MasukSie schaut mich an. Ihre Augen sind voller Tränen, aber auch voller etwas anderem. Etwas, das wie Mitleid aussieht. Oder vielleicht wie Müdigkeit. Eine immense, unendliche Müdigkeit, die auf ihren Schultern lastet und ihre Züge vertieft.— Es ist nicht an mir, dir einen Grund zum Weitermachen zu geben, Diego. Du musst ihn in dir selbst finden. Du musst dich selbst retten. Ich kann das nicht für dich tun. Ich habe es versucht. Ich habe es so sehr versucht. Und ich hätte mich dabei fast selbst verloren.— Dann versuchen wir es zusammen. Fangen wir von vorne an. Vergessen wir alles, was passiert ist. Vergessen wir Chiara, vergessen wir die Rache, vergessen wir die Gewalt. Lass uns weit weg von hier gehen, wir beide. Lass uns ein neues Leben beginnen, an einem Ort, wo niemand uns kennt, wo niemand uns etwas antun kann.— Es sind nicht die anderen, die uns etwas antun, Diego. Wir sind es. Du bist es. Es ist das, was du bist.— Dann sag mir, was ic
DiegoDer Bahnsteig ist jetzt fast leer. Die Reisenden des nächsten Zuges warten, ihre Koffer zu ihren Füßen, ihre neugierigen Blicke auf mich gerichtet. Ich bewege mich nicht. Ich kann mich nicht bewegen. Meine Füße sind wie auf den Beton geschweißt, mein ganzer Körper ist in dieser absurden Position erstarrt, die Hand ausgestreckt nach einem Zug, der nicht mehr da ist.— Valentina.Ihr Name ist ein Murmeln, ein Hauch, ein Geisterwort, das in der verschmutzten Luft des Bahnhofs verhallt.Ich sehe sie noch. Ihr Gesicht durch das Glas, ihre roten Augen, ihre Lippen, die Worte formten, die ich nicht hörte. Ich sehe sie, als ob sie noch da wäre, als ob ich sie noch berühren könnte, als ob all das nur ein Albtraum wäre, aus dem ich aufwachen würde.Aber es ist kein Albtraum.Es ist die Realität. Die kälteste, härteste, unerträglichste Realität, die ich je gekannt habe.Meine Beine geben nach. Ich falle auf die Knie
Sie schaut mich an. Ich sehe ihre Augen durch den Nebel meiner eigenen Tränen. Ich sehe den Kampf, der in ihr tobt, die Zerrissenheit zwischen ihrer Liebe zu mir und ihrem Überlebensinstinkt, zwischen dem, was sie tun möchte, und dem, was sie tun muss.Und dann schüttelt sie den Kopf.Eine langsame Bewegung. Fast unmerklich. Aber die mich durchbohrt wie eine Klinge.— Ich kann nicht, Diego. Ich kann nicht mehr. Es tut mir leid. Es tut mir so leid.— Valentina...— Lass mich los. Bitte. Lass mich los.Ihre Finger legen sich auf meine, sanft. Sie versucht, meinen Griff zu lockern, ihr Handgelenk zu befreien, sich von mir zu befreien.Ich widerstehe. Ich will sie nicht loslassen. Ich kann sie nicht loslassen. Wenn ich sie loslasse, wird sie gehen. Wenn sie geht, werde ich sterben.— Valentina, ich liebe dich.— Ich weiß. Ich liebe dich auch. Deshalb muss ich gehen.— Das ist nicht logisch.— Liebe ist nicht logisch. Du und ich, wir waren nie logisch.Sie zieht stärker. Meine Finger gleit
Ihre Stimme ist rau, heiser von den Tränen, die sie die ganze Nacht zurückgehalten hat.— Diego, was machst du hier?— Ich bin gekommen, um dich zu holen.— Das hättest du nicht tun sollen.— Ich musste.Meine Finger schließen sich fester um ihr Handgelenk. Ich spüre ihren Puls, der unter meiner Handfläche schlägt, schnell, aufgeregt, wie ein gefangener Vogel.— Ich kann dich nicht gehen lassen, Valentina. Ich kann nicht.— Du musst.— Nein. Nein, ich muss nicht. Ich will nicht. Ich kann nicht.Sie schließt die Augen. Ihre Lider sind ebenfalls rot. Eine Träne entkommt, rollt über ihre Wange, läuft an ihrem Kiefer hinunter, fällt auf ihre Lederjacke, wo sie einen kleinen dunklen Fleck hinterlässt.— Diego, bitte. Mach es nicht noch schwerer.— Schwerer? Glaubst du, es kann schwerer sein als das? Glaubst du, ich kann mehr leiden als in diesem Moment?Sie öffnet die Augen wieder. Sie sind jetzt voller Tränen, überfließend, überflutet. Aber sie weint nicht. Nicht wirklich. Sie hält alles
DiegoDer Hauptbahnhof ist ein Monstrum aus Beton und Glas. Die metallenen Träger erheben sich zur Decke wie skelettartige Finger, die fahlen Neonlichter werfen ein Krankenhauslicht auf die müden Gesichter der Reisenden. Der Geruch von Diesel vermischt sich mit dem von billigem Kaffee und Schweiß. Hunderte von Menschen gehen, laufen, schleppen Koffer, drücken Kinder an sich, konsultieren ihre Telefone.Ich betrachte sie, ohne sie zu sehen.Meine Männer haben mich vor zwanzig Minuten angerufen. Sie haben ihre Spur gefunden. Eine Frau, die ihrer Beschreibung entspricht, hat eine Fahrkarte in den Süden gekauft. Schalter Nummer vier. Achtunddreißig Dollar. Sie war allein, eine kleine schwarze Tasche über der Schulter, die Augen rot.Meine Beine haben mich hierhergetragen, ohne dass ich es bemerkt habe. Ich erinnere mich nicht, gefahren zu sein. Ich erinnere mich nicht, gerannt zu sein. Ich erinnere mich an nichts, außer an dieses Bild in meinem Kopf, dieses Bild von ihr auf einem Bahnstei
Nichts als diese Leere, diese Abwesenheit, diesen Tod.— VALENTINA!Ihr Name hallt im leeren Zimmer wider. Er prallt von den Wänden ab, verliert sich in den Vorhängen, erlischt in der Stille.Niemand antwortet.Niemand kann antworten.Sie ist gegangen.Sie ist gegangen, und ich bin allein.Immer allein.Ich renne in den Flur. Meine nackten Füße auf dem Parkett, meine Hände, die gegen die Wände schlagen, meine Stimme, die ruft, die fleht, die weint.— VALENTINA! KOMM ZURÜCK! KOMM ZURÜCK, VERDAMMT NOCH MAL!Die Wachen kommen. Ihre Gesichter sind besorgt, ihre Hände sind an ihren Waffen, ihre Augen sind auf mich gerichtet. Sie schauen mich an, wie man einen Verrückten anschaut, wie man ein Tier anschaut, wie man einen Mann anschaut, der alles verloren hat.— Patron, was ist los?— SIE IST WEG! VALENTINA IST WEG! FINDET SIE! BRINGT SIE ZURÜCK! SOFORT!— Patron,
GiuliaDie Tür meiner Wohnung schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken, einem endgültigen Geräusch, das die Dichtigkeit der Welt besiegelt. Hier gibt es keinen Lorenzo Conti mehr. Keine strahlende Chiara. Kein Büro, keine Zahlen, keine von Hass erfüllten Blicke. Es gibt nur die Stille. Ei
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia







