MasukDie Männer kommen, ziehen sich zurück, kleiden sich wieder an. Sie tauschen zufriedene Blicke aus, komplizenhaftes Lächeln, anzügliche Kommentare, die ich nicht höre. Sie verlassen das Zimmer, gesättigt, stolz auf sich, unwissend über das, was wirklich in meinem Inneren vor sich geht. Humberto bleibt in seinem Sessel, sein Glas Whisky in der Hand. Seine schwarzen Augen betrachten mich, undurchdringlich. — Du kannst gehen. Ich stehe auf. Mein Körper ist wund, beschmutzt, fremd. Ich hebe meine Kleider auf, ziehe mich an, ohne mich zu beeilen, meine Bewegungen langsam, präzise, kontrolliert. — Chiara. Seine Stimme hält mich an der Schwelle auf. Ich drehe mich um, meine Augen treffen seine. — Du sagst nichts. Du beschwerst dich nicht. Du weinst nicht. Warum? Seine Frage ist aufrichtig, fast neugierig. Er versteht nicht. Er kann nicht verstehen. Für ihn bin ich eine zerbrochene
Jede Umarmung mit Diego, jeder Kuss, jeder Moment der Leidenschaft wird zu einer Waffe. Eine Waffe, die ich gegen ihn wende, gegen mich, gegen das, was wir waren. Ich nehme diese kostbaren Erinnerungen, diese Momente gestohlenen Glücks, und ich vergifte sie. Ich tauche sie in Hass, in Schmerz, in die Demütigung des Kellers. Um sie nie wieder zu lieben. Um ihn nie wieder zu lieben. Humberto grunzt über mir, sein Körper spannt sich an, seine Finger graben sich in meine Hüften. Er kommt schweigend, zieht sich zurück, erhebt sich. Die Matratze hebt sich, erleichtert von seinem Gewicht. — Du kannst gehen. Seine Stimme ist kalt, distanziert, als wäre nichts geschehen. Als wäre ich nur eine Funktion, die er gerade erfüllt hat, eine erledigte Aufgabe, ein abgehaktes Kästchen. Ich stehe auf. Meine Beine zittern, mein Körper ist wund, mein Geist ist leer. Ich hebe mein Nachthemd auf, ziehe es an, g
Die Flure ziehen vorbei, die Meistergemälde, die kostbaren Wandteppiche, die Duftkerzen. Der protzige Reichtum eines Mannes, der will, dass die Welt weiß, wie mächtig er ist. Humbertos Zimmer liegt am Ende eines langen Korridors, hinter einer massiven geschnitzten Holztür. Der Wächter klopft dreimal, eine tiefe Stimme antwortet, einzutreten. Die Tür öffnet sich. Das Zimmer ist riesig, noch größer als meines. Ein Himmelbett thront in der Mitte, seine Laken aus schwarzer Seide, seine Kissen zahlreich und prall. Duftkerzen brennen auf den Kommoden, verbreiten einen süßen Geruch von Vanille und Moschus. Spiegel bedecken die Wände, reflektieren das Licht der Flammen ins Unendliche. Humberto steht am Fenster, ein Glas Whisky in der Hand. Er hat mir den Rücken zugewandt, betrachtet den in Dunkelheit getauchten Innenhof. Seine massige Silhouette zeichnet sich gegen den Nachthimmel ab, imposant, bedrohlich.
