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Kapitel 2

Author: Amelie
Gegen neun Uhr abends kamen Maximilian von Falken und seine Tochter nach Hause.

Sophie von Falken klammerte sich an den Saum von Maximilians Jacke und stieg nur zögernd aus dem Auto.

Weil ihre Mutter da war, wollte sie heute Abend eigentlich gar nicht nach Hause.

Aber Tante Elena hatte gesagt, Mama sei extra gekommen, um Zeit mit ihr und Papa zu verbringen. Wenn sie nicht nach Hause kämen, würde Mama traurig sein.

Papa hatte auch gemeint, wenn sie heute Abend nicht zurückkämen, würde Mama morgen bestimmt mit ihnen ans Meer fahren wollen.

Also hatte sie zugestimmt, zurückzukommen.

Trotzdem war sie besorgt und fragte bedrückt: „Papa, was machen wir, wenn Mama morgen darauf besteht, mit uns rauszugehen?“

„Das wird sie nicht.“ Maximilians Ton war bestimmt.

In all den Ehejahren hatte Clara zwar immer nach Gelegenheiten gesucht, mehr Zeit mit ihm zu verbringen.

Aber sie war auch vernünftig genug. Sobald er seine Haltung klargemacht hatte, wagte sie es nicht, ihn zu verärgern.

In Sophies Erinnerung hatte Clara immer auf Maximilian gehört.

Wenn er sagte, es würde nicht passieren, dann würde es auch nicht passieren.

Sophie war endlich beruhigt.

Ihre Stimmung hellte sich auf. Die vorherige Niedergeschlagenheit war verflogen, und sie hüpfte ins Haus, um Frau Müller zu sagen, dass sie baden wollte.

„Ja, ja, natürlich.“ Frau Müller stimmte eilig zu. Sie erinnerte sich an Claras Auftrag und reichte Maximilian den Umschlag: „Herr von Falken, Frau von Valken lässt mich Ihnen den Brief übergeben.“

Maximilian nahm ihn entgegen und fragte beiläufig: „Wo ist sie?“

„Das... Frau hat mittags ihre Sachen gepackt und ist ins Heimatland zurückgeflogen. Wussten Sie das nicht?“

Maximilian hielt auf der Treppe inne und drehte sich um: „Zurückgeflogen?“

„Ja.“

Warum Clara plötzlich nach Alpenstein gekommen war – Maximilian hatte ihr keine Chance gegeben, es zu erklären.

Es interessierte ihn auch nicht.

Als er erfuhr, dass sie abgereist war, schenkte er dem keine weitere Beachtung.

Sophie war ebenfalls überrascht.

Als sie es hörte, verspürte sie eine kleine Enttäuschung.

Sie hatte sich gedacht, wenn Mama morgen nicht mit ihr und Papa ans Meer führe, wäre es eigentlich auch schön, abends mit Mama zusammen zu sein.

Außerdem taten beim Muschelschleifen schnell die Hände weh. Sie hatte gehofft, Mama würde ihr dabei helfen!

Das Ehepaar hatte sich monatelang nicht gesehen. Clara war extra gekommen, hatte aber nicht einmal Maximilians Schatten zu Gesicht bekommen. Als Frau Müller daran dachte, wie schlecht Clara bei ihrer Abreise ausgesehen hatte, konnte sie nicht anders, als zu erwähnen: „Herr von Falken, Frau sah bei ihrer Abreise nicht gut aus, sie schien verärgert zu sein.“

Frau Müller hatte zunächst gedacht, Clara hätte einen dringenden Grund für ihre überstürzte Rückkehr.

Jetzt, da sie erfuhr, dass Maximilian nichts davon wusste, merkte sie, dass etwas nicht stimmte.

Verärgert?

Clara zeigte sich ihm gegenüber immer gutmütig und nachsichtig.

Sie konnte also auch wütend werden?

Das war neu.

Maximilian lachte gleichgültig, antwortete Frau Müller knapp und ging nach oben.

Im Zimmer wollte er gerade Claras Brief öffnen, als Elena Richter anrief. Maximilian nahm das Gespräch an, warf den Umschlag achtlos beiseite und verließ das Zimmer.

Kurz darauf fiel der Umschlag vom Bett auf den Boden.

Maximilian kam in dieser Nacht nicht nach Hause.

Am nächsten Tag fand Frau Müller beim Aufräumen den Umschlag auf dem Boden. Sie erkannte ihn als den, den Clara ihr gestern für Maximilian mitgegeben hatte.

Sie dachte, er hätte ihn bereits gelesen, und legte ihn in den Schrank daneben.

...

Clara kam zu Hause an und ging direkt nach oben, um zu packen.

Nach sechs Jahren hatte sich einiges von ihr im Haus angesammelt.

Aber sie nahm nur ein paar Kleidungsstücke, Alltagsgegenstände und ihre Fachbücher mit.

Nach der Hochzeit hatte Maximilian ihr und ihrer Tochter monatlich Unterhalt überwiesen.

Auf zwei getrennte Karten.

Eine für sie, eine für die Tochter.

Clara zahlte ihre Ausgaben aber gewohnheitsmäßig mit ihrer eigenen Karte.

