MasukValentina Die Morgendämmerung findet mich noch wach. Ich sitze auf dem Boden der Werkstatt, den Rücken an die Wand gelehnt, die Leinwand an meine Brust gedrückt. Die Kerze ist seit langem erloschen, bis zum letzten Wachstropfen heruntergebrannt. Das graue Licht des frühen Morgens filtert durch die schlecht gefügten Bretter, erhellt schwach die Leinwände an den Wänden. Ich habe nicht geschlafen. Ich konnte nicht. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich ihn. Im Schatten der Tür, regungslos, schweigend. Seine glänzenden Augen, seine gebrochene Stimme, sein von Monaten der Verfolgung und des Leidens abgemagerter Körper. — Ich wollte dich nur sehen. Die Worte drehen sich in meinem Kopf, immer wieder. Er wollte mich nur sehen. Er hat das Land durchquert, sein Leben riskiert, seinen Feinden getrotzt, nur um mich zu sehen. Um zu wissen, o
Valentina Ich weiß nicht, wie lange ich so bleibe. Regungslos im Dunkeln, den Pinsel erhoben, die Augen auf die Tür gerichtet, durch die er verschwunden ist. Die Minuten vergehen, oder vielleicht die Stunden. Die Zeit hat keinen Sinn mehr. Nichts hat mehr Sinn. Er ist gekommen. Er ist hier, irgendwo in der Nacht, im Dorf, ganz nah. Er hat mich gefunden, er hat mich angeschaut, er hat mit mir gesprochen. — Ich wollte dich nur sehen. Seine Stimme hallt noch in meinem Kopf wider, rau, gebrochen, voll eines Schmerzes, der ein Echo meines eigenen ist. Seine Augen im Dunkeln, glänzend, unerträglich. Sein abgemagerter Körper, ausgehöhlt von Monaten der Verfolgung und Gewalt. Er hat gelitten. Ich habe es in jedem seiner Züge gesehen, in jeder seiner neuen Falten, in der Art, wie seine Schultern sanken, als unter einer immensen Last. Er hat gelitten, und es ist meine Schuld. Weil ich geg
Er ist schön. Furchtbar, gefährlich schön. Wie immer. Wie früher. — Diego. Sein Name ist ein Hauch auf meinen Lippen, kaum hörbar. Er reagiert nicht, bewegt sich nicht. Aber ich sehe seine Augen im Dunkeln aufleuchten, ein flüchtiger Schimmer, fast animalisch. — Ich wollte dich nur sehen. Seine Stimme ist rau, gebrochen, als hätte er seit Tagen nicht gesprochen. Sie durchquert den Raum, legt sich auf meine Haut, lässt mich erschauern. — Nur sehen. Er macht keine Bewegung auf mich zu. Er nähert sich nicht. Er bleibt dort, im Schatten der Tür, als gäbe es eine unsichtbare Linie, die er nicht überschreiten konnte. Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit, unterscheiden seine Züge besser. Die Schatten unter seinen Augen, die neuen Falten auf seiner Stirn, die Narbe auf seiner Wange, die nicht vollständig verheilt ist. Er hat gelitten. So sehr wie ich, vielleic
Ich bleibe auf der Straße, an die Mauer gegenüber gelehnt, die Augen zu ihrem Fenster erhoben. Ich sehe sie auf und ab gehen, ihren Korb ausleeren, ihre Sachen verstauen. Ich sehe sie sich auf ihr Bett setzen, ein Buch nehmen, ein paar Seiten lesen. Ich sehe sie aufstehen, ans Fenster treten, in die Nacht schauen. Unsere Blicke treffen sich fast. Ich stehe im Schatten, unsichtbar, aber sie scheint genau die Stelle zu fixieren, wo ich mich befinde. Ihre Augen sind plötzlich traurig, voll einer Melancholie, die ich bei ihr seit ihrer Ankunft hier nicht gesehen habe. Sie denkt an mich. Ich weiß es, ich spüre es. Etwas in ihr erinnert sich, etwas in ihr ist nicht vollständig geheilt, etwas in ihr gehört noch immer mir. Ich sollte glücklich über diesen Gedanken sein. Aber ich bin es nicht. Weil ich weiß, dass dieses Etwas die Wunde ist, die ich ihr zugefügt habe. Die Narbe, die nie verblassen wird. Das Gift, das ich in ihre Seele ge
Das Licht erlischt. Die Nacht verschlingt das Haus, das Dorf, die Welt. Endlich entferne ich mich, meine Schritte lautlos auf dem Pflaster. Ich kehre zum Strand zurück, zu den Felsen, wo ich mich verstecke, wo ich auf dem Sand schlafe, wo ich von ihr träume. Morgen werde ich ihr wieder folgen. Ich werde sie leben, lachen, glücklich sein sehen. Ich werde mich von diesen Bildern ernähren, von diesen Lächeln, die nicht für mich bestimmt sind, von diesem Glück, das ich ihr nicht geben kann. Und ich werde mich weiter hassen. Diego Die Tage vergehen, identisch und doch unerträglich. Jeden Morgen postiere ich mich im Schatten, warte darauf, dass sie aus Doña Elenas Haus kommt. Jeden Tag folge ich ihr, unsichtbar, schweigend, besessen. Der Mittwochsmarkt. Sie geht von Stand zu Stand, ihren Korb in der Hand, wählt Obst, Gemüse, frischen Fisch. Sie feilscht mit d
DiegoIch bin zurückgekehrt.Das Dorf ist dasselbe wie in meiner Erinnerung, weiß und blau unter der gleißenden Sonne. Die niedrigen Häuser mit den farbigen Fensterläden, die engen Gassen, die zum Meer hinabführen, die Fischerboote, die sanft im kleinen Hafen schaukeln. Das Leben fließt hier, langsam, friedlich, wie ein ruhiger Fluss, der die Stürme der Welt ignoriert.Ich bin ein Schatten unter Schatten, ein Geist, der beobachtet, ohne gesehen zu werden. Meine Kleidung ist die eines gewöhnlichen Reisenden, mein Gesicht ist unter einer abgenutzten Kappe verborgen, meine Augen hinter dunklen Brillen. Niemand schaut mich an. Niemand erkennt mich. Ich bin niemand mehr.Versteckt hinter der Ecke eines Hauses warte ich. Die Sonne steigt am Himmel empor, die Hitze wird intensiver, die Luft wird schwer von Salz und Leben. Die Dorfbewohner kommen und gehen, gleichgültig, beschäftigt mit ihren täglichen Aufgaben. Frauen, die die Schwelle ihrer Tü
GiuliaDie Tür meiner Wohnung schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken, einem endgültigen Geräusch, das die Dichtigkeit der Welt besiegelt. Hier gibt es keinen Lorenzo Conti mehr. Keine strahlende Chiara. Kein Büro, keine Zahlen, keine von Hass erfüllten Blicke. Es gibt nur die Stille. Ei
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia







