heilig. Den, der mich küsste, als wäre ich die einzige Frau auf der Welt. Den, der mich mit Augen voller wahnsinniger, verheerender Liebe ansah.Er ist tot. Dieser Mann ist tot, wenn er je existiert hat. Es bleibt nur das Monster. Und das Monster hat mich in einen Keller geworfen, mich wie ein Tier angekettet, mich mit verschimmeltem Brot und Hass gefüttert.Humberto ist nicht anders. Viell
ChiaraWie viele Tage sind vergangen? Ich weiß es nicht. Sieben, vielleicht. Zehn. Zwei Wochen. Die Zeit hat keinen Sinn mehr in diesem Zimmer mit den Samtvorhängen, in diesem Himmelbett, in diesem goldenen Käfig, der dem so ähnelt, den ich gerade verlassen habe.Die Dienerin kommt weiterhin, dreimal am Tag, mit ihren Tabletts voller Essen, die ich nicht anrühre. Sie hat aufgehört, zu versuchen, mich zum Sprechen zu bringen. Sie begnügt sich damit, sich an den Bettrand zu setzen, meine Hand zu nehmen, dort in Stille zu bleiben. Ihre Anwesenheit ist ein Anker, ein fester Punkt in dem Nebel, der meinen Geist umgibt.Heute ist sie nicht gekommen.Stattdessen öffnet sich die Tür für einen Mann, den ich noch nie gesehen habe. Groß, massiv, das Gesicht von Sonne und Wind gegerbt. Kurz geschnittenes graues Haar, ein dichter Schnurrbart, durchdringende schwarze Augen, die durch mich hindurchzusehen scheinen. Er trägt einen dunklen, perfekt geschnittenen Anzug, der mit seinen großen, schwielig
Die Zeit vergeht. Ich weiß nicht, wie viel. Die Minuten, die Stunden, die Tage verschmelzen miteinander, undeutlich, ohne Geschmack, ohne Farbe. Das Licht ändert sich hinter den Samtvorhängen, wechselt von strahlendem Weiß zu Gold, von Gold zu Orange, von Orange zu Schwarz. Und dann kommt es wieder, weiß aufs Neue, und der Zyklus beginnt von vorn.Eine Dienerin kommt. Eine ältere Frau, das Gesicht runzlig, die Augen traurig. Sie trägt ein Tablett mit Essen: frisches Brot, Käse, geschnittenes Obst, ein Glas frisches Wasser. Sie stellt es auf den Nachttisch, sieht mich mit einer Art mütterlichem Mitleid an.— Essen Sie, Kleine. Sie müssen wieder zu Kräften kommen.Ich antworte nicht. Ich bewege mich nicht. Meine Augen bleiben auf die Fresken der Decke gerichtet, auf die Engel und Dämonen, die für die Ewigkeit kämpfen.Die Dienerin seufzt, schüttelt den Kopf, geht. Das Tablett bleibt dort, unberührt. Der Geruch von frischem Brot schwebt im Zimmer, süß, tröstlich, fremd.Ich habe keinen H
Chiara Das Haus der Sinaloa ist ein Palast. Das ist das Erste, was ich denke, als man mich aus dem Auto holt, als man mich durch die massiven geschnitzten Holztüren führt, als man mich durch endlose Flure geleitet, die mit Meistergemälden und persischen Teppichen geschmückt sind. Ein Palast. Größer als Diegos Anwesen, protziger, überladen mit Gold und Marmor und schamlos zur Schau gestelltem Reichtum. Humberto Sinaloa ist ein Mann, der will, dass die Welt weiß, wie mächtig er ist. Jedes Möbelstück, jede Nippesfigur, jeder Quadratzentimeter dieses Hauses schreit seinen Reichtum, seine Macht, seine Herrschaft hinaus. Es ist mir egal. Das Gold ist mir egal, der Marmor ist mir egal, die Meistergemälde sind mir egal. Ich durchquere diese Flure wie ein Geist einen Friedhof durchquert, ohne zu sehen, ohne zu hören, ohne zu fühlen. Meine nackten Füße auf den persischen Teppichen, meine verbundenen Handgelenke fest an meine Brust gedrückt, meine leeren Augen auf einen unsichtbaren Punkt
Valentina.Der Name schwebt in meiner Erinnerung wie ein Geist. Valentina. Die Frau von Diego. Diejenige, die er liebt. Diejenige, die er einsperrt. Diejenige, die er zerstört, wie er mich zerstört hat.Sie ist gegangen. Ich weiß es. Ich habe es im Gemurmel der Wachen gehört, in den Schreien von Diego, in der plötzlichen Stille, die auf ihren Weggang folgte. Sie ist gegangen, und er ist losgezogen, um sie zu suchen. Zum Bahnhof.Er ist nicht da. Er ist am Bahnhof und fleht eine Frau an, die ihn nicht mehr liebt, zurückzukommen. Er ist auf den Knien, weint, verliert.Und währenddessen verlasse ich meinen Käfig.Die Ironie ist so perfekt, dass sie schmerzhaft ist.Ich steige die letzten Stufen hinauf. Das Tageslicht explodiert mir ins Gesicht, so hell, dass ich die Augen schließen muss. Ich spüre die Wärme der Sonne auf meiner Haut, den Wind auf meinem Gesicht, den Geruch von Gras und Blumen. Ich atme. Zum ersten Mal seit eine
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia
GiuliaDie Tür meiner Wohnung schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken, einem endgültigen Geräusch, das die Dichtigkeit der Welt besiegelt. Hier gibt es keinen Lorenzo Conti mehr. Keine strahlende Chiara. Kein Büro, keine Zahlen, keine von Hass erfüllten Blicke. Es gibt nur die Stille. Ei
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m