Die Karte ihrer Tochter hatte sie nie verwendet.

Außerdem liebte sie Maximilian. Jedes Mal beim Einkaufen, wenn sie etwas sah, das zu ihm passte – Kleidung, Schuhe, Manschettenknöpfe, Krawatten – konnte sie nicht widerstehen und kaufte es für ihn.

Was sie selbst betraf: Berufsbedingt hatte sie geringe Alltagsausgaben. Ihr Herz gehörte ganz ihrem Mann und ihrer Tochter, sie wollte ihnen nur das Beste geben. Deshalb hatte sie den Großteil des Unterhalts, den Maximilian ihr gab, für Maximilian und Tochter ausgegeben.

Unter diesen Umständen sollte eigentlich kaum noch Geld auf der Karte sein.

Allerdings hatte ihre Tochter das letzte Jahr hauptsächlich bei Maximilian in Alpenstein gelebt. Die Gelegenheiten, ihnen etwas zu kaufen, waren deutlich weniger geworden.

Jetzt waren noch über drei Millionen Euro auf der Karte.

Für Maximilian war das nichts, für sie aber keine winzige Summe.

Da es ihr zustehendes Geld war, zierte sich Clara nicht und überwies es.

Sie ließ die beiden Karten zurück, nahm ihr Gepäck und ging ohne einen Blick zurück.

Sie besaß eine Wohnung in der Nähe ihrer Arbeitsstelle.

Nicht groß, etwas über hundert Quadratmeter.

Vor vier Jahren hatte sie einem Freund zuliebe gekauft, der von zu Hause weggelaufen war und Verkaufszahlen brauchte. Sie hatte nie darin gewohnt.

Jetzt kam sie ihr gelegen.

Die Wohnung wurde regelmäßig gereinigt, war nicht schmutzig und nach kurzem Putzen bezugsfertig.

Nach einem anstrengenden Tag ging Clara gegen zehn Uhr abends nach dem Waschen ins Schlafzimmer.

„Klingeling, klingeling, klingeling—“

Der schrille Wecker riss Clara aus dem Schlaf.

Abrupt geweckt, war ihr Kopf einen Moment lang leer.

Als sie wieder zum Bewusstsein kam, fiel ihr ein: Es war ein Uhr morgens hier, aber sieben Uhr morgens in Alpenstein, wo Maximilian und ihre Tochter waren.

Maximilian und ihre Tochter frühstückten normalerweise um diese Zeit.

Seit ihre Tochter mit Maximilian nach Alpenstein gegangen war, rief sie ihre Tochter üblicherweise zu dieser Zeit an.

Da sie wegen der Arbeit müde war und früh schlafen ging, hatte sie diesen Wecker gestellt, damit sie die Zeit für das Telefonat mit ihrer Tochter nicht verpasste.

Als ihre Tochter anfangs mit Maximilian nach Alpenstein ging, war sie nicht daran gewöhnt und vermisste sie sehr. Sie wollte ständig mit ihr telefonieren.

Aber je länger sie in Alpenstein war, desto mehr wandelte sich Sophies anfängliche Anhänglichkeit und Sehnsucht am Telefon in Gleichgültigkeit und Ungeduld.

Dieser Wecker war eigentlich schon lange überflüssig.

Aber sie konnte sich nicht davon trennen.

Bei diesem Gedanken lachte Clara bitter.

Nach kurzem Zögern löschte sie den Wecker, schaltete das Handy aus und schlief weiter.

Auf der anderen Seite.

Maximilian und Sophie waren fast fertig mit dem Frühstück.

Maximilian wusste zwar, dass Clara ihre Tochter praktisch jeden Tag um diese Zeit anrief, aber er war nicht immer zu Hause und schenkte dem keine große Aufmerksamkeit.

Dass Clara heute nicht angerufen hatte, bemerkte er, aber es kümmerte ihn nicht. Nach dem Frühstück ging er nach oben zum Umziehen.

Sophie fand Clara immer geschwätziger. Sie hatte immer weniger Lust, mit ihr zu telefonieren.

Als Clara heute so spät noch nicht angerufen hatte, dachte sie, vielleicht hätte sie etwas zu erledigen.

Ihre Augen blitzten verschmitzt. Sie schnappte sich ihre Schultasche und rannte zur Tür.

Frau Müller sah es und eilte hinterher: „Es ist noch früh, du kannst auch später losgehen!“

Sophie hörte nicht zu und rannte fröhlich zum Auto.

Was für ein Glück, dass Mama heute beschäftigt war und nicht pünktlich angerufen hatte.

Wenn sie jetzt nicht ging und Mama gleich anrief, müsste sie wieder mit ihr reden. Das wollte sie auf keinen Fall!

...

Nach der Hochzeit war Clara in den Von Falken Konzern eingetreten.

Sie war damals wegen Maximilian zum Von Falken Konzern gegangen.

Da sie sich nun scheiden lassen wollte, hatte sie keinen Grund mehr, im Von Falken Konzern zu bleiben.

Am nächsten Morgen reichte Clara im Büro ihr Kündigungsschreiben bei Jonas Wagner ein.

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