Ich verstehe.Die Botschaft ist klar, eindeutig, unmissverständlich. Ich bin keine Gast, keine Gerettete, die man aus Güte beschützt. Ich bin eine Investition. Eine Schuld, die ich zurückzahlen muss. Ein Werkzeug, das man gekauft hat und das nun seinen Nutzen beweisen muss.Ich schließe die Augen. Meine Lider sind schwer, meine Wimpern verklebt von den Tränen, die ich nicht vergossen habe. In der Dunkelheit sehe ich Diego. Nicht das Monster des Kellers, nicht den Kerkermeister, nicht den Feind. Den Mann von früher. Den, der mich berührte, als wäre ich heilig. Den, der mich küsste, als wäre ich die einzige Frau auf der Welt. Den, der mich mit Augen voller wahnsinniger, verheerender Liebe ansah.Er ist tot. Dieser Mann ist tot, wenn er je existiert hat. Es bleibt nur das Monster. Und das Monster hat mich in einen Keller geworfen, mich wie ein Tier angekettet, mich mit verschimmeltem Brot und Hass gefüttert.Humberto ist nicht anders. Viell
ChiaraWie viele Tage sind vergangen? Ich weiß es nicht. Sieben, vielleicht. Zehn. Zwei Wochen. Die Zeit hat keinen Sinn mehr in diesem Zimmer mit den Samtvorhängen, in diesem Himmelbett, in diesem goldenen Käfig, der dem so ähnelt, den ich gerade verlassen habe.Die Dienerin kommt weiterhin, dreimal am Tag, mit ihren Tabletts voller Essen, die ich nicht anrühre. Sie hat aufgehört, zu versuchen, mich zum Sprechen zu bringen. Sie begnügt sich damit, sich an den Bettrand zu setzen, meine Hand zu nehmen, dort in Stille zu bleiben. Ihre Anwesenheit ist ein Anker, ein fester Punkt in dem Nebel, der meinen Geist umgibt.Heute ist sie nicht gekommen.Stattdessen öffnet sich die Tür für einen Mann, den ich noch nie gesehen habe. Groß, massiv, das Gesicht von Sonne und Wind gegerbt. Kurz geschnittenes graues Haar, ein dichter Schnurrbart, durchdringende schwarze Augen, die durch mich hindurchzusehen scheinen. Er trägt einen dunklen, perfekt geschnittenen Anzug, der mit seinen großen, schwielig
Die Zeit vergeht. Ich weiß nicht, wie viel. Die Minuten, die Stunden, die Tage verschmelzen miteinander, undeutlich, ohne Geschmack, ohne Farbe. Das Licht ändert sich hinter den Samtvorhängen, wechselt von strahlendem Weiß zu Gold, von Gold zu Orange, von Orange zu Schwarz. Und dann kommt es wieder, weiß aufs Neue, und der Zyklus beginnt von vorn.Eine Dienerin kommt. Eine ältere Frau, das Gesicht runzlig, die Augen traurig. Sie trägt ein Tablett mit Essen: frisches Brot, Käse, geschnittenes Obst, ein Glas frisches Wasser. Sie stellt es auf den Nachttisch, sieht mich mit einer Art mütterlichem Mitleid an.— Essen Sie, Kleine. Sie müssen wieder zu Kräften kommen.Ich antworte nicht. Ich bewege mich nicht. Meine Augen bleiben auf die Fresken der Decke gerichtet, auf die Engel und Dämonen, die für die Ewigkeit kämpfen.Die Dienerin seufzt, schüttelt den Kopf, geht. Das Tablett bleibt dort, unberührt. Der Geruch von frischem Brot schwebt im Zimmer, süß, tröstlich, fremd.Ich habe keinen H
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
GiuliaDie Tür meiner Wohnung schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken, einem endgültigen Geräusch, das die Dichtigkeit der Welt besiegelt. Hier gibt es keinen Lorenzo Conti mehr. Keine strahlende Chiara. Kein Büro, keine Zahlen, keine von Hass erfüllten Blicke. Es gibt nur die Stille. Ei
GiuliaDer Regen schlägt gegen die Fenster des Großraumbüros wie eine unaufhörliche Mahnung. Jeder Tropfen scheint dasselbe Wort zu skandieren: warum, warum, warum. Ich starre auf meinen Computerbildschirm, die Zahlen tanzen vor meinen Augen, ohne dass mein Gehirn sie erfassen kann. Meine Welt best